Dienstag, 18. Juli 2017

Biking & Hiking - 1. Kapitel: Den richtigen Weg findet man nicht mit dem Navi




Nach einem kleinen Frühstück in der Fußgängerzone von Lörrach springe ich auf mein Motorrad und nehme die erste Etappe in Angriff. Etwa 400 Kilometer sind es bis Lyon, wo ich für die erste Nacht ein Hotel reserviert habe. Hier will ich mich erst einmal richtig ausschlafen. Inzwischen ist es 13.00 Uhr. Die Verspätung des Zuges hat mich ziemlich zurück geworfen. Bei bestem Wetter nehme ich die Autobahn durch Frankreich. Sicherlich wäre der Weg durch die Schweiz interessanter gewesen, doch die regionale Streckenmaut ist weniger teuer, als die Jahresplakette in der Schweiz und außerdem habe ich Angst in Tunneln. Und die sind in den Bergen recht häufig zu durchfahren. Komischerweise habe ich diese Panik auch nur mit dem Motorrad. Mit dem Auto fahre ich überall entspannt. Aber wenn ich auf dem tapferen Pony den 3 Kilometer langen Elbtunnel durchqueren soll, falle ich jedes Mal fast in Ohnmacht vor lauter Stress. Also nehme ich die unspektakuläre Autoroute, schlafe am Nachmittag ein Stündchen im Gras und erreiche um 19 Uhr die zweitgrößte Metropole Frankreichs. 

Die Kernstadt Lyon ist mit ihren rund fünfhunderttausend Einwohnern die drittgrößte Stadt des Landes und wirkt ein bisschen wie das deutlich kleinere und mir so gut bekannte Rouen in der Normandie. Die Verkehrsführung am Fluss entlang ist sogar ähnlich, so dass ich mich gut zurecht finde und das Hotel auf Anhieb erreiche. Nach 26 Stunden Reisezeit freue ich mich über ein schönes Zimmer und nehme sofort eine Dusche. Zugegeben - eine besonders Genussvolle. Das moderne Bad hat keine Duschwanne, sondern einen durchgehend gefliesten Boden mit Abfluss. Nach einer Weile merke ich, dass das Wasser nicht richtig abläuft, aber das muss das Bad ja aushalten. Verträumt betrachte ich beim Haarewaschen die weiße Decke, in der sich die Reflexionen der kleinen Wellen abzeichnen, da fällt mein Blick auf die Tür. Hoffentlich ist zumindest am Übergang zum Schlafzimmer eine Kante, denke ich, stelle aber vorsichtshalber den Hahn aus und drücke zögernd die Klinke hinunter. Oh Schreck! Vor mir tut sich auf dem Teppich eine Riesenpfütze auf. Das halbe Zimmer ist geflutet. Ich werfe Handtücher zu Boden, doch die sind so schnell durchnässt, als würde man ein Schwämmchen in das Spülbecken tauchen. Dennoch versuche ich das Gröbste zu beheben, bevor ich mein Malheur an der Rezeption melde. Le Monsieur ist sehr zuvorkommend und entschuldigt sich mehrfach. Leider kann der Klempner erst morgen kommen. Ein anderes Zimmer hat er auch nicht für mich. In seinen kleinen Lederschuhen stakst er pitsch pitsch pitsch durch den Raum und bringt mehr Handtücher. Obwohl ich mich schuldig fühle, nutze ich seine Demut aus und verweise in französischer Manier säuselnd auf den ungemütlichen Zustand des Zimmers. Mit Erfolg. Er kommt mir entgegen und stellt mir den Garagenparkplatz für mein Motorrad kostenfrei zur Verfügung. Hurra! Das gefällt mir. 

Das Malheur...
Die Ersparnis in Wohnkosten setze ich gleich in Essen um. In einer gut gefüllten Brasserie setze ich mich auf die Terrasse und genieße einen großen Salatteller mit Ziegenkäse und ein Glas Weißwein. Langsam entspanne ich mich. Das Büro scheint weit entfernt, was sich auch äußerlich widerspiegelt. Ungeschminkt, mit offenen, noch nassen Haaren sitze ich in einem Restaurant in der Hauptstadt der Gourmet-Küche. Zu meinem schwarzen Shirt trage ich einen bunt gemusterten, bodenlangen Hippie-Rock in den Farben rosa, lila und blau. Meine ausgetretenen Birkenstock Flipflops sollen noch diesen Sommer durchhalten und dann ersetzt werden. Sie werden einen weiten Weg haben, er soll hier beginnen. Desinteressiert blättere ich in meinem Reiseführer. Ich habe keine Lust, etwas zu planen. Keine Lust, mich von irgendeinem Verlag zu den Highlights der Region lenken zu lassen. Ich vertraue meinem Gefühl. Und dem Weg. 

Nachdem ich in der Nacht komatös geschlafen habe, frühstücke ich im Hotel, packe meinen Krimskrams und bepacke mein Motorrad. Dieses lasse ich am Hotel zurück und mache mich zu einem Bummel durch die kleinen Gassen der Lyoner Altstadt auf. Inzwischen kenne ich Frankreich so gut, dass mich weder das Flair noch die Bauten besonders fesseln. Es ist hübsch, aber es berührt mich wenig. Zu meinem Eindruck vom Vortag gesellt sich noch ein Hauch Paris – nur dass die Dächer hier rot sind und in Paris grau. Nach dem Besuch der Basilique Notre-Dame de Fourvière schlendere ich über einen Wochenmarkt. Die Stände mit regionalen Köstlichkeiten faszinieren mich dagegen sehr. Am liebsten würde ich von jedem Marktstand eine Kostprobe mitnehmen. Doch die Sonne brennt und der Käse würde in meinen Packtaschen zerfließen. Ich traue mich bei der Hitze nicht einmal an die verführerischen Austern, die man zu einem Glas Wein snacken könnte. Ich beschließe, noch einmal in diese Stadt zu kommen und mich dann durch die guten Kneipen zu fressen, die die berühmten Köche hier betreiben. Ich liebe tolles Essen und genieße ein Menü wie ein wunderbares Konzert – es soll einfach nicht aufhören! Doch heute will ich noch weiter und daher kehre ich zum Hotel zurück. 

Impressionen aus Lyon




















Langsam mache ich mich reisefertig und suche mir auf Google Maps eine Route ohne Autobahn aus. Ab jetzt will ich langsam wandern. Meine heutige Fahrt soll mich nach Florac bringen. Hier bin ich mit einem Bekannten verabredet, der mit seinem Camper in der Gegend ist. Ich wähle zunächst kleine Landstraßen und trabe an Weinbergen vorbei durch die Landschaft. Da ich erst um 15 Uhr aufgebrochen bin, liegt mir die Zeit ein wenig im Nacken und ich kürze auf der Route National ab. Sofort bin ich genervt von dem Druck, den ich mir mit dieser Verabredung selbst gemacht habe. So komme ich nicht an mein Ziel. Grummelig scheuche ich das tapfere, schwer beladene Pony über die Piste und halte auf halber Strecke Ausschau nach einem Platz zum Rasten. Als wäre ich von einer unsichtbaren Hand gezogen, erreiche ich unvermutet einen besonderen Ort. Die Kirche Saint Michel d'Aiguilhe in Le Puy en Velay. Hoch über der Stadt steht sie auf einem Felsen, genauer gesagt auf einem Vulkanschlot aus prähistorischer Zeit. Ich stelle mein Bike im Schatten ab und steige zum Eingang hinauf. 3,50 Euro zahle ich für die Besichtigung. Dann muss ich noch einmal viele Stufen nehmen, bis ich das kleine Gotteshaus in 82 Metern Höhe betreten kann. Mir fällt auf, dass es nicht diesen typisch muffigen Geruch hat, wie andere Kirchen die nach altem Holz und brennenden Kerzen riechen. Alles hier ist klein und diskret. Auch der Altar wirkt zurückhaltend. 

Plötzlich steht Eve vor mir. Ihr Namensschild verrät zudem, dass sie Praktikantin ist. „Woher kommen Sie?“ fragt das zauberhafte Wesen. Ich antworte. Dann setzt sie die Unterhaltung in sehr gutem Deutsch fort. Daran, dass sie die Grammatik gut einsetzt und sich bei Bedarf sogar selbst korrigiert, erkenne ich, dass Sie die Sprache professionell lernt. Sie fragt, ob sie mir etwas über die Kirche erzählen soll und ich stimme neugierig zu. Ihr Gesicht leuchtet auf und sie bietet mir an, mich auf einer niedrigen Bank niederzulassen. Das tue ich gern. Eve hat schwarze kinnlange Locken und vornehm blasse Haut. Ihre dunklen Augen strahlen mit der großen MAGlight um die Wette, während sie mir die Geschichte dieses Ortes erzählt und dabei den Lichtstrahl auf die Teile des Gebäudes wirft, über den sie referiert. In ihrer kurzen Hose und dem weißen Tanktop wirkt sie wie die Lara Croft der Religionshistoriker. Der Felsen ist aus vulkanischem Gestein und vor Millionen Jahren entstanden, als die Gegend noch komplett unter Wasser war und bei einem Seebeben die Lava hochkochte. Im Jahre 969 hatte sich plötzlich jemand überlegt, dass man auf dem Felsen eine Kirche für den Heiligen Michael erbauen sollte. Die Lage sei optimal, weil sie dem Himmel so nah ist, was dem Erzengel gerecht würde. Zudem wurde der nördliche der beiden bestehenden Felsen gewählt, da das Böse aus dem Norden kommt und Michael das Böse bekämpft. Die Erbauer schlugen Steine von der Spitze des Felsens und errichteten hieraus die Mauern. Bis ins 13. Jahrhundert wurde die Kirche erweitert und mit Fresken versehen. Noch heute wird jeden Donnerstag Abend ein Gottesdienst abgehalten. Auch Hochzeiten und Taufen werden hier gefeiert. Ich stelle immer neue Fragen und als mir keine mehr einfallen, fängt Eve an, mir Fragen zu stellen. Was wären meiner Meinung nach die größten Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen? Ich lache und antworte wie immer: Die Franzosen geben ihr Geld für Genuss aus. Sie lieben Feste und Freizeit und leben diese in vollen Zügen. Wir Deutschen lieben ein schönes Zuhause und gute Autos und pflegen den materiellen Wohlstand. Dafür arbeiten wir, oder nehmen Kredite auf. Oder beides. Eve sagt, dass auch sie deutsche Autos mag. Eines Tages will sie sich einen BMW kaufen. Sie sagt sogar Be Em We und nicht Bö Öm Doublewe, wie alle anderen Franzosen, die ich kenne. Ich lache. Sie ist wirklich entzückend. Ich lerne, dass die Kirche eine Station der Pilger zum Mont Saint Michel in der Normandie ist. Zudem kommen auch immer mehr Pilger zu Ehren des Saint Jacques de Compostelle hier vorbei. Meine innere Anspannung legt sich etwas. Hier bin ich richtig. 

Letzten Sommer war ich auf einer kleinen Tour im Weserbergland im Kloster Bursfelde eingekehrt. Ich war mit drei Männern unterwegs. Damals waren es Asphalt-Kumpels. Heute sind es Freunde. Wir begleiten einander nicht nur auf der Straße. Die Pilgerherberge der Abtei hatte damals unsere Gedanken und Gespräche gelenkt. Mich hatte sie noch weiter inspiriert. Ich las einige Bücher und nahm mir vor, den Sommer 2017 in Spanien zu verbringen und mit meinem Motorrad soweit möglich dem Jakobsweg zu folgen. Auf dieser Reise hätte ich gute 6000 Kilometer in 3 Wochen fahren wollen. Im Laufe des Winters ergaben sich weitere Gedanken und Einflüsse und so frug ich mich, ob dieser Weg denn der Meine sei, oder ob die vorhandene Struktur des berühmten Pilgerwegs mir lediglich Sicherheit auf einer unbekannten Suche geben würde. Eigentlich suchte ich nach Menschen und deren Beweggründe. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass ich nur diese Begegnungen nutzen würde, um am Ende doch über mich selbst nachzudenken. Bin ich überhaupt auf einem christlichen Weg an der richtigen Stelle? So brach ich letztlich nach Frankreich auf. Ein Land, das mir so vertraut ist und das mir in den alltäglichen Themen Sicherheit gibt. Ein Land in dem ich mich treiben lassen kann, ohne mich an eine vorgegebene Struktur halten zu müssen. Sicherlich werde ich meinem Ziel so viel näher kommen, als in der touristischen Umgebung des berühmten Camino. 

Lächelnd gehe ich die Stufen hinab und als ich das Kassenhäuschen erreiche, bemerke ich, dass sich darin auch ein kleiner Souvenirladen verbirgt. Spontan wähle ich für mich einen Pilgerstab aus Kastanienholz. Er ist von rötlicher Farbe und fühlt sich weich an. Am oberen Ende ist eine Jakobsmuschel eingebrannt und der Name der Stadt Le Puy en Velay. Ich fühle, dass dies mehr als ein schönes Souvenir ist. Spontan wähle ich noch einen zweiten Stock, der meinem ähnelt, aber dicker ist. Erst als ich beim Motorrad ankomme, mache ich mir Gedanken über den Transport. Schließlich schaffe ich es, die beiden neuen Reisebegleiter mit Kabelbindern auf Sturzbügel und Sozius-Fußraste zu befestigen. Ein Pferd könnte so nicht mehr laufen. Aber mein tapferes Pony muss sich in der Kurve ja nicht biegen. Schnell gewöhne ich mich daran, dass mein linkes Bein auf dem Holz anliegt und später wird es sich sogar leer anfühlen, wenn die Wanderstöcke nicht an Bord sind. Etwas leichter im Herzen setze ich meine Fahrt auf der Route National fort und denke an Eve. Glück ist, wenn man Dinge tut, mit denen man sich identifiziert. Wenn man Träume hat, deren Erreichung nicht unmöglich erscheint. Ich bin mir sicher, dass die junge Französin eines Tages ihren BMW kaufen wird.
Saint-Michel-d'Aiguilhe

Der Schwesternfelsen mit der
Statue Notre-Dame de la France



Der Eingang mit iberisch-arabischem Einfluss


Der Eingang innen - und Eve


Mein neuer Begleiter - Haltgeber und Beschützer
Auf dem Jakobsweg
Gegen halb acht komme ich auf dem vereinbarten Campingplatz an. Zum Abendessen gibt es Salat und Wein. Und lange Gespräche.



Kommentare:

  1. Sehr tolle Bilder und faszinierende Orte! (Und das mit dem Hotelzimmer... nun, fast jeder hat schon mal eins geflutet, glaub mir)

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    1. Oh, schon am zweiten Tag sagst Du das! Mal sehen, was wir noch erleben... :-)

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  2. Ich mag deine bittersüße, leicht melancholische Art zu schreiben. Was macht das Reisen nur mit uns, denn das klingt so vertraut?
    Deine Fotos gefallen mir so gut, besonders die aus den engen Gassen der Stadt. Du hast den Mut zum Hochformat, der fehlt mir meistens. Wirklich klasse Motive und gute Bilder.
    Frankreich ist ein herrliches Motorrad-Urlaubs-Erlebnis-Land, aber jetzt muss einmal wieder etwas Neues her, nur um irgendwann in das vertraute, schöne Urlaubsland zurückzukehren.
    Gute Reise, wir sehen uns in Concarneau!

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  3. Ich BIN bittersüß melancholisch ;-)
    In Concarnneau werden wir bei einem Petit Café über unsere Art zu Reisen nachdenken...

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