Sonntag, 28. Januar 2018

Biking & Hiking - 9. Kapitel: Der Ausklang

Zeit, Abschied zu nehmen
Ich lasse die Reise beim Wikinger gemütlich ausklingen. Natürlich kann ich nicht in der Normandie gewesen sein, ohne meinen Lieblingsfelsen in Étretat zu besuchen und so fahre ich noch einmal die schnellen 30 km ans Meer. Von allem Gepäck befreit trabt das tapfere Pony munter voran und ich nähre mich an der warmen Sonne. Früher konnte ich Hitze eher nicht so gut vertragen, aber inzwischen gehe ich im Sonnenbad auf wie ein Reptil nach der Winterstarre. Vielleicht liegt es am Alter und mit knapp über 40 fängt das arthritische Skelett an zu mosern, wenn im diesigen Hamburger Schmuddelwetter die Temperaturen fallen. Heute fühle ich mich jedoch pudelwohl und nach Ausübung meines üblichen Parkplatzrituals erklimme ich in leichter Klamotte den Wanderweg um auf dem Plateau mein Picknick einzunehmen. Eine freche Möwe bettelt aggressiv, doch als alte Hamburgerin weiß ich, wie ich mein Fischbrötchen zu verteidigen habe und halte mir das Vieh vom Leib. Nicht ohne dem Poser noch ein paar Fotos abzujagen.


Eine lange Wanderung soll die letzte für diese Reise sein und ich genieße sie oberhalb des Meeres in vollen Zügen. Zurück im Dorf kaufe ich mir noch einige Leckereien beim Bäcker und als ich an der Promenade genüsslich in mein Beignet beiße, flattert es um meinen Kopf herum und schon bin ich das Schmalzgebäck los. Nun haben die Biester mich doch noch überlistet! Ich beobachte einen der großen Vögel, wie er auf der Mauer eines Restaurants auf und ab geht und nach Pommes Frites giert, die die Gäste ihm durch die Glaswand zustecken. Irgendwie beschämend. Fett- und zuckersüchtige Opfer menschlicher Dummheit. Wie die Kojoten in Kalifornien, die an der Straße abhängen und warten, dass die Nationalparkbesucher ihnen Reste ihres Big Mac Menüs zuwerfen. Dabei ist ein schöner Hering doch so lecker!
Fisch des Tages

Langsam kehre ich nach Hause zurück und verbringe einen letzten Abend mit meinen Freunden. Um 7 Uhr morgens winke ich Au Revoir und mache mich auf die lange Fahrt über Belgien nach Hannoversch Münden im Weserbergland. Die Fahrt ist unspektakulär, meist sonnig und vor allem lang. Nach 830 Kilometern auf der Autobahn falle ich am Abend in ein wundervolles Hotelbett und schlafe wie ein Stein. Als ich zum Frühstück in das benachbarte Café gehe, sehe ich, dass hier eine alte Kirche umgebaut wurde. In dem Gotteshaus herrscht eine liebevolle Gemütlichkeit und ein lebhaftes Treiben. Ich trinke einen Kaffee nach dem anderen bis ich mich um 12 Uhr auf mein tapferes Pony schwinge und zum Kloster Bursfelde fahre. Hier ist vor einem Jahr die Pilgeridee geboren worden und hier werde ich heute nach meiner kleinen Schnupperpilgerfahrt ankommen. Während ich in der Kirche auf meinen Pilgergefährten warte, ziehe ich Fazit. 

Da ich mich nicht zum christlichen Glauben hingezogen fühle, waren mir die strengen Pilger mit ihrem Auftrag Buße zu tun immer suspekt. Ich sehe nicht ein, dass wir leiden sollen, damit wir belohnt werden. In meiner Welt sollte der belohnt werden, der auf sich und sein Glück Acht gibt und auch anderen Menschen Fürsorge und Glück schenkt. Schmerz kann uns eine Lehre sein, darf aber nicht zur Bedingung werden. Leid kann uns widerfahren, hat aber den gleichen Wert wie Freude – nämlich als etwas, das uns antreibt, unser Dasein zu gestalten. 

Auf dieser kleinen Reise, auf der ich dann und wann den Jakobsweg kreuzte, an magischen Plätzen verweilte und mit Gleichgesinnten Momente und Stunden verbrachte, verstand ich, dass auch ich ein Pilger bin. Vielleicht nicht im katholischen Sinne, doch im Geiste. Denn ich bin offen für Menschen, für Religionen und Spiritualität, für das Alleinsein und für Geselligkeit. Ich bin offen für mich selbst, dafür, mich mir selbst zu stellen und mich selbst auszuhalten, mir selbst genug zu sein. 

Als ich das metallische Klicken eines Wanderstockes auf dem Kirchenboten vernehme, schließt sich der Kreis. Auch Dauergefährte O. mit dem ich vor einem Jahr hier im Geiste losmarschiert bin, findet sich an unserem Ort ein. Er ist mit dem Motorrad von zu Hause gekommen, um mich abzuholen. Das tut er tatsächlich – vor allem emotional. Wir sind halt Gefährten. Auch wenn einer fehlt. Am Ende trifft man sich auf dem gemeinsamen Weg.


Kommentare:

  1. Und wieder bestätigt sich, dass sich "Probleme" von allein lösen, wenn man ein wenig abwartet. Na ja, mit "Problem" meine ich jetzt meinen Zwiespalt, unter den Beitrag des 8. Kapitels meterlang meine religiöse Einstellung darzulegen, oder eben darauf zu verzichten. Heute kann ich schreiben, dass ich dir in ganz großen Teilen zustimme, was du über den christlichen Glauben schreibst *zustimmend und dankbar lächele* :-)
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    Schön, dass man (frau) am Ende eines Weges immer wieder mit geöffneten Armen empfangen wird, nicht wahr? So ist auch das Ende einer Reise ein schöner und warmer Moment.
    Vielen Dank für die Berichte zu dieser Reise! Ich erkenne (auch aus Svenjas Worten), dass ich Frankreich unbedingt (ganz unbedingt) besuchen muss. Auch wenn du das Land noch einmal anders erlebst, da du die Sprache beherrschst.
    Das macht meine Must-See-Liste nicht wirklich kürzer *lach*
    VLG aus dem Pott
    Volker

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    1. Stimmt, Volker! Früher habe ich auch immer das Bedürfnis gehabt, die Gedanken sofort nieder zu schreiben, dabei waren sie manchmal noch nicht reif dafür. Es fehlte noch an einem letzten Moment der Inspiration, um das auf den Punkt zu bringen, was man tatsächlich ausdrücken möchte. Heutzutage weiß ich, dass man einfach nur Geduld und Vertrauen haben muss und alles fügt sich. Am Ende ist die Erkenntnis oftmals wichtiger, als das "Sofort".
      Liebe Grüße an Dich!

      PS: Meine kleine Geschichte ist noch nicht ganz zu Ende... ;-)

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    2. Dann lass gehen ... ääähh... ich meine, darauf freue ich mich sehr! Bin halt nur "etwas" ungeduldig ;-)
      Viele Grüße
      Volker

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  2. Mit dem Glauben ist das so eine Sache. Man kann auf ganz vielen Wegen gläubig, oder fromm sein. Es kommt dabei gar nicht auf eine „Vereinsmitgliedschaft“ an, sondern auf das, was man dabei empfindet und daraus macht. Dann ist es auf einmal völlig wumpe, wie man das nennt. Das Herz und die Seele sind, worum es geht, was zählt.
    Vielen Dank für Deinen Bericht!

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