Sonntag, 21. Januar 2018

Biking & Hiking - 8. Kapitel: Merlin-Tourismus

In meiner frühen Jugend entdeckte ich Jim Morrison als meinen allzu vergötterten Held. Am Ende des Tages hat er mich tatsächlich sehr auf meinem Lebensweg geprägt, denn er veranlasste mich zu einer Beschäftigung mit Schamanismus und Keltentum, die ich so vertiefte, dass mein Glaube sich daraus formte. Eines Tages sollte der Schamanismus mir einmal sehr hilfreich sein. Sehr. Als ich jedenfalls mit 17 Jahren das erste Mal mit meiner Freundin nach Paris flog, stand neben dem üblichen Sightseeing auch ein Besuch an Morrisons Grab auf dem Programm. Ernüchtert stellte ich fest, dass die von angeblichen Fans verwüstete Ruhestätte mir so gar nichts gab. Die Nähe, die ich zu dem hochgewachsenen Lederhosenträger in der Auseinandersetzung mit Büchern, Songs und Religion spürte, war an diesem Ort gleich Null. 

Abreise aus L'Orient
Als ich am Morgen meine Taschen packe und das Hotel f1 in L’Orient verlasse, liegt diese Erfahrung noch tief in den hinteren Sphären meines Gedächtnisses. Später wird mir wahrlich ein Licht aufgehen. Voller Neugier und Tatendrang rolle nun erst einmal ich in Richtung La Foret de Brocéliande. Ein sagenumwobener Wald in der Bretagne, in dem sich allerlei Orte befinden, die etwas mit Merlin, Morgane und Viviane zu tun haben. Merlins Grab, der Feenspiegel und das Tal ohne Wiederkehr sind nur einige der keltischen Plätze, die ich besuchen möchte.

Der Wikinger hatte mir den Tipp gegeben, in das Dorf Paimpont zu fahren, das der Ausgangspunkt für meine Tageswanderung sein soll. Dorthin fahre ich über lange schnurgerade Straßen durch dichte Wälder. Es duftet nach Laub und Nadeln und ich freue mich auf eine Wanderung auf Moos und unter Bäumen. Ich erreiche das Dorf gegen 10 Uhr und vollziehe das immer gleiche Ritual. Motorrad-Klamotten aus, kurze Hose an. Alles Überflüssige in die Packtaschen, Taschen wieder festschnallen und am Motorrad anschließen. Es dauert immer eine Weile bis ich startklar bin. Endlich öffne ich die Tür zur Tourist-Information und lasse mir einen Übersichtsplan geben. Dabei erklärt mir ein Guide, dass all die sehenswerten Orte ca 15 Kilometer auseinander liegen und es sich empfiehlt, mit dem Auto die jeweiligen Parkplätze anzufahren und von dort aus kürzere Strecken zu wandern. Ich bin entsetzt. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Er meint, ich könnte mit dem Wanderweg um den See herum beginnen. Der würde ungefähr 2 Stunden dauern und man hätte eine tolle Aussicht auf Wasser und Kloster. Ich beschließe, damit zu beginnen und mir während des Spaziergangs einen Plan zu überlegen. Kurz bin ich versucht, das An- und Ausgeplünne sein zu lassen und einfach in kurzer Jeans zur nächsten Sehenswürdigkeit zu fahren. Doch ich habe zu viel Angst, dass ich ausgerechnet dann einem Hasen ausweichen muss, mit der ABS-losen PJV ins Schleudern gerade und mir die Haut auf dem Asphalt aufreiße. Ich könnte auch in Lederhose wandern. Doch das macht mit Protektoren in den Knien nur für kurze Wege Spaß, nicht aber mehrere Kilometer. In Gedanken laufe ich einen Parkweg entlang und komme dann im Wald auf einen Holzsteg, der den Besucher trockenen Fußes über sumpfige Stellen bringen soll. Ab und zu sehe ich Metallskulpturen am Wegesrand oder Holztafeln mit Psychosprüchen auf Französisch. Mehr und mehr empfinde ich die Szenerie als Inszenierung. Bereits nach einer guten Stunde erreiche ich wieder die Dorfstraße und trete in einen der Souvenirläden ein, der haufenweise Elfenfiguren, Keltenschmuck, Räucherstäbchen und Tarotkarten feilbietet. Voller Vorsicht stelle ich meinen Rucksack neben der Kasse ab und trotzdem passiert es mir, dass ich mit meinem Wanderstock eine Kiste Edelsteine aus dem Regal schubste. Als ich mich umdrehe, um das Malheur zu beheben, bleibt mein Gefährte erneut im Regal hängen und reißt eine Art Elbenwams mit langer Kapuze zu Boden. Je suis désolé murmele ich und ergreife die Flucht aus dem Souvenirladen, der in dieser Art überall auf der Welt zu finden ist. Ich finde mein Motorrad unbeschadet inmitten einer tobenden Schulklasse. Mein Gefühl zu diesem Ort ist Nichts. Nun bin ich so weit gepilgert und in dem Wald, der einige heilige Stätten beherbergt, empfinde ich nichts. Nicht einmal mehr die Lust, 15 Kilometer zu fahren, um Merlins Grab zu sehen. Ich erinnere mich an Herrn Morrison. Liebe und Glaube hat nichts mit körperlicher Nähe zu tun. Sondern damit, dass man sich entscheidet zu lieben, zu ehren zu respektieren. Egal wo der Geliebte ist und was er tut. Egal ob er die Liebe erwidert oder nicht. Liebe ist bedingungslos. So empfinde ich es auch mit dem Glauben. Es braucht keine Kultstätten, keine touristisch aufgemotzten Schauplätze, keinen Trampelpfad, kein Leid und keine Feier. Er kann durch all das symbolisiert werden, doch dies entspringt der Neigung des Menschen, dass er sich an etwas visuellem besser festhalten kann, als an einer Idee, die keine Aufzeichnung fand. Doch mein eigener Glaube, der sich im Laufe meines Lebens gebildet und gefestigt hat, braucht all das nicht. Nicht einmal eine Definition oder Niederschrift. Nichts als das Vertrauen zu mir selbst. Das Vertrauen, dass ich alles schaffen kann. Dass es für alles Lösungen gibt und diese Lösungen allein in mir stecken. Dass das Glück allein in mir steckt und von niemandem abhängt als von mir selbst und von dem, was ich daraus mache.

In Paimpont


Merlin-Tourismus
Komfortable Wanderwege






























Auf dieser Reise habe ich viele Menschen getroffen. Nur einige habe ich in den letzten Kapiteln porträtiert. Inspirierende Gespräche und stille Beobachtungen zeigten eine Gemeinsamkeit: Die Menschen empfanden immer dann das größte Glück, wenn sie so lebten, wie sie es sich wünschten. Ohne ein "Das muss man doch so oder so machen!". Ohne die Frage:"Was sollen die Leute denken?" Ohne ein:"Das kann ich mir nicht erlauben!, Das geht nicht so einfach! 

Der Künstler und die Bretonin haben in ihrem Leben einfach einen Neuanfang gewagt. „Geht nicht gibt’s nicht!“ auch das ist Glaube und Vertrauen und führt zum Glück. Eve und der junge Mann im Info-Center bei der Dune du Pilat sind noch am Anfang ihres Weges. Sie hatten schon jetzt die Chance, Dinge zu tun, die sie lieben. Sie haben Träume, die erfüllbar sind. Damit sind sie ihrem Glück ganz nahe.

Jérôme hatte sein Glück eigentlich längst gefunden. Aber er zweifelte und machte sich allein auf den Weg und die Suche. Auch ich ließ ihn allein zurück. Am Ende führte ihn dies wieder zurück nach Hause, wo er mit neuer Kraft und neuem Glück durchstartete. Kirsten und Jimmy ziehen durch die Welt und folgen ihrem Glück mit der Sonne. Wo auch immer die scheint, ist auch der alte Pferdetransporter nicht weit - und die warmen leuchtenden Augen der beiden Vagabunden. 

Während ich in einer schönen Crêperie eine fantastische Galette mit Lachs esse, schreibe ich an meinen Wikinger, der oben in der Normandie auf mich wartet. Ob ich 3 Tage früher kommen könnte. Es sei Zeit, meine Freunde aufzusuchen. Aber natürlich. Ich sei immer Willkommen.

Galette au saumon











Die verfressene Fee
Die rund 330 Kilometer lege ich in gut 5 Stunden zurück und komme um halb neun Uhr am Abend in Saint Vincent-Cramesnil in meinem französischen Zuhause an. Der Wikinger hat schon Salat vorbereitet und die Kohle im Grill aufgeschichtet. Kurz nach mir erscheint unsere Freundin Marine. Nach den nachdenklichen Tagen auf meiner kleinen Pilgerfahrt genieße ich die lebhaften Gespräche bis tief in die Nacht. Es geht um Motorräder, Trump, Merkel und Europa. Um Tiere und Kinder und gemeinsame Erlebnisse. Am nächsten Tag putze ich mein tapferes Pony und schreibe Tagebuch im Garten. Bei meinen Freunden sammle ich Kraft für die nächsten Abenteuer.
Wellness für alle....


Reisebericht unter neugierigen Blicken


Beim Wikinger.....


Kommentare:

  1. Ach wie schön, dass es weitergeht! Ich habe grad die Tage viel an Dich gedacht.
    Dass Gräber und Gedenkstätten eine komische Kälte und Leere verströmen, das habe ich auch schon so erlebt. Sie sind häufig auch viel banaler, als man es sich gewünscht hatte.
    Man kommt da hin und hofft, irgendetwas muss jetzt passieren - und dann ist einfach nichts.
    Vielen Dank für Deinen schönen Bericht!

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  2. Ich habe bereits gestern mehrfach mit ellenlangen Texten angesetzt, aber später dachte ich dann doch, dass viele dieser Gedanken besser in echten Worten gesagt werden könnten- allein wegen der Menge *kicher*
    Also, ich freue mich sehr, dass du dich durchringen konntest, auch über schwere Tage zu schreiben. Ich meine nämlich, deine Gedanken dieses Tages erfassen zu können, zumindest ansatzweise.
    Ich habe den Text inhaliert, werde ihn aber in aller Ruhe noch einmal lesen.
    Vielen Dank, dass du mich virtuell auf deinem Soziussitz durch Frankreich mitnimmst!

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  3. Hallo Polly,
    immer wieder schön, Deine Urlaubsberichte zu lesen. Sie haben nur einen grossen Nachteil, man kriegt Fernweh. ��
    Die Cevennen haben uns so gut gefallen,waren im Herbst noch einmal unten.
    Viele liebe Grüsse von den Vagabunden mit dem Pferdehänger,
    Kirsten und Jimmy

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    1. Ihr Lieben, wie schön, von Euch zu lesen! Alles Gute und Grüße aus Hamburg! :-)

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