Sonntag, 23. Juli 2017

Biking & Hiking - 3. Kapitel: Unter Geiern (mit Kirsten und Jimmy)

Kehre um Kehre dem Himmel entgegen
Ich breche nach einem kleinen Frühstück am Campingplatz auf. Ein paar Tage später werde ich von Jérôme hören, wie sehr er seine freie Zeit genossen hat und dann voller Energie zu Job und Familie zurückgekehrt ist. Das freut mich total. Jetzt aber habe ich erst einmal 178 Kilometer zu fahren und mir dazu die kleinsten Straßen ausgesucht, die die Landkarte hergibt. Zunächst einmal geht es den Canyon hinauf, den wir gestern schon erwandert haben. Die Spitzkehren nehme ich im zweiten Gang, manchmal muss ich in den ersten Gang schalten, damit mein kleiner Motor das Gewicht bergauf wieder ins Rollen bringt. Es macht riesig Spaß, nach den beiden Tagen auf der Autoroute einmal wieder aktiv mit dem Motorrad zu arbeiten. Langsam gewöhne ich mich auch an das schwere Gepäck. Nach der Reise werde ich wissen, dass ich einiges hätte zu Hause lassen können, aber das ist mir jetzt noch nicht klar. Auf dem Plateau ändert sich das Landschaftsbild. Während der Fels bewaldet ist, werden die Flächen hier oben überwiegend landwirtschaftlich genutzt. In der Sommersonne leuchten die goldgelben Felder und Gräser in zahlreichen Nuancen. Kurz vor den Ferien scheinen die Kommunen noch einmal die Straßen zu sanieren. „Für Ihre Sicherheit nehmen wir Reparaturarbeiten vor.“ prangt auf einem großen Schild. Die machen das mit Rollsplitt. Ich fahre 2 Stunden bei Tempo 40 km/h auf dem Teufelszeug. Die zahlreichen Warnschilder sind nicht ohne Berechtigung. Das lautstarke Geklimper und Geklacker unter meinem Bike bestätigt, dass die Gravillions erst frisch geschüttet wurden. Ich bin konzentriert und trotzdem fröhlich. Nur zwei oder drei Autos überholen mich. Ansonsten ist kaum eine Seele zu sehen. Bald bessert sich die Lage und ich trabe schneller voran. Die Sonne brennt und ich genieße den schönen Ausritt. Plötzlich macht mein Handy schlapp. An meinem Lenker habe ich eine wasserfeste Tasche, in die ich zur Navigation mein Téléphone Portable einstecke. Scheinbar wird das Gerät bei warmem Wetter darin so heiß, dass es den Betrieb einstellt. Also muss es in der luftigen Jackentasche erst einmal abkühlen. Ich krame mein Firmenhandy hervor und merke mir die wichtigsten Abzweigungen auf konventionelle Weise: Im Kopf. 

Bald erreiche ich erneut das Tal des Flusses Tarn. In starken Wendungen geht es den Canyon wieder hinab. Unzählige Schmetterlinge fliegen hier. Pock, pock, pock macht es gegen meinen Helm. Ich ziehe den Kopf ein vor lauter Schmerz, denn es tut mir viel mehr leid, die bunten Feen zu treffen als einen Schwarm lästiger Mücken. Obwohl ja eigentlich jedes Tier gleichen Respekt verdient. Aber die Mücken... naja. Leider sind die meisten Parkbuchten aus Schotter angelegt und ich mag meinen Cruiser da nicht parken. Letztes Jahr habe ich das gute Stück bei einem etwas ungeschickten Start auf Geröll umgekippt und das wäre mit dem Hausstand, den ich heute mitschleppe, etwas mühsam. Schließlich überzeugt dann doch ein hübsches Plätzchen. Ich halte in einer Kurve und krame meine Kamera hervor. Während ich ein paar Fotos mache, kommen zwei Motorradfahrer auf Straßenmaschinen vorbei. Wir grüßen uns und ich sehe, dass es Deutsche sind. Das Kennzeichen ist mir unbekannt. Gleich müssten sie durch die Kurve kommen, die ich voll ins Visier nehme. Ich warte schussbereit. Doch plötzlich höre ich keine Motorengeräusche mehr. Mist, die müssen zum Pinkeln irgendwo angehalten haben. Ich steige also wieder auf‘s Bike und rolle einige Hundert Meter an der Kante entlang als ich die beiden Biker in der nächsten Kehre entdecke. Ich halte an. „Hallo, wo kommt Ihr denn her?“ grüße ich. „Aus dem Schwarzwald!“ antworten die beiden und strahlen mich an. Das ist ein nettes Paar, denke ich. Zwei lebensfrohe Zeitgenossen mit lustigen Augen. Kurze zerzauste Haare, rote, erhitze Gesichter. Beide nicht sehr groß und rundlich. Genießer, das ist sympathisch. Die beiden sehen sich ähnlich, wie Hund und Herrchen einander ähneln, je länger sie zusammen sind. Ich nehme meinen Helm ab und die Dame beguckt mein tapferes Pony. „Moment Mal“, sagt sie, „aus Hamburg, mit einer VN900. Bist du etwa Polly?“ „Ja, das bin ich!“ rufe ich lachend und umarme sie vor Freude. Er schaut uns neugierig zu. „Das ist Polly, deren Blog lese ich immer.“ klärt sie ihren Mann auf. Sie stellen sich als Kirsten und Jimmy vor. „Als ich dich da eben stehen sah dachte ich, dein Mann wäre kurz im Gebüsch, während du ein paar Fotos schießt. Aber klar, Polly reist allein. Und da passt ja auch kein Zweiter mehr drauf.“ Sie betrachtet den Berg auf meinem Rücksitz und entdeckt die Pilgerstäbe. Jaja, so sähe man, dass ich eine Reisende sei. Ich erkläre, warum es zwei Stück sind und Kirsten nickt verständnisvoll. Ich habe das Gefühl, sie kennt mich besser als manch anderer Mensch in meinem direkten Umfeld. Wir klönen über Motorräder, Frankreich und Dies und Das. Auch die beiden sind Reisende. Haben sich einen Pferdetransporter zum Wohnmobil umgebaut und nehmen die Motorräder einfach mit. Sie folgen der Sonne, wohin auch immer die sie führt. Echte Gefährten. Ich schließe die beiden in mein Herz. Plötzlich deutet Jimmy auf die gegenüberliegende Felskante:"Schaut mal, da oben Kreisen die Geier." "Ja, 2, nein 3, oh es sind ganz viele!!" Schweigend und verzaubert schauen wir in den Himmel und beobachten die großen Vögel, die seit einigen Jahren in den Cevennen wieder angesiedelt wurden. Nachdem in den 40er Jahren die Ausrottung vollendet war, werden im Biosphärenreservat inzwischen Schmutz-, Gänse- und Mönchsgeier geschützt. Um den Erhalt und die Fortpflanzung zu unterstützen, organisieren die Franzosen eine Bewachung der Nester und die Zugabe von Futter. Leider können die Tiere hier zur Zeit (noch) nicht selbständig überleben, da die Tierherden in der Region längst nicht mehr so groß sind, wie vorher und entsprechend wenig Kadaver zur Verfügung stehen. Ich denke an die zahlreichen Dachse, Kaninchen und anderes Wild, das dem Straßenverkehr zum Opfer fällt. Da kommt schon etwas Fleisch zusammen. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass die großen Geier sich nicht so nah an die Straßen begeben. Krähen sind da entspannter. Die hocken sich auf einen Zaun und warten, bis ein Auto kommt. Anschließend sammeln sie die Nahrung einfach vom Asphalt.  Als Jimmy erwähnt, dass auch sie eigentlich zu einem Picknick angehalten haben, spüre ich, dass ich Hunger habe. Es wird Zeit, irgendwo Futter für mich und mein tapferes Pony zu besorgen. Wir verabschieden uns und Jimmy schiebt sogar noch ein Motorrad beiseite, damit ich bequemer auf die befestigte Piste holpern kann. Vielen Dank! Ich schlängele mich die Straße herab. Es fühlt sich an wie damals im Yosemite Nationalpark in Nordkalifornien. Wald, Wasser, Felsen und jede Menge Sauerstoff. Warum nach Amerika reisen, wenn auch Europa so wunderschöne Ecken zu entdecken hat.

In Millau halte ich an einem Carrefour Market und kaufe Baguette, Obst und Karottensalat sowie diverse Getränke. In der Elektroabteilung packe ich noch ein Paket Kabelbinder in den Einkaufskorb, um Reserven für meine Wanderstöcke zu haben. Ich picknicke auf dem Parkplatz und klöne mit einem Mann, der auch einmal ein Motorrad hatte. Franzosen, die mein Bike sehen, fragen immer, ob es eine Harley sei und schauen enttäuscht, wenn ich auf Kawasaki verweise. Ich erkläre dann, dass mein Motorrad ausgesprochen treu und wartungsarm ist und nicht ständig „en panne“ fällt. Männer, die mich ohne mein tapferes Pony, aber in Klamotte sehen, fragen immer, ob ich eine BMW fahre. Für Franzosen scheint es im Wesentlichen HD und BMW zu geben. Eine allein reisende Frau scheint jedoch ausgesprochen selten zu sein und auch das wird immer wieder kommentiert. Ich mache mich wieder auf den Weg und sehe von weitem das Viaduc de Millau, die größte Schrägseilbrücke der Welt. Ich bewundere es stumm, finde aber im Feierabendverkehr keine spontane Möglichkeit für ein Foto. Irgendwie ist es mir auch nicht wichtig genug.

Bald erreiche ich Albi. Eine wirklich zauberhafte Stadt, die das Museum des Malers Henri de Toulouse-Lautrec beherbergt. Ich habe einige Drucke von ihm zu Hause hängen. Am liebsten mag ich das Gemälde eines Pferdes mit seinem Reiter, einem Soldaten. Der Schimmel erinnert mich an meine kleine Araberstute, mit der ich viele Jahre zusammen lebte. Das Bild einmal im Original zu sehen, interessiert mich sehr. O. mag die kurvige Damenwelt, die der Maler neben den Pferden bevorzugt abgebildet hat. Ich werde ihm Fotos schicken. Im Museum bleibe ich fast 2 Stunden bis zur Schließung. Dann gehe ich nebenan in die berühmte Kathedrale von Albi. Ein Kollege hatte mir das imposante Bauwerk empfohlen, so dass ich mich beeile, es noch zu besichtigen. Wind ist aufgezogen und hinter der Stadt brauen sich schwarze Wolken zusammen. Ich habe noch keinen Unterschlupf für die Nacht. Werde ich überhaupt campen können? Die römisch-katholische Sankt Cäcilia-Kathedrale ist eine der größten Backsteinkirchen der Welt. Der Innenraum zeigt sich unglaublich reich an Verzierungen. Ich weiß vor lauter Overdose gar nicht wohin ich blicken soll. Normannische Kathedralen, und vor allem die in Rouen, sind trotz - oder wegen? - ihrer Größe immer wieder furchteinflößend und erdrückend. Doch hier im Süden treffe ich auf farbenfrohe Wanddekorationen und Mosaike. Eve hatte mir erzählt, dass man glaubt, die farbigen Fenster kämen aus Spanien und die Mosaike von den Arabern. Bei der zweiten These betonte sie mehrfach, dass dies umstritten sei. Vielleicht muss man als Guide in Frankreich heutzutage diskret sein und eine Verknüpfung der arabischen Länder mit der Kirchenarchitektur ist ein delikates Thema. Ich denke an Ken Follet's Säulen der Erde und glaube unbenommen, dass Reisende Einfluss bekommen und dann die Schönheit anderer Kulturen auch in ihren eigenen Bauten einsetzen. Warum auch nicht? Der Bau der Kirche hat von 1282 bis 1492 gedauert. Über 200 Jahre!

Was für ein Antrieb, Visionen zu Zielen zu machen und die Ziele umzusetzen, selbst wenn die Erreichung unmöglich erscheint. Es ist der Glaube an die Erfüllung, der uns antreibt und die folgenden Generationen mitreißt.

Der Wind hat sich in einen gewittrigen Sturm gewandelt und ich laufe zu meinem Motorrad, ohne mir noch die Zeit zu nehmen, die Kirche von außen abzulichten. Schnell suche ich im Internet nach einem Hotel und finde in 4 Kilometern Entfernung ein ibis Budget. Kaum rolle ich los, fängt es an zu gießen. Mist! Klatschnass stürze ich in das Hotel, wo schon einige Männer an der Rezeption Schlange stehen. Ich zähle 7 Personen. Hoffentlich sind noch so viele Zimmer verfügbar. Ich spiele meinen Bonus als Frau aus, nehme den von mir inzwischen gut beherrschten französischen Verhandlungs-Singsang ein und frage in Richtung Tresen: „Guten Abend Monsieur, bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie in Ihrer Tätigkeit unterbreche. Erlauben Sie mir doch die kleine Nachfrage, ob Sie nach dem freundlichen Empfang der Herren vor mir, auch für mich noch ein bescheidendes Zimmer zur Verfügung hätten.“ Meine verregneten Haare hängen wild herab, mit meinen dicken Stiefeln habe ich gerade eine Wasserlache auf dem Linoleumboden hinterlassen. Ich wette, ich habe auch ein schwarzes Gesicht. Das ist immer so, wenn ich mir mit nassen Handschuhen an die Nase fasse. Die Männer grinsen. Le Monsieur mustert mich. „Ansonsten müsste ich bei dem wirklich schlimmen Regen nämlich noch einige Kilometer fahren, um zu dieser späten Stunde bei einem anderen Hotel ein Zimmer zu nehmen.“ Große blaue Augen, charmantes Lächeln, melodisches Gesäusel. „Da finden wir schon etwas.“ murmelt er.*** Glücklich stelle ich mich in die Reihe und nehme nach 10 Minuten meinen Zahlencode für die Zimmertür entgegen. Ich hole mein Gepäck, reiße mir die Klamotten vom Leib und lasse mich auf’s Bett fallen. Morgen soll es den ganzen Tag regnen, mal sehen, wo ich die Sonne finden werde.

*** In Hamburg hätte sich der Dialog wie folgt ereignet:
Rezeptionist: Moin.
Ich:Moin.
- Ein Zimmer?
- Jo.
- Hamse reserviert?
- Nä.
- Allein?
- Jo.
- Einmal ausfüll'n bidde.
- ...
- Danke. Frühstück?
- Jo.
- Alln's kloor. Hier is' der Schlüssel. Treppe rauf, dann links.
- Danke.
- Moin.
- Moin.



Abreise aus Florac
Auf dem Felsen waren wir gestern


Das Teufelszeug
In der Prärie




Kirsten, Jimmy und Polly
Selfie

 


Mein Lieblingsbild


Albi

Der Eingang zur Kathedrale






Füße hoch und trocken legen.

Kommentare:

  1. Lebensfroh, nicht sehr groß und etwas rundlich. Hier sehen sie alle so aus ;-) Mit meiner doch eher durchschnittlichen Körpergröße bin ich in der Tat meist größer als meine werten männlichen Kollegen.

    Übrigens find ich den Hamburger Dialog beim Check-In wesentlich entspannter (und effizienter...).

    Da hast Du wieder einen tollen Bericht hingelegt. Vielen Dank für ganz großen Lesestoff.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dann muss ich dich auch endlich mal persönlich treffen. :-) Vielen Dank für Deine Begleitung!!

      Löschen
    2. Dann muss ich dich auch endlich mal persönlich treffen. :-) Vielen Dank für Deine Begleitung!!

      Löschen
  2. Meine Güte, was ist die Welt doch klein, nicht? :-)
    Polly, dein Urlaub ist aufregend, deine Schreibe außergewöhnlich. Man fühlt sich, als erlebe man den Tag selbst! Urlaub vor dem Bildschirm, nur ohne Sturm und Regen (ööh, ich darf gerade nicht aus dem Fenster schauen ;-))
    Vielen Dank!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Volker! Wie schön, dass ich Dir Erholung verschaffe :-)
      (Ich sollte tatsächlich mal ein Buch schreiben....)

      Löschen
  3. Was kann es schöneres geben al snach einem Wolkenbruch aus den Mopedsachen zu krabbeln???? - Eigentlich nur die warme dusche nach dem Rauskrabbeln....

    Schöner Bericht, gefällt mir bisher echt gut.

    LG,

    Sascha

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Sascha,
      stimmt, ich fühle mich auch immer wie im 7. Himmel, wenn ich mich nach einer warmen Dusche gemütlich einrollen kann. Auf meiner Kamera blättere ich dann die Fotos des Tages durch und freue mich darüber, dass mein kleines Leben so "reich" und glücklich ist. :-)

      Löschen