Freitag, 21. Juli 2017

Biking & Hiking - 2. Kapitel: Im Canyon


Der Franzose, nennen wir ihn Jérôme, ist einer dieser drahtigen Typen, die einen unheimlich schnellen Stoffwechsel haben und immer in Bewegung sind. Auch sein Mundwerk steht nie still. Er redet unermüdlich und wenn es nichts zu sagen gibt, kommentiert er das Essen, das Wetter, das Nichts. Er ist energisch, fröhlich, positiv. Er nimmt viel Raum ein und lässt mir kaum etwas. Gleichzeitig wundert er sich über meine Schweigsamkeit. Mir ist es recht. Ich muss nicht reden. Lieber lehne ich mich zurück und konsumiere. Profitiere von der unterhaltsamen Begegnung. Jéjé bleibt ein paar Tage in den Cevennen und möchte einige Wanderungen unternehmen. Auch ich möchte den Canyon zu Fuß erkunden und deshalb hatten wir uns spontan verabredet. Da wir spät abends am Campingplatz kein Frühstück mehr bestellen konnten, sieht unser Morgenmahl mager aus. Ich packe meine Kamera und eine Flasche Wasser in meinen Tagesrucksack, ziehe meine Stiefel an und greife meinen neuen Pilgerstab.



Wir wandern einen Kilometer bis in das Dorf und kaufen Obst, Käse, Baguette und Croissants für den Weg. Auf einer kleinen Mauer entdecke ich eine junge Eidechse. Bei den Indianern ist das Reptil ein gutes Omen. „Du solltest Dich über die Begegnung mit einer Eidechse genauso freuen, wie über einen sonnigen Tag. Wenn die Eidechsen erscheinen, ist es ein Zeichen, dass Vater Sonne warm auf Dich herniederscheint. Die Eidechse kommt, um dich daran zu erinnern, dass das Leben ebenso warm und freundlich sein kann, wie die Sonnenstrahlen, die dich an einem warmen Tag verwöhnen. Die Beschäftigung mit der Eidechse kann dich zu mehr Optimismus und Anpassungsfähigkeit ermutigen.“ So beschreibt es das Medizinrad der Nordamerikanischen Indianer. Meine erste Tätowierung ist eine Eidechse. Genau aus diesem Grund. Zudem hatte ich sie Jim Morrison gewidmet, der die Tiere auch irgendwie gut fand. Und ich ihn. Damals war ich 21 Jahre alt. Inzwischen sind 12 weitere Tätowierungen dazu gekommen. Die meisten sind Tiere. Ich glaube an die Natur. Wenn ich nicht weiter weiß, frage ich Tiere, wie sie sich in Krisen verhalten. Meine Tätowierungen sind die Aufzeichnung meines Lebens. Wichtige Ereignisse habe ich auf meiner Haut notiert. Oft waren es auch die schlechten Zeiten, zu denen ich meine Helfer verewigen lies. Sie erinnern mich daran, wie ich meine Herausforderungen gemeistert habe und heute fühle ich mich eingehüllt und geschützt von Erfahrungen und Weisheit. Meine Tattoos schenken mir Vertrauen. Und Gelassenheit.

Vergnügt laufen wir zum Office de Tourisme. Als wir nach einer Wanderkarte fragen, werden wir ausführlich zu verschiedenen Touren beraten. Die Dame kennt die Wanderwege so gut, dass ich vermute, sie treibt sich selbst gern in den Wäldern herum. Dieses Engagement werde ich noch öfter in den nächsten Tagen erleben. Wieder geht es um Identifikation mit seiner Aufgabe, seiner Region, seinem Land. Da der Vormittag schon weiter fortgeschritten ist, entscheiden wir uns für eine 9 Kilometer lange Tour zur halben Höhe des Canyons. Wir folgen dem gelb markierten Weg und gleichen unsere Position immer wieder mit der Karte ab. Jéjé plappert, ich schweige und fotografiere. Es ist sehr still hier oben und wir treffen lediglich zu Beginn eine kleine Gruppe Frauen mit Hunden. Die Anstrengung ist moderat, was mir sehr recht ist. Seit ich kein Pferd mehr habe, bin ich nur noch selten zu Fuß unterwegs. Mit Areté habe ich viele mehrstündige Ausflüge unternommen und als sie älter wurde und die Arthrose sie plagte, sind wir einfach beide zu Fuß gegangen. Allein meine Angst vor Wildschweinen hat mich manchmal veranlasst, bei eintretender Dämmerung auf ihren Rücken zu klettern und in zügigem Trab den Heimweg anzutreten. Ich bin mir sicher, dass diese garstigen Viecher auch hier im Wald hocken. Und wenn die Bachen im Sommer ihre Jungen haben, sollen sie besonders aggressiv sein. Ich setze auf meinen Franzosen. Der wird sie sicher vertreiben, bevor wir sie zu Gesicht bekommen.


In den Cevennen sollen Wölfe leben. Ich nehme an, dass wir keine sehen werden. Dazu sind wir zu laut. Doch als wir an einem kleinen Hof mir mehreren Pferden vorbei kommen, frage ich mich, ob auch hier in dieser Gegend Initiativen gegen die Ansiedelung von Wölfen gegründet werden. Die Franzosen halten in dieser Region jede Menge Ziegen. Sicherlich wird es da Opfer geben, die die Bauern wütend machen. Ich mag Wölfe. Ein Wolf war meine dritte Tätowierung.

Nach ungefähr 2,5 Stunden kommen wir zurück in das Dorf, schlendern noch etwas herum und kehren dann zum Campingplatz zurück. Da uns die Felsen faszinieren, schlägt Jérôme vor, noch einmal mit dem Auto auf das Hochplateau zu fahren. Ich stimme nur widerwillig zu. Eigentlich bin ich total müde. Außerdem habe ich viele Gedanken im Kopf und grübele vor mich hin. Ihm zu Liebe gehe ich mit. Kaum fahren wir die kurvige Straße hinauf, bin ich hellwach. Der Ausblick wird gigantisch sein, das ist jetzt schon deutlich erkennbar. Wir halten an einem Parkplatz und entscheiden uns für einen Abendspaziergang. Der schöne Weg endet einfach nicht und immer wenn wir bei der Landmark ankommen, die wir ins Auge gefasst haben, gehen wir doch noch weiter.
Unter uns sehen wir einen großen Adler schweben, der sich von der Thermik tragen lässt. Wann sieht man schon einen so großen Vogel von oben? Bis ich meine Kamera aus dem Rucksack gepult habe, ist er allerdings verschwunden und als Jéjé ihn das zweite Mal entdeckt, bin ich weiter weg und komme zu spät. Naja. An der höchsten Stelle wurden von Wanderern Steine gelegt und auch wir fügen jeder einen hinzu.





Nach fast 2 Stunden sind wir wieder am Auto. Das war ein schöner Abend, der Arschtritt hat sich gelohnt. Jérôme ist so begeistert von den gemeinsamen Wanderungen, dass er mich zum Bleiben überreden will. Er hat Recht, der Nationalpark reizt enorm. Doch ich spüre, dass ich weiter muss. Meine Reise kann hier noch nicht zu Ende sein. Die Wetter-App zeigt für morgen Abend aufziehende Gewitter an und ich möchte die Sonne nutzen um mich fortzubewegen. Aber noch mehr spüre ich, dass der Franzose zwar ein toller Zeitgenosse, aber kein passender Gefährte ist. Ich fühle mich von seiner überschwänglichen Energie gefordert und unter Druck. Er lässt mir kaum Zeit zum Denken und Philosophieren. Unbewusst bestätigt er den Grund meiner Reise. Eine Wanderung zu unternehmen, in der ich Zeit nur für mich und Glück allein mit mir habe. Ich möchte nicht, dass jemand irgendetwas von mir etwas erwartet. Nicht einmal abstimmen müssen, was man wann isst. Ich möchte für mich sein. Sein. Mehr brauche und will ich gerade gar nicht. Früher dachte ich, dass die Buddhisten einen an der Waffel hätten, weil die meinen, man fände das Glück nur in sich selbst. Ich konnte da lange nichts finden. Heute kann ich das. Zum Glück. Und deshalb fahre ich weiter. Gleich morgen.






Kommentare:

  1. Deine Reisephilosophie geht mir nahe, Polly. Auch ich bin am liebsten allein unterwegs, um meine Entscheidungen wann ich wo was mache unabhängig treffen zu können. Biken und Wandern ist eine großartige Kombination. Aber wo zum Teufel bringst Du den Pilgerstock unter?

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    1. Hehe! In Kapitel 1 liest Du, dass ich ihn auf Sturzbügel und hinterer Fußraste befestigen kann. Bilder folgen. :-)

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  2. Deine Gedanken über das Alleinreisen teile ich voll und ganz. Nicht dass die Gesellschaft Anderer automatisch unangenehm ist, aber sie fordert etwas von uns, selbst wenn sie gar nichts fordern. Man nimmt sich automatisch zurück und stimmt sich immer ab. Gesellschaft findet man auf Reisen auch ohne dass man jemanden mitnimmt. Ich finds gut, wie du das beschreibst.

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