Sonntag, 12. Februar 2017

Vagabunden

 
Ich starre in den kalten Himmel. Weiße Wolkenfetzen durchbrechen das strahlende Blau an diesem milden Nachmittag im Herbst. „Siehst Du sie?“, fragt O. Ich nicke. „Da über diesem Dach da.“ setzt er nach und zeigt weit in die Ferne. Ich nicke wieder. Sehe gar nichts. Nur die üblichen schwarzen Punkte, die von den Trübungen meines Glaskörpers herrühren. O. hatte beim Eisessen in Bleckede gemeint, dass auf der anderen Elbseite die Wildgänse zu sehen wären. So setzten wir mit der Fähre über und erreichten Neu Bleckede. Doch hier waren die Zugvögel noch nicht angekommen und so schlenderten wir mit unseren Cruisern durch die Niedersächsische Elbtalaue. Die Straßenränder stehen voller Apfel- und Birnenbäume und von Zeit zu Zeit sah ich Menschen, die das Obst in ihre mitgebrachten Körbe ernteten. Unweigerlich hatte ich den Duft von frisch gekochtem Apfelkompott in der Nase. Dieser süßliche Genuss mit etwas Vanille oder Zimt. Schließlich stoppte O. am Straßenrand und auch wir versuchten, einige Früchte zu erreichen. Doch die kleinen Äpfel schmeckten so sauer, dass sie nicht zum spontanen Verzehr geeignet waren. Gerade wollten wir weiter fahren, da entdeckte O. die Zugvögel in der Ferne. 
 
Wir halten inne und warten. Ich lausche. Meine Ohren sind besser, als meine Augen und tatsächlich: Nach ein, zwei Minuten Geduld höre ich das charakteristische Rufen der Tiere im Flug. Die Laute sind mir so sehr vertraut. Die in Hamburg lebenden Grau- und Kanadagänse verlassen im Winter kaum noch die Stadt. Im Gegenteil: Oft scheint es mir, als kämen weitere Tiere dazu. In meinem Stadtteil gibt es eine recht große begrünte Verkehrsinsel, auf der die Vögel im Winter sogar unter den Kastanien im Schnee hocken. Ich finde das so niedlich, dass ich Ihnen stundenlang zusehen kann. Als Wassersportlerin liefen mir immer wieder Schauer über den Rücken, wenn kleine Gruppen von Graugänsen dem Alsterlauf folgten und schnatternd über meinen Kopf hinweg flogen. Höre ich Gänse, fühle ich mich heimisch. Und melancholisch.
 
Nach der ersten Gruppe beobachten wir noch die Routen zweier weiterer Formationen am Himmel und stellen uns Fragen, die auch Kinder stellen.  Woher wissen die, wohin sie fliegen müssen? Woher weiß die vordere Gans, dass die Hinteren müde sind? Fliegt eine Frau vorn oder ein Mann? Warum fliegen zwei Gänse abseits der Gruppe? 


Endlich ziehen auch wir weiter und als mein tapferes Pony in einen leichten Trab fällt, erspähe ich einen weiteren großen Vogel. Wieder stoppen wir unsere Bikes und identifizieren zwei Seeadler, die am Himmel ihre Kreise ziehen. Mit offenem Mund lege ich den Kopf in den Nacken und träume davon, die Flügel auszubreiten und in die Stille des Himmels aufzusteigen.

Unsere als kurze Kaffee-Runde geplante Tour wird zum  herbstlichen Naturschauspiel. Ich rolle gedankenverloren hinter O. her und habe gar keine Lust mehr, schnell über die Landstraße zu fahren. Als wir bei Darchau die Elbe ein zweites Mal überqueren, fängt es an zu nieseln. Die Mitreisenden lassen bewundernde Ausrufe verlauten, die an die Szenerie eines Feuerwerks erinnern. Ich drehe mich um und sehe einen strahlenden Regenbogen. Wir klappern über die Rampe der Fähre, biegen nach rechts in einen Feldweg ein und baden im Farbenrausch. Meine Oma würde sagen: Am Ende des Regenbogens liegt das Glück oder ein Eimer voll Gold. Gold habe ich nicht gefunden, aber das Glück war ganz sicher dort.


Kommentare:

  1. Schön mal wieder was von dir zu lesen.
    Hatte schon Angst du hast aufgehört zu schreiben.

    Super Foto. Selbstauslöser nehme ich an.

    Gruß Hartmut

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    1. Lieber Hartmut,
      ich habe nicht aufgehört, das kann ich gar nicht. :-) Jetzt geht es langsam wieder los und ich freue mich schon richtig darauf, Euch mit ein bisschen Pollysophie zu beglücken.

      Ja, das letzte Foto habe ich mit Selbstauslöser geschossen. Erst später habe ich gemerkt, dass sogar 2 Regenbogen auf dem Bild zu sehen sind!!

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  2. moin Polly,
    danke für diesen tollen Beitrag, da hat sich das warten gelohnt ;-)

    es Grüßt, Willi

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    1. Du sollst nicht wieder so lange warten müssen, lieber Willi!

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  3. Es lohnt sich immer wieder, auf die vermeintlich kleinen Dinge zu achten. Die Natur kann uns so viel bieten und sie macht unser Leben so reich.

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  4. Schön, dich zu lesen :) Von Vogelzügen kann ich auch nie genug bekommen – sie wecken immer so ein sehnsüchtiges Gefühl in meiner Brust. Liebe Grüße!! Kea

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    1. Kea, lieb dass Du Dich meldest. Ich hatte beim Schreiben dieser Vogelpoesie tatsächlich sehr an Dich gedacht! Liebe Grüße zurück, ich bin immer mit Dir!

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  5. Da bist Du ja! ;-) Für einen Moment dachte ich, Du wärst schon wieder on the road. Doch hier handelt es sich eindeutig um Herbstimpressionen... tolles Regenbogenfoto, das könnte dem Blog auch als Kopfbild gut stehen.

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    1. Ja, endlich wieder zurück in der Welt des geschriebenen Wortes.
      Leider sind wir noch nicht on the road. Es ist noch viel zu kalt bei uns. Aber ich rieche förmlich den Frühling und mein tapferes Pony scharrt mit dem Reifen. :-)

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  6. Moin Polly, sehr schön geschrieben, tolle Fotos danke für den tollen Blog ����

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