Sonntag, 11. Juni 2017

Pollysophie - Don't cry




How strange it is to ride the night / Hidden in black on a mystical flight / Creatures in trees are touching my soul / In the moonlight

How beautiful to ride under stars / Dreaming of love between Venus & Mars / Perfumes of flowers are teasing my way / Between nightjars

How good it feels to reach the sky / Above the dark I lightly fly / Peacefully protected in angel's wings / Don't cry

PV 06/2017

Dienstag, 2. Mai 2017

Elektrifiziert: Die ZERO DSR



Am Samstag Morgen schlage ich früh die Augen auf und bewege vorsichtig die Beine. Seit gestern plagen mich mal wieder meine Bandscheiben. Eine wohlbekannte Schwachstelle, die mich verzweifeln lässt, wenn sie sich zeigt. Stundenlang hatte ich im Schaukelstuhl festgesessen, bis ich schließlich auf allen Vieren das Bett erreichen konnte. Meinen heutigen Termin will ich trotzdem wahrnehmen, und da ich am wenigsten Schmerzen habe, wenn ich zuvor lange gelegen habe, sehe ich zu, dass ich die Zeit nutze, bis es wieder schlimmer wird. In Motorrad-Klamotte schleiche ich zur Garage. Als ich meine Maschine rückwärts schiebe, schießt es mir wieder in's Kreuz. Das kann ja heiter werden. Trotzdem: Zähne zusammenbeißen und los. Heute kommen meine beiden mobilen Leidenschaften zusammen. Ich möchte ein ZERO-Motorcycle testen und habe dazu einen Termin bei Tecius & Reimers ausgemacht.

Schon vor einem Jahr habe ich die Elektro-Motorräder auf den Hamburger Motorradtagen entdeckt und wollte sie seitdem immer einmal genauer unter die Lupe nehmen. Inzwischen ist so viel Zeit vergangen, dass sich auch die Bikes noch einmal ordentlich weiter entwickelt haben. Da ich mich inzwischen ein bisschen mit Elektromobilität auskenne, ahne ich, dass meine Verspätung in diesem Genre den Spaßfaktor mächtig erhöhen wird. 

Kurz vor 10 Uhr erreiche ich den Händler, der im Wesentlichen auf asiatische Autos und Zweiräder spezialisiert ist. Nach den Formalitäten betrachten wir das Bike. Eigentlich wollte ich die Straßenmaschine ZERO SR kennenlernen. Doch die wurde kurz zuvor verkauft. Also bleibt für mich die offroadfähige DSR. Der freundliche Verkäufer erklärt mir einige Funktionen, die mir vom TESLA bekannt vorkommen. Das Bike hat 3 Einstellungen. Den Eco-Modus, der die Leistung auf 70% drosselt. Den Custom-Modus, bei dem sich die Parameter über die Smartphone-App einstellen lassen und der Sportmodus, der die volle Nutzleistung von 69 PS (52 kW) und 143 Nm Nutzdrehmoment rauslässt. Ich bin ungeduldig und will endlich los. 1,5 Stunden darf ich fahren und ich weiß. dass ich noch ein Stückchen durch die Stadt muss, bis ich auf die Landstraße komme. Die Autobahn spare ich mir komplett. Die macht in Hamburg derzeit gar keinen Sinn, wenn man auch mal Gas geben will.

Dem Rat des Verkäufers folgend starte ich im Eco-Modus. Eine vorsichtige Drehung am Gashahn, denn man hier vielleicht eher Beschleunigungsgriff nennen sollte, und wir rollen los. Dass kein Schaltvorgang stattfindet, kenne ich ja schon vom Elektroauto und so habe ich auch nicht das Bedürfnis, die Kupplung zu ziehen, sondern genieße den glatten Durchzug. Hinter meinem schwarzen Visier tut sich ein breites Grinsen auf. Das schmale Bike wirkt wie ein Winzling gegen meine VN 900. Es wiegt gute 200 kg, davon entfällt die Hälfte auf den Akku. Der Rahmen ist aus leichtem Flugzeugaluminium gefertigt und mit Kunststoff verkleidet. Dass die Entwickler dieser Motorräder in der Raumfahrttechnik bei der NASA tätig waren, merkt man. ZERO macht keine Umbauaktionem von etablierten Herstellern, sondern Zweiräder, die ausschließlich als Elektrofahrzeuge konzipiert wurden. Der Vorteil: Alles ist auf geringes Gewicht und lange Reichweiten ausgerichtet. Auf dekorativen Schnickschnack wird verzichtet.

Als ich nach einigen Kilometern auf die Landstraße komme, gebe ich Vollgas. Das Bike beschleunigt flott, aber kontrollierbar. Der Wind drückt mir kalt gegen die Brust. Wieder einmal fühle ich mich darin bestätigt, bei meinem Reisemotorrad die Frontscheibe zu haben. Bei 112 km/h ist erst einmal Schluss und ich rolle hinter einer Autokolonne her. Schließlich drehe ich um und schalte bei einem kleinen Stop in den Sport-Modus. Holla, das Maschinchen geht ab wie verrückt.  Mit 140 km/h schließe ich auf die Vorausfahrenden auf. Die Sturmböen peitschen mich hin und her. Ein Reisemotorrad ist das filigrane Gerät sicher nicht, aber mit der begrenzten Reichweite, die mit 230 km pro Akkuladung angegeben ist, sind längere Touren ohnehin nur mit Unterbrechung möglich. Abseits der Landstraße nehme ich ländliche Wirtschaftswege um die Geländegängigkeit zu prüfen. Mein armer Rücken jault auf, doch die Wendigkeit des Sportgerätes macht so viel Laune, dass ich mich auf sandigen Straßen um Schlaglöcher herumwinde.  Im Sportmodus fahre ich zum Händler zurück, nehme einige schnelle Kurven in für mich ungewohnter Schräglage und sprinte sogar an einem Stau vorbei, was ich mit meinem trägen Pony nur im Notfall tue. Der zackige Antritt der ZERO DSR lässt eine sensible Fahrweise zu, die mir sehr viel Selbstvertrauen gibt. Meine VN 900 ist ein kurzbeiniges Schlachtross gegen dieses feingliedrige Vollblut. Ich erkenne mich selbst nicht wieder.

Die Spielerei rächt sich sofort. Am Ende bin ich 41 km gefahren und habe 27% der Akkukapazität verbraucht. Das wären 150 km Reichweite im Sport-Modus. So ähnlich hatte ich das vermutet.

Fazit:

Wie Ihr wisst, bin ich ein absoluter Fan der E-Mobilität. Ich finde es super, dass abseits der Öl-Verbrennung auch alternative Antriebe erforscht und entwickelt werden. Da ich selbst in 2 Startups tätig war und bin, die sich mit neuen Technologien beschäftigen, weiß ich, wie mühsam es ist, Innovation an den Mann zu bringen. In erster Linie kostet das alles sehr viel Geld und der Erfolg leuchtet dem Visionär zwar aus den Augen, dem Kaufmann jedoch zunächst nur rot auf dem Kontoauszug entgegen. Ich habe aber Vertrauen in den Menschen und seine Ingenieurskunst. Als Kind habe ich meine Oma immer aus einer dänischen Telefonzelle angerufen. Mit einem 5-Kronen-Stück konnten wir ein paar Sätze tauschen, bevor das heisere Tuten die bevorstehende Unterbrechung ankündigte. Wie sehr habe ich mir damals ein Bildtelefon gewünscht, über das ich Oma die Steine und Muscheln zeigen konnte, die ich am Nordseestrand gesammelt hatte. Man hat damals über diese Vorstellung gelacht. 20 Jahre später kamen die ersten Smartphones mit Kamera. Heute gibt es Skype, Facetime, WhatsApp und vieles mehr.

Also glaube ich daran, dass wir alles irgendwann erreichen können. Und ich fänd‘ es nicht schlecht, wenn wir Fahrzeuge mit Sonne und Wind antreiben könnten bevor uns das Öl ausgeht. Momentan ist die E-Mobilität noch ein teurer Spaß. Die Besserverdiener können sich die Fahrzeuge leisten. So wie die ersten Mobiltelefone ein Vermögen gekostet haben, sind inzwischen alle Menschen in der Lage, ein solches Gerät zu haben. Und so war es immer im technischen Fortschritt. Auch beim Fernseher und der Waschmaschine.

Wer meint, ein Elektromotorrad mit seiner eigenen Maschine vergleichen zu müssen, wird keine Freude finden. Ein E-Motor gibt niemals das dumpfe Dröhnen des V-Twins von sich. Es wird sich (momentan) auch kaum für Transsibirische Expeditionen eignen. Und 300 km/h bringt es auch nicht auf die Uhr. Entscheidend sind Interesse an und Begeisterung für neue Ideen und Modernität. Auch hierauf bezieht sich die Abenteuerlust. Harley Davidson Sportster, Kawasaki Ninja, BMW GS: Da weiß man, was man hat. ZERO Bike und Kollegen: Was zum Teufel soll das bringen?

Ich liebe mein tapferes Pony und bin mir sicher, dass wir noch viele tolle Reisen gemeinsam meistern werden. Aber für die morgendliche Rushhour, kurze Touren zum Eismann in Mölln oder einen Trip an die Ostsee ist das kleine Elektrobike eine wirklich coole Alternative. Sind nicht sogar die immer ein bisschen Rebell, die sich von der Masse absetzen wollen?

Ich bin Elektromobilistin.
Ich bin Rebell.



Der enorme Akku bildet das Zentrum des Bikes.

Er hat eine Kapazität von 13kWh und soll eine Reichweite von 230 km bringen.
Das Aufladen dauert 8 Stunden über die Schuko-Steckdose.
Über eine Schnellladefunktion kann  die Ladezeit deutlich reduziert werde.
Das Display zeigt allerlei Spielkram an.
Gesteuert werden die wichtigsten Parameter über die ZERO-App.
Der kleine Motor liegt hinter dem Akku.
Winziger Motor, kaum zu sehen!

Der "Tank" bietet Platz...
... für wichtigen Kleinkram.



Hurra!



Montag, 24. April 2017

one year blues

When I found my muse in the silent spring
life was full of  blues and a hell of swing
love all night
it's all right

Love came fast in the summer sun
and we made it last for the chosen one
and the heat
made the beat

Birds came by on their long way home
and we said goodbye to some dreams we've done
rock'n'roll
killed my soul

Well the winter's long and the spring not near
and my baby's gone and my biggest fear
is to lose
the blues

Never lose
the blues

PV 05/2017

Montag, 17. April 2017

Die Elektromobilistin




Ich bin Elektromobilistin!

Das klingt wie Frauenrechtlerin. Oder Greenpeace-Aktivistin. Eine Vollblut-Idealistin. Die Haare zum zerzausten Zopf gebunden, Statement-T-Shirt, kämpferisch blitzende Augen. An mir selbst entdecke ich diese Seite gerade neu. Während ich sonst eher diskret peacig durch‘ s Leben groove und alles meide, was mich in seine Schubladen einlädt, ertappe ich mich in Begleitung meines E-500 immer wieder dabei, mit erhobenem Zeigefinger für die Integration der Stromer zu monologisieren. Da hat schon so mancher Ignorant meine zornige Predigt zu den Parkverbotsschildern über sich ergehen lassen. Keine Macht den Parksündern! Das schweigende Staunen des Betroffenen zeigt mir rückblickend, dass er gar nicht wusste wie ihm geschah. Bestimmt kam er mit seiner REWE-Tüte zu Hause an und berichtete seiner ungläubigen Frau von der Furie, die ihn bei der Rückkehr zu seinem Auto angesprungen ist. Neulich schrieb mir meine Schwester eine Textnachricht: Den Typen im Mercedes brauchst Du nicht anschnauzen, der hat schon ein Knöllchen vom Schutzmann bekommen. Meine Antwort: Ich bin erst in 2 Stunden zu Hause. Ihre Antwort: Ok. Hoffentlich ist dann was frei. Ihre Hoffnung bezieht sich nicht auf meine Parkplatzprobleme. Sie sorgt sich mehr um die armen Mitmenschen, die noch nicht wissen, dass man seine stinkende Karre vor öffentlichen Ladesäulen nicht parken darf. Auch nicht 2 Stunden. Gar nicht.  In Hamburgs Innenstadt werden entsprechend markierte Flächen geräumt. Oh welch Genugtuung ich empfand, als ich im Adventsgeschäft zusehen durfte, wie ein Verbrenner aus der fälschlich genutzten Lücke auf den Abschlepper gehoben wurde. Da warte ich gern ein paar Minuten, um meinen Schatz auf eben jenen Parkplatz zu lenken und per Kabel an die Zapfsäule für Kilowattstunden zu hängen. Biebiebiebiep biebiebiebiep. Das erlösende Signal, das mir bestätigt, dass der Ladevorgang begonnen hat. Ich atme aus. Die Becker-Faust balle ich noch häufiger an diesem Nachmittag. Volle Gönnung, triumphiere ich immer wieder, und gehe mir irgendwann selbst auf die Nerven. Das sind so Züge, die ich an anderen Menschen eigentlich weniger sympathisch finde.

Große Freude im Weihnachtstrubel.
Kurz warten und dann auf den E-Parkplatz schlüpfen.
Wie kommt es zu dieser Veränderung? Es ist die Verzweiflung, die das tut. Stellen wir uns vor, wir fahren mit einem großen Allradfahrzeug durch die Taiga. Unsere Kraftstoffreserven gehen dem Ende entgegen und wir sehnen die Tankstelle herbei, die auf unserer Karte als Einzige weit und breit eingezeichnet ist. Endlich erscheint sie am Horizont. Erleichterung. Hier können wir unseren Tank und all die Kanister füllen, die wir brauchen, um vor Einbruch der kalten Nacht an unser Ziel in der nächsten Stadt zu gelangen. Als wir ankommen,  ist der Zapfhahn verriegelt. Am Shop hängt ein Schild „Tanken nicht möglich. Keine Ahnung wann.“ Wir müssen also warten. Oder zu Fuß gehen. Fahren jedenfalls nicht.

Ähnlich geht es mir. Obwohl ich den Luxus genieße, in Sichtweite meiner Wohnung eine Ladestation für Elektroautos zu haben. Sie liegt, logistisch sinnvoll, vor einem Supermarkt, einer Sparkasse und einem Pizzaservice. Direkt neben den großflächigen Plätzen für behinderte Verkehrsteilnehmer. Der große Kundenparkplatz liegt ca. 20 Meter hinter dem Haupteingang. Daher ist es bequem, sich einfach auf die Sonderflächen zu stellen. Behindertenplätze zuzuparken ist moralisch verwerflich, also sind die Elektro-Parkplätze die erste Wahl. Kommt dann ein Fahrer eines Elektroautos – und davon gibt es auf meiner Ecke immerhin 4 Stück zzgl. Durchreisender – stößt dieser sich regelrecht die Nase. Ich kalkuliere. Für 15 Kilometer Arbeitsweg brauche ich im Stadtverkehr 21% meiner Akkukapazität. Meine Anzeige bestätigt viertelvoll. Das kann knapp werden. Vor allem im morgendlichen Stop and Go kann der Verbrauch durch das häufige Anfahren enorm steigen. Ich muss dringend den Akku aufladen. Also warte ich in der Hoffnung, dass jemand zu seinem Auto kommt. Ich warte bald 30 Minuten im Hamburger Winter. Die nächsten Ladesäulen sind mehrere Bushaltestellen entfernt. Neben der Tatsache, dass ich eine Fahrkarte kaufen müsste, würde auch die Reise ihre Zeit dauern, bis ich endlich in meiner kuscheligen Wohnung wäre. Endlich erscheint ein Falschparker und ich drücke ihm einen Flyer in die Hand, aus dem er ableiten könnte, warum meine Kontaktaufnahme ausgesprochen frostig ausfällt. Ich melde mich an der Ladestation an und stecke das Kabel ein. "Biebiebiebiep biebiebiebiep". Die Rettung.

Ich bin Elektromobilistin und strotze diesen Widrigkeiten. Die Freude am fast lautlose Fahren und das Gefühl Teil der Zukunft zu sein, übersteigt jeglichen Frust über Ahnungslose und Spielverderber. Das von mir gefahrene Modell ist 5 Jahre alt. Ein Dinosaurier in der Evolution der Stromer. Seit vielen Jahren spricht die Industrie über Elektroautos, doch die Entwicklung verlief bislang schleppend. Ich fahre mit dem Wissen, dass ich fast von Anfang an dabei war und in dem Glauben, dass der Durchbruch kürzlich geschehen ist. Der Markt wird sich rasant entwickeln. Da bin ich mir sicher.

Aufklärung statt Abschleppen.
Einige Ordnungshüter verteilen zum Knöllchen (noch) Flyer.
Und um ehrlich zu sein, gibt es auch viele freudige Momente an den Ladesäulen zu erleben. Immer wieder werde ich von Passanten angesprochen, Interessanterweise sind es insbesondere ältere Menschen und hier viele Damen, die sich für die Neuerungen interessieren. Diese Art der Kommunikation schätze ich natürlich mehr, als die zornige Missionierung. Und auch wenn ich noch so sehr in Zeitnot bin - ich nehme mir immer einen Moment, um mit den Neugierigen zu sprechen. 

Ich bin Elektomobilistin!

Hier für Alle: So parken Sie richtig!






Sonntag, 12. Februar 2017

Vagabunden

 
Ich starre in den kalten Himmel. Weiße Wolkenfetzen durchbrechen das strahlende Blau an diesem milden Nachmittag im Herbst. „Siehst Du sie?“, fragt O. Ich nicke. „Da über diesem Dach da.“ setzt er nach und zeigt weit in die Ferne. Ich nicke wieder. Sehe gar nichts. Nur die üblichen schwarzen Punkte, die von den Trübungen meines Glaskörpers herrühren. O. hatte beim Eisessen in Bleckede gemeint, dass auf der anderen Elbseite die Wildgänse zu sehen wären. So setzten wir mit der Fähre über und erreichten Neu Bleckede. Doch hier waren die Zugvögel noch nicht angekommen und so schlenderten wir mit unseren Cruisern durch die Niedersächsische Elbtalaue. Die Straßenränder stehen voller Apfel- und Birnenbäume und von Zeit zu Zeit sah ich Menschen, die das Obst in ihre mitgebrachten Körbe ernteten. Unweigerlich hatte ich den Duft von frisch gekochtem Apfelkompott in der Nase. Dieser süßliche Genuss mit etwas Vanille oder Zimt. Schließlich stoppte O. am Straßenrand und auch wir versuchten, einige Früchte zu erreichen. Doch die kleinen Äpfel schmeckten so sauer, dass sie nicht zum spontanen Verzehr geeignet waren. Gerade wollten wir weiter fahren, da entdeckte O. die Zugvögel in der Ferne. 
 
Wir halten inne und warten. Ich lausche. Meine Ohren sind besser, als meine Augen und tatsächlich: Nach ein, zwei Minuten Geduld höre ich das charakteristische Rufen der Tiere im Flug. Die Laute sind mir so sehr vertraut. Die in Hamburg lebenden Grau- und Kanadagänse verlassen im Winter kaum noch die Stadt. Im Gegenteil: Oft scheint es mir, als kämen weitere Tiere dazu. In meinem Stadtteil gibt es eine recht große begrünte Verkehrsinsel, auf der die Vögel im Winter sogar unter den Kastanien im Schnee hocken. Ich finde das so niedlich, dass ich Ihnen stundenlang zusehen kann. Als Wassersportlerin liefen mir immer wieder Schauer über den Rücken, wenn kleine Gruppen von Graugänsen dem Alsterlauf folgten und schnatternd über meinen Kopf hinweg flogen. Höre ich Gänse, fühle ich mich heimisch. Und melancholisch.
 
Nach der ersten Gruppe beobachten wir noch die Routen zweier weiterer Formationen am Himmel und stellen uns Fragen, die auch Kinder stellen.  Woher wissen die, wohin sie fliegen müssen? Woher weiß die vordere Gans, dass die Hinteren müde sind? Fliegt eine Frau vorn oder ein Mann? Warum fliegen zwei Gänse abseits der Gruppe? 


Endlich ziehen auch wir weiter und als mein tapferes Pony in einen leichten Trab fällt, erspähe ich einen weiteren großen Vogel. Wieder stoppen wir unsere Bikes und identifizieren zwei Seeadler, die am Himmel ihre Kreise ziehen. Mit offenem Mund lege ich den Kopf in den Nacken und träume davon, die Flügel auszubreiten und in die Stille des Himmels aufzusteigen.

Unsere als kurze Kaffee-Runde geplante Tour wird zum  herbstlichen Naturschauspiel. Ich rolle gedankenverloren hinter O. her und habe gar keine Lust mehr, schnell über die Landstraße zu fahren. Als wir bei Darchau die Elbe ein zweites Mal überqueren, fängt es an zu nieseln. Die Mitreisenden lassen bewundernde Ausrufe verlauten, die an die Szenerie eines Feuerwerks erinnern. Ich drehe mich um und sehe einen strahlenden Regenbogen. Wir klappern über die Rampe der Fähre, biegen nach rechts in einen Feldweg ein und baden im Farbenrausch. Meine Oma würde sagen: Am Ende des Regenbogens liegt das Glück oder ein Eimer voll Gold. Gold habe ich nicht gefunden, aber das Glück war ganz sicher dort.