Montag, 17. April 2017

Die Elektromobilistin




Ich bin Elektromobilistin!

Das klingt wie Frauenrechtlerin. Oder Greenpeace-Aktivistin. Eine Vollblut-Idealistin. Die Haare zum zerzausten Zopf gebunden, Statement-T-Shirt, kämpferisch blitzende Augen. An mir selbst entdecke ich diese Seite gerade neu. Während ich sonst eher diskret peacig durch‘ s Leben groove und alles meide, was mich in seine Schubladen einlädt, ertappe ich mich in Begleitung meines E-500 immer wieder dabei, mit erhobenem Zeigefinger für die Integration der Stromer zu monologisieren. Da hat schon so mancher Ignorant meine zornige Predigt zu den Parkverbotsschildern über sich ergehen lassen. Keine Macht den Parksündern! Das schweigende Staunen des Betroffenen zeigt mir rückblickend, dass er gar nicht wusste wie ihm geschah. Bestimmt kam er mit seiner REWE-Tüte zu Hause an und berichtete seiner ungläubigen Frau von der Furie, die ihn bei der Rückkehr zu seinem Auto angesprungen ist. Neulich schrieb mir meine Schwester eine Textnachricht: Den Typen im Mercedes brauchst Du nicht anschnauzen, der hat schon ein Knöllchen vom Schutzmann bekommen. Meine Antwort: Ich bin erst in 2 Stunden zu Hause. Ihre Antwort: Ok. Hoffentlich ist dann was frei. Ihre Hoffnung bezieht sich nicht auf meine Parkplatzprobleme. Sie sorgt sich mehr um die armen Mitmenschen, die noch nicht wissen, dass man seine stinkende Karre vor öffentlichen Ladesäulen nicht parken darf. Auch nicht 2 Stunden. Gar nicht.  In Hamburgs Innenstadt werden entsprechend markierte Flächen geräumt. Oh welch Genugtuung ich empfand, als ich im Adventsgeschäft zusehen durfte, wie ein Verbrenner aus der fälschlich genutzten Lücke auf den Abschlepper gehoben wurde. Da warte ich gern ein paar Minuten, um meinen Schatz auf eben jenen Parkplatz zu lenken und per Kabel an die Zapfsäule für Kilowattstunden zu hängen. Biebiebiebiep biebiebiebiep. Das erlösende Signal, das mir bestätigt, dass der Ladevorgang begonnen hat. Ich atme aus. Die Becker-Faust balle ich noch häufiger an diesem Nachmittag. Volle Gönnung, triumphiere ich immer wieder, und gehe mir irgendwann selbst auf die Nerven. Das sind so Züge, die ich an anderen Menschen eigentlich weniger sympathisch finde.

Große Freude im Weihnachtstrubel.
Kurz warten und dann auf den E-Parkplatz schlüpfen.
Wie kommt es zu dieser Veränderung? Es ist die Verzweiflung, die das tut. Stellen wir uns vor, wir fahren mit einem großen Allradfahrzeug durch die Taiga. Unsere Kraftstoffreserven gehen dem Ende entgegen und wir sehnen die Tankstelle herbei, die auf unserer Karte als Einzige weit und breit eingezeichnet ist. Endlich erscheint sie am Horizont. Erleichterung. Hier können wir unseren Tank und all die Kanister füllen, die wir brauchen, um vor Einbruch der kalten Nacht an unser Ziel in der nächsten Stadt zu gelangen. Als wir ankommen,  ist der Zapfhahn verriegelt. Am Shop hängt ein Schild „Tanken nicht möglich. Keine Ahnung wann.“ Wir müssen also warten. Oder zu Fuß gehen. Fahren jedenfalls nicht.

Ähnlich geht es mir. Obwohl ich den Luxus genieße, in Sichtweite meiner Wohnung eine Ladestation für Elektroautos zu haben. Sie liegt, logistisch sinnvoll, vor einem Supermarkt, einer Sparkasse und einem Pizzaservice. Direkt neben den großflächigen Plätzen für behinderte Verkehrsteilnehmer. Der große Kundenparkplatz liegt ca. 20 Meter hinter dem Haupteingang. Daher ist es bequem, sich einfach auf die Sonderflächen zu stellen. Behindertenplätze zuzuparken ist moralisch verwerflich, also sind die Elektro-Parkplätze die erste Wahl. Kommt dann ein Fahrer eines Elektroautos – und davon gibt es auf meiner Ecke immerhin 4 Stück zzgl. Durchreisender – stößt dieser sich regelrecht die Nase. Ich kalkuliere. Für 15 Kilometer Arbeitsweg brauche ich im Stadtverkehr 21% meiner Akkukapazität. Meine Anzeige bestätigt viertelvoll. Das kann knapp werden. Vor allem im morgendlichen Stop and Go kann der Verbrauch durch das häufige Anfahren enorm steigen. Ich muss dringend den Akku aufladen. Also warte ich in der Hoffnung, dass jemand zu seinem Auto kommt. Ich warte bald 30 Minuten im Hamburger Winter. Die nächsten Ladesäulen sind mehrere Bushaltestellen entfernt. Neben der Tatsache, dass ich eine Fahrkarte kaufen müsste, würde auch die Reise ihre Zeit dauern, bis ich endlich in meiner kuscheligen Wohnung wäre. Endlich erscheint ein Falschparker und ich drücke ihm einen Flyer in die Hand, aus dem er ableiten könnte, warum meine Kontaktaufnahme ausgesprochen frostig ausfällt. Ich melde mich an der Ladestation an und stecke das Kabel ein. "Biebiebiebiep biebiebiebiep". Die Rettung.

Ich bin Elektromobilistin und strotze diesen Widrigkeiten. Die Freude am fast lautlose Fahren und das Gefühl Teil der Zukunft zu sein, übersteigt jeglichen Frust über Ahnungslose und Spielverderber. Das von mir gefahrene Modell ist 5 Jahre alt. Ein Dinosaurier in der Evolution der Stromer. Seit vielen Jahren spricht die Industrie über Elektroautos, doch die Entwicklung verlief bislang schleppend. Ich fahre mit dem Wissen, dass ich fast von Anfang an dabei war und in dem Glauben, dass der Durchbruch kürzlich geschehen ist. Der Markt wird sich rasant entwickeln. Da bin ich mir sicher.

Aufklärung statt Abschleppen.
Einige Ordnungshüter verteilen zum Knöllchen (noch) Flyer.
Und um ehrlich zu sein, gibt es auch viele freudige Momente an den Ladesäulen zu erleben. Immer wieder werde ich von Passanten angesprochen, Interessanterweise sind es insbesondere ältere Menschen und hier viele Damen, die sich für die Neuerungen interessieren. Diese Art der Kommunikation schätze ich natürlich mehr, als die zornige Missionierung. Und auch wenn ich noch so sehr in Zeitnot bin - ich nehme mir immer einen Moment, um mit den Neugierigen zu sprechen. 

Ich bin Elektomobilistin!

Hier für Alle: So parken Sie richtig!






Sonntag, 12. Februar 2017

Vagabunden

 
Ich starre in den kalten Himmel. Weiße Wolkenfetzen durchbrechen das strahlende Blau an diesem milden Nachmittag im Herbst. „Siehst Du sie?“, fragt O. Ich nicke. „Da über diesem Dach da.“ setzt er nach und zeigt weit in die Ferne. Ich nicke wieder. Sehe gar nichts. Nur die üblichen schwarzen Punkte, die von den Trübungen meines Glaskörpers herrühren. O. hatte beim Eisessen in Bleckede gemeint, dass auf der anderen Elbseite die Wildgänse zu sehen wären. So setzten wir mit der Fähre über und erreichten Neu Bleckede. Doch hier waren die Zugvögel noch nicht angekommen und so schlenderten wir mit unseren Cruisern durch die Niedersächsische Elbtalaue. Die Straßenränder stehen voller Apfel- und Birnenbäume und von Zeit zu Zeit sah ich Menschen, die das Obst in ihre mitgebrachten Körbe ernteten. Unweigerlich hatte ich den Duft von frisch gekochtem Apfelkompott in der Nase. Dieser süßliche Genuss mit etwas Vanille oder Zimt. Schließlich stoppte O. am Straßenrand und auch wir versuchten, einige Früchte zu erreichen. Doch die kleinen Äpfel schmeckten so sauer, dass sie nicht zum spontanen Verzehr geeignet waren. Gerade wollten wir weiter fahren, da entdeckte O. die Zugvögel in der Ferne. 
 
Wir halten inne und warten. Ich lausche. Meine Ohren sind besser, als meine Augen und tatsächlich: Nach ein, zwei Minuten Geduld höre ich das charakteristische Rufen der Tiere im Flug. Die Laute sind mir so sehr vertraut. Die in Hamburg lebenden Grau- und Kanadagänse verlassen im Winter kaum noch die Stadt. Im Gegenteil: Oft scheint es mir, als kämen weitere Tiere dazu. In meinem Stadtteil gibt es eine recht große begrünte Verkehrsinsel, auf der die Vögel im Winter sogar unter den Kastanien im Schnee hocken. Ich finde das so niedlich, dass ich Ihnen stundenlang zusehen kann. Als Wassersportlerin liefen mir immer wieder Schauer über den Rücken, wenn kleine Gruppen von Graugänsen dem Alsterlauf folgten und schnatternd über meinen Kopf hinweg flogen. Höre ich Gänse, fühle ich mich heimisch. Und melancholisch.
 
Nach der ersten Gruppe beobachten wir noch die Routen zweier weiterer Formationen am Himmel und stellen uns Fragen, die auch Kinder stellen.  Woher wissen die, wohin sie fliegen müssen? Woher weiß die vordere Gans, dass die Hinteren müde sind? Fliegt eine Frau vorn oder ein Mann? Warum fliegen zwei Gänse abseits der Gruppe? 


Endlich ziehen auch wir weiter und als mein tapferes Pony in einen leichten Trab fällt, erspähe ich einen weiteren großen Vogel. Wieder stoppen wir unsere Bikes und identifizieren zwei Seeadler, die am Himmel ihre Kreise ziehen. Mit offenem Mund lege ich den Kopf in den Nacken und träume davon, die Flügel auszubreiten und in die Stille des Himmels aufzusteigen.

Unsere als kurze Kaffee-Runde geplante Tour wird zum  herbstlichen Naturschauspiel. Ich rolle gedankenverloren hinter O. her und habe gar keine Lust mehr, schnell über die Landstraße zu fahren. Als wir bei Darchau die Elbe ein zweites Mal überqueren, fängt es an zu nieseln. Die Mitreisenden lassen bewundernde Ausrufe verlauten, die an die Szenerie eines Feuerwerks erinnern. Ich drehe mich um und sehe einen strahlenden Regenbogen. Wir klappern über die Rampe der Fähre, biegen nach rechts in einen Feldweg ein und baden im Farbenrausch. Meine Oma würde sagen: Am Ende des Regenbogens liegt das Glück oder ein Eimer voll Gold. Gold habe ich nicht gefunden, aber das Glück war ganz sicher dort.