Montag, 31. Oktober 2016

Polly's Neuer

In den letzten Wochen ist der Herbst eingezogen und mit der Dunkelheit kommen auch die besinnlichen Abendstunden mit gutem Essen und unterhaltsamer Literatur in mein Haus. Die Euphorie für zweirädrige Aktivitäten zeigt Zurückhaltung. Die PJV wartet in der Garage geduldig auf trockene Tage, die eine Ausfahrt durch das leuchtende Herbstlaub erlauben. Der Weg zur Arbeit machte in den letzten Tagen immer weniger Spaß und wird mit zunehmend schlechter Sicht stets gefährlicher.

So wurde es in den vergangenen Wochen buchstäblich still um Pollys Reisen. Der eine oder andere Leser wird vergeblich nach Neuigkeiten geschaut haben, doch die wahrhaft geräuschlosen Abenteuer müssen erst einmal in Worte gefasst und auf Bilder gebracht werden.

Mein neuer Begleiter ist ein stiller Hellhäuptiger, der sich, von der alternden Oberfläche einmal abgesehen, als wahrer Schatz und große Bereicherung meines Lebens entpuppt. Er muckt und bockt von Zeit zu Zeit, doch wenn man sich auf ihn einlässt und sein Inneres versteht, will man nichts anderes mehr. "Bringt der es denn? Wie lange kann so ein Oldie denn?" fragen die Kritiker unserer frischen Beziehung. Und ja, zugegebenermaßen schwächelt er ab und zu in seiner fragilen Potenz. Doch das Herz schlägt treu und mein Pioniergeist und meine Abenteuerlust laufen hochtourig. Binnen kürzester Zeit habe ich eine wahre Zuneigung für diesen treuen Zeitgenossen entwickelt und möchte ihn nicht mehr hergeben. Er macht regelrecht süchtig. 

Meinen Neuen lernte ich auf Umwegen kennen. Zunächst einmal hatte ich Kontakt zu seinem jüngeren Bruder, einem "emovum E-500"-Cabrio in Elfenbeinfarben mit beigem Dach. Von außen betrachtet wirkt dieses rundliche Fahrzeug winzig. Doch der Innenraum bietet für Fahrer und Beifahrer genügend Platz. Meine Kollegin wies mich in die Besonderheiten des umgebauten Fiat 500 ein und schließlich startete ich den Motor, indem ich den Zündschlüssel einfach auf "an" drehte. Das Zünden entfiel. Ich wollte auch nichts verbrennen. Ich fuhr elektrisch. Schaltung auf "D", Handbremse lösen und schon rollte der kleine Flitzer voran. Anstatt, wie erwartet, irgendwie "brruummm" zu machen, machte er.... nichts sozusagen. Er machte "wwwwww" beim Beschleunigen. Er machte knatschende Reifengeräusche beim Lenken auf Asphalt. Und vor allem machte er ein Lächeln auf mein Gesicht. 

Nach der Schulungsfahrt durch unser Gewerbegebiet stieg meine Beifahrerin aus dem Auto und ich begab mich auf meinen Heimweg. Wir glitten durch den Hamburger Stadtverkehr. Auf Empfehlung hielt ich den "City-Modus" eingeschaltet. Der beschränkt die Leistung des Elektromotors auf maximal 30 kW und drosselt damit einerseits die Beschleunigung und andererseits die Höchstgeschwindigkeit auf 80 km/h. Hierdurch soll die Reichweite des Akkus verbessert werden. An der Ampel betrachtete ich die Digitalanzeige in der Armatur. Nach nur wenigen Hundert Metern hatte sich die Akku-Kapazität von 100% auf 98,3% verringert. Die Prozentpunkte fielen bedrohlich schnell. Ich hoffte, dass ich es nach Hause schaffen würde. Das Gaspedal betätigte ich so sensibel, als würde ich ein befruchtetes Ei unter meinem großen Zeh beschützen. Gemächlich, aber stetig erhöhte sich die Geschwindigkeit. Das Gefühl, man würde nicht voran kommen, trog. Es fand einfach keine auditive Orientierung statt, da im Gegensatz zum Verbrennermotor keine Drehzahl hör- und spürbar ist. Ebenso entfällt der manuelle oder automatische Schaltvorgang am Getriebe. Nach 15 Kilometern kam ich zu Hause an. Mein Akku zeigte eine Kapazität von 76,9% an. Das macht ein Verbrauch von 23,1% im freitäglichen Stadtverkehr. Ob ich damit wohl über das Wochenende kommen sollte? Vorsichtshalber hatte ich die RFID-Ladekarte von The New Motion meiner Kollegin eingesteckt. Hierüber erfolgt die Identifizierung und die Abrechnung an den verschiedenen Ladestationen in der Stadt und das sollte mir ermöglichen, energiegeladen durch die nächsten Tage zu kommen.

Jede Fahrt war ein wenig aufregend. Am Samstag fuhr ich mit meinem neuen Freund in die Hafencity und fand über die App "Chargemap" eine Ladesäule von Stromnetz Hamburg. Der Vorteil: Die Parkplätze für Elektrofahrzeuge sind mit Glück nicht belegt. So steuerte ich direkt die entsprechenden Koordinaten an und fand in dem von Touristen überfüllten Überseequartier eine angemessene Parklücke für den platzsparenden E-500. Mit einem wichtigen Gesicht und gespielter Routine machte ich mich unter den Blicken neugieriger Passanten an der Ladesäule zu schaffen. Nachdem ich mich per Ladekarte erfolgreich eingeloggt hatte, gab die Säule die Steckdosen frei. Ich steckte den Schuko-Stecker in die entsprechende Klappe und den sogenannten Typ2-Anschluss in die Nase meines Autos. Diediediediep-diediediediep machte es. Hurra, es funktionierte! Ohne mir den Triumph anmerken zu lassen, schnappte ich  mir lässig meine Handtasche und flanierte durch Hamburgs neuesten Stadtteil. Wenn hier noch keine Modernität angekommen wäre, wo denn dann?

So bin ich also Fahrerin eines Elektromobils geworden. Welche Höhen und Tiefen ich mit meinem Testfahrzeug durchlebe und warum ich mich schließlich für den alternden aber treuen Kandidaten entschieden habe, das erfahrt Ihr in den nächsten Wochen hier in meiner Serie "Polly reist elektrisch".