Donnerstag, 15. September 2016

Kilometer 19.476 – 20.354 - Harz Ballade 4. Kapitel

Fun ohne Ende

„Du hast vor gar nichts Angst!“ lästert O. als wir am Fuße des Wurmbergs den Rest des Frühstück-Kuchens verputzen. „Wenn Du so die Piste runter jagst, wirst Du auch Dein Kurventhema bald abgehakt haben!“ Ich grinse. „Du hättest Dir sonst was aufgerissen, wenn Du gestürzt wärst!“ setzt er in väterlich tadelndem Tonfall nach. Ich grinse noch mehr. „Das hat voll Spaß gemacht.“ „Ja. Das war unverkennbar!“ O. hat diese Art des Klugscheißens, der ich nicht böse sein kann, weil sie keine Besserwisserei ist, sondern seine Art zu zeigen, dass er sich Gedanken um einen macht. Heute Morgen war ich aber kurz davor, aus dieser Fürsorge auszubrechen. Mister Kurvenjunkie hatte um 6h zum Morgenappell gerufen. Kaffee, Frühstück, anziehen. Mein Windshield sollte noch gesenkt werden, dann 8:13 Uhr Abfahrt zum Training mit neuer Lenkereinstellung. 13 Minuten hinter dem Zeitplan. Oh je! Bis 9:30 Uhr fuhren wir bergauf, bergab und links und rechts. Ich fühlte mich wie im Boot-Camp. Alle 15 Minuten Manöverkritik und neue Trainingstipps vom Drill-Instructor. Ich hielt mich wacker. Zwar blieb ich wieder ab und zu zurück, aber insgesamt fühlte ich mich viel sicherer als am Vortag. Irgendwann beschloss ich, dass es jetzt reiche und fuhr demonstrativ wieder in meiner Komfortzone. Das Wochenende war bis jetzt sehr intensiv und musste erst einmal verarbeitet werden.

Punkt viertel vor zehn standen wir an der Talstation der Wurmbergbahn und hielten jeder einen Monsterroller in der Hand. Mit diesen spezialbereiften Zweirädern kann man auf vorgegebenen Pisten den Berg hinunter fahren und als ich bei unserem ersten Harzbesuch davon hörte, war mir klar, dass ich das ausprobieren möchte. Nun erholen wir uns von der rund 30-minütigen Abfahrt und lachen über das Erlebnis und den mit Sicherheit eintretenden Muskelkater. Irgendwie muss man das öfter machen. Ich hatte ganz vergessen, wie albern man wird, wenn man ein wenig Fun-Sport betreibt. Das befreit den Kopf und erleichtert das Herz.



 













Vergnügt fahren wir zurück zur Ferienwohnung und beladen schweren Herzens unsere Motorräder. Wir werden noch einige kurvenreiche Strecken nehmen, an einem See einen Mittagsschlaf halten und da O. kein Ende finden wird und schließlich doch auf seinen eigenen Zeitplan pfeift, werden wir auch noch einmal die Torfhaus-Route fahren, um uns vom Brocken zu verabschieden. Wir werden die Autobahn nach Braunschweig nehmen, wie auf dem Hinweg in Meine einen Kaffee trinken, bei Uelzen in den Sonnenuntergang blicken und schließlich in Melbek voneinander Abschied nehmen. Die Heimreise fühlt sich an, als wenn unsere Harz-Geschichte zurück gespult würde. Am Montagmorgen werde ich körperlich müde, aber mental komplett erholt aus dem Bett kriechen, meine schmutzige Motorradjeans aus dem Wäschehaufen vor meinem Bett ziehen und auf mein tapferes Pony klettern. Mein Chef wird mich fragen, wie mein Wochenende war. Ich werde berichten und an seinen leuchtenden Augen sehen: Es war fantastisch!

 

Kommentare:

  1. Ach wie schön. Ich war jeden Kilometer dabei gewesen. Danke für Deine Ballade!

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  2. Wie toll ist das denn? Enduro-Roller downhill racing. Dagegen ist ja Bungee-Jumping ein Kaffee-Kränzchen!

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    1. Das war echt total cool und leider viel zu kurz! Ich bin schon auf der Suche nach so einem Offroad-Gefährt für Straße und Wald, sprich mit Mountain-Bike-Bereifung. Wir haben ja hier zumindest die Harburger Berge, die da ein bisschen Spaß machen könnten. Irina hat mich schon seit letztem Jahr dazu inspiriert, ich blieb aber unentschlossen. Nun weiß ich: Das soll mein Sportgerät werden. :-D

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    2. Heeee, wie cool. Den XH gibt es auch als Crosser :-)

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  3. Servus Polly,

    habe jetzt alle 4 Tage in Folge verschlungen. Und der Rollerverleih hat im Maps gleich ein Sternchen bekommen. Das muss ich auch machen! Da kann man gewiss volle Möhre den Kindskopf raus lassen. :-P

    Gruss aus R,
    Tom

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