Donnerstag, 15. September 2016

Kilometer 19.476 – 20.354 - Harz Ballade 3. Kapitel

Barbarossa

Es ist Abend geworden am Brocken. Mit uns kommen unzählige erschöpfte Motorradfahrer in Braunlage zu ihren Unterkünften. Im Supermarkt kaufen wir Frühstück für Sonntag und während ich die Einkäufe verstaue, holt O. sein Werkzeug hervor. Den ganzen Nachmittag war er in Gedanken bei meiner Kurventechnik. Er verstand nicht, warum ich die Kehren so souverän nehme, während mich auf den langen Kurven immer der Mut verlässt. Das Thema beschäftigte ihn so sehr, dass er es in jeder Pause wieder aufnahm. Ich tat dann die These auf, dass ich mit einer Straßenmaschine vielleicht gelenkiger wäre. Er schüttelt den Kopf. So ein Quatsch, das könne nicht sein. „Doch!“ sagte ich, „Ich habe auch immer wieder den Impuls, die Hände tiefer halten zu wollen. Dynamischer zu sitzen.“ Ohne lange zu reden wird jetzt vor Edeka also mein Lenker tiefer gedreht und anstatt direkt nach Hause zu fahren wird noch eine Proberunde um die Stadt gefahren. Spontan fühle ich, dass mein tapferes Pony schneller kippt, was die engen Kurven noch leichter macht. Wie es sich sonst auswirkt, werde ich morgen erfahren. Im Moment bin ich nur müde von dem langen Tag. Ich sehne mich nach einer Dusche und einem Teller Nudeln. Außerdem tut mein Bein weh und ich konnte noch nicht untersuchen, was passiert war, als ich auf dem Schotterparkplatz meine PJV zu Boden legte. Beim Ausparken rutschte sie mir nach rechts weg, so dass ich sie nur noch vorsichtig auf dem Sturzbügel abstellen konnte. Dennoch krallte sich das tapfere Pony oberhalb meines linken Stiefels fest. Dank eines freundlichen und starken Mannes, der direkt neben mir stand, zog ich auch das Bike sofort wieder in die aufrechte Position und konnte ohne Stress starten. Eigentlich hätte ich ihm noch romantisch ein parfümiertes Taschentuch zuwerfen müssen. Den beißenden Schmerz spürte ich erst nach einigen Minuten.
 
Nach einer langen Dusche nebst erholsamer Pause in der Ferienwohnung sitzen wir auf der Terrasse eines Restaurants und plaudern über den Tag. Für die Besichtigung des Kyffhäuser Denkmals hatten wir uns Zeit genommen. Als mir einfiel, dass Kaiser Friedrich Barbarossa jener Mann war, der für die Entwicklung Hamburgs eine wichtige Rolle spielte, war ich natürlich erfreut, diese imposante Skulptur am Felsen zu sehen. Die Geschichte schreibt, dass Adolf III. aus dem Geschlecht der Schaumburger im Jahre 1188 die Hamburger Neustadt gründete. Hamburg hatte einen direkten Handelsweg zur Nordsee, verfügte aber zudem über den kürzesten Landweg nach Lübeck, der wichtigsten Handelsstadt im Ostseeraum. Marktrecht, Grundeigentum, Zollfreiheit und das Nutzungsrecht für das umliegende Marschland waren attraktive Privilegien, die Adolf III. der Hamburger Neustadt einräumte. Das war ihm aber nicht genug, und deshalb nutzte er den guten Kontakt zu Kaiser Friedrich Barbarossa, mit dem er zusammen gegen Heinrich den Löwen gekämpft hatte. Die Verbindung brachte ihm unter anderem diverse Handelsrechte, die Befreiung von Zöllen und das Recht auf Fischfang, Weidenutzung und Holzschlag in Hamburgs Umgebung ein. Damit hatte die neue Stadt die besten Bedingungen für den wirtschaftlichen Aufschwung und die Entwicklung zur Handelsmacht. Da Kaiser Friedrich Barbarossa direkt in den Krieg ziehen musste, wurden die Privilegien nicht notiert und beurkundet. So ergab es sich im Jahre 1265, dass Erzbischof Hildebold zum Schutze seiner bedeutenden Handelsstadt Stade bestimmen wollte, dass Ware auf dem Weg nach Hamburg verzollt werden müsse. Aus ihrer Not heraus fälschten die Hamburger Ratsherren die Urkunde des Barbarossa und setzten damit ihre Rechte durch. Einige Quellen beschreiben sogar die These, dass es das vorausgegangene Gespräch zwischen Adolf III. und dem Kaiser nie gegeben hätte. Sei es Großzügigkeit des Barbarossa oder die Kreativität der Ratsherren, als stolze Hamburgerin dankte dem Bartträger auf seinem Felsen.





 
















Um die Mittagszeit waren wir den Berg wieder hinab gestiegen und sind kreuz und quer durch den Harz gefahren. Kurz gefasst: Es hat einen Heidenspaß gemacht. Obwohl die Cafés und Restaurants mit Motorradfahrern überfüllt waren, fanden wir immer wieder ganz einsame Etappen. Der Harz hat sein Image als Erholungsgebiet für rüstige Rentner definitiv abgelegt. Das Sportangebot ist breit gefächert und ich selbst habe große Lust, noch einige Aktivitäten auszuprobieren. Gleich morgen soll es soweit sein. Der Abend klingt auch heute auf der kleinen Terrasse am Haus „Antje" aus. O. hat sogar irgendwo eine Kerze aufgetrieben und so trinken wir Wein und schauen in das Feuer. Die fehlenden Freunde in der Heimat senden Nachrichten und fragen nach unserem Wohlergehen. Uns geht es gut.

 

Kommentare:

  1. Das Denkmal habe ich letztes Jahr ausgelassen, weil ich noch ein gutes Stück Weg vor mir hatte und irgendwo anders Zeit vertändelt hatte. Das muss ich aber unbedingt nachholen.

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    1. Es ist auf jeden Fall imposant und in gewisser Weise strahlt es eine sehr schlichte Ruhe aus.
      Es gibt noch sehr viel dort oben zu entdecken. http://www.kyffnet.de/Ausflugsziele/ausflugsziele.html Das würde ich auch gern noch einmal tun.
      Ich bin mir sicher, dass ich nicht das letzte Mal im Harz war.

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  2. 1998... war ich das letzte Mal dort. Danke für die Auffrischung der Erinnerungen. Ein Umzug mit beruflicher Veränderung hätte angestanden, und ich wollte die Gegend erst einmal auskundschaften... ich habe mich dann seinerzeit aber dann Richtung Düsseldorf entschieden.

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  3. Ohhhh. Da war ich auch schon mal. Wir hatten auch super Wetter und auf dem Brocken dann auch eine geniale Weitsicht. Irgendwo habe ich auch noch die Bilder. Muss ich mal suchen gehen ...

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