Donnerstag, 15. September 2016

Kilometer 19.476 – 20.354 - Harz Ballade 2. Kapitel

Kyffhäuser

 
Es ist 6 Uhr, als ich O.‘s Stimme im Garten höre. Es riecht nach Kaffee und Dusche und ich frage mich, wie lange er wohl schon wach ist. Gestern saßen wir noch bis nach Mitternacht, plauderten und planten die heutige Tour. Um 8 Uhr wollen wir im Dorf frühstücken und dann zum Kyffhäusergebirge fahren, welches sich südöstlich des Harzes befindet. Der Berg wurde mir als kleine Herausforderung beschrieben, die schon so manches Nordlicht ins Schwitzen gebracht hat. Viele Kehren und Serpentinen und als Lohn das Kyffhäuserdenkmal mit seinen 247 Stufen.
 
Ich bin gespannt und motiviert. O. hat eine Tour von insgesamt 250 Kilometern ausgesucht und ich denke, dass dies in der kurvenreichen Gegend eine tagesfüllende Distanz ist. So stehen wir in gewohnter Pünktlichkeit um fünf Minuten vor 8 Uhr im Frühstückscafé und während wir unser „Süßes Feen-Frühstück“ einnehmen, beobachten wir Wanderer und Mountain-Biker, die sich für ihre Ausflüge bereit machen.


Vor der Bäckerei erscheint ein junger Mann, Typ Biologe. Er befestigt die Leine eines Windhund-Mischlings an seinem Rucksack und stellt diesen vor dem Schaufenster ab. Das hagere Tier wartet still und geduldig vor dem Laden. Es strahlt Ruhe aus und wirkt gleichzeitig sensibel und aufmerksam. Als der Mann mit seinen Einkäufen nach draußen kommt, hockt er sich hin, zeigt jedes Stück seinem Hund und legt es erst dann in den Rucksack, welchen er sorgfältig verschließt und auf seinen Rücken hebt. Anschließend streicht er dem Freund über die Schnauze, wischt ihm etwas Schmutz aus dem Auge und geht schweigend seines Weges. Das Tier läuft neben ihm, die Leine hängt locker zwischen den beiden Gefährten und macht den Eindruck, als sei sie nur pro forma angelegt. Die Verbindung der beiden ist unsichtbar aber eindeutig spürbar. Ich bekomme eine Gänsehaut und denke an mein Pferd.

Von der Terrasse aus sehen wir mehrere Grüppchen Motorräder über die Hauptstraße rollen. Wir ändern den Plan und beschließen, auf direktem Wege nach Kelbra zu fahren und möglichst früh am Kyffhäuser zu sein. Wir zahlen, steigen auf die Cruiser und während ich hinter O. her trabe, mache ich mir Sorgen, dass ich den ganzen Tag von Motor-Sportlern bedrängt werden würde. Da ich auf der Straße wenig offensiv und eher immer viel zu rücksichtsvoll bin, lasse ich mich von schnelleren Fahrern einschüchtern. Kleben die hinter mir und ich habe das Gefühl, sie zu behindern, kann ich mich nicht entspannen.
 
Meine Gedanken verfliegen bald im Nichts der endlosen Weite. Dunkelgrüne Berghänge rahmen die Spätsommerfelder der Harzer Bauern ein. Es duftet nach trockener Erde und staubigem Heu. Kein Haus, kein Mensch sind zu sehen. Warum von der Route 66 träumen, wenn wir die Schönheit Montanas in Sachsen Anhalt genießen können. Auch das Niveau an politischer Bildung ist dem der amerikanischen Landbevölkerung nicht unähnlich. Anyway, it’s a beautiful day. Auf der schnurgeraden Landstraße lasse ich mich zurückfallen und schmunzle über den Anblick meines Freundes, der in seiner typischen Haltung bald 200 Meter vor mir fährt. Der breite, tief angesetzte Lenker lässt O. in seiner Militär-Jacke breitschultrig erscheinen. Die dünnen Beine stecken in einer dunklen Jeans und umschließen den beachtlichen Motor des Großen Schwarzen. Die Fersen ruhen weit vorn auf den Trittbrettern, wobei die Spitzen der Biker-Boots immer leicht nach außen gedreht sind. Im Nacken schauen graue Haarsträhnen unter dem Helm hervor. Ein Relikt aus den Jahren, in denen Littbarski und Brehme als stylish durchgingen. Alles an O. ist irgendwie 80er. Während ich in dieser Epoche 10-jährig auf Nena abfuhr, hatte er schon tausende Motorrad-Kilometer auf dem Tacho und dachte an Familienplanung. Ich frage mich, ob ich vielleicht in den 90er Jahren hängen geblieben sei. Wenn ich mich heute so anschaue ja. Denn schon in der Schule gehörten Lederhose, schwarzes T-shirt und DocMartens zu meiner Standard-Klamotte. Allerdings war ich damit zwar cool aber nicht hip. Nach der ereignisreichen Saison habe ich heute langsam Lust, mich „normal“ und modisch zu kleiden. Seit Monaten trage ich meine Büro-Outfits während der Arbeitszeit und meine unförmigen Motorrad-Klamotten zu allen anderen Anlässen. Seit Januar habe ich 9 Kilogramm Gewicht verloren und entsprechend hängen meine Hosen mir wie Säcke am Gürtel.

Plötzlich sehe ich das Kyffhäuser-Denkmal auf seiner Bergkuppe thronen. Es ist 10 Uhr und die Sonne hängt blass in der diesigen Luft. Wieder finde ich keinen Ort zum Halten. Für die Fotografie nehme ich mir deutlich mehr Zeit, wenn ich allein bin. Da drehe ich auch manchmal um oder gehe einige hundert Meter zu Fuß, um ein gutes Bild einzufangen. Jetzt schließe ich nur dichter auf und folge O. durch Kelbra. Der Berg erwartet uns und ich habe richtig Lust auf den Aufstieg. Wir lassen einen Parkplatz mit Imbiss rechts liegen und fahren in die ersten kleinen Kurven. Hier komme ich überraschend gut klar. Enge Schleifen in moderatem Tempo liegen mir deutlich besser, als die langgezogenen schnellen Kurven auf der Landstraße. Zwei Baustellen mit Ampelschaltung bremsen den Verkehr auf der Serpentine. Noch immer ist es ziemlich leer auf der Straße. Ich halte gut mit und nach nur wenigen Minuten erreichen wir den Parkplatz zum Denkmal. Schade, ich hätte noch länger durch die Straßen schaukeln können. Ich frage mich, was an dieser Strecke aufregend sein soll. Ich fand sie schlicht schön.
 



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Kommentare:

  1. Ich habe am Kyffäuser letztes Jahr Blut und und Wasser geschwitzt. Bergab, ein Auto im Nacken, dass nicht einsah, sich an die Geschwindigkeit zu halten und dicht am Nummernschild von Gesa klemmte, diese fürchterlichen Rüttelstreifen überall und unbekannte Strecke voraus.

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    1. Unbekannte Strecke ist auch mein Stichwort. Mir wurde mal gesagt, ich solle mehr Vertrauen in die Straßenbauer haben und nicht immer glauben, hinter jeder Kurve lauert etwas. Ich denke, das kommt mit der Zeit. Das Wochenende hat mir gezeigt, dass so ein richtiges Training tatsächlich etwas bringen kann. Übung macht den Meister.

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  2. Schwarzes T-Shirt, schwarze Lederröhre, Dr Martens, ich glaube, wir nannten das damals (Ende 80er/Anfang 90er) dark wave, das war doch immer schon cool. Ich habe jedenfalls meine Docs getragen (auch lange als Mopped-Stiefel), bis sie auseinander fielen.

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    1. Bei mir war das damals tatsächlich schon "Biker", weil ich in einen schönen und starken Mann verliebt war, der mich auf seiner Kawasaki durch die Gegend chauffiert hat. Und so lief ich halt immer so rum ;-)

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