Donnerstag, 15. September 2016

Kilometer 19.476 – 20.354 - Harz Ballade 1. Kapitel

Sinn und Sein

 Blau und Orange leuchtet der Himmel in Komplementärfarben. Wir stehen am Sonntagabend an einer Tankstelle irgendwo auf der Bundesstraße 4 bei Uelzen. Hinter uns liegt ein Wochenende, das sich wie ein ausgeprägter Urlaub anfühlt. Gestern Abend scheint Tage her zu sein. „Teilst Du es mit mir?“ höre ich O.‘s Stimme. Er sieht mir an, dass ich mich in der Schönheit des Augenblicks verloren habe. „Wieso suchen wir Menschen ständig nach bizarrer Unterhaltung, wenn uns die Natur diese tollen Bilder schenkt?“ O. lächelt. Die körperliche Erschöpfung lässt mich pollysophisch werden. „Zieh Deinen Pulli an, Dir wird kalt.“ Die letzten Sonnenstrahlen begleiten uns durch Niedersachen.
 
Nur 49 Stunden zuvor waren wir in Braunlage angekommen. Nach meiner ersten kurzen Tour durch den Harz wollte ich unbedingt noch einmal hierher und hatte für das erste Septemberwochenende das Dream-Team zusammengetrommelt. Eigentlich sollten wir zu viert sein, dann kamen Krankheit und andere Hindernisse, so dass ich mich am Ende mit O. allein in Melbek traf und wir uns Richtung Mittelgebirge schoben. Die vorausgegangenen Ereignisse waren ermüdend gewesen und ich war froh, dass wir nun endlich ins Rollen gekommen waren. O., im Sternzeichen Jungfrau geboren, ist ein Pedant bei der Einhaltung seiner eigenen Zeitpläne. Das sollte ich in den folgenden Tagen noch öfter zu spüren bekommen. Gleich legte er ein ehrgeiziges Tempo vor und lenkte die VN 2000 ambitioniert durch den dichten Feierabendverkehr der Landbevölkerung. Doch mit dem Großen Schwarzen, dessen Maschine mehr als doppelt so groß ist, wie die der PJV, kann mein tapferes Pony nicht mithalten. Das gemeinsame Cruisen fand dort sein Ende, wo ich im Überholvorgang einfach verhungerte. Während O. im kurzen Sprint 2, 3 manchmal 4 Autos auf einen Schlag überholte, schaffte ich 1, maximal 2 Vehikel bevor ich mich wieder einreihen musste. Der Antritt meiner VN 900 ist bei 48 PS einfach zu gemächlich und so ließ ich den 100 PS starken Schwarzen ziehen um mich auf einen mir angemessenen Rhythmus zu konzentrieren.
 
Wir erreichten Braunschweig und Bad Harzburg und stiegen schließlich die gut ausgebaute Straße in Richtung Torfhaus hinauf. Rechts von mir senkte sich die Sonne zwischen den hageren Birken. Ich wollte anhalten und die Szenerie fotografieren, doch ich fand keinen geeigneten Platz für einen schnellen Stop. Am Besucherzentrum des Nationalparks hielten wir kurz und schauten auf den Brocken. Ich atmete aus. Nun konnte unser neues Harz-Adventure beginnen.
 



 




Auf der B4 senkt sich die Nacht herab. O. leuchtet uns den Weg, ich folge ihm. Wie immer denke ich darüber nach, was ich aus diesem Wochenende zu berichten habe und wieder kommen mir die Zweifel, ob der Blog noch das richtige Instrument für mein Motorrad-Tagebuch ist. Was als Reisebericht begann, wurde zu einem Hobby, das mich auf vielen Ebenen sehr bereichert. Auf einer Seite stehen die vielen reizenden Bekanntschaften, die ich geschlossen habe. Auf der anderen Seite steht das Schreiben, das schon immer meine Leidenschaft war. Und wie sagte ich einmal: Ich blogge, um zu unterhalten. Doch momentan stehe ich an einem Punkt, an dem ich meine Texte hinterfrage. Schreibe ich wirklich noch frei? Schreibe ich interessant? Mit Sicherheit haben sich meine Berichte weiter entwickelt und zu den Reisen gesellen sich immer mal wieder private Gedanken. Doch wie fühlt es sich für den Leser an, wenn ich unterhaltsame Themen aus meinem Leben weglasse, weil ich mich nicht bereit fühle, einen weiteren Blick in mein Inneres zuzulassen? Sind meine Erlebnisse auf der PJV auch ohne diese intimen Momente eine Bereicherung für die Leser? Oder ist es nichts Halbes und nichts Ganzes?
 
Vermutlich sind viele Unterhaltungs-Blogger, die sich nicht an Produkte oder Haushaltsthemen binden, irgendwann an diesem Punkt. Unser Ziel ist ja nicht, die Welt mit wissenschaftlichen Abhandlungen zu Wimperntusche, Kameralinsen und Schmerztherapie zu bereichern. Meine Berichte sind auch keine Reiseführer, die man aufblättert, um die Hotspots der Motorrad-Welt zu finden. Meine Texte sind ein Begleiter in der U-Bahn, eine Verkürzung der Wartezeit beim Arzt oder ein Lächeln vor dem Einschlafen. Gehört dazu nicht auch eine gewisse Rockstar-Mentalität? Besitze ich die? Seit ich meine Augen benutzen konnte, habe ich Bücher verschlungen. Während meine ältere Schwester in der ersten Klasse fleißig die ersten Geschichten zu „Fu und Fula“ lernte, habe ich mir anhand ihrer Schreibhefte das Lesen gleich selbst beigebracht und es genossen, die vielen Bücher zu verstehen, die sich in unserem Haushalt befanden. Das Lesen hat mich so glücklich gemacht, dass schon in der Kindheit der Wunsch entstand, einmal ein eigenes Buch zu schreiben, um diese Freude weiter zu geben. Damals gab es aber noch kein Internet, kein Social Media und keine Flut von Blogs über alles Erdenkliche. Macht das, was ich tue so eigentlich Sinn? Die Sinnfrage begleitet uns Menschen seit unserer Entstehung. Deswegen haben wir uns Stories von Adam und Eva, Allah und dem Großen Geist ausgedacht und der Dalai Lama glaubt zu wissen, der Sinn des Lebens sei, glücklich zu sein. Im ZEN-Buddhismus geht es darum, zu sein um zu sein. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Denn die Besonderheit steckt wohl darin, dass man nicht ist, um irgendwelche Erwartungen zu erfüllen, um Leistung zu bringen, um andere glücklich zu machen. Man ist auch nicht, weil man gebraucht wird, jemand an einem festhält oder man gefallen will. Man ist, des Seins wegen. Da hinterfrage ich mich gleich doppelt.
 
Als wir am Freitagabend nach Bezug der Ferienwohnung und einem schnellen Essen in der „Zauberwelt“ auf der Terrasse unseres Hauses „Antje“ saßen, lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück und blickte in den Nachthimmel. Das Licht am Haus blieb erloschen solange sich niemand bewegte. Eine Kerze gab es nicht. Ich verlor meine sorgenvollen Gedanken des Nachmittags in der Dunkelheit und mich selbst in den Sternen und in dem heilsamen Schweigen zweier Komplizen. Die Stille hüllte uns ein, wie ein übergroßer Mantel der Geborgenheit. Das bedingungslose Sein war plötzlich spürbar. Es sollte ein wundervolles Wochenende folgen.
 

Kommentare:

  1. Doch, doch, Dein Schreiben hat einen Sinn. Es ist Unterhaltung, aber es ist auch mehr. Man erfährt immer etwas über den Menschen hinter den Zeilen. Schon dadurch, wie er die Erlebnisse beschreibt. Schicke zwei Leute los, lass sie ihre Erlebnisse niederschreiben, sie werden unterschiedlich sein. Weil wir alle unterschiedlich sind. Du siehst und erlebst Dinge anders als ich. Für mich ist es interessant, das zu lesen. Und ich hoffe umgekehrt auch.


    Wir sind uns auch da sehr ähnlich, ich habe auch schon lange vor der Schule lesen und schreiben mir beigebracht (ich habe deshalb immer noch Probleme mit dem kleinen b und dem kleinen d ) und habe die Bücher bei uns verschlungen.

    AntwortenLöschen
  2. Als stiller Leser muss ich dir sagen:
    Dein Blog ist gut so genau so wie er ist. Schreibe weiter über alles. Ob Bike, Touren oder deine Gedanken und Gefühle. Diese Mischung ist es die deinen Blog für mich lesenswert machen.
    PS Wenn es geht dann teste mal den Thüringer Wald. Wir haben hier auch super Strecken für Cruiser. Und landschaftlich haben wir hier unten auch viel zu bieten.

    Grüße und weiter so.

    Hardy.

    AntwortenLöschen
  3. Auch ich lese immer mit Begeisterung. Einerseits wegen Deiner Hamburg Touren/Bildern, andrerseits weil ich bikende Frauen einfach cool finde.
    Und auch noch ein Tipp fürs Cruisen: Schwäbische Alb, Lautertal und eine Strecke zum Bodensee...

    AntwortenLöschen
  4. Meine Liebe :)
    allein, dass du es hinterfragst, was das hier alles soll, macht es ja interessant als Leser. Dies ist schon ein Teil deines Inneren, der ausreicht, ohne dass man etwas vermisst. Natürlich muss uns als Lesern auch etwas vorenthalten bleiben. Eben wie bei den Rockstars. Denn sobald man alles über die weiß, sind sie nicht mehr spannend, sondern nervig und traurig, weil sie ja offensichtlich sowas wie Reality-TV mitgemacht haben oder zu viel von ihrem Leben zu öffentlich gemacht haben. Ist doch erschütternd, welche Details man auf manchen Blogs erhält über Krankheiten, Trennungen und so weiter... Ist ja kein Klatschblatt son Blog. Aber ohne einen Anteil Polly-Innerei wären deine Texte vermutlich seelenlos... :-*

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das klingt klug..... (denke drüber nach)
      Hm.... <3

      Löschen
  5. Liebe Polly, es gibt Reiseberichte, die sind todlangweilig, und es gibt Erzählungen, die von der Tour um den Block handeln können, die total spannend und interessant sind, gerade wegen der Gedanken, der Menschen, die man trifft, dem Sinn für's Detail. Letzteres bekomme ich bei Dir. Vielen Dank an dieser Stelle dafür.

    Ich verstehe meinen eigenen Blog eher als (früher geheimes, seit ein paar Jahren aber offenes) Tagebuch, dass ich seinerzeit 2005 mit meinem Kanada-Auswanderer-Blog begonnen habe. Ich habe mich dann blogmäßig aufgrund meiner Hobbies irgendwann total verzettelt, zum Teil fünf Blogs gleichzeitig (zzgl. content management meines Motorradclubs) geführt, aber das inzwischen auf zwei konsolidiert. Für mich war das wertvollste, dass mir das öffentliche Schreiben gebracht hat, sind die Bekanntschaften, ja manchmal sogar Freundschaften (das geht sogar noch im "hohen" Alter...*freu*), die daraus entstanden sind.

    Mach weiter so! Und in den nächsten zwei Jahren solltest Du auf Deinem Weg zum Bodensee (Marcus' Vorschlag) mal im Schwarzwald vorbei schauen. Hier wäre ein Zimmer frei... ansonsten sehen wir uns bestimmt noch im hohen Norden.

    AntwortenLöschen
  6. Moin Moin Deern !
    Bitte mach weiter so alles richtig wie du es machst , ich bin ein begeisterter Leser deiner Blogs !

    AntwortenLöschen