Donnerstag, 1. September 2016

Kilometer 18.235 - 18.744 - Ein ganz normales Wochenende

 
Ich sitze in der Siegerehrung für den Fotomarathon, als mein Smartphone piept: “Kurven Kurven trockene Kurven schnelle Kurven“ Fünf lachende Emoticons folgen. O. hat Spaß. Während ich mich in meiner zweiten Leidenschaft, der Fotografie, fortbilde und mir die Gewinner-Werke von Profis und professionellen Amateuren ansehe, flitzen meine Lieben an der Weser entlang und genießen die Sonne. Ich zerteile mich an diesem Wochenende und breche schließlich um 19 Uhr in Richtung Bremen auf. Doch in Hamburg’s Süden ist der Verkehr zusammengebrochen und staut sich kilometerweit bis in den Osten. Die A1 ist komplett gesperrt, was Reisende, die sich noch umentscheiden können, veranlasst, den Elbtunnel zu nehmen. Der hat aber auch nur begrenzte Kapazitäten und nachdem ich neulich einmal fast kollabiert bin, möchte ich erst recht nicht riskieren, in meiner zweite Tunnel-Übung im Stau stecken zu bleiben. Irgendwo muss man aber die Elbe überqueren. Das ginge in Glückstadt (Westen) oder am Zollenspieker (Osten) mit der Fähre, oder in Geesthacht an der Schleuse. Ich entscheide mich für Geesthacht, passiere Lüneburg und halte auf Soltau zu. Bei einem kurzen Stop checke ich noch einmal, ob ich nun die richtige Piste verfolge. Das ist der Fall, jedoch hat sich meine Ankunftszeit von 20.43 Uhr auf 21.57 Uhr verschoben. Naja. Zum Essen wäre ich auch um neun Uhr zu spät gewesen, denke ich, und da ich an der Situation nichts mehr ändern kann, tausche ich mein dunkles Visier gegen das gelbe Nacht-Visier und genieße den Sonnenuntergang und den Duft nach spätem Heu.
 
Ich freue mich auf die Gang, die mich erwartet. Mit ihnen war ich in den letzten Wochen häufiger unterwegs und jede Tour war so wundervoll bezaubernd, dass ich für entsprechende Berichte keine angemessenen Worte gefunden habe. So habe ich die „Heide-Poesie“ auf die kilometerarmen Wintermonate verschoben. Endlich erreiche ich den richtigen Ort und nach einem Blick auf die Landkarte finde ich auch die Straße, in der Familie Langwedel wohnt. In der Dunkelheit kann ich die Hausnummern kaum erkennen und so fahre ich einmal die gesamte Straße hinauf, muss am Ende doch drehen und sehe schließlich einen Mann mit seiner Taschenlampe winken. Damit hatte ich gerechnet. Die Leute lassen einen nicht lange durch das Wohngebiet irren. Herr Langwedel holt mich in’s Haus, nimmt mir meine Jacke ab und lotst mich auf die Terrasse. Schon seltsam, dass ich Eigenbrödler mich über die Anwesenheit vieler Leute freue. Das Geheimnis liegt wohl darin, dass man sich hier gegenseitig so schätzt, wie man ist. Ecken und Kanten werden nicht zurecht geschliffen, wer sich stößt, macht nächstes Mal einen größeren Bogen oder trägt den blauen Fleck als schmückendes Mal. Sofort werde ich mit Fassbrause, Hähnchenbrust und Salaten versorgt und höre den Geschichten des Tages zu. Herr und Frau Rochie, der Mutti, Herr Langwedel und O. sind durch die Lande flaniert. Frau O. ist nebst Hunden mit dem Auto angereist, hat sich mit Frau Langwedel einen Damen-Nachmittag gemacht und schließlich das Abendessen für die Heimkehrer vorbereitet. Ich bereue nicht einen Moment, dass ich noch am Abend angereist bin und der lange Umweg ist schon vergessen, als ich mich nach dem Dessert satt und zufrieden zurück lehne.
 
Der Sonntag startet so, wie der Samstag zu Ende gegangen ist. Frau Langwedel hat ein enormes Frühstück bereitet. Ich liebe Sonntagsfrühstück in großer Runde. So war es auch in meiner Familie Pflicht, am Sonntag um 9 Uhr am Esstisch zu scheinen. Als Pubertierende nervte mich das zwar, aber ich hatte eine Freundin, die am Wochenende gern bei mir schlief, weil dieses Ritual in ihrer Familie nicht üblich war. Gemeinsame Mahlzeiten waren immer der Anlass für Diskussionen, Pläne, Spaß und Streit. Heute, wo ich allein lebe, fehlt es mir sehr. In Frankreich ist das Frühstück die unwichtigste Mahlzeit des Tages. Wenn ich meine Ferien beim Wikinger verbringe, blutet mir jeden Morgen das Herz, wenn ich seine Morgenroutine teilen muss: Er steht auf, wärmt den am Vortag gebrühten Kaffee in der Mikrowelle auf und taucht ein Croissant hinein. Das ganze wiederholt er ein zweites Mal und schaut dabei in der kleinen Flimmerkiste auf der Kommode das Frühstücksfernsehen während zeitgleich das Radio läuft. Wenn ich nur 10 Minuten nach ihm in der Küche erscheine und meine kleinen Frühstücksutensilien zusammen suche, geht er schon anderen Tätigkeiten nach und ich bleibe allein am Tisch. Was soll ich sagen? Franzosen sind so und auch das muss man respektieren. Dennoch kann ich mich nicht daran gewöhnen. Dafür ist es heute eine familiäre Stimmung und als der für 10 Uhr vorgesehene Aufbruch naht, verabschiede ich mich fröhlich von der Gastgeberin und von Frau O., die mit den Hunden die Heimreise im Auto antritt.
 
Wir anderen machen uns zu sechst mit fünf Bikes auf den Weg in Richtung Wesermündung. Ich weiß gar nicht genau, wohin es geht. Früher hätte mich das verrückt gemacht, die Kontrolle so abzugeben. Aber heute ist es mir egal. Ich habe zwischen Mutti und O. den 4. Platz in der Reihe und lasse mich treiben. Meine neuen Reifen fühlen sich auf trockener Fahrbahn schon mal super an. Der Unterschied zu den abgefahrenen Dunlop ist deutlich spürbar. Zwei oder drei enge Kurven verhaue ich nur, weil ich so unkonzentriert vor mich hin singe, mir die Details der Landschaft anschaue und nicht weit genug runter schalte. Plötzlich bleibt mir die Luft weg. Mutti schmeißt sich mal wieder so eng in die Kurve, dass seine Drifter aufsetzt und ich sehe, wie sich die Reifen kurz vom Asphalt lösen. Mit geübtem Hüftschwung, schickt unser Sturz-König das Bike wieder in die richtige Position und schließt hinter den anderen auf. Ich denke, ich schaue nicht richtig. Aber O. kommt neben mich und bedeutet mir mit Daumen und Zeigefinger, dass das soooo knapp war. Also hatte ich keine Halluzination. Ich klopfe mir mit flacher Hand auf mein Herz. O. nickt verzweifelt lächelnd und lässt sich wieder zurück fallen. Als dunkle Wolken aufziehen, wird die Routenplanung modifiziert, was mir egal ist, ich wusste ja eh nicht, wohin wir reisen. Als ich jedoch das Stichwort „Wesertunnel“ aufschnappe, werde ich unruhig. Meine Tunnelangst macht sich bemerkbar. Ich sage den anderen nichts davon. Nützt ja nichts. Irgendwie müssen wir ja auf die andere Seite. Ich versuche mich damit zu beruhigen, dass der Wesertunnel kürzer sein muss, als der Elbtunnel, in dem ich meine Panik über mehr als 3km aushalten musste. Damals war ich auch sehr überrascht von diesem Zustand, da ich bei meinen unzähligen Fahrten mit dem Auto nie Probleme hatte. Heute kann ich mich zumindest mental vorbereiten und versuche es mit einer verhaltenstherapeutischen Maßnahme gegen Angst. Viel Zeit habe ich nicht dafür. Schon nach wenigen Minuten sehe ich die Einfahrt in den Tunnel. Ich hole tief Luft und konzentriere mich, das Tempo zu halten. Im Rückspiegel sehe ich O. dicht aufholen. Ich fahre weit rechts und er klemmt sich mit seinem Vorderrad an mein Knie. Zu erkennen, dass er um meine Tunnelphobie weiß und mich nun voran treibt, gibt mir etwas Sicherheit. Ich spüre regelrecht seine Hand auf meinem Rücken, die mich zu schieben scheint. Ich schnappe nach Luft und spüre, dass unter der Weser deutlich besseres Klima herrscht als unter der Elbe. Ich kann frei atmen und werde nicht ersticken! Nach kurzer Zeit, die sich wie viele lange Minuten anfühlten, tauchen wir auf der anderen Seite in das Tageslicht. Was bin ich froh und glücklich! Diese Erfahrung kann ich als positiv verbuchen. Dem Elbtunnel muss ich mich wohl doch noch einmal stellen. Irgendwann einmal. Vielleicht nicht noch einmal allein.
 
In Bremerhaven halten wir zur Mittagspause an. Ich freue mich, über den Deich zu schauen und das Meer zumindest wolkenverhangen zu sehen. Während die anderen Suppe, Salat und Currywurst essen, halte ich mich an Kaffee und Saftschorle fest. Ich kenne mich: Wenn ich mittags etwas esse, bin ich anschließend 2 Stunden müde. Im Büro helfe ich mir mit Kaffee. Allein reisend lege ich mich einfach irgendwo ins Gras oder auf eine Bank und schlafe eine halbe Stunde. Doch in der Gruppe ist das schlecht möglich. Mangel an Essen kann ich besser aushalten als Mangel an Schlaf. Deshalb verzichte ich beim Ausritt gern auf Füllstoffe. Umso glücklicher bin ich über die Idee, nach dem Essen einen Spaziergang zur Aussichtsplattform zu machen. Leider ist die dann aber wegen eines heraufziehenden Unwetters gesperrt. „Wieso das denn?“ rufe ich entrüstet. Enttäuscht spazieren wir am Klimahaus vorbei und als wir gerade zum Restaurant zurück wollen, regnet es aus Eimern. Wir stellen uns klönend unter ein Dach. Während wir die Wassermassen beobachten, denke ich an meine PJV, wie sie da nun nass im Regen….. Oh putain de merde! Mein Helm hängt falsch herum am Lenker!!
 
Das Wetter wird nicht mehr wirklich besser. Immer mal wieder schauert es, so dass wir langsam die Autobahn in Sittensen ansteuern, von wo aus wir alle auseinander gehen. Wir verabschieden uns von Familie Rochie und Herrn Langwedel. Kurz vor Maschen halten Mutti, O. und ich wieder an und verabschieden uns noch einmal. Mutti bleibt auf der A1 nach Lübeck, ich folge O. bis Maschen und drehe dann in Richtung Elbe bei. Auf diesem Umweg lasse den Tag in Ruhe nur für mich ausklingen. So gern ich die Biker-Familie um mich habe, so sehr genieße ich die einsame Rückkehr in meine kleine ruhige Welt.







 

Kommentare:

  1. Oh, wie schön! Die Wesermarsch und Bremerhaven! Da war ich auch neullich!

    Du schreibst das alles so schön, da wäre ich auch gerne dabei gewesen.

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  2. Tolle Truppe die Du da hast. Und die Bikes machen schon was her im Rudel. Solche Touren sind es, die uns Biker ausmachen. ...

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    1. Ja, die sind mir echt an's Herz gewachsen... :-)

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  3. Jetzt weiß ich warum die Franzosen mich hier immer so anschauen beim Frühstück:-) für mich die wichtigste Mahlzeit und so fällt sie dann auch etwas üppig aus.wie immer sehr schön geschrieben Polly, danke

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  4. Sehr gut geschrieben, scheint eine super Truppe zu sein.
    Das ist es was das Leben lebenswert macht mit solchen Freunden gemeinsam zu fahren . Danke für deine Blogs

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  5. Die Fähre in Glückstadt kenne ich auch gut. Da die Verwandtschaft väterlicherseits alle in SH leben, ist die für meine Eltern früher eine Alternative gegen den Elbtunnelstau gewesen, als wir noch während der Sommerferien fahren mussten. Inzwischen sind wir "Kinder" aus dem Haus und die Beauche bei der Verwandtschaft weniger geworden. *kopfkratz* Wann war ich eigentlich das letzte Mal im Norden? Ich glaube, ich müsste wieder mal fahren.... Wobei ich aber noch nie mit dem Gelbschen auf einer Fähre war. Davor habe ich schon irgendwie einen Heidenrespekt.

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    1. Ich bin mit meiner PJV einmal zufällig auf einer Fähre in SH gelandet, als ich einfach der Beschilderung auf der Landstraße gefolgt war. Das war gar nicht schlimm :-) Nun mache ich das öfter mal und bei uns sind sowohl die Schiffe in Glückstadt, als auch am Zollenspieker/Hoopte beliebte Treffpunkte für Biker.
      Also: Wenn Du mal üben willst..... ;-)

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