Donnerstag, 11. August 2016

Kilometer 16.436 - 16.899 - Rügen und Mecklenburg Tag 2

Langsames Erwachen
Die Nacht war kühl, doch ich hatte genügend wärmende Kleidung dabei. Um kurz nach sechs schlage ich die Augen auf und werfe einen Blick aus dem Zelt. Sofort bin ich hellwach: Da steht mein tapferes Pony und glänzt in der Sonne! Wie wunderschön es ist. Ich bleibe noch eine Weile liegen und genieße die Stille. Nebenbei überlege ich mir einen Plan für den heutigen Tag. Annika hatte mir noch viele Geheimtipps für die Insel geschickt, die ich gern erforschen würde. Andererseits möchte ich mir auch auf der Rückfahrt Zeit lassen und nicht über die Autobahn zurück müssen. Ach wir werden sehen, was der Tag so bringt.
Pause am Bodden
Ich schäle mich aus meinem Schlafsack und schlurfe zum Waschhaus. Die Duschen sind erst ab 7 Uhr geöffnet. Die Rezeption auch. Egal. Ich wasche mich am Waschbecken und gut. Den Rest Tee von gestern Morgen konnte auch die Thermosflasche nicht mehr retten und so trinke ich ihn kalt während ich die Nase in die zarten Sonnenstrahlen halte. Dann zieht es mich zurück auf die Straße. Rasch packe ich meinen Krimskrams zusammen und belade die PJV. Das Piepen meines Telefons kündigt die Nachricht eines An-Mich-Denkers an: Am Mittag soll eine Regenwolke über die Insel ziehen. Gut, dass ich jetzt schon abfahrbereit bin. Ich muss schmunzeln. Das ist typisch Motorradfahrer. Man kümmert sich umeinander, denkt aneinander. Von meiner Familie bin ich das gewohnt. Doch nach nunmehr fast einem Jahr mit einer Vulcan 900 zeigt sich, welche neue Bekanntschaft zu einer wirklichen Freundschaft werden könnte. Ich möchte gar nicht mit allen Menschen befreundet sein. Das hieße ja, dass es über das Cruisen hinaus noch weitere Gemeinsamkeiten geben müsste, um sich auch abseits er Straße noch bereichern zu können. Doch sind wir ein gemischter Haufen Persönlichkeiten aus allen Bereichen der Gesellschaft. Manche Menschen wären mir abseits der Straße niemals begegnet. Oder vielleicht wäre man desinteressiert aneinander vorbei gegangen. Mehr Wert als eine erzwungene Freundschaft sind mir fähige Gefährten, auf die ich mich auf der Straße zu 100% verlassen kann. Um 8 Uhr holpert mein tapferes Pony über den Trampelpfad und nachdem wir die Schranke passiert haben traben wir zunächst noch kurzbeinig über die Waldstraße. Ich denke an den An-Mich-Denker. Wenn er hier wäre, würden wir gar nicht zum cruisen kommen, sondern stundenlang auf dem Stapel Baumstämme sitzen und reden, schweigen und auf das Wasser blicken. Der An-Mich-Denker ist weit vorn in Sachen Freundschaft.
  
In Putbus halte ich beim Bäcker und atme regelrecht ein ordentliches Frühstück ein. Frisch gestärkt fahre ich nach Norden und nehme die wunderschönen aber leider auch unfallreichen Alleen. Die alten dickstämmigen Bäume bilden einen richtigen Tunnel über der Straße. So muss es aussehen, wenn die Ents Spalier stehen. Ich fühle mich geborgen und behütet unter dem dunkelgrünen Blätterdach. Trotzdem ist Vorsicht geboten. Insbesondere Motorradfahrer werden in den flackernden Lichtern aus Sonne und Schatten häufig übersehen. Auch ich habe so manchen Blindflug, wenn ich von der Sonne geblendet auf den nächsten Schatten zufahre. Ich schalte meine Nebellampen an, so dass ich zumindest nach vorne stärker leuchte. Ja ich weiß, das ist verboten. Sollte ein Ordnungshüter zu meiner treuen Lesergemeinde gehören, so bitte ich darum, von einer Anzeige abzusehen. Die beiden Latüchten retten mir das Leben, wenn ich dadurch von entgegenkommenden Überholern besser wahrgenommen werde.


  
In Binz angekommen flaniere ich die Promenade entlang. Vor über zehn Jahren war ich zuletzt hier. Rein äußerlich hat sich gar nichts verändert, die charakteristische Bäderarchitektur ist an vielen Orten in Europa zu finden. Allerdings haben die Mieter sich geändert. Wie auch in Westerland hat der Fischkönig „Gosch Sylt“ den ersten Laden am Platz. Das Restaurant liegt direkt vor der Seebrücke rechtsseitig an der Fußgängerzone. Gibt es vielleicht eine Studie, die belegt, dass hungrige Menschen, wenn sie vom Meer kommen, immer nach rechts schauen? Außerdem finde ich auch in Binz nun die teuren Designer, deren Boutiquen ebenso auf Sylt, in Deauville oder Saint Tropez anzutreffen sind. Bien welcome Globalisierung.

 Der Ostseetourismus boomt, die Strände sind voll und ich gehe meiner Lieblingsbeschäftigung nach und betrachte Menschen. Ganz unsichtbar bin ich leider nicht. Während Touristen in leichten Kleidern oder Badehosen durch die Stadt streifen, stapfe ich in Lederhose und Stiefeln umher, trage meine Lederjacke über der Schulter und eine Mütze auf dem Kopf. Eigentlich wollte ich mir noch die neue Gestaltung von Prora ansehen. Doch ich finde keinen geeigneten Platz für mein Motorrad, habe keine Lust auf Parkgebühren und sehe die Zeit davon rennen. Also fahre ich weiter, verlasse die Insel und halte in Stralsund, wo ich Fischbrötchen und Eis zum Mittag esse.


Bester Matjes vom Kutter - Ein Genuss!!
Die Nikolaikirche


Stralsund

Auf dem Festland herrscht bestes Motorradwetter. Ich entscheide mich, noch eine Region zu inspizieren, die ich sehr gern einmal für ein Wochenende bereisen möchte. Die Mecklenburgische Seenplatte. Gemäß Google sind das 200km Umweg. Egal, der Tag ist noch jung und so wage ich den Abstecher in Richtung Waren an der Müritz. Ob das die beste Idee war? Schließlich habe ich schon mehrere weniger glückliche Erfahrungen auf Mecklenburgs Landstraßen gemacht (bei meiner 3-See-Fahrt z.B. und in Richtung Boltenhagen). Allerdings werde ich die rund 500km nicht auf den kleinsten Pfaden fahren, irgendwann will ich ja auch zu Hause sein. Ich schicke eine grobe Wegplanung an den An-Mich-Denker, damit jemand weiß, dass ich nicht gemütlich auf der A20 im Stau stehe, und lasse das tapfere Pony laufen. Der Weg ist kurzweilig und wir kommen prima voran. Was soll ich sagen: Danke Europa! Das Volk meckert über den vermeintlichen Misserfolg der European Union, doch hier und da finden sich die Vorteile im Verborgenen. Ich rolle auf top sanierten Pisten durch einsame Landstriche. Auf kleinen Schildern wird vermerkt, dass der Ausbau der Straße Sounso von der EU kofinanziert wurde. Es ist ein Traum. Je dichter ich der Müritz komme, desto mehr Motorradfahrer begegnen mir. Immer wieder biegen die kleinen Grüppchen in Richtung Nationalpark ab, während ich der Bundesstraße folge. Hier scheint auf jeden Fall so manche Sonntagsrunde stattzufinden. Auffällig ist die hohe Anzahl der Kuttenträger, die mich interessiert beäugen. Fremdes Wild im Revier? Als Frau ohne Couleur hocke ich gelassen auf der PJV und erwidere die Grüße der Einheimischen. Auf jeden Fall werde ich noch einmal hierher kommen und mir die kleinen Strecken an den Seen anschauen. Der Umweg hat sich gelohnt.
Irgendwo in Mecklenburg
Als ich mich verfahre und von der Bundesstraße auf eine kleine Landstraße komme, bin ich fast allein auf weiter Flur. Ich fliege voran und säße ich nicht auf dem Motorrad sondern auf meiner schnellen Araberstute, würde ich die Augen schließen, die Arme ausbreiten und mich einfach durch den Wind tragen lassen. Nun ja. Die PJV kann erstens nicht so gut gucken, und würde zweitens immer langsamer werden, wenn ich beide Hände in die Luft hielte. Am Ende gar umkippen. Also behalte ich die Verantwortung und die Hand am Gasgriff.
Unmerklich verfliegt die Zeit. Ich könnte immer wieder anhalten und Fotos von der schönen Landschaft machen. Doch dann käme ich heute nicht mehr zu Hause an. Also passiere ich Parchim, Boizenburg und Lauenburg und anstatt der Elbe zu folgen, nehme ich den kurzen Weg über Geesthacht und die Autobahn. Um halb neun kommen wir müde aber glücklich zu Hause an. Ich lasse mein tapferes Pony in der Garage zurück, schiebe meine Reisetasche auf dem Fahrrad nach Hause und noch bevor ich in meiner kleinen Dachwohnung meine Jacke ausgezogen habe, steht ein Topf mit Nudelwasser auf dem Herd. Die Nudeln esse ich während ich meine Stiefel und Lederklamotten ausziehe. Den letzten Bissen kauend stehe ich schon unter der Dusche von wo aus ich noch schnell die Nachricht verschicke, dass ich gut zu Hause angekommen bin. Dann falle ich ins Bett. Morgen früh werde ich mich nicht einmal mehr an die ersten Worte meines Hörbuch-Kapitels erinnern können.




Kommentare:

  1. Genial geschrieben 🤘🏻👍🏻

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    1. Danke lieber Harry, das ist ein wundervolles Kompliment. Schön, dass Du mich begleitest!

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  3. Es sieht also auf Rügen immer noch so aus, wie ich es kenne. Das ist irgendwie beruhigend. Als ich das letzte Mal dort war, war ich auch in Binz gewesen. Dort hat es sich aber ganz sicher verändert, so wie es sich anhört, was Du schreibst.
    Aus Stralsund kommen Teile meiner Familie. In der Nicolaikirche soll es ein Familienwappen geben und im Rathaus Gemälde zweier Vorfahren. Auch in Waren, wo Du ja auch längs gekommen bist, hat es mal einen Vorfahren gegeben.
    Das sind alles Orte, wo ich gerne mal, oder gerne mal wieder hin möchte.
    Wie schön, das mal aus Deiner Perspektive zu sehen.

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    1. Wo Ihr Euch überall rumgetrieben habt erstaunt mich immer wieder. Ich wünschte, ich wüsste nur einen Bruchteil über meine Familie......
      Tjoa, also wenn Du Dir das Wappen mal ansehen möchtest - sag Bescheid. Ich forsche mit Dir!! :-)

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    2. Das erstaunt mich auch immer wieder und ich denke manchmal, das glaubt mir bald keiner mehr. Aber das war nur die Familie mütterlicherseits, die sich so übers Land verstreut hatte. Die andere Linie ist geradezu bodenständig gewesen.
      Ja, ich würde gerne mal wieder in die Gegend. Da war ich schon viel zu lange nicht mehr. Und ich würde auch gerne mit Dir da hinfahren. Vielleicht wird es ja im nächsten Jahr etwas!

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  4. Guten Morgen liebe Polly, nach langer Zeit habe ich endlich mal wieder einen ruhigen Moment zum Lesen gefunden und bin, wie auch schon bei deinen früheren Berichten, mittendrin, statt nur dabei gewesen :) Wunderschön beschrieben, ich werde irgendwie immer so ruhig beim Lesen deiner Texte. Fast ein bißchen meditativ. Klingt nach einem wunderbaren Tag von dir und deinem Pony! Liebe Grüße :) Kea

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    1. Liebe Kea! Schön dass Du mal wieder vorbei geschaut hast! Ich dachte schon, Du bist nun selbst immer mit Deinem Mann auf dem Motorrad unterwegs ;-)
      Das was meine Texte mit Dir machen, ist genau das, was das Fahren mit mir macht. Wenn Du diese Ruhe genauso empfindest, habe ich mein Ziel in der Schreiberei erreicht! Liebe Grüße und bis bald!!

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  5. Hast Du etwa beim "meinem" Fischkutter in Stralsund Dein Fischbrötchen gemampft? Schön! Will auch wieder hin.
    Ich mag besonders den Sonneneinfall über dem Zelt im ersten Bild. Klasse Schnappschuss.

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    1. Es war auf jeden Fall das beste Fischbrötchen ever. Davon hätte ich noch 5 Stück mampfen können ;-)

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