Samstag, 27. August 2016

Ein sportlicher Seitensprung


„Wenn Du geblitzt wirst, sag mir Bescheid!“, sagt Dirk, als er mir den Schlüssel für die ER6n in die Hand drückt. „Wahrscheinlich werde ich eher wegen Verkehrsbehinderung einen Strafzettel bekommen.“ antworte ich verlegen. Er schüttelt grinsend den Kopf.
 
Mein tapferes Pony braucht neue Reifen und Bremsklötze. Da ich mich von Dunlop trennen will und über Metzeler schon viel Kritik zum Marathon bei Nässe gehört und gelesen habe, entscheide ich mich für Bridgestone Exedra Max. Ein Kumpel fährt den auch und ist zufrieden damit. Continental wäre noch eine Option, aber da kenne ich niemanden. Gern hätte ich auch Avon Cobra probiert, aber die haben für mein Modell noch kein Hinterrad. Wie wir alle wissen, bin ich kein Motorrad-Experte und so muss ich auch die richtige Reifenwahl erst einmal für mich erlernen. Was ich aber schon sehr genau weiß, ist, dass alle persönlichen Umfragen und alle Recherchen erst dann einen Wert bekommen, wenn ich die Reifen auf meinem Motorrad mit meiner Fahrweise ausprobiert habe. Dennoch hoffe ich, dass ich mit dem Bridgestone so zufrieden bin, dass ich nicht gleich wieder wechseln will.
 
Nach der Inspektion am Montag lasse ich meine Vulcan das zweite Mal in dieser Woche bei Dirk zurück und starte die ER 6n. Bislang hatte ich ja immer die Vulcan S als Leih-Bike, die zwar der Cruiser-Linie zugeordnet wird, aber mit den schweren verchromten Schiffen schon nicht mehr viel zu tun hat. Nun steige ich auf eine sportliche Straßenmaschine, die der ER 5, die ich in der Fahrschule gefahren bin, nicht unähnlich ist. Kurz die Beine sortiert, Kupplung angefühlt und los geht’s. Zum Glück bin ich eine so defensive Fahrerin, dass mir auch eine etwas flottere Maschine nicht aus Versehen unter’m Hintern wegrennt. Ich spüre mein Körpergewicht auf den Handgelenken, doch bei 50km/h nimmt mir der Fahrtwind langsam das Gewicht von den Armen. Die hohe Sitzposition lässt ein deutlich aktives Fahren zu, wie ich es aus den Grundfahraufgaben der Fahrschule erinnere. Der Slalom um die weißen Markierungsstreifen fällt etwas leichtfüßiger aus, als mit meiner schwereren Maschine. Es gibt Leute, die sagen, dass es egal sei, welches Bike man fährt. Grundsätzlich funktionieren sie alle gleich. Aber ich empfinde das überhaupt nicht so. Die solide, bodennahe Unerschütterlichkeit, die ich an meiner Vulcan 900 schätze, wenn ich auf Reisen durch die Lande cruise, muss in der Stadt erst einmal dynamisch bewegt werden. Und immer wieder höre ich mir an, dass ja zwischen den 300kg meiner 900er und den 400kg der 1700er kaum ein Unterschied bestände. In Bewegung sicher nicht, aber im allgemeinen Handling und beim Ein- und Ausparken etc mit Sicherheit. Da verzichte ich lieber auf 25 PS und bin in der Lage, mein Bike selbst zu schieben.
 
Die ER6n wiegt rund 100kg weniger, als mein tapferes Pony. Und auch das ist deutlich spürbar. Beim Rangieren bewege ich sie locker mit nur einer Hand am Lenker und als ich leicht bergab an der Ampel stehe, muss ich nicht einmal die Bremse betätigen. Ich halte das Bike einfach fest, indem ich mich leicht zurück lehne. Allerdings braucht es einen Moment, bis ich mich Rückengeschädigte aus der vorgebeugten Haltung in eine aufrechte Körperhaltung gebracht habe. Der hoch angesetzte Tank wirkt enorm, dabei fasst er "nur" 16 Liter. Der zackige Antritt verleitet zu sportlichem Fahren und langsam finde ich auch heraus, wie ich flüssig bis in den sechsten Gang schalten kann. Der Blick auf den Drehzahlmesser hilft. Die ER6n ist erst bei 11.000 Umdrehungen im roten Bereich und so verliere ich auch die Hemmungen, die Gänge deutlich weiter auszufahren, als bei meiner Vulcan. Ab geht die Post und Dirk’s Warnung vor den Blitzern gewinnt an Berechtigung. Bei 100km/h wird es wieder anstrengender. Nackt bin ich dem Wind ausgeliefert und der drückt mir ganz gut gegen die Brust. Aber lange kann ich eh nicht rumspielen und so gebe ich das Bike am nächsten Nachmittag zurück.

Als ich auf mein dickes Pony steige, lache ich laut los. Ich drehe am Gas, lasse die Kupplung kommen und die Vulcan setzt sich gemächlich in Bewegung. Ich schnalze mit der Zunge, doch sie lässt sich nicht scheuchen. Auf der Landstraße fällt sie in einen gemütlichen Trab und schließlich in einen leichten Galopp. Mein tapferes Pony. Verliebt klopfe ich ihm zärtlich den Tank.
 
 
 

Kommentare:

  1. Deine PJV steht dir besser

    Gruß Old Biker

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  2. "Nackt bin ich dem Wind ausgeliefert und der drückt mir ganz gut gegen die Brust..."
    Herrliches Kopfkino.. XD...und ich muß sagen, Old Biker hat recht. Das Pony passt besser zu Dir...

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  3. Ich habe mir so viel Mühe gegeben, beim Posing sportlich zu wirken :-D

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  4. Ich glaube alle Moppeds haben ihre Reize. Ich bin z.B. mittlerweile mit meinen 250ccm und 23 PS völlig zufrieden, weil man damit alles (ausser schnell beschleunigen)und mehr machen kann. Hätte ich am Anfang auch nicht so erwartet. Die Triple mit 106PS steht in der Garage...

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    1. Ja, das stimmt, ich bin nun ein paar Dinger gefahren und kann an allem etwas finden. Nachdem ich auf dem Arbeitsweg den Kreisverkehr doppelt genommen hatte und die lange Runde durch unser Gewerbegebiet geprescht bin, sagte ich zu meinem ausgesprochen Auto-verrückten Chef: "Wenn ich so drauf wäre wie Sie, dann bräuchte ich Platz für viele Motorräder..." Meine PJV zum Reisen, eine PJV ohne alles für die Stadt. Einen Café-Racer, eine ER6f, eine große Transalp, eine 250er "Svendura", ... ... ...

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    2. Das geht mir auch so. Wenn, dann bräuchte ich mehr Platz. Viel mehr Platz. Etwas, das ich mir allerdings mittlerweile tatsächlich vorstellen könnte...
      Oh je.

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  5. Die ER sieht gar nicht mal so schlecht aus. Allerdings bin ich auch dem Cruisen verfallen. Man merkt Dir an, dass Du auf der PJV zuhause bist. Vorsicht mit mehr Platz... Motorräder haben einen Hang dazu, sich zu vermehren, solange Stellplatz vorhanden ist.

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    1. Zum Glück habe ich weniger Geld als Platz. Von daher bleibt die PJV erst einmal allein.
      Aber links und rechts gucken kann man ja mal............. ;-)

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  6. Stehen tut sie dir ja ... aber das ist vermutlich bei jedem Bike so <3

    Ich beneide ja jeden, der groß genug ist, um Leih- oder Probe-Bikes fahren können. Fällt bei mir ja leider aus. Die Wind/Brust-Sache kann ich gut nachempfinden, habe ich doch auch immer das Gefühl, bei 120 km/h vom Bike gefegt zu werden :-)

    Sehr geil der Abschluss ... Yiiiiiiie_haaaaaa!

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