Montag, 25. Juli 2016

Kilometer 14.786 - 15.168 - Der Berg ruft

Am Samstag Abend lehne ich mich in meinem Stuhl zurück, halte ein Glas Rotwein in der Hand und lege die Füße auf die Balkon-Brüstung. Miner (engl. = Kumpel, Bergmann) ist unser Gastgeber für heute Abend und sowohl er, als auch das mir zugewiesene Gästebett werden sich als ausgesprochen gastfreundlich herausstellen.
„Na Polly? Bist Du mit den Gedanken in Frankreich?“ fragt der Mutti. Nein, eigentlich gar nicht. Ich denke an den Harz. Der Berg ruft und ich folge diesem Ruf das erste Mal. Ich bin gespannt und frage mich, ob ich mich mit dieser Aktion überfordere. Das mag für Menschen aus dem Mittel- und Süddeutschen Raum seltsam klingen, doch wir Norddeutschen haben keine Berge und nur wenige Hügel. Einige kurvige Straßen sind in Minuten gemeistert und so richtige Serpentinen mit Steigung und Gefälle habe ich bislang nur auf dem Trainingsgelände des ADAC vorgefunden. Kurz gesagt: Das Kapitel „Gebirge“ habe ich noch nicht intensiv behandelt und ich frage mich, ob ich dem gewachsen bin oder ob ich morgen allen auf die Nerven gehe.
Den heutigen Tag haben wir zum Eingrooven genutzt. Und nur mit meinem Dreamteam, welches aus Mutti und O. besteht, traue ich mich auf diese Reise. Treffen war für 8.30 Uhr in Bispingen geplant. Als ich ankam, war es 8.04 Uhr und die Männer winkten mir zu. Um 8.08 Uhr, also 22 Minuten vor der Zeit, starten wir. So liebe ich das.
Die erste Etappe nahmen wir auf der A7 und gelangten so nach Sehnde, wo wir Miner bei einem Freund meiner Begleiter treffen. Jener Naui ist nicht mehr der Jüngste und auch kein aktiver Biker mehr. Aber sein Herz blutete, als wir zu dritt angerollt kamen. Einmal Biker, immer Biker. Es gab Butterkuchen und Filterkaffee. Zwischen dem schlichten weißen Geschirr entdeckte ich einzelne Teller mit dem typischen braunen Muster aus den 70er Jahren. Es wurden Neuigkeiten über gemeinsame Bekannte ausgetauscht und Erinnerungen an die Erlebnisse hinter den grau-weiß schimmernden Schläfen hervor gekramt. Naui's Frau lächelte liebevoll, als ihr Gatte seine alte Kutte hervor kramte und über sein weißes Leinenhemd zog. Ich lehnte mich zurück, aß ein Stück Butterkuchen nach dem anderen und hörte mir die Geschichten an. Naui berichtete von sich selbst, dass er eher der Route 66-Fan wäre, da es dort nur geradeaus ginge. Auf Kurven hätte er gar keine Lust und bei Regen sowieso nicht. Unwillkürlich klickte ich die Wetter-App auf und prüfte, ob die Regenwolke, die uns seit einigen Kilometern begleitet hatte, nun einmal davon ziehen würde.
Gegen 12 Uhr brachen wir auf. Miner führte uns durch das Weserbergland und zeigte uns seine kurvenreichen Hausstrecken. Nachdem wir auf der Hinfahrt nach der Autobahn schon einen Sturz auf nasser Fahrbahn verkraften mussten, der mich am Ende nachhaltiger beeindruckt hatte, als den Gestürzten, fuhr ich verhalten. Gern wäre ich mutig genug, mein tapferes Pony mal an seine Grenze auf nasser Fahrbahn zu bringen. Heraus zu finden, was die Reifen halten. Doch das traue ich mich nicht, weil ich auch keinen Sturz provozieren will. 
Miner führte uns zuerst zu einem wundervollen Zweirad-Museum. Hier hat ein leidenschaftlicher Sammler seine Kostbarkeiten zusammengetragen und zeigt diese für 3 Euro Eintritt in einer wunderschönen alten Scheune. Anschließend ging es zum Mittagessen und wir genossen Burger mit und ohne Brötchen, auf jeden Fall mit viel Salat und ohne Fritten.
Der Wunsch nach einem Stop zum Pieschen führte uns schließlich zum Kloster Bursfelde in Hannoversch’ Münden. Eigentlich habe ich immer ein wenig Kirchen-Overdose, weil die Gotteshäuser sich in meiner zweiten Heimat, der Normandie, durch eine fast aufdringliche Präsenz auszeichnen. Doch die angefügte Pilgerherberge veranlasste O. und mich zu einigem geistreichen Austausch und so warfen wir doch noch einen Blick in die Kirche. Ein sehr alter Mann erklärte einem anderen Paar gerade die Geschichte des Hauses. Ich horchte auf, als er sagte, die Christen hätten an genau diesem Ort, vor dem wir standen, Quellen bedeckt, die von heidnischen Völkern genutzt wurden. Zudem sind die Wände der Kirche, wie überall, nicht parallel, sondern aufeinander zulaufend, um die sexuellen Rituale der Heiden zu brechen. Ich ahnte Schlimmes und meine Nachfrage bestätigte: Hier lebten Kelten. Ein Schmerz erfüllte mich und ich drehte mich weg. Wollte raus. Der alte Herr hat mich dennoch nicht losgelassen. Jemand der so leidenschaftlich aus der Historie erzählt, hat meinen größten Respekt. Das Kloster ist sein Leben und das merkte ich deutlich. Vor der Tür atmete ich durch. Wir tauschten noch einige Gedanken und schlenderten weiter.
Jetzt hier auf Miner’s Balkon reflektiere ich den heutigen Tag. In der Wohnung unter uns findet eine Auszugsparty statt. Die Männer singen die Gassenhauer von Westernhagen und Lindenberg und zweimal spielen sie sogar mein liebstes deutschen Liebeslied von Rio Reiser. Ich habe heute so viele unterschiedliche Charaktere getroffen und bin in kleinen Momenten sehr bereichert worden. Während wir Chili con Carne essen, geht die Sonne unter. Wir erzählen uns aus unseren unterschiedlichen Leben. Wir diskutieren über Glaube, Gewalt und Angst. Wenn ich in meinem Stuhl etwas nach unten rutsche, sehe ich die kleine Stadt nicht mehr, sondern nur noch Landschaft. Es könnte auch Afrika sein, oder Neuseeland oder irgendwas. Ich fühle mich wie auf einer fernen Reise. In Wahrheit sind wir in Stadtoldendorf. Man muss nicht weit reisen. Es müssen nur die richtigen Gefährten sein.
Die Drei auf der Tankstelle
Erinnerungen
Herzschmerz














Zeitreise



Routenplanung


Geselligkeit
Cheese-Burger


Motz-Burger

Willkommen



Passsion


Noch zehn vor zwölf - Entschleunigung
(... die Uhr steht)
Weltenbummler
Aufmerksamkeit
Gastfreundschaft

Der Berg ruft...

Kommentare:

  1. Na, da seid Ihr aber ganz schön herumgekommen!
    Wie schön! Diese Begegnungen mit anderen Leuten und ihren Geschichten sind immer wieder so bereichernd. Sie machen unsere Reisen und unser Leben so wertvoll.
    Ich bin schon unglaublich auf Eure Abenteuer gespannt, wenn Ihr denn dann tatsächlich dem Berg gegenübertretet!

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  2. Komm 14 Tage zu uns ins Allgäu und du fährst als Bergkönigin wieder nach hause. ;-)

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    1. Ach Arne, Du weißt doch. Wenn ich 14 Tage frei habe, muss ich in die Normandie....

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  3. Deine Bloggs lesen sich immer als sei man dabei gewesen, sobald man angefangen hat zu lesen ist man gefesselt von der Art und Weise wie du schreibst, ich freue mich auf deinen Nächsten Blog, und hoffe du hast den Berg bezwungen .

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  4. Du darfst auch gerne mal ins Alpenvorland kommen. Ich verspreche dir, keine Pässe zu fahren. Nur chillige Nebenstrecken in Oberbayern und im Allgäu :)

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    1. Wer sagt denn, dass ich keine Pässe fahren will? ;-)

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    2. Niemand, aber ich finde Pässe shice. ;) Mir sind Mittelgebirge und Kurven lieber als Höhenmeter und Kehren.

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  5. Du hast so intensive Begegnungen auf deinen Reisen und schreibst mit einer Herzenswärme, die sich ganz wunderbar liest. Polly schreibt in goldenen Farben, das mag ich sehr. Mir ist es leider nicht gegeben, mit Menschen, die ich nicht kenne, so nah zu sein, deshalb bewundere ich es in deinen Berichten umso mehr.

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  6. Schön. Wirklich schön. Muss ich mehr sagen?

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