Dienstag, 26. Juli 2016

Kilometer 15.168 - 15.625 - Rund um den Brocken


Ich träume vom Job und will das nicht. Mit aller Kraft versuche ich, meine Augen öffnen. Gleichzeitig weiß ich, dass ich dann schlecht wieder einschlafen werde. Wenn meine Zellen nur kurz loslegen, ist Party in Pollys Köpfchen. Aber ich will raus aus dem halbwachen Zustand und reiße die Lider hoch. 5.12 Uhr. Ich könnte noch eine gute Stunde schlafen. Um 6 Uhr wollten wir aufstehen. Ich lausche in die Wohnung hinter meiner Zimmertür. Regentropfen klopfen dezent an mein Fenster. „Oh bitte nicht!“, denke ich und ziehe mein Handy vom Nachtschrank. Die Wetter-App sagt, dass es gut werden wird. Sonne am Brocken und 0% Regenwahrscheinlichkeit. Zufrieden rolle ich mich wieder ein. Vor meinen Augen läuft der gestrige Tag an mir vorbei. Geschehnisse und Gespräche bitten darum, nicht vergessen zu werden. Ich frage mich, ob Mutti wohl genau so im Sitzen eingeschlafen ist, wie ich ihn gestern zurück gelassen hatte. Und ob O. sich auf seiner Luftmatratze quälte, während ich im bequemsten Bett von Stadtoldendorf nächtigen durfte. Alles schön und gut, doch wenig zielführend, wenn mein Ziel doch wäre, jede Minute Schlaf zu nutzen um bereit für unser heutiges Vorhaben zu sein. Gestern Abend bin ich nur schlafen gegangen, weil ich fit sein wollte. Einen anderen Grund gab es nicht. Hätte noch stundenlang in die Nacht starren können.
 
5.43 Uhr. Irgendwo höre ich Wasser laufen und die Nespresso-Maschine brummen. Es sind also schon Leute wach. Langsam pule ich mich aus meinem Schlafsack und hänge mir eine Strickjacke über. Auf dem Balkon stehen halbleere Kaffeetassen, was mich veranlasst auch nach einem Becher zu suchen. Wieder das Dream-Team: Um 6 Uhr war Weckzeit - um viertel vor sind alle mit ihren morgendlichen Genussmitteln versorgt. Wir frühstücken zu viert, beginnen den Tag so, wie wir ihn gestern beendet hatten. Mutti hatte ein Treffen mit Brummbär organisiert. Ein Harzer Local, der uns ein bisschen in seine Hausstrecken einweihen will. Mein Gruppen-Trauma meldet sich. Ich hasse es, mit Leuten zu fahren, die ich nicht kenne. Der Abschied fällt schwer. Miner’s Balkon, das wunderbare Bett und die Gastfreundschaft des Hausherrn hatten mir für kurze Zeit ein zu Hause gegeben.
 
Noch etwas müde, aber voller Tatendrang brechen wir zu dritt in Richtung Braunlage auf, wo wir Brummbär treffen wollen. Die Straßen sind abgetrocknet und ich fahre fröhlich zwischen den beiden Männern. Wir kringeln uns in Richtung Harz und nehmen die ersten Serpentinen in Richtung Clausthal-Zellerfeld. Als ich in der Innenstadt die skandinavisch wirkende Holzkirche entdecke, bitte ich um eine Kaffee-Pause. Während wir auf die Getränke warten, flitze ich die Straße hinunter und machte ein paar Bilder. Als ich die Eingangstür öffne, platze ich direkt in den Gottesdienst. Ach stimmt, es ist ja erst 9.30 Uhr. Im Café bedanke ich mich später bei einem Herrn auf Französisch. Ich bin in Urlaubsstimmung, habe Ort und Zeit vergessen. 
 
Mutti gibt mir einen Tipp, wie ich die Kurven noch präziser fahren könnte. Ich war der Meinung, ich führe schon weit an der Außenlinie ein und verstehe zunächst nicht was er meint. Nach einigem Gegrübel greife ich das Thema noch einmal auf lege meine Armstulpe als Fahrbahnersatz auf den Tisch. OK, ich muss also noch viel früher nach außen fahren, damit ich die Kurve in Ruhe angehen kann. Ich freue mich über diese Korrektur und probiere sie auf der Weiterfahrt direkt aus. Für mich ist es ein richtiger Sport, von anderen zu lernen und mich immer weiter zu verbessern. Wie wichtig eine gewisse Kenntnis zur Fahrphysik beim Motorradfahren ist, haben wir gestern schon erlebt. Ich übe und übe und swinge mich gerade so richtig ein, da wählt unser Roadkäpt’n eine kleine Serpentine mit vielen Radfahrern und überholenden Autos. Grmpf. Ich gehe wieder in den Sicherheitsmodus und lasse Schönheit und Schnelligkeit bei den Kollegen.
 
Schließlich kommen wir in Braunlage an, machen uns mit Brummi und Maggi bekannt und gehen auf die Piste. Nachdem ich bereits mehrfach an diesem Wochenende den letzten Platz erbeten hatte, mich aber nie durchsetzen konnte, fordere ich ihn nun noch einmal mit Nachdruck ein. Ich möchte frei sein, meinen Trott fahren und niemanden ausbremsen. Über die Angst, ich könnte verloren gehen, kann ich nur lächeln. So schnell lasse ich mich nicht abschütteln. Ich halte einen größeren Abstand zu meinem Vordermann. So kann ich die Gruppe beobachten und noch angemessen reagieren, wenn sich vorne etwas tut. Letztendlich bin ich in dieser neuen Bergwelt recht souverän unterwegs. In Schönheit werde ich das nächste Mal sterben, heute bin ich damit zufrieden, dass ich unauffällig hinter den anderen herrolle. Letztendlich vergrößert sich der Abstand zur Gruppe auch meist nur hinter den Kurven. Während die großen 2 Liter-Maschinen beim Ausfahren los preschen, muss ich meinem tapferen Pony schon ordentlich die Sporen geben. Es kneift die Augen zusammen, flitzt voran und ich klopfe ihm immer wieder den Tank.
 
Der erste Stop ist die Westernstadt Pullman City, offenbar auch ein beliebter Bikertreff. Wir trinken Kaffee, die Männer tauschen die üblichen Neuigkeiten zu gemeinsamen Bekannten aus und ich träume vor mich hin und begucke die Ankommenden und Abreisenden. Menschen und ihre Bikes, immer wieder ein Spektakel für sich. Dann geht es ohne Maggi weiter und ich bin so gut gelaunt, dass ich manchmal laut loslache und vor mich hin singe. Ich genieße die Männer vor mir und fühle mich geborgen. Meine Sorge, Brummbär könnte ein Idiot sein, war nach der ersten Etappe verflogen. Er fährt ganz freundlich vor uns her und zeigt uns Routen, die O. auf seinem "Navi" nicht notiert hatte. Immer wieder sehe ich Hinweisschilder auf Orte, die ich gern näher ansehen möchte. Bereits jetzt steht für mich fest, dass ich noch einmal wiederkommen möchte. Zum Mittag erreichen wir eine kleine Gaststätte mitten auf einem See. Ich esse Pfannkuchen, die nicht hausgemacht aussehen, während die Männer Fisch und Fleisch essen. Ich will aber nicht gleich in ein Suppenkoma fallen und vor Müdigkeit die Konzentration verlieren. Deshalb halte ich mich mit der Menge zurück und esse etwas Süßes. Weiter geht's. Ich bin richtig gut in Form und schlage mich wacker im Gebirge. Manchmal gucke ich in der Gegend herum und vergesse, meine neu erworbenen Kompetenzen einzusetzen. Dann wiederum versuche ich den eleganten Fahrstil meines Vordermanns zu kopieren und gebe mir Mühe, Linien wie aus dem Lehrbuch zu präsentieren und dabei noch schön auszusehen. Anschließend lache ich wieder, dieses Mal über mich selbst! Schließlich kommt es zum Abschied. Brummbär ist der Typ Mann, neben dem ich mich im positiven Sinne wie ein kleines Mädchen fühle. Spaziert man im Wald neben ihm her, vergisst man die Welt drum herum und hüpft unbekümmert zwischen den Bäumen umher.
 
Das Wissen, einige Schnappschüsse im Kasten zu haben erleichtert mir den Abschied. Manche Menschen, auch wenn ich sie kaum kenne, berühren mich so stark, dass ich sie ständig fotografieren möchte. Ich habe es schwer mit emotionaler Nähe und brauche meistens Jahre, um dem Bestand von Beziehungen zu vertrauen. Aber die Fotos sind kostbar gefangene Augenblicke, die ich für ewig konserviere. Und meine Kamera kennt mich gut genug zu wissen, bei welchen Menschen die ausdrucksstärksten Fotos entstehen. Zum Beispiel bei Monsieur Toutain, dem alten Wikinger.
 
Als wir bei Quedlinburg auf die Bundesstraße fahren und Brummi Auf Wiedersehen winken, mache ich es mir auf meiner PJV bequem und folge O. Durch häufige Blicke in den Rückspiegel vergewissere ich mich, dass Mutti uns nicht verloren geht. Nach den Serpentinen ist die A395 in Richtung Braunschweig eine richtige Flugroute. Mit einigen Pausen passieren wir Braunschweig, Uelzen und Lüneburg. Mutti biegt gen Lübeck ab, O. nimmt die Ausfahrt direkt danach. Nach dem intensiven Wochenende ist das Alleinsein plötzlich erholsam. Eine Baustelle zwingt mich, mehrere Kilometer mit 70 km/h auf der Gegenrichtung zu fahren. Bei Maschen komme ich in mein Revier. Tschüß Niedersachsen, Willkommen in Hamburg. Meine Stadt, meine Elbe, mein Sonnenuntergang. Hamburg hält die Arme auf und ich fliege durch die grüne Perle. Unmittelbar nach Ankunft in der Garage schreibe ich an mein Dreamteam, dass ich gut zu Hause bin. Es ist 21 Uhr. Seit 15 Stunden bin ich auf den Beinen und gar nicht erschöpft.
 
Der Berg hat gerufen und ich habe ihn gemeistert. Du alter Brocken Du, wir werden uns wieder sehen.
 
 
 
 


 






















 

Kommentare:

  1. Super genial einfach klasse , mir fehlen die Worte um das auszudrücken was ich zu diesem Blog sagen möchte , super gut geschrieben ! Und der Berg ist bezwungen 🤘🏻

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    1. Jo. Eine Herausforderung steht noch an, doch die werde ich hoffentlich in einigen Wochen angehen. :-)

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  2. Pullmann City. ...an gleicher Stelle bin ich auch schon gesessen 😊

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    1. Das ist wahrscheinlich Pflicht in der Gegend. Zu sehen gibt es viel Moto-Diversität. Dagegen ist der Kaffee viel zu dünn. :-D

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  3. Harz und Brocken... Man ist viel zu selten in dieser tollen Gegend.
    Danke für Deinen wunderbaren Bericht.

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    1. Hast du es weit dorthin? Sonst könnte man doch mal.... .... ....

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    2. Hm, das müsste für fast gleich sein für uns. Je nach dem, wo man den Einstieg hinlegt.
      Och ja, könnte man ...
      :)

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  4. Antworten
    1. Bah de rien ma poule. Tu vois: Je m'entraîne pour la grande montagne! :-D

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  5. Ich glaube, ich muss mal mit dem Motorrad dahin. Bisher war es immer nur das Auto.

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  6. Ich bin gerade etwas verwirrt. Gibt es im Osten auch ein Pullman City? Ich kenne nur das aus dem bayrischen Wald.
    P.S. Mal wieder super gelungene Bilder und eine extreme Tour.

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    1. Ich kannte dieses Konzept zur Westernstadt eher aus der Normandie, wo die Leute ziemlich WildWest-verrückt sind. :-D

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  7. Liebe Polly, Dein Schreibstil ist so außergewöhnlich anders. Statt Landschaft und Strecke stehen Menschen und Gedanken im Vordergrund. Wunderschön geschrieben.

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