Dienstag, 5. Juli 2016

Kilometer 13.419 - 13.711 - Polly wird bereist Teil 3: Hamburg Harley Days


Hamburg Harley Days. Kaum eine Veranstaltung in unserer Stadt polarisiert mehr, als dieses jährliche Event. Meine Freundin Ulrike verlässt am liebsten die Stadt, damit sie den Lärm nicht ertragen muss. Auch viele Anwohner in Sankt Pauli beschwerten sich seinerzeit, als das Festival noch auf dem Heiligen Geistfeld stattfand. Die Gegner siegten zunächst und verbannten zumindest das Harley Village aus ihrem Stadtteil. Kurzzeitig drohte das Aus für die Motorradfreunde, zeitweise dachte man darüber nach, das Spektakel nur noch alle zwei Jahre stattfinden zu lassen, bis der Veranstalter schließlich das Großmarktgelände für sich gewann und die Erlaubnis erhielt, das Festival hier stattfinden zu lassen. Denn trotz aller Gegner spült es auch Geld in die Kassen unserer Metropolregion. In diesem Jahr wurden 400.000 Besucher gezählt. Das Wetter war furchtbar wechselhaft. Es könnte also noch besser gehen. Das Klientel ist breit gefächert, doch generell kann man sagen: Wer bei Harley mitmacht, hat meist ein volles Portemonnaie. 

Da ist der All Inclusive Rider. Der Unternehmer, Zahnarzt, Anwalt im Wirtschaftsrecht. Alter 50+. Für seinen Luxus hat er hart gearbeitet und will nun sein Leben genießen. Die Harley ist das Tor zur Freiheit. Krawatte, Kittel und Robe werden zum Wochenende gegen die Harley-Owners-Kutte getauscht. Der freie Biker wählt die Leder-Klamotte aus der Milwaukee-Collection. Meist fährt er einen großen Tourer mit allem Schnickschnack und seiner glücklichen Gemahlin auf dem Rücksitz. Der All Inclusive Rider spart an nichts. Auch nicht am Hotelzimmer. Und wo er schon mal in Hamburg ist, lässt er vermutlich noch ein paar Scheine bei Henssler oder im neuen angesagten 3-Sterne-Schuppen „The Table“.

Ähnlich konsumfreudig ist der Weekend Poser. Er fährt eine aufgemotzte Sportster oder Fortyeight, jedenfalls nichts Bequemes, weshalb er bei längerer Anreise auch gern den Sprinter oder Fiat Ducato nimmt. Auch der Weekend Poser ist klamottenmäßig voll ausgestattet und trägt zur stets aktuellen HD-Mode die entsprechenden Accessoires. Er ist zwischen 30 und 45 Jahre alt, verdient solides Geld, schmunzelt über den All Inclusive Rider, bewundert ihn aber insgeheim. Da er Zuschauer und Bestätigung braucht, geht er nicht teuer essen, sondern parkt sein Bike auf der Reeperbahn, wo er seine Kohle in den teureren Bars verprasst.

Der Nicht-Biker, oder In-the-dreams-biker, kommt als Zuschauer zum Großmarkt. Er sieht die Marke Harley Davidson als coolen Style und kauft T-Shirts, Geldbörsen und Kopfbedeckungen. Er trinkt ein paar Bier oder Cola-Whisky zuviel mit seinen Kumpels, schaut Konzerte und schießt Selfies vor den GoGo-Girls. Manchmal ist er auch mit seinem Sohn unterwegs und erklärt diesem die Welt der Biker, als wäre er selbst ein Teil davon. In his dreams.

Die Masse sind vermutlich Schaulustige, die einen schönen Tag oder Abend erleben wollen. Custom Bikes bewundern, Bier und Bratwurst genießen, Konzerte schauen und unter Freunden sein. Jedes Individuum der Masse konsumiert eher verhalten. Sie kommen, weil der Eintritt frei und das Spektakel groß ist. Und das en masse.

Weniger Geld in die Kasse bringen dagegen die folgenden Kategorien:

Der Kleine Bastler. Ein Kreativer und handwerklich Begnadeter, der all sein Geld in seine Kunst steckt und diese dann in großem Glanz auf dem Festival präsentiert. Er platzt vor Stolz auf sein Bike, an dem nur noch der Motor an Harley Davidson erinnert. Der Rest ist von edelster Arbeit, die die (Wunsch-)Persönlichkeit des Schöpfers repräsentiert. Der Bastler tut nicht viel mehr, als neben seinem Bike stehend Lobenshymnen zu genießen. Da er erst gestern die letzten Lackarbeiten bezahlt hat, ist seine Tasche heute noch leer.

Die Camper. Die Camper kommen mit ihren Bikes aus Dänemark, Holland und Sachsen Anhalt. Sie haben nicht viel, brauchen nicht viel und loben ein gelungenes Wochenende, wenn sie es ohne Panne nach Hamburg und zurück geschafft haben. Dabei sein ist alles.

Nun sind auch Polly und der Wikinger im Aufbruch zum Festival. In welche Kategorie wir gehören? Also ich fahre ja eh Kawasaki, und Frank wäre wohl Camper, würde er nicht bei mir seinen kostenlosten Unterschlupf finden. Zumal er auf der Hinreise sein Motorrad mit einem Haargummi repariert hat und damit stolz ohne Panne in Hamburg ankam.

Noch ist er entspannt. Als ich jedoch beim Großmarkt versehentlich am Eingang vorbei düse und wir wenden müssen, geht es ihm dann doch alles nicht schnell genug. Schließlich sind wir mitten im Geschehen und ich bin stolz, dass ich meine ersten Hamburg Harley Days mit meiner PJV erleben darf. Unzählige Male war ich als Fußgänger dort. Meistens habe ich Fotos gemacht und Konzerte geschaut. Letztes Jahr hatte ich gerade meinen Führerschein angefangen und Frank hatte mir geraten, mir eine Japanerin zu kaufen und den Traum von der Harley zu modifizieren. Jenen Freund, mit dem ich damals schon mein alkoholfreies Jever trank, sehen wir auch heute wieder. Wir schwelgen in Erinnerungen und hören Musik, während Frank mit großen Augen und großem Objektiv das Terrain bestaunt und die deutsche Custom Culture entdeckt. Mein Matjes-Brötchen findet er nicht so lecker, aber von den salzigen Totenkopf-Lakritzen, die ich ihm letztes Jahr schon gekauft und nach Frankreich geschickt hatte, nascht er mit Begeisterung. Ich feiere Rituale mit Arne und Thorsten, für den Wikinger ist alles neu. Plötzlich steht O. vor mir. Ich freue mich riesig. Kurzer norddeutscher Schnack. Moin. Moin. Und? Jo. Allein? Jo. Das ist Froonk. Moin Fronk. Salut. Und? Jo. Ne Runde drehen, dann noch mal über die Reeperbahn. Jo. Sonntag Parade? Jo. Lass uns doch bei der Jet treffen. Ok. Bis denn. Tschüß.

So soll es sein. Am Sonntag halten wir beim Treffpunkt, während mehr und mehr Motorräder zum Festival strömen. Frank ist begeistert, was sich in einem noch intensiveren Schweigen äußert. Meine Schwester springt hinter mir auf die PJV und ist ebenfalls aufgeregt. Mit vier Motorrädern halten wir schließlich mitten auf dem Großmarkt und stehen somit bereits in der Schlange zur Parade. Ich schätze, dass wir uns wohl im ersten Viertel des Konvois befinden. Nach einer guten Stunde geht es los. Über die Köhlbrandbrücke an dessen anderer Seite gewendet wird und die man dann ein zweites Mal passiert. Gigantisch sind die Massen an Bikes, die uns entgegen kommen. Zuerst die, die vor uns fahren, und nach der Kehre warten wir auf der Brücke und schauen auf die, die hinter uns folgen. Ich bekomme tatsächlich eine Gänsehaut. Wann kommt man schon einmal dazu, auf der Köhlbrandbrücke anzuhalten? Das ist normalerweise absolut verboten. In der Hafencity und auf Sankt Pauli winken uns zahlreiche Schaulustige zu. Meine Schwester schwenkt hinter mir waghalsig die Kamera. O. und sein Freund verabschieden sich. Ich kehre mit meinen Lieben zum Großmarkt zurück. Currywurst, Alkoholfreies und einen letzten Bummel durch die Händlerstände runden den Tag ab.

Wie alles im Leben, sind solche Events Geschmacksache. Ich bin auf jeden Fall stolz, dass Hamburg Dieses immer wieder ausrichtet. Genauso wie den Marathon, den Triathlon, das Radrennen, die Nacht der Museen, das Reeperbahn-Festival, den Hafengeburtstag, das Kirschblütenfest, das Alstervergnügen, das Oldtimer-Rennen und alle anderen Veranstaltungen, die unsere Stadt so liebenswert machen. Angeblich haben wir eines der 5 größten Harley-Festivals der Welt. Ich danke der Stadt, der Polizei, allen Sanitätern und zahlreichen freiwilligen Helfern für die Begleitung der Parade. Und ich bitte alle egomanen Poser, sich ein bisschen an die Verkehrsregeln zu halten und an die Bewohner der Stadt zu denken, die nicht auf ohrenbetäubende Pipes stehen.

Give Respect, Get Respect ist ein gern genommener Slogan in der Biker-Welt. Don't forget to GIVE!


Mit Freunden

Meine Schwester hat Spaß

Warten auf die Abfahrt


Zwei Wikinger

O. und sein Kumpel










Am Abend noch ein paar Poser begucken.

Die alte Harley und die PJV gucken romantisch Feuerwerk

Kommentare:

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  2. Sehr schöner Bericht 🤘🏻 !

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    1. Danke und Willkommen in Pollys Welt :-)

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  3. Bonjour ma belle, merci pour ton super reportage et tes belles photos. Je voudrais bien voir les photos de Frank....

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    1. Salut ma poule! Je t'ai envoyé un lien ;-) Bises :-*

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  4. Was für ein schöner Event Bericht. Ich glaube, mir wäre es dort zu voll. Voriges Jahr war ich bei den Harley Days in Grimaud dabei und 2012 mal auf dem Salmon Run an Kanadas Westküste, bei beiden ging es wesentlich beschaulicher zu, aber die Erfahrungen reichen mir.

    Die von Dir so treffend beschriebene (europäische) Klientel ist so in Nordamerika nicht zu finden. Dort ist der Besitz einer Harley kein für den höheren Geldadel reserviertes Privileg, sondern durchaus auch was für Otto und Elfriede Normalverbraucher.

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    1. In Nordamerika ist es wohl auch Kult, aber dennoch sind die Assoziationen vermutlich anders. Der Traum und die Sehnsucht nach dem, was die Marke uns verspricht, zieht das Geld aus der Tasche. Harley Davidson hat sich halt in einer psychologischen Nische platziert und wird damit für ewig Erfolg haben. Träume leben ist für viele ein Luxusgut für das man gern bezahlt.
      Ganz ohne Missgunst: Für dieses erfolgreiche Marketing bewundere ich die Fabrik!

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    2. Richtig, die verkaufen ein Image und das seit Jahren aller Zweiradtechnologieentwicklungen und -verbesserungen anderer Marken zum Trotz.
      Also ich gebe ja zu, ich habe mir meine Sporty damals nur gekauft, weil sie in Kanada viel preiswerter als eine Triumph Bonneville war (damals mein Traummotorrad). Seither habe ich es bisher nicht bereut... meine Harley fährt treu und zuverlässig und braucht nichts außer Benzin und einer gelegentlichen Wäsche ;)

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    3. Vielleicht ist es aber auch so, daß HD in Amerika nicht unbedingt zu den höchstpreisigsten Motorrädern gehört. Und auch der Markt an Gebrauchten eben von Otto Normal gibt mehr her...und in Good old germany bezahlt man erstmal nur den Kilogewichtspreis und das Image. Technik und Qualität ist dann erstmal zweitrangig...

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  5. Echt tolle Bilder, das Treffen kommt echt sehr gut rüber !!! :)

    Liebe Grüße,

    Sofia

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