Sonntag, 19. Juni 2016

Kilometer 13.219 - 13.342 - Kleiner Abendspaziergang

Ich habe schon wieder Reisepläne. Mangels Urlaub, sollen es einige ambitionierte Wochenendtrips werden. Von daher bin ich gerade nicht sehr motiviert, an den entspannten Wochenenden unnötig Kilometer zu reißen. Lieber fahre ich ein bisschen rum und übe, übe, übe. Heute lande ich in Jork. Eigentlich wollte ich viel weiter die Elbe hinab fahren, doch ich vertrödelte den Vormittag und den halben Nachmittag und komme erst um halb fünf zu Hause los. Andere Biker kommen mir schon wieder entgegen, als ich schließlich die Elbe überquere.
 
In Jork wohnt ein Freund, den ich länger nicht gesehen habe. Und so ergibt es sich, dass ich mich, vor tiefschwarzen Wolken flüchtend, auf seinem Sofa wiederfinde, Tee trinke und aus dem Fenster glotze. Es schüttet aus Kübeln.
 
Der Rückweg ist wunderschön. Es riecht nach Heu und zwischen den endlosen Obstplantagen des Alten Landes rolle ich durch die sauerstoffgetränkte Dämmerung. Ich meide den Elbtunnel, der mich schon einmal in's Schwitzen brachte und passiere die Köhlbrandbrücke. Bevor ich schließlich die Freihafenelbbrücke überquere, halte ich in Steinwerder.  Dort genieße ich in der Stille und in der Ferne das samstägliche Nachtleben auf Sankt Pauli. Lange nach Mitternacht falle ich schließlich in's Bett. Schöner Abend.
 
Selbst meine Actioncam auf dem Teleskop-Selfie-Stick schafft es noch nicht,
 die Aussicht auf die Containerterminals einzufangen. 
Obst soweit das Auge reicht.
Die Stadtteile und Dörfer auf der anderen Seite des Wassers sind eine Welt für sich.


Eine besondere Liebeserklärung




Nach dem Regen


 
In der Dunkelheit ist es noch schwieriger....
Auf Sankt Pauli, Sankt Pauli bei Nacht...


Und, was machst Du so am Samstag? "Och", sagt Polly, "mal guck'n was auf'm Kiez los ist."
 

Montag, 13. Juni 2016

Kilometer 12.810 - 13.055 - Boltenhagen oder am Ende des Tages wird alles gut.


Freitag Nachmittag. Bestes Wetter. Strahlender Sonnenschein, keine 20 Grad. Schon morgens hatte ich mich für die etwas wärmere Klamotte entschieden, nur leider trage ich dann doch die Sommerhandschuhe, die mich heute noch mehrfach in die Bredouille bringen werden. Für das Wochenende habe ich mir Ausfahrtverbot erteilt. Seit Wochen bin ich ständig on the road und meine Wohnung schreit nach Intensiv-Pflege. Och, aber der Freitag ist ja noch nicht ganz Wochenende und somit sei mir eine kleine Feierabendrunde gestattet. Am späten Abend werde ich mit einem Lächeln nach Hause kehren, und die letzten mir verbliebenen Nerven melden Glück. Doch bis dahin werden noch einige Haare ergrauen.
 
Wie üblich ist die A1 gen Norden voller Ostsee-Touristen. Schon vor der Autobahnauffahrt bildet sich ein Stau, doch da ich auf der Landstraße bleiben will, habe ich hiernach freie Fahrt. Mein Ziel soll Boltenhagen sein. Dort war ich noch nie, dort ist Wasser zu sehen und weit ist es auch nicht. Ich werde wohl so 2 Stunden brauchen, vor Ort einen Kaffee trinken und wieder Heim fahren. Dann bin ich gegen 21 Uhr wieder zu Hause. Früher bin ich zu dieser Uhrzeit oft erst aus dem Büro gekommen. So ist der offizielle Stubenarrest vorher noch gar nicht gültig.
 
Vergnügt fahre ich über die Landstraße, passiere Ratzeburg und betrachte die Vorbereitungen für das Eröffnungsspiel der Fußball Europameisterschaft. Egal ob Public Viewing oder BBQ im heimischen Garten - überall werden Holzkohle zum Brennen und Hitzköpfe zum Glühen gebracht. Bald passiere ich die Landesgrenze nach Mecklenburg Vorpommern und cruise wieder einmal durch den einsamen Osten. Da ich mich für den direkten Weg entschieden hatte, folge ich also den Beschilderungen von Dorf zu Dorf und halte öfter an, um auf meinem Telefon die richtige Route zu checken. Und wieso muss ich es schon wieder betonen? Die Straßen sind so schlecht, dass ich mich teilweise mit 40 km/h voran quäle. In ausgestorbenen Dörfern hocken Landwirte in Unterhemden auf Gartenstühlen. Sie glotzen nicht in einen großformatigen Fernseher, sie beglotzen einen Wessi der mit tiefliegendem Chrome-Cruiser über das Kopfsteinpflaster scheppert. Ich habe einfach keine Lust mehr auf diesen Dreck von Buckelpisten. Schon die Drei-See-Fahrt hatten sie mir vermiest und letzte Woche war es auch sehr grenzwertig. Sollte ich mich noch einmal entscheiden, jenseits der ehemaligen Staatsgrenze die Natur genießen zu wollen, würde ich immer auf der Autobahn anreisen und möglichst wenig Strecke auf den Bundesstraßen planen. Niemals mehr werde ich Landstraßen nehmen, die auf Karten in weißer Farbe gezeichnet sind. Als ich mich dann auch noch verfahre, will ich fast aufgeben und umkehren, doch die Rettung läge via Grevesmühlen und von dort scheint es auch nicht mehr weit nach Boltenhagen. Doch selbst die B105 ist eine einzige Flickerei und ich frage mich zwischen Asphaltfetzen und Spurrillen, ob das komische Fahrgefühl vom Fahrbahnbelag kommt, oder ob tatsächlich mein Vorderrad lose ist.
 
Endlich erreiche ich mein Ziel. Boltenhagen ist ein wirklich hübscher Ort und präsentiert sich in dem Glanz, den sich ein Ostseebad mit hohen Besucherzahlen leisten kann. Anstatt leerstehender Häuser in DDR-Romantik finde ich hier kleine gepflegte Ferienhäuser, Pensionen und Restaurants vor. Inzwischen ist es nach 18.30 Uhr und die Läden schließen bereits. Ich kann mich nach meiner dreistündigen Tortur also nicht einmal mit Shopping belohnen. Ich suche ein Plätzchen für mein tapferes Pony und werfe einen Blick über die Dünen. Das Meer! Strandkörbe, Spaziergänger, Möwen... Ich bin im Paradies. Meine Stimmung wechselt schlagartig und ich verliere mich mit meiner Kamera in der Szenerie des weißen Sandstrandes.
 
Inzwischen weiß ich, dass es mit einem Kaffee nicht getan sein wird und suche eine Restaurant-Terrasse abseits der Promenade. Leute starren mich an. Der Kellner kommt mit der Karte, ich wähle, warte, Leute gucken wieder. Der Kellner bringt Besteck und Tee. So erscheint mein Tisch nun auch besetzt. Ich bitte die Nachbarn, auf meine Jacke aufzupassen und gehe in das Lokal um die Toiletten aufzusuchen. Beim Händewaschen werfe ich einen Blick in den Spiegel. Oh mein Gott! Meine linke Gesichtshälfte ist komplett schwarz! Seit einer Stunde laufe ich so rum! Habe sogar Selfies geschossen. Ich wasche mich und kehre nunmehr leicht errötet an meinen Tisch zurück. Meine neuen Sommerhandschuhe haben wohl ihre Spuren hinterlassen, wenn ich mir auf der schweißtreibenden Fahrt unter dem Visier rumwischte. Ich checke die Fotos und lache über meine schwarze Visage.
 
Nach dem ausgesprochen leckeren Essen, bummele ich noch eine Weile durch Boltenhagen und mache mich gegen 21 Uhr auf den Weg zu meinem Motorrad. Während ich meine Klamotten zusammenpacke, nehme ich auf dem selben Parksteifen einen VW Bus wahr. Einen alten dunkelblauen T2, so einen wie ich früher auch gefahren bin. Als ich auf mein tapferes Pony steige fährt er los und ich sehe, dass er aus Hamburg kommt. Am Steuer sitzt ein grauhaariger Hippie, der mir freundlich zulächelt. Ich nicke ihm zu. Auf der Landstraße hole ich ihn ein und bleibe auch auf der Autobahn hinter ihm. Wir überholen so manchen LKW und passieren zwei Baustellen, und mit unseren 110 km/h scheinen wir gleichermaßen ein gemütliches Reisetempo zu mögen. Irgendwann nähern wir uns der Stadt. Das wird auch Zeit. Mit der Dämmerung sind die Temperaturen gefallen und meine Finger sterben langsam in ihrer schwarzen Sommerhülle. Meine Ausfahrt wird in 1.000 Metern sein. Vor dem Hippie fährt ein LKW, den er nicht mehr überholt. Will er etwa auch in Stapelfeld ausfahren? Nein. Er wartet auf mich. 150 Meter vor der Ausfahrt blinke ich rechts, der Bulli bleibt auf der Autobahn und grüßt mich mit dem Warnblinker. Ich schalte kurz auf Fernlicht, um ihm zu zeigen, dass ich sein Zeichen bemerkt habe. Er blinkt links-rechts und ich biege ab. Wie freundlich! Ich bin ganz berührt von dieser Geste.
 
Glück ist, wenn man niemals allein ist.

Am Mechower See...


...wir befinden uns in MeckPom


Endlich Meer!!
 
Nach den Strapazen den Zorn im Wind vergessen.

 







 
Gute Nacht Boltenhagen.



 

Sonntag, 12. Juni 2016

Kilometer 12.212 - 12.647 - Wide Wild East

Einsame Highways in scheinbar grenzenloser Weite. Ein seichter Wind zieht lautlos durch die Weizenfelder und die Hitze der Sommersonne flimmert auf dem Asphalt. Zu viert rollen wir durch die Einsamkeit. Drei ganze Kerle und ich cruisen seit Stunden durch die unberührte Natur. Ab und zu kleine Dörfer, die wie Geisterstädte anmuten. Störche, Raubvögel und Wiesen voller Mohn- und Kornblumen. Ich lebe meinen Traum. Und in Wahrheit ist es noch viel schöner als damals erhofft. Damals, als ich mir in einem Schulaufsatz ausmalte, wie ich mit einer Harley Davidson durch Amerika reisen würde.
 
An einem Sonntag bin ich mit Rochie, O. und Mutti unterwegs. Wir sind nicht in Amerika, nicht auf der Route 66. Wir rollen elbaufwärts durch Mecklenburg Vorpommern und Sachsen Anhalt. Durch Schleswig Holstein und Niedersachsen. Ich entdecke immer wieder Neues in unserem Norden und in Europa und will gar nicht mehr in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ich lasse mich auf das ein, was ich habe und was ich erreichen kann.
 
Ich war durchaus schon im Westen der Vereinigten Staaten. Ich war auch in Brasilien und Argentinien. In Mali und keine Ahnung wo überall in Europa. Ich fand es immer toll und kam voller neuer, oftmals traumhafter Eindrücke zurück. Doch heute brauche ich nicht mehr, als das was ich lebe, seit ich mit meinem Motorrad zusammen bin. Fremde Orte entdecken, etwas über die Geschichte und die Kultur herausfinden, Natur genießen und Städte erkunden. Fotografieren und dokumentieren. Konservieren und erinnern. Ich warte nicht mehr wochen-, gar monatelang auf Den Einen Trip. Ich tue es jede Woche.

Wir waren in Lauenburg verabredet und ich bin an der Elbe entlang zum Treffpunkt gefahren. Unterwegs habe ich ein kleines Frühstück in einer Bäckerei eingenommen und mir richtig viel Zeit gelassen. Am Ende komme ich viel zu früh am vermeintlichen Treffpunkt an und hocke mich an meinem kleinen Baum in die heiße Sonne. Irgendwann kommt O. und führt mich noch ein Stück weiter zu dem eigentlichen Parkplatz. Rochie kommt auch dazu und ich freue mich, ihn nun erstmals auch mit seinem Motorrad zu sehen. Leider ist seine liebe Frau nicht mit von der Partie, so dass ich mal wieder nur mit Männern fahre. Mutti kommt deutlich zu spät. Wir hatten uns schon etwas Sorgen gemacht, doch dann rollt er doch um die Ecke. Schließlich können wir starten.
 
An der Elbe entlang geht es über Boizenburg, Dömiz und Wittenberge bis zur Hansestadt Werben. Kurz danach nehmen wir die Seilfähre und fahren durch das Wendland und die Lüneburger Heide zurück nach Lüneburg. Streckenweise sind die Straßenverhältnisse so miserabel, wie ich es schon bei meiner Drei-Seen-Fahrt in Mecklenburg erleben musste. Rochie prescht voran, doch ich habe Angst um meine PJV, so dass ich etwas Fahrt rausnehme. Ab Arendsee wird es dann wieder besser. Die tiefstehende Sonne strahlt uns entgegen und wir rollen entspannt hintereinander her. Alles sieht wunderschön aus. Als ich meine Actioncam am Helm befestige, stelle ich fest, dass meine Micro-SD-Karte nicht im Apparat steckt. Schade, ich hätte diese Momente gern mit Euch geteilt. Kurz hinter Lüneburg lassen wir O. zurück. Bald danach biegt Mutti schon in Richtung Lübeck ab und Rochie und ich fahren noch bis zum Autobahnkreuz Maschen zusammen. Hier winke ich ihm eine Gute Heimfahrt und passiere die Elbbrücken um in meine Hansestadt zurück zu kehren.
 
Am Ende des Tages bin ich 430 km gefahren. Und so unspektakulär mein heutiger Bericht erscheint, es war einer meiner schönsten Motorradtage hier in Deutschland. Und den will ich nicht weiter zerreden. Nur schweigen und genießen. Es stimmte einfach alles - vor allem die Begleitung.

Kleines Hamburger Frühstück
mit Franzbrötchen
 

Der Elbe-Lübeck-Kanal in Lauenburg

 
Warten auf Mutti
 
Na endlich!
 
Wer hat den Größten... ... Plan?
 
Im Panoramacafé in Dömitz
Das Fischrestaurant war leider komplett überfüllt.
 
 
Hier schon über die Elbe, oder noch ein Stück weiter? "Weiter!!!" ruft Polly
 
 


 
 
 
 


Die schönste PJV zwischen drei GJV!!