Freitag, 13. Mai 2016

Kilometer 9.732 - 9.966 - Saint Vaast la Hougue und Le bouchon dans le bouchon

Bouchon ist in Französisch das Wort für Stau. Bouchon heißt aber auch der Flaschenkorken. Das Verb "boucher" bedeutet verstopfen und blockieren. Das Substantiv "Boucher" ist der Metzger. Am Ende des Tages werde ich fast zu jenem, aber zu seinem Glück springt der Wikinger noch elegant von der Schlachtbank.

Wir verlassen Barfleur gegen Mittag und machen uns wieder auf den Weg. Noch kurz biegen wir auf eine kleine Serpentine ab, die zu einem Aussichtspunkt führen soll. Im zweiten Gang klettern wir die engen Kehren hinauf. Ich freue mich, dass ich immer wendiger werde und  meinen Cruiser immer besser beherrsche. Diese kleinen Kurven liegen mir auch mehr, als die Langgezogenen auf den Landstraßen. Je nachdem wie lange ich schon auf dem Motorrad sitze, habe ich mal mehr, mal weniger Courage, die optimale Linie im hohen Tempo einzuhalten. Ich freue mich auf das Kurventraining, das eine Woche nach meinem Urlaub nachgeholt wird. Zudem will ich auch mal wieder meine kleinen roten Hütchen mit in das einsame Gewerbegebiet nehmen und ein bisschen Parcours fahren. Das nehme ich nicht einmal als Straßentraining. Mehr als kleine Geschicklichkeitsübung. Als Sport sozusagen. Diesen Sommer werde ich viel Zeit für solche Spielchen haben.

Auf dem Aussichtspunkt schieße ich einige Fotos, während der hungrige Wikinger um das Panorama-Restaurant herum schleicht. Wir springen auf unsere Bikes und steigen die Serpentine herab. Kurz darauf kommen wir in Saint Vaast la Hougue an. Neben dem kleinen Fischerhafen liegt eine Marina für Yachten aller Art. Bevor wir die Stadt erkunden, essen wir natürlich erst einmal Mittag. Es gibt Jacobsmuscheln, die ich sehr liebe. Und noch mehr liebe ich einen Café Gourmand als Dessert. Diese süßen Variationen mit einem Espresso gibt es in fast jedem Restaurant. Je nachdem, welches Niveau die Küche pflegt, sind es kleine Kuchen und Obst, oder auch Crème Caramel, Schoko-Malheur, Eis und Soufflé. Aber immer ist es lecker und vor allem süß.

Wir schlendern durch das Dorf, schauen in die kleinen Boutiquen und verlieren uns in einer kleinen Schiffswerkstatt. Frank ist ein ebenso begeisterter Fotograf wie ich. Wir haben völlig unterschiedliche Stile und freuen uns über den Austausch in Bildern. Während er sehr realistisch und gestochen scharf ablichtet, kann es bei mir gern etwas rauschen und bewegt sein. Ich spiele auch mit (wenig) Farbe, während er erstaunlich viele Details wahrnimmt. Ich finde seine Bilder toll, weil er mir die Welt zeigt, wie ich sie nicht zu sehen vermag. Meine Bilder sind meine Gefühlsmomente.














Es ist 17 Uhr als wir unsere Kameras wegstecken und die Karte betrachten. Die von mir gewünschte Route an der Küste entlang schaffen wir nicht mehr. Hier liegt ein Dörfchen neben dem nächsten und man kommt mit durchschnittlich 60 km/h voran. Zudem ist die Verlockung groß, hier und da noch einmal anzuhalten. Da der Wikinger aber morgen wieder Beamter ist, wollen wir nicht erst nachts ankommen und entscheiden uns für die Autoroute bis Caen, um dann dort zu tanken und anschließend die Route Nationale bis nach Hause zu nehmen. Es herrscht ein guter Wind von rechts. Zeitweise fahre ich richtig nach rechts gelehnt, um die PJV in der Spur zu halten. Tricky wird es dann, wenn man unter einer Brücke hindurch kommt oder Windschutzwände aufgestellt sind. Zum Glück kenne ich die Übung ausreichend aus meiner Heimat im Norden. Es macht tatsächlich Spaß und bietet eine kleine Abwechslung auf der stupiden Autobahn.
Auf der Landstraße kommen wir in den Rückreisestau. Ich bin eine gelassene Stausteherin, wenn ich nichts weiter vor habe. Frank aber fährt gelassen links am Stau vorbei. Autos fahren nach rechts rüber und machen Platz für die Motorräder. Poutain! Noch kürzlich haben wir uns darüber unterhalten, dass dies in Deutschland verboten ist. Dass er es in Deutschland auch lassen sollte, weil die Autofahrer im Allgemeinen nicht so kooperativ sind. Vor allem sind sie weniger aufmerksam, weil die einfach nicht damit rechnen, dass Motorräder überholen. Es gibt sogar Menschen, die die engen Gassen extra blockieren. Also bin ich auch nicht für so etwas trainiert, weil ich ehrlich gehorsam in der Schlange warte. Nun sehe ich die Harley langsam aber konsequent voran rollen. Bei Gegenverkehr drängelt man sich einfach zwischen zwei Autos. Platz ist immer, die Fahrer machen mit. Ich nehme allen Mut zusammen und folge. Wie auch der Wikinger gebe ich regelmäßig Leergas, um zu signalisieren, dass nach dem großen Mann noch ein zweites Motorrad folgt. Das wirkt bei meiner Vulcan zwar fast ärmlich, aber ich mache ein wichtiges Gesicht und kaschiere meine hohe Konzentration. Plötzlich stockt es an einem SUV, der einfach nicht weichen will. Frank drängelt sich hinter dem Fahrzeug nach rechts, überholt dort und schiebt sich wieder nach links. Damit hat er mich abgehängt. Das habe ich so schnell nicht hinbekommen. Ich höre noch 2, 3 Mal die Harley aufbrummen und dann ist er um die Kurve verschwunden. Das gibt's doch nicht. Er kann mich doch nicht einfach zurück lassen! Mir stockt der Atem vor Enttäuschung. Was mache ich denn nun. Vor mir noch der SUV, davor 4 Wohnmobile, dann die abschüssige Kurve nach links. Nachdem mein spontaner Zorn verflogen ist, beschließe ich, einfach zu schauen, was sich ergibt. Am Ende bin ich auch ein bisschen der Idiot, weil ich mich dem französischen Verkehr nicht anpassen konnte. Irgendwie fühle ich mich auch etwas albern, weil ich vermutlich das einzige Motorrad Frankreichs bin, das hier nun im sonntäglichen Stau wartet. Zum Glück habe ich ein deutsches Kennzeichen. Wir Deutschen halten uns ja an alle Regeln. Schon schießt links eine große Reiseenduro vorbei. Die beiden Menschen oben drauf grüßen mich. Ich muss lachen. Verzwickte Lage. Wie ein Entenküken, das sich nicht ins Wasser traut. Beim nächsten Motorrad hänge ich mich dran. Ich bringe mich schon mal in Posi...... brrrrrrrrrrrrrr......dumpfes Dröhnen einer kleinen Harley. Ein Typ und seine Sozia winken fröhlich. Zu spät. OK. Augen zu und los. Viel Leergas, meine PJV schnurrt auf. Als ich die Wohnmobile hinter mir habe, wird es leichter. Die PKWs machen Platz. Nach einem Kreisverkehr geht es wieder ungehindert weiter. Pont L'Éveque 5 Kilometer. Von dort aus sind es noch fast 50 Kilometer bis nach Hause. Der Wikinger ist bestimmt längst dort. Wenn er den Grill anschmeißt, sei es ihm verziehen. Sollte er irgendetwas anderes tun, werde ich mir genau eine Wurst braten und genau eine Kartoffel dazu kochen.  Nach einer langgezogenen Kurve stehe wieder im Stau. Ich überhole ein paar Autos, dann ist der Gegenverkehr zu dicht. Also zwischen Schlange und Gegenverkehr drängele ich mich nicht durch! Nach dem zweiten Sprint geht es auf einen Kreisverkehr zu. Ich stehe brav in der Reihe. Als der Blick auf den Kreisel frei wird, sehe ich rechts auf einer Fußgängerinsel den Wikinger an seiner Harley lehnen. Der Helm klemmt am Spiegel, der Motor ist kalt, um die Füße herum mehrere Stummel seiner Selbstgedrehten. Ich winke auf normannische Art und stelle mich zu ihm. Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, ignorant an ihm vorbei zu fahren, sollte er irgendwo warten. Aber er schmunzelt so mitleidig, dass ich den Motor abstelle, den Helm abnehme und ihm aufgeregt von meinen mutigen Manövern berichte. Er zertritt die letzte Kippe, spuckt ein paar Tabakkrümel aus und greift zum Helm. In 100 Metern sei eine Ampel, die die ganze Region verstopft. Danach wäre freie Bahn. Er hatte das schon ausgekundschaftet und ist dann zum Kreisel zurück gekommen um mich einzusammeln.
Ich atme durch und fahre besonders eifrig hinter ihm her. Wir steigen die Pont Normandie hinauf und stehen beim Abstieg im Stau der Péage. Ohne zu zögern schreitet Frank mit langen Schritten zwischen den beiden Spuren hindurch. Zum Glück hat man bergab eine sehr gute Übersicht. Dennoch bin ich langsam müde. Im Rückspiegel sehe ich zwei Sportler heran rollen. Wenn ich nicht der Bouchon im Bouchon sein will, dann muss ich nun Gas geben....
Dumdidum...

Poutain, le bouchon!
Freie Fahrt bis auf die Brücke
Und bergab zwischen den Spuren.
Geschafft!
Erst mal die Kleider ordnen!
Und ab nach Hause!


Kommentare:

  1. Dieses sich durch den Stau drängeln mag ich auch nicht besonders. Manchmal an einer Ampel rolle ich ganz unschuldig vorbei umd dann in Pole liegend davon zu kommen. Aber wirklich nur selten. Und auf der Autobahn habe ich es gestern erst das zweite Mal getan...
    Auf der Landstraße finde ich es ehrlich gesagt mutig. Daumen hoch!

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    1. Ich würde das in Deutschland tatsächlich nie so machen, weil ich weiß, dass die Verkehrsteilnehmer anders miteinander umgehen. In Frankreich wirkt das oft rabiat, aber am Ende ist es doch ein gutes Miteinander, in dem alle aufeinander aufpassen und nicht in Konkurrenz miteinander sind. Auch in Paris fahre ich viel offensiver mit dem Auto, als in Hamburg mit jeglichem Fahrzeug. Dabei bin ich überhaupt nicht ängstlich, eher gelassen. In den 5 Jahren, die ich nun regelmäßig in Frankreich bin und auch zeitweise hier lebte, habe ich meinen Fahrstil sehr verändert. Zuvor eher sportlich unterwegs, weiß ich nun, dass es viel besser flutscht, wenn man miteinander klarkommt. Übrigens sah ich auf den großen Digitalanzeigen über den Autobahnen mehrmals die Warnung: "Zweiräder sind verwundbar, geben Sie Acht auf Motorräder!" So was schon mal in Deutschland gesehen?

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    2. Ich glaube, in Deutschland wäre so ein Hinweis völlig undenkbar. Mir ist das, was Du von Frankreich schreibst, am vergangenen Wochenende gerade wieder aufgefallen. Die achten tatsächlich mehr auf Motorräder und sind freundlicher Motorradfahrern gegenüber. Was nicht heißt, dass dort nicht auch gefahren würde.
      Dieses auf der Autobahn am Stau vorbeischlängeln habe ich im Sommer, als wir von Österreich zurückkamen, das erste Mal praktiziert. Da waren mir die anderen beiden auch einfach am Horizont verschwunden gewesen. Da blieb mir kaum etwas anderes übrig. Ich habe mich aber da, wie auch gestern, wo ich es morgens etwas eilig hatte, an einen anderen Biker drangehängt. Da haben tatsächlich auch ein paar Leute Platz gemacht. Ich habe es aber auch nicht übertrieben und bin besonders vorausschauend und vorsichtig gefahren. Der vor mir war auch rasch von dannen. Der war da einiges flotter.
      Wirklich gerne mache ich das allerdings nicht.

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  2. Die Routine zum Filtern fehlt mir auch, in Kanada war es, wie in DE, nicht erlaubt. Wenn ich allein auf Vespa unterwegs bin, schummle ich mich schon mal an der Ampel nach vorne. Meist wird einer Rollenfahrerin verziehen. Mit der Sportster trau' ich mich eher nicht. Du hast ja wieder tolle Bilder gemacht, aber am schönsten finde ich gerade den Meeresfrüchte-Teller... mag daran liegen, dass ich Hunger habe ;-)

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  3. Ach menno, wie süß ... und nun habe ich vor lauter verzücktem schmunzeln vergessen, was ich schreiben wollte ... *smile* ...

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  4. Awesome photos! Thanks for the share, love reading your blog.

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    1. Thanks a lot, Kylie and welcome to my world!

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