Donnerstag, 12. Mai 2016

Kilometer 9.561 - 9.732 - Barfleur und wie Franzosen so sind


Es ist 17 Uhr, als wir den Mont Saint Michel verlassen. Da wir für morgen einige Orte auf der Halbinsel Cotentin ins Auge gefasst haben, entscheiden wir, noch ein ganzes Stück in Richtung Barfleur zu fahren und dann möglichst vor dem einsetzenden Regen eine Unterkunft zu finden. Ich bin bester Laune. Wir fahren durch den Parc Naturel Régional des Marais du Cotentin. Vor ein paar Tagen sagte Frank noch, so stelle er sich Irland vor. Ich bin nur wieder unheimlich betört von den erdigen waldigen Düften und dem satten Grün. Wie in Trance lasse ich meine Vulcan hinter der Harley hertraben und vertraue darauf, dass wir den richtigen Weg nehmen. Irgendwann geht der Wikinger jedoch furchtbar in die Eisen und hält rechts an. Ich dachte, er hätte sich verfahren, aber nein, er hatte eine Bäckerei entdeckt! Während das obligatorische Baguette motorradgerecht in zwei Hälften geteilt und der übliche Smalltalk ausgetauscht wird, verdüstert sich der Himmel. Autos kommen uns mit Licht und hektischen Scheibenwischern entgegen. Ich fühle einige Tropfen, doch scheinbar fahren wir dem Regen hinterher. Ich habe keine Ahnung wo wir sind und bezweifle auch, dass Frank es noch weiß. Zwei Mal nimmt er einen Kreisverkehr doppelt, bevor er sich für eine Abzweigung entscheidet. Plötzlich hält er an einer einsamen Straße an, biegt auf einen Kiesweg ab und präsentiert mir eine Burg, auf der einmal Jährlich ein Custombike-Festival stattfindet. Wir sind also in Saint Sauveur le Vicomte. Lass uns doch das Hotel auf der anderen Straßenseite nehmen! Ich freue mich schon darauf, nach dem Frühstück einen Spaziergang auf die Burg zu machen, doch die wenig freundliche Empfangsdame meint, sie hätte kein Zimmer frei. In der ganzen Stadt herrscht Totentanz und die behauptet, sie hätte kein Zimmer frei? Vielleicht hat sie auch schlechte Erfahrungen mit Bikern gemacht. Oder mit Deutschen - wie jeder hier.
 
Enttäuscht fahren wir bis zur nächsten Stadt, stoßen uns die Nase an einem geschlossenen Hotel und finden schließlich beim zweiten Anlauf unsere Unterkunft in Valognes. Nach dem Einchecken holen wir unsere Klamotten vom Motorrad und als wir gerade das Haus betreten, bricht ein Unwetter sondergleichen los. Am nächsten Morgen berichtet die Hotelbetreiberin, dass Regen und Gewitter bis morgens um 6 Uhr angedauert hätten. Ich habe nichts gehört.
 
Das Château von St. Saveur le Vicomte 


Rettung in letzter Sekunde

Kleines Abendessen und komatös einschlafen

Das Frühstück ist wie immer sehr mager. Fades Baguette (ich hasse es!), Minicroissants, das übliche Sortiment süßer Aufstriche in Plastikverpackung und Compote, sprich Apfelmus in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Natürlich auch in Einzelverpackung. Es stehen auch Cerealien auf dem Regal, aber Milch gibt es nicht. Ich frühstücke gern üppig und nehme von der bescheidenen Auswahl etwas mehr. Frank tunkt sein Butterbaguette in die Tasse. Dann trinkt er seinen Kaffee, kippt den krümeligen Bodensatz auf die Untertasse, schenkt sich nach und wiederholt die Zeremonie mit einem Croissant. Franzosen sind so. Als ich mit 23 Jahren in den USA war, habe ich mich mit Zelt und Mietwagen von Nationalpark zu Nationalpark bewegt. Im Yosemite Parc unterhielt ich mich mit einem Ranger und sagte ihm staunend, dass auf dieser Reise alle Amerika-Klischees bestätigt würden. Die Freeways in LA sind so voll wie im Fernsehen, die Highways so leer wie im Film. Vor dem Mobile Home brät Daddy im grauen Kaputzenpulli und Baseball Cap Marshmallows mit seinen Kindern und Mum tritt mit pinkem Top und passenden Fingernägeln aus der Tür und mahnt vor Brandverletzungen. Der Ranger lachte und fragte, warum man denn in den Filmen auch lügen sollte. Recht hat er irgendwie. Und so sehr ich Verallgemeinerungen ablehne, bestätigt es sich doch immer wieser, dass Völker so sind, wie sie portraitiert werden. Natürlich esse ich keine Weißwurst und trage auch kein Dirndl. Aber ich mag dunkles Brot und esse meinen Salat als Vorspeise. Ich bin fleißig und pflichtbewusst im Job und im Allgemeinen nicht übermäßig rebellisch. Ich habe blaue Augen. Ich gebe den Leuten die Hand. Meine Sprachmelodie ist hart und ich kommuniziere direkt ohne Schnickschack. Langsam vermischen sich jedoch meine beiden Leben. So wie ich in meine französische Sprache oft deutsche Gewohnheiten einbaue, fallen mir in Hamburg die französischen Floskeln ein. Meine Supermarktkassiererin weiß, dass ich oft in Frankreich bin und begrüßt mich immer mit Bonjour. Ich sage dann Bonjour Madame. Eines Tages flüstert sie mir zu, dass sie sich auf den Arm genommen fühlt, wenn ich Madame sage. Ich bin ganz verwirrt und es tut mir leid. Hier in Frankreich hat man immer eine solche Ansprache. Bonjour Madame, Au revoir Monsieur, Bonne journée Messieurs Dames, Bien sûr mon General, Salut ma Poule. Ebenso ist die französische Sprache eher indirekt. Nur unter Freunden legt man die außerordentliche Diplomatie ab. Die Formulierung "Das haben Sie schlecht gemacht!" wird fast als Attacke gewertet. "Das geht vielleicht noch besser." wäre hier die Ausdrucksweise, die man benutzt, damit der Kritisierte noch kooperationsfreudig bleibt. Mir ist das oft zu viel Blabla. Ich bringe die Dinge auf den Punkt. Punkt. Wenn dann jemand beleidigt ist, sage ich, das läge an meinem beschränkten Ausdrucksvermögen. (Das klappt aber nur noch bei Fremden.)



Französisches Frühstück
 




 












Wir satteln die Rösser und machen uns wieder auf den Weg. Bis Barfleur sind es keine 30 Kilometer mehr und nach kurzer Zeit rollen wir in den kleinen Hafen der Austernfischer. Es ist kurz vor 10 Uhr und die Touristen schlüpfen erst langsam aus ihren Betten. Einheimische genießen noch schnell die Stille im kalten Licht des Meeres.

Ankunft in Barfleur

 

Le Viking et la mer

 







 
 

Auf unserer Erkundungstour entdecken wir einen Antiquitätenladen in einem kleinen Hinterhof. Der Inhaber steht von seiner Bank auf und begleitet uns hinein. Im Erdgeschoss findet sich allerei Krimskrams aus vergangenen Zeiten. Im Zimmer darüber eröffnet sich ein Atelier voller Bilder. Dieser Raum strahlt eine tolle Atmosphäre aus. Der Mann fragt, woher wir kämen. Aus "Le Havre", sagt Frank. "Oha", der Mann nickt nachdenklich, "da sieht es etwas anders aus, als bei uns hier." Und schon, wie so oft, wird Smalltalk über den Krieg gehalten. Frank weiß natürlich zu berichten, welche Truppen wo welche Schlachten geführt haben (das weiß er aber erstaunlicherweise bis zu den Wikingern zurück), und der alte Mann hört andächtig zu. Niemals gäbe es so etwas in Hamburg. Nach 15 Minuten kann ich es nicht mehr hören. Ich fotografiere das Atelier und betone dabei, wie entzückend ich es finde. Der Mann freut sich, da er dieses Konzept "Gallerie im Atelier" gerade auf verschiedenen Ausstellungen präsentieren will und meine Worte ihn bestätigen. Also unterhält man sich über Kunst und die Restaurierung von Oldtimern, insbesondere amerikanische Fahrzeuge. Jaja die Amis, die haben Frankreich damals gerettet. Es geht auf Mittag zu und ich treibe Frank an, nun weiter zu ziehen.
 
 

Wer in der Normandie reist, kann sich vor Kriegsgeschichten nicht schützen. Der zweite Weltkrieg ist hier ständig präsent und zahlreiche Museen, ja jeder Souvenir-Shop erhalten die Lebendigkeit der guten Amis und bösen Deutschen. Die Geschichte ist so gewesen. Das ist Fakt. Das kann ich auch nicht schön reden. Aber es wird Generationen brauchen, bis diese Verhärtung der Fronten sich löst. Für mich Kriegsenkelkind ist es noch zu früh. Ich ertrage es nur schwer. Vielleicht nimmt ein Tourist das anders wahr - man ist ja auch nicht dauernd mit Einheimischen zusammen -, aber ich lebe hier sehr oft. Und immer wieder stehe ich als Deutsche am Pranger und die Franzosen holen zur Steinigung aus. Ich will noch rufen: "Ich bin nicht schuld, ich war es nicht!" Aber ich resigniere. Sie meinen es ja auch nicht böse, schließlich lachen Sie sich tot über Tonton (Onkel Adolf), dessen kranke Aktionen und der Blamage der Deutschen. "Ich war es nicht, ich habe mich nicht lächerlich gemacht!" bäumt es sich in mir auf. Vielleicht gewöhne ich mich ja irgendwann daran. In 30 Jahren.


 

Kommentare:

  1. Salut ma biche, ein schöner Reisebericht, der aber auch sehr nachdenklich ist, wenn auch unterschwellig, es ist für mich überraschend das wir Deutschen immer noch als die "Bösen" in den Köpfen der Einheimischen sind. Das kenne ich aus der Provence überhaupt nicht und ich kenne da mittlerweile ne Menge Leute, das aber vielleicht auch nur an meinem Französisch. Das erinnert mich an eine amüsante Geschichte die wir 2012 in der Ardèche erlebt haben. Wir saßen gemütlich auf einer Caféterasse, als der Wirt auf uns zu kam und Details von meinem damaligen Motorrad haben wollte, er versuchte es auf deutsch und als ich dann auf französisch geantwortet habe, war er nicht mehr zu halten. Irgendwann fragte er mich dann, wie es sich denn als Franzose in Deutschland lebt, hab ihn dann aufgeklärt das ich Deutscher bin, er dachte zuerst ich wollte ihn auf die Schippe nehmen, das könnte ja wohl gar nicht sein, weil er hört sofort, wenn jemand kein Franzose ist. Hat mir dann doch geschmeichelt....Lass dich nicht unterkriegen ma Poule !!! ;-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. No, mit unterkriegen lassen hat das auch nichts zu tun. Die Leute sind hier ja lieb zu mir. sie merken nur einfach nichts von meinen Gefühlen, weil sie sich in Deutsche hinein versetzen können und wollen.
      Hier oben würde niemand Deutsch sprechen. Ich kenne ernsthaft Leute, die im Ausland auf Reisen waren und sich wunderten, warum "die da" nicht Französisch sprechen. In Russland unter anderem......... :-D

      Löschen
  2. Ich kann mich daran erinnern, dass dort im Norden der Krieg erst gestern vorbei schien. Auch ich bin damals (Ende der 90er) trotz "toter Hose" zwei mal abgewiesen worden. Mag aber auch am damaligen Ruf der Motorradfahrer gelegen haben... ich weiß es nicht. An das französische Frühstück konnte ich mich auch nie gewöhnen... aber dafür gibt's ja über den Tag andere Leckereien en masse ;-)

    Schöner Reisebericht und wirklich ganz tolle Fotos. Machen Lust auf's Reisen.

    AntwortenLöschen
  3. Ja, mit den Klischees ist es tatsächlich so. Ich habe im Saarland gearbeitet und habe wirklich auf jedem Tisch, in jeder Küche, die obligate Flasche Maggi gefunden. Man denkt häufig, es seien Überzeichnungen, aber es ist wirklich so.
    Dass wir als Deutsche im Ausland nicht immer gut angesehen sind, ist nicht nur in Frankreich so. Als wir Anfang der 90er in Prag waren, haben sie in der Kneipe beim Hotel am zweiten Abend demonstrativ ihre Pistolen geputzt. Das galt absolut uns.
    Letztlich muss man drüber stehen bei so etwas. Weil, wir haben wirklich nichts mehr damit zu tun, was unsere Eltern und Großeltern getan haben.

    AntwortenLöschen