Montag, 9. Mai 2016

Kilometer 9.054 - 9.237 - Weltenbummler

Um 12 Uhr wird gegessen. So gehört sich das in Frankreich. Und wenn man an einem Feiertag zum "Mittagessen" eingeladen ist, dann hat man sich spätestens zu dieser Uhrzeit zum Apéro beim Gastgeber einzufinden.
 
Wir müssen bis nach Maromme, eine kleine Stadt vor den Toren Rouens, auf unserer Seite der Seine. Dennoch überqueren wir die Tancarville-Brücke und nehmen die schmale Uferstraße, die ich auch am Montag schon gefahren bin. Ich genieße das Frühlingsgrün der Bäume und den Duft der Natur. Einige Pferde blicken uns nach, als wir vorbei fahren. Sie riechen nach Gras und Schweiß. Nur Ponymädchen wissen, dass der viel zu lange Winter vorüber ist, wenn die warmen Pferdenasen endlich wieder nach frischer Weide riechen. Die weiche Haut über den Nüstern hat dann ein ganz besonderes Parfum.
 
Wie wohl meine bloggenden Motorradmädels die ersten Frühlingsboten empfinden? Die kleine Gruppe individueller Damen, mit der ich mich über die Sozialen Netzwerke austausche, ist ein echter Bestandteil meines Lebens auf dem Bike geworden. Eigentlich hatte ich meine Bezugsgruppe ja immer in Frankreich und fühlte mich anfangs mit meinem Motorrad in Hamburg ziemlich allein. Nun habe ich über die Cruiser Lounge Bekanntschaften geschlossen, mit denen ich gerne eine Runde drehe, Tee trinke und Kuchen esse. Doch die 6 Damen, deren Geschichten ich verfolge, bereichern mich jede auf Ihre Art. Und obwohl ich sie nicht persönlich kenne, denke ich oft an sie. Gern würde ich sie mal treffen, aber irgendwie hat es inzwischen auch etwas Geheimnisvolles, dass man nicht weiß, was sie im wahren Leben sind. Wie ihre Stimmen klingen, welchen Dialekt sie sprechen und was sie in ihrem Alltag treiben. Ich habe nur eine wage Vorstellung von ihnen und baue sie in mein Leben ein, wie Figuren aus einem dicken Buch. Tintenherz etwa. Oder Herr der Ringe.
 
Mir am ähnlichsten finde ich Sonja. Sie fährt eine Harley Sportster und Vespa (ich früher auch). Sie liebt das Meer und den Wald. Sie hat zwei Leben, eins in Canada und eins in Deutschland. Allerdings ist sie recht sportlich und fährt Fahrrad wie verrückt. Die Zeiten sind bei mir irgendwie vorbei.
 
Auch Irina ist auf das Fahrrad gestiegen und aktuell sogar mit diesem in Norddeutschland auf Reisen. Sie ist eine ganz starke Frau mit einem enormen Willen. Auch das kenne ich von mir. Die eiserne Irina ist für mich die Nahbarste.
 
Thematisch und auch irgendwie emotional nah sind mir Svenja und Pieps. Viele meiner Reisen habe ich allein mit einem Zelt unternommen. Amerika, Schottland, Brasilien/Argentinien und ganz Dänemark. Hätte ich nicht den Luxus, hier in Frankreich immer wieder privat wohnen zu können, würde ich wieder campen. Ich liebe schon das Geräusch des Reißverschlusses, wenn ich den halbrunden Eingang öffne. Siiüiiiiiühühüiiiiiieeeee. Und schon kommt mir dieser leicht muffige Zeltgeruch entgegen. Und in der Ferne klappert Geschirr, ich höre das dumpfe "Buff... buff buff", wenn jemand einen Fußball kickt. Ich bin allein, kann aber mit einen Lächeln oder einem kurzen Kopfnicken Kontakte schließen, wenn ich will. Wenn nicht, beuge ich mich über mein Buch und schließe damit meine imaginäre Tür.
 
In ihrer Privatsphäre verschlossen ist Andrea. Ihr Blog ist informativ und sachlich. Aber intelligenterweise läd sie uns ein, in das Leben anderer Frauen zu schauen. Denn neben diversen Artikeln führt sie Interviews mit Frauen, die Motorrad fahren. Bei Andrea bekomme ich immer wieder neue Einblicke in das große Spektrum unserer Leidenschaft.
 
Diese gewährt mir auch Minya. Minya schreibt außer über ihre Reisen auch über Events und Testfahrten. Sie setzt sich mit Motorradtechnik auseinander und bringt mir diese auf eine sachliche weibliche Art näher. Minya veranlasst mich, mehr Vertrauen zu mir und meinem Bike zu haben. Aus meiner Komfortzone heraus zu kommen und Neues auszuprobieren.
 
À propos Komfortzone. Über die Gschichtn Erzaehlerin lese ich im Blog gar nicht soooo viel. Ständig lenkt sie mich auf Facebook mit ihren rührenden Katzenbildern ab.
 
Inzwischen sind wir an der Fähre von Jumiège angekommen. Auf der anderen Seite nehmen wir den kurzen aber kurvigen Weg nach Maromme und besorgen noch einen Blumenstrauß für die Dame des Hauses. Pünktlich zum Mittagsläuten treffen wir bei Frabrice und Vero ein und lassen uns mit den anderen Gästen zum Apéro auf der Terrasse nieder. Es folgt ein Menü aus Entrée, Hauptgang, Käse, Torte und Café, begleitet von Geschichten aus dem Leben der Franzosen und einer Deutschen. Auf dem Rückweg denke ich nicht mehr an meine virtuellen Begleiterinnen. Ich lasse den lebhaften Tag Revue passieren und genieße das Wahrhaftige. Allerdings ist die Realität auch manchmal schwer zu verdauen. Bei einer kleinen Pause mit Panorama-Blick auf die Seine, rupfe ich Grashalme aus und teile meine Gedanken mit dem alten Wikinger. So vertraut mir meine Freunde hier inzwischen sind, und so gern sie mich mögen, so werde ich auch hier immer eine Fremde sein. Niemand von denen kennt meine Wohnung in Hamburg, meine Freunde, meine Stadt, meine Küste. Wir werden bis an das Ende aller Tage über die Unterschiede zwischen deutscher und französischer Lebensart sprechen und sie werden bis an das Ende aller Tage meinen schroffen Akzent imitieren und über meine Art, Geschichten zu erzählen, lachen. Für sie werde ich immer das fremdartige Wesen aus einer anderen Welt bleiben.
 



 
 

Kommentare:

  1. Danke für die Blumen, liebe Polly, allerdings bin ich nicht wirklich sportlich, auch wenn ich schon mal das Pedal-Bike reite. Tatsächlich ist ist mehr die Notwendigkeit...

    So sehr ich mich im Multi-Kulti in Kanada zu Hause und dazu gehörig fühle, als Zugereiste im Schwarzwald ergeht es mir wohl ähnlich, wie Dir in Frankreich. Man wird immer fremd bleiben, die kulturellen und sprachlichen Unterschiede bleiben eine Barriere. Dennoch, bei allem, was sonst trennen mag, zeigt Dein letztes Bild ganz klar Freundschaft, Einigkeit und Zusammenhalt.

    AntwortenLöschen
  2. Was möchtest du denn aus der Komfortzone erfahren? ;) Schlag mal was vor und ich schaue, was sich erzählen lässt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Tiere sind meine absolute Komfortzone und ich finde, sie sagen immer etwas über ihre Menschen aus. Ich liebe Deine Katzenbilder. Sie destressen und entschleunigen für einen Moment :-D

      Löschen
  3. Dein Posting rührt mich total an. Sowohl der Teil über deine virtuellen Mädels, als auch der Teil über deinen 'Stand' in Frankreich. Ich habe gerade echt feuchte Augen.

    Schade, dass sich unsere Reisen zeitlich überlagert hatten.

    AntwortenLöschen
  4. Oh... Mittags zu essen, das wäre ich ja so gar nicht gewöhnt. Bei mir fällt meist die Mittagspause aus. Und mitterweile habe ich mich daran auch gewöhnt.

    Ich freue mich wirklich, wenn ich mit meinen Berichten Dir etwas helfen und neue Anregungen geben kann. Genau so sind sie auch gedacht.
    Bei Dir erfahre ich wieder ganz andere Sachen, Du bringst mir Frankreich nahe, zeigst die Welt mit dem Cruiser. Das klingt zunächst recht entspannt, allerdings stockt mir manches Mal der Atem, wenn ich von Deinen Langstreckenfahrten lese.

    AntwortenLöschen