Montag, 2. Mai 2016

Kilometer 8.867 - 8.954 - Gemütliches Eingrooven



Meinen ersten richtigen Urlaubstag lasse ich langsam angehen. Ich spiele mit dem Hund, schaue Fotos an und frühstücke in Ruhe. Dann nehme ich mir einen Eimer Wasser und wasche meiner PJV zumindest grob den Autobahndreck ab. Nun glänzt sie in der Sonne und ich lasse mich zu einer kleinen Runde in der Nachbarschaft überzeugen. Ohnehin muss ich tanken, da kann ich ja noch die Neuigkeiten in meiner zweiten Heimat checken.
Ich folge der Seine flussaufwärts, passiere die Industriestadt Notre Dame de Gravenchon, die immer nach Raffinerie riecht und in der Dunkelheit mit Ihren hellen Lichtern immer etwas außerirdisch anmutet. Dann komme ich durch Villequier, wo ich an eine Frau denke, die ich aus komplizierten Gründen seit zwei Jahren nicht gesehen habe, sie aber immer in meinem Herzen hatte. In Caudebec-en-Caux habe ich seinerzeit gewohnt. Ich beschließe einen Kaffee in meiner Stammkneipe zu trinken, doch die ist ungewöhnlicherweise geschlossen. Also fahre ich zum Supermarkt, kaufe Gebäck und Wasser und freue mich darüber, dass die Damen mich so überschwänglich begrüßen und verabschieden. Ich fühle mich zu Hause in diesem 2000-Einwohner-Örtchen, in dem ich so intensiv gelebt und gearbeitet hatte. Bei meinem erneuten Versuch, im Saint Philipe zu einem Klönschnack einzukehren, sehe ich eine Notiz an der Tür, dass erst um 16 Uhr geöffnet wird. Ach schade, naja. So fahre ich in Richtung Pont de Brotonne, und kurzentschlossen nehme ich die Rue Saint Clair, in dem sich das Manoir de Rétival befindet. David, der Chef, ist ein alter Hamburger und ich kenne ihn gut. Gerade im Februar hat er hier, mit seinem Restaurant G.a., seinen ersten eigenen Michelin Stern erhalten. Ich bin neugierig, was sich in dem alten Landsitz des französischen Adels getan hat. Tatsächlich sehe ich einen der Köche auf der Straße und er schaut mich überrascht an. "Lange nicht gesehen!" Kurzer Smalltalk, dann höre ich die Stimme jeder Frau, an die ich eben noch dachte. Der Koch geht hinein und ruft ihr zu: "Schau mal, wer da ist, musst mal über die Mauer gucken!" Kurzerhand sitze ich bei ihr in einem Sessel und wir trinken Kaffee, tauschen Neuigkeiten aus und verabreden uns für bald in Hamburg. Damals war es das, was man Fremdeinfluss nennt, was zu unserer Trennung führte und vor genau dem Fremdeinfluss schütze ich mich in der Distanz. Nun saßen wir beieinander und wussten, dass unsere Verbindung unerschütterlich ist. Was sind schon zwei Jahre in einem ganzen Leben?
Vergnügt fahre ich weiter. Seit ich mein Motorrad habe, sind mir so viele tolle Dinge begegnet. Neben den Touren und dem Zusammensein mit meinem Bike, schenkt mir das Leben als Reisende immer wieder Neues, oder gibt mir Altes zurück. Der Traum, den ich mir hier erfüllt habe, vervollständigt mein Dasein mehr und mehr.
Ich überquere die Seine und biege auf die kleinen Dorfstraßen ab, die direkt am Fluss entlang führen. Die Stimmung ist hier ein wenig wie an der Elbe. Während die großen Pötte in Le Havre an der Seine Mündung gelöscht werden, setzen die kleineren Containerschiffe ihren Weg hier bis nach Rouen fort. Es ist still, ich verliere mich im Wasser, dem leichten Wind und weiß wieder, warum ich diese Region so liebe. Ich atme aus, langsam nehme ich Abstand vom Arbeitsalltag und kann mich entspannen.
Gemütlich cruise ich durch die kleinen Wäldchen der Brotonne und kehre über die Tancarville-Brücke nach Hause zurück. Nach Hause.


Manoir de Rétival



Kommentare:

  1. Manchmal sind es die blödesten Dinge, die einen davon abhalten, das Unausgesprochene zu klären, und viel zu oft ist es dann zu spät, um es wieder aus der Welt zu schaffen. Schön, dass Ihr wieder zueinander gefunden habt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Stimmt und manchmal muss man sich auch trennen, um sich zu einem besseren Zeitpunkt wieder zu finden. :-)

      Löschen
  2. schön von dir zu lesen, wie immer wunderschöne Fotos, genieße die Zeit
    Gruß Hansi

    AntwortenLöschen
  3. Wie schön, daß Du die Leute, die Dir im Leben viel bedeutet haben, noch besuchen und mit ihnen reden kannst. Denn die Zeit vergeht viel zu rasch und dann gibt es auf einmal keine Gelegenheit noch Dinge zu klären, zu sagen, oder aus der Welt zu räumen.

    AntwortenLöschen