Dienstag, 31. Mai 2016

Kilometer 11.845 - 12.014 - Unter Ladies

Was soll ich bloß anziehen? Lieber die knackige Jeans, oder die inzwischen viel zu große Lederhose? Auf jeden Fall mein Glücks-Shirt von der FBF (Féderation Bikers Francais). Das hat der Wikinger mir mal geschenkt und schließlich fiebert er auch ein wenig meinem heutigen Blind Date entgegen. Immer wieder checke ich die Wetter-App. Haare, Schminke, ... ein Lippenstift wäre zu viel des Guten. Noch schnell werfe ich meine Mütze, die Kameras und mein Portemonnaie in die Tasche und flitze zu meiner PJV. In 10 Minuten werde ich abgeholt. Gestern habe ich bei einem Umzug geholfen und es danach nicht mehr geschafft, mein Motorrad noch einmal überzuputzen, aber so schlimm sieht es nicht aus. Ich höre Motorengeräusche und blicke auf. Aufblicken werde ich noch häufig im Laufe des Tages. Minya und Gesa sind angekommen. Eine Reisende mit ihrer BMW GS 800. Jede für sich bereits von imposanter Erscheinung. Doch wenn die hochbeinige Lady auf ihrer grazilen Enduro sitzt, bekommt der Spitzname meiner Vulcan 900 ein neues Gewicht. Das „tapfere Pony“ wirkt wie ein dickes Shetty neben dem erhabenen Paar.

Es ist noch früh am Tag und bevor wir zu einer kleinen Tour aufbrechen, wollen wir erst einmal frühstücken. Bei Nieselregen fahren wir in die Hafencity und kehren in einem österreichischen Café ein. Wir genießen das Frühstück und unser erstes Treffen im wahren Leben. Unsere Gemeinsamkeiten sind klar: Wir sind Frauen, wir fahren Motorrad, wir schreiben unsere Erlebnisse in einen Blog und lassen andere Menschen an diesen Erfahrungen teilhaben. Wohl wissend, dass der Schwerpunkt unserer Schreiberei auf dem gemeinsamen Hobby liegt, ist es spannend zu erfahren, was die Andere darüber hinaus im Leben noch bewegt. Das persönliche Treffen gibt mehr preis, als die geschilderten Aktivitäten. Was ist, wenn ich auf eine Frau treffe, der ich nichts preisgeben möchte?

Aber so ist es nicht. Wir tauschen Daten und Fakten aus und ich traue mich mehr und mehr zu hinterfragen, was mich noch interessiert. Und Minya hat viel zu berichten, denn ihre Familie stammt aus vielen Ecken, die auch ich kenne und so schließen sich an unsere Themen immer wieder neue Erinnerungen an die Vergangenheit an. Inzwischen regnet es unablässig und wir verlängern das Frühstück mit einem weiteren Kaffee. Sollte sich dann keine Wetteränderung zeigen, würden wir einfach in die Kunsthalle gehen und den Tag in dem frisch renovierten Museum verbringen.

Aber so kommt es nicht. Gegen 15 Uhr lichtet sich die Wolkendecke und wir machen uns auf den Weg in Richtung Glückstadt. Wir passieren die Landungsbrücken und rollen über den Fischmarkt. Während Gesa leichtfüßig über das Kopfsteinpflaster trabt, werde ich auf der PJV kräftig durchgerüttelt. Noch mehrmals an diesem Tage werde ich mein Motorrad in 3 Zügen wenden, während Minya einfach einen Kringel über den unbefestigten Straßenrand fährt. Enduro meets Cruiser. In einer spitzen, leicht ansteigenden Kurve rutsche ich auf einem gusseisernen Kanaldeckel weg und erschrecke mich ordentlich. Der Sturz meines Freundes Mutti von letzter Woche hat mir gezeigt, wie schnell man liegen kann. Zunächst fahre ich ganz entspannt weiter, doch als wir in der Marsch über Landstraßen und Dörfer kurven, merke ich, dass ich nicht mehr so richtig im Flow bin. Die nassen Straßen, einige Verschmutzungen und die Erinnerung an eine Diskussion zur Qualität von Bridgestone-Reifen bei Regen nehmen mir jegliches Selbstvertrauen. Nebenbei suche ich noch nach dem richtigen Weg und bemühe mich um vorausschauende Zeichen, damit Minya mir gut folgen kann. Die fährt wahrscheinlich nie mehr mit mir, denke ich enttäuscht von mir selbst.

Wir erreichen den Strandfloh Bielenberg. Kaffee, Kuchen, lange Gespräche. Ich würde am liebsten die Zeit anhalten. Normalerweise brauche ich immer lange, um mich an jemanden zu gewöhnen und Emotionen zu entwickeln. Aber heute ist die Zeit knapp und ich will keinen Genuss verschwenden. Ich möchte viel mehr schweigen, aber ich rede, um zu hören und zu erkennen.

Nach dem Kaffeeklatsch geht es wieder nach Hamburg. Dieses Mal nehmen wir den direkten Weg. Minya schlägt ein Abendessen in einem Restaurant mit regionaler Küche vor. Ich nehme eingelegten Brathering, Minya Labskaus. Ich gebe zu, dass ich mich auf der Rückfahrt wieder viel wohler auf meiner PJV fühlte, als auf dem Weg nach Bielenberg. Minya nickt und bestätigt, dass ich seit dem Kanaldeckel recht unrund gefahren sei. Wir erörtern die Gründe und vertiefen uns wieder in zahlreiche Themen. Zwischen Frauen ist es anders. Früher wollte ich immer Männer um mich herum haben, weil die mir weniger kompliziert erscheinen. Aber seit ich Motorrad fahre, sehne ich mich danach, mehr mit Frauen zu machen, weil die weniger anstrengend sind. Männer schnacken, buhlen und posen und messen sich in Schönheit, Kraft und Wortwitz. Gewinnt der Lustigste, der Coolste oder der Mutigste die Aufmerksamkeit der Holden, oder wird es keiner von Ihnen sein? Wir wissen es doch sowieso: Am Ende des Tages sind sie eh alle ganz anders.
 
Als wir das Restaurant verlassen ist es dunkel. Es riecht nach Wald. Mein Pony trabt vergnügt hinter dem hochbeinigen Araber her. Wenn ich an der Ampel mit Minya reden will, muss ich aufstehen, um annähernd in ihre Höhe zu kommen. An meiner Garage trennen sich unsere Wege. Smalltalk dient der Verzögerung des Abschieds. Dann gehen wir auseinander.
 
Ich werde sie vermissen. Morgen oder übermorgen wird sie mir bestimmt schon fehlen.


Lecker Frühstück!

Die Perspektive macht's - das tapfere Pony sieht gar nicht so winzig aus.... nur dick!
 
Schäääääfchen!


Selfie Versuch Nr. 4 von vielen...

Brathering
Labskaus

Cruiser meets Enduro

Kommentare:

  1. Was ein cooler Tag. Ja, Treffen mit anderen Bloggern ist manchmal schwierig, aber meistens gut. Eines Tages schrieb mich mal eine Bloggerin an und schlug ein Treffen vor, da sie zufällig in der Kreisstadt weilte. Wir kannten uns durch einen oder zwei Blog-Post, also noch nicht mal schriftlich, sozusagen. Tja, was soll ich sagen, die Dame war derartig schweigsam und erzählte so gut, wie nichts über sich, dass ich mich am Ende gefragt hatte, warum sie sich überhaupt treffen wollte. Es hätte tatsächlich ein Thema gegeben, dass mich brennend interessiert hätte, sie paddelte und ich wollte eigentlich alles darüber wissen, aber es gab nur Bruchstückchen von ihr. Nach einer Weile kam ihr Mann dazu und hat sie abgeholt, weil sie noch wo hin mussten. So kann es auch gehen, ist aber zum Glück nicht die Regel :-)

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  2. Wir wissen noch nicht wie Minya es fand ;-)
    Vermutlich wird sie die technischen Daten meiner PJV aufschreiben, berichten dass sie noch nie im Leben so unterfordert war und das Fazit ziehen, dass cruisen nichts für sie ist. Völlig egal. Essen und reden war wunderbar. :-D

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  3. Ach, das sind wieder schöne Bilder. Ich finde es immer klasse und auch spannend, wenn sich motorradfahrende Frauen treffen.

    Wobei ich aber nicht glaube, das Minya unterfordert war und cruisen nichts für sie ist. Mein Traumprinz muss auch immer hinter mir herzuckeln und freut sich, wenn er die Landschaft genießen kann. Ich denke, ihr ging es genauso. Du und ich sind eben die gemütlich fahrenden ;)

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  5. Da ist ja alles dabei... Freude, Nervosität, Sorge, dass man sich nix zu sagen hat und wie man beim Gegenüber "ankommt". Spannend! Mach Dir keinen Kopf, ich glaube, Euer Treffen ist - bis auf's Wetter - ziemlich gut verlaufen. Hach, und lecker gegessen habt Ihr auch noch...

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  6. Oooh das hast Du soo schön geschrieben! Ich habe es gleich mehrmals lesen müssen. Ach, war das ein schöner Tag! Ob die noch mal mit Dir fährt? Aber hallo! Na klar! Die kann es kaum erwarten! Und Gesa auch nicht. :)

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