Sonntag, 22. Mai 2016

Grand Tourer Erlebnistour

Der heutige Beitrag ist dem mysteriösen Inbus-Mann gewidmet, der ein Harley-Fan zu sein scheint. Und Moto Minya, die mich mit ihrem Blog ermutigt, auch einmal neue Dinge auszuprobieren. Und dem stolzen Wikinger, denn am Ende des Tages wird er ausrufen, dass ich beim nächsten Besuch seine Harley fahren soll, damit seine Kumpels große Augen machen. Das ist ein echter Ritterschlag.
 
Es ist Samstag, ich habe heute etwas Neues vor. Zunächst einmal gehe ich in die Garage und bringe meine Vulcan auf Hochglanz. Nach meiner Rückkehr aus Frankreich habe ich sie noch gar nicht geputzt. Dann fahre ich den Katzensprung von 2 Kilometern zu Harley Davidson Hamburg Nord. Ich möchte an einer "Grand Tourer Erlebnisfahrt" teilnehmen. Ein dreistündiger Ausflug mit Maschinen aus der Touringserie. Mich interessieren die großen Modelle mit Verkleidung.
 
Vor dem Eingang ist viel los und ich fühle mich immer etwas schüchtern bei so vielen Menschen, die ich nicht kenne. Ich gehe zur Rezeption. Der freundliche Herr spricht mich mit Namen an. Bin scheinbar die einzige Frau. Zwei Typen und ich legen Personalausweis und Führerschein vor und unterschreiben die Teilnahmebedingungen. Ich frage, ob wir die einzigen Teilnehmer sind. "Hast Du schon Angst?" fragt der Eine. "Wovor?" frage ich. Sofort bin ich genervt. Hoffentlich ist nicht die ganze Gruppe voller Großmäuler. Der HD-Kollege grinst. Es sind acht Teilnehmer da. Was ich denn sonst fahren würde, fragt er. Eine Vulcan 900, antworte ich. Er entscheidet, dass ich dann lieber ein kleineres Motorrad fahren soll. Das zweite lange Gesicht in 2 Minuten.
 
Draußen schaue ich mir die vorbereiteten Bikes an. Ein weiterer Mann kommt auf mich zu. "Na, schon was ausgesucht?" "Noch nicht wirklich. Mal sehen, was sich ergibt." Kleiner Smalltalk über Bikes. Er hatte schon bemerkt, dass ich mit der PJV angefahren kam. "Ich dachte, du sitzt auf einem E-Bike, so leise ist Dein Motorrad." Das finde ich nun tatsächlich sehr witzig. Während ich sonst immer mit einem Staubsauger verglichen werde, finde ich den E-Bike-Vergleich so überzogen, dass ich schallend darüber lachen kann.
 
Die Motorräder werden zugeteilt und der Tourguide betont noch einmal öffentlich, dass ich mal lieber eine kleinere Maschine fahren sollte. Die Männer grinsen. Was mich beruhigt, ist die Ansage, dass drei Stops eingeplant sind und wir dann immer mal die Bikes tauschen können. Das werde ich nutzen, wenn ich bewiesen habe, dass ich fahren kann.
 
Los geht's auf einer Heritage Softtail. Ich reihe mich als Drittletzte ein und wir rollen vom Hof. Als ich in den zweiten Gang schalten will, kriege ich die Schaltwippe nicht hochgezogen. Ich schaue nach unten um mich zu versichern, dass ich tatsächlich mit dem Schuh unter dem richtigen Pedal bin. Doch doch. Ich ziehe noch einmal kräftig nach oben und der Gang kracht ins Getriebe. Oh lala. Meine Vulcan schalte ich mit dem großen Zeh. Wir fahren durch die Stadt und dann auf die Autobahn. Ich gebe fröhlich Gas. Die Heritage macht Spaß. Sie ist in allem etwas zorniger und derber als mein tapferes Pony. Alles an ihr ist laut und jede kleinste Aktion ist ein riesen "Cinéma" - wie der Franzose sagen würde. Ich komme prima klar mit dem kleinen Flitzer und fahre vergnügt in der Gruppe mit. Nach 45 Minuten halten wir an. Die beiden Männer hinter mir loben mich in höchsten Tönen. Ich bin ganz verlegen. Aber später denke ich auch, dass es mich in meinem Weg als Motorradfahrerin noch bestätigt. Nach nur so kurzer Zeit (und ich sage mal, dass 9 Monate mit Führerschein und davon 3 Monate Winter, eine recht kurze Zeit sind), habe ich mir eine solide Fahrkompetenz angeeignet.




















Plötzlich darf ich mir aussuchen, was ich fahren will. Also steige ich auf die Road Glide, die der Wikinger so liebt. Jemand sagte, die sei sehr kopflastig. Dann passt sie ja zu mir, haha. Die gesamte Verkleidung ist am Rahmen befestigt, nicht am Lenker. Ich habe durch dieses Gewicht das Gefühl, dass das Bike nach vorne "bergab" gebaut ist. Direkt nach dem Start geht es in eine Reihe Kurven in einer 70er-Zone. Wir sind mit 90 km/h unterwegs und ich gehe die erste Kurve zu schnell an. Ich schaffe es nicht, die Road Glide entsprechend zu legen und gerate auf eine schlechte Linie. Bevor ich in den (nicht vorhandenen) Gegenverkehr komme, bremse ich scharf hinten. Oha oha, Lehrbuch Fahrphysik: Niemals in der Kurve bremsen. Wir Cruiser sind da aber etwas gnadenloser. Die Harley richtet sich auf und verzögert stark. Den zweiten Teil der Kurve nehme ich langsamer und ab sofort drücke ich die Maschine bewusster in die Kurve. Ich mag die Road Glide, wenn wir auf großen Straßen schnell reisen. Hier bestätigt sie ganz klar ihren Zweck als Reisemotorrad. Die Verkleidung lenkt den Fahrtwind so gut ab, dass ich keinerlei Druck auf dem Helm habe und dadurch sehr wenig Windgeräusche wahrnehme. Für wendige Manöver oder gar ein Handling in der Stadt müsste ich mich noch mehr an sie gewöhnen. Bei meiner Statur sitze ich sehr rechtwinklig wie auf einem Stuhl. Diese Haltung empfinde ich als wenig dynamisch. 




















Beim zweiten Stop essen wir ein Eis und klönen. Für mich geht es danach zunächst auf der Road Glide weiter, was ich gern nutze, um sie noch besser kennen zu lernen. Erst beim dritten Stop tausche ich noch einmal und nehme die Road King. Sie ist der Heritage Softtail sehr ähnlich, nur höher. Ich finde sie deutlich kompakter als die Road Glide. Der hohe Lenker ist nicht mein Ding, aber der Rest ist ok. Auch in den Kurven fühle ich mich sicherer. Nach guten 3 Stunden kommen wir wieder beim Harley Händler an.





Fazit: Ein toller Nachmittag mit ganz neuen Erfahrungen. Auch wenn ich hier nicht auf die technischen Details der Bikes eingegangen bin (die kann man ja im Internet nachlesen), so bin ich doch um viele Erfahrungen reicher. Einige bestehende Vorurteile haben sich gefestigt, andere sind gemildert worden. So war ich zum Beispiel wirklich beeindruckt von der Ausstattung der Harleys. Ich hatte sofort genügend Vertrauen, um unbedacht und ohne zu zögern loszufahren und auszuprobieren.
 
Was mich jedoch nach wie vor nervt, ist diese Unruhe des ganzen Bikes. Wenn man im zweiten Gang angekommen ist, beruhigt sich die Maschine. Doch im Stand ist und bleibt es der Schleudergang einer Waschmaschine. Was mir weiterhin nicht gefällt, ist die Derbheit aller drei Modelle, die ich gefahren bin. Alles ist mit einem großen Kraftaufwand zu bewegen. Kuppeln, Schalten, Starten.... Alles ist hart und laut. Da finde ich meine PJV wirklich eleganter.
 
War es doch immer mein Traum, eine Harley zu fahren. Nun habe ich es endlich getan. Und es war super. Ich werde mal wieder so einen Ausflug machen.
 
Dennoch: Ich kaufte meine Vulcan vor der Führerscheinprüfung ohne Probefahrt und für mich war es ein Volltreffer. Heute bin ich 3 Modelle gefahren und keines von Ihnen hat mich auf Anhieb überzeugt. Klar, meiner PJV fehlt es vielleicht ein wenig an technischer Modernität. Die scharfe Bremsung in der Kurve, die ich mit der Road Glide mal eben so durchführte, wäre bei meinem Bike schon kritisch geworden. Allerdings fahre ich allein auch gemütlicher und wäre niemals viel zu schnell gefahren.
 
Mehr und mehr spüre ich, dass das, was viele Fans als Lebensstil auf der Harley bezeichnen, nicht zu mir passt. Ich brauche kein Motorrad, das etwas repräsentiert. Im Gegenteil, ich liebe die Unaufgeregtheit meiner mausgrauen Maschine. Was mich viel viel fröhlicher macht (und auch verlegen), sind die Komplimente, die mir am heutigen Tage zahlreich zugerufen wurden. Eine Bestätigung, dass ich als junge Bikerin auf dem richtigen Wege bin und schon ganz vernünftig fahre, ist für mich das größte Glück und das wahre "Leben meines Traumes auf der Straße". Hier gilt es dran zu bleiben und weiter zu lernen. Was nützt mir das geilste Bike, wenn ich es nicht beherrsche?
 
Die heutigen Bilder habe ich nur rasch mit dem Smartphone geschossen. Reicht für ein paar Impressionen:
 






 
 

 

Kommentare:

  1. Juchhuu! Sie hat es getan! Und mir was voraus damit! Harley bin ich noch nicht gefahren.
    Das ist spannend, mal was anderes auszuprobieren, ne? Als ich diese riesige Triumoh neulich in Gründau gefahren bin, da hatte ich zunächst auch gedacht, die kann nur geradeaus fahren. Da muss man zum Teil ganz schön asten um sie um die Ecke zu bekommen. Und auf dem Handballen wenden, ist damit auch nicht...

    AntwortenLöschen
  2. Dein Bericht ist ganz großes Kino. Du kannst nicht nur toll fotografieren, sondern auch klasse schreiben.

    Den Tag hast du ganz wunderbar gemeistert (dämliche Großmäuler ... *grins* ... ) Respekt!

    AntwortenLöschen
  3. Polly, das ist wie immer ein toller Beitrag und Respekt für deine Traute, die dicken Dinger zu fahren. Meine Erfahrung war ähnlich wie deine, ich finde meine Voyager auch insgesamt geschmeidiger.

    AntwortenLöschen
  4. Schöner Bericht mit kleinen Fehlern. Eine VN 900 steht auch bei mir in der Garage. Nur diese mit solchen Dickschiffen zu vergleichen hinkt schon. Fahr irgendwann mal solche Bikes anderer Hersteller und berichte dann erneut.
    Gefallen haben sie dir aber anscheinend dennoch. Normal ist jedoch auch, daß erste Bike immer das Beste.
    Grüße
    Inbus

    AntwortenLöschen
  5. Ach, wie schön. Immer diese Harley Jungs, ist doch immer das gleiche. Nirgends habe ich soviel Hochmut und Überheblichkeit gesehen als bei Harley Händlern. Dabei mag ich die Maschinen total. Aber der abwertende Blick bei der Frage nach einer Finanzierung reicht mir schon um wieder selig mein Geld weiterzutragen.
    Schön, das du über den Tellerrand schaust.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Schön ist auch, wenn man als Kerl eine Sportster fahren will. Die Kommentare sind ganz großes Kino.

      Löschen
  6. Schön ge- und beschrieben, Polly. Hihi, so ähnlich ging es mir, als ich vor ein paar Jahren bei einem BMW Event war und die dickste Kuh geritten bin, eine RT1200RT. Damals fuhr ich noch meine kleine F650GS und das war schon ein Unterschied. Die großen Harleys haben mich nie gereizt, aber ich liebe meine Sporty und mag meine Honda Shadow. Hauptsache gemütlich choppern...

    AntwortenLöschen