Donnerstag, 19. Mai 2016

10.238 - 11.254 - Le retour


Die ersten 288 Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Nachdem ich um 8.25 Uhr die Serpentine des Grauens passiert und Saint Romain de Colbosc hinter mir gelassen habe, fahre ich direkt auf die Autoroute und nehme erst einmal Fahrt auf. Mein Tank hat noch ausreichend Treibstoff für die ersten eineinhalb Stunden.


Abfahrt in Saint Vincent-Cramesnil
Die Serpentine..
 
...des Grauens.
Ich habe super schlecht geschlafen. Die Bratwürste und die Fritten, die ich gestern Abend aß, lagen mir so sehr im Magen, dass ich dachte, ich würde mich übergeben, wenn ich mich nur bewegte. Mit meinem Hörbuch versuchte ich, mich vom Grübeln abzulenken, aber auch das half nur bedingt. Nun sitze ich wie gerädert auf meinem Motorrad, kann mich vor lauter Klamotte kaum bewegen. Das kann ja heiter werden. Ich versuche es mit einem Lied und fange an zu singen: "To Pingsten ach wie scheun is die Natur so greun. Un all'ns nach Buten geiht, dat is een wahre Freid." Meine Oma kannte den ganzen Text. Ich nicht, also singe ich 3, 4 Mal die Schleife, dann habe ich mich genügend selbst genervt. Sollte ich mal ein Hörbuch veröffentlichen, werde ich Euch mit diesem Teil verschonen.
 
An der zweiten Péage-Station finde ich, dass mein Motorrad nach verbranntem Gummi riecht. Ist etwa irgendwas kaputt? Ich nehme die nächste Tankstelle, stelle mich neben die Säule und schnuppere an meiner PJV herum. Nichts Auffälliges. Gut, dann war es vielleicht ein anderes Auto. Mein Blick fällt auf den Flüssigkeitsbehälter für die Hinterradbremse. Der Pegel steht deutlich unter Lower. Zwar ist die Maschine nach links gekippt, doch was hatte mein Fahrlehrer mir geraten? Wenn die Flüssigkeit auf dem Seitenständer stehend "Minimum" nicht unterschreitet, bin ich immer im sicheren Bereich. Was mache ich denn nun? Ich bin nicht in der Lage, meine Vulcan nebst umfangreichem Gepäck in die aufrechte Position zu bringen und mich dann nach vorne rechts zum Bremspedal zu beugen, um den Zustand erneut zu checken. Ich schreibe eine Nachricht an Mutti in Lübeck. Diese empfängt er irgendwie nicht. Nach dem Bezahlen parke ich das Motorrad auf einem freien Platz und rufe ihn noch einmal an. Nur Mailbox. Hallo Mutti, hier ist Polly. Ich bin gerade auf der Rückreise und meine Bremsflüssigkeit ist niedrig. Melde Dich doch mal per Whats App, was ich da reinfüllen muss. Plötzlich sehe ich zwei Kawasaki Reisende heranrollen. Sie winken mir von der Luft-Station aus zu. Ich gehe hin und bitte um Hilfe. Natürlich geben sie mir die gern. Ich richte die Vulcan auf, der freundliche Franzose hockt sich zu meiner Rechten und schaut nach meinem Liquide de frein. Er sagt, der Pegel stände genau auf Low und erkundigt sich, ob ich es noch weit hätte. 950 Kilometer, antworte ich. Dummerweise sei ich gerade erst gestartet und hätte den Check vor der Abreise versäumt. Eine Woche vorher wäre noch alles gut gewesen, da hatte ich bei meinem neuen Bike irgendwie nicht mit großen Verlusten gerechnet. Der Motard rät mir, die Reise so fortzusetzen. An den Raststätten gäbe es meist nur Bremsflüssigkeiten für Autos und ich solle lieber bei einem Fachhändler das richtige Produkt kaufen. Minimum sei ja immer noch ok. Wir winken uns Au Revoir und jeder macht sich wieder auf den Weg. Mutti hat sich nicht gerührt. Ist wohl joggen. Oder kastriert gerade seinen stinkenden Kater.
 
Sonne und Wolken wechseln sich ab. Ich entscheide mich, die östliche Route durch Belgien zu nehmen, bei Aachen die Grenze zu passieren und dann auf der A1 in den Norden zu kommen. Die Autobahn ist ziemlich leer. Streckenweise bin ich allein auf weiter Flur. Ich erinnere mich daran, wie ich hier vor einigen Jahren stundenlang im Stau stand. Es war ein heißer Sommer und ich war damit beschäftigt, eine dicke Fliege zu beobachten, die sich in meinen Wagen verirrt hatte. Als ich endlich etwas Gas geben konnte, griff ich zu meiner offenen Cola-Dose und nahm einen kräftigen Schluck. Irgendetwas Hartes befand sich zusammen mit dem Getränk in meinem Mund. Wo war eigentlich die Fliege geblieben? Oh bitte nicht!! Ich überlegte angestrengt, wohin ich denn nun Cola nebst Insekt spucken sollte. Ich fuhr auf der sehr vollen Autobahn mit 130 km/h und konnte nicht einfach anhalten oder verzögern. Es wurde immer ekliger. Wohl wissend, dass das schief gehen würde, öffnete ich das Fenster und spuckte mit aller Kraft - mir selbst ins Gesicht. Ein Lachkrampf war die Folge.  Dieser wiederholte sich später in Recklinghausen als ich an der Tanke bezahlte und mir einfiel, dass ich mich gar nicht gesäubert hatte. Ob mir wohl die Fliege an der Stirn klebte?
 
Mittagessen!
 
Kurz vor Valenciennes habe ich Hunger. Als Motorradreisende muss ich deshalb wieder anhalten. Ich tanke gleich noch einmal und nehme pünktlich um 11.59 Uhr mein Mittagessen ein. Auf meinem Handy erscheint eine Nachricht von Mutti. Er bestätigt den Rat meines Helfers. Das hebt meine Stimmung sofort. Ich räume mein Picknick zusammen und fahre gen Belgien. Schon nach einer Stunde werde ich furchtbar müde. Manno, kommt ich denn gar nicht voran? Ich halte ein Nickerchen auf einer Parkplatzbank und als ich die Augen aufschlage, ist es viertel nach Zwei. Nach 6 Stunden Fahrt habe ich erst 400 Kilometer geschafft. Der Nachmittag ist angebrochen und ich habe noch nicht einmal die Hälfte der Strecke hinter mich gebracht. "Aachen 100 Kilometer" verrät mir ein Schild kurz nach Aufbruch. Die Piste ist überwiegend gut saniert. Gerade will ich für die Belgier eine Lanze brechen, da ändert sich das Bild. Auf einer Passage von 30 Kilometern fehlen ganze Stücke in der Asphaltdecke. Zwischen den Spuren sind Schlaglöcher und große Risse von 4 oder 5 Metern Länge. Ich bin hochkonzentriert, mich durch diese Hindernisse zu bewegen und froh, als ich endlich wieder auf renoviertem Asphalt ankomme. In Aachen stoppe ich erneut. Ich erkenne sogar den Tankwart wieder, den ich schon so oft beehrt hatte, aber nun war ich schon lange nicht mehr auf dieser Strecke unterwegs gewesen. Im deutschen Mobilfunknetz erhalte ich wieder Nachrichten von Mutti und Frank, die sich erkundigen, wo ich bin. Es ist kalt in Aachen - wie überall heute - und ich fahre nach einem Snickers wieder los. Vielleicht komme ich noch bis Münster und schlafe dann dort. Da keine LKWs unterwegs sind und auch Wohnwagen und Wohnmobile erst morgen, am Pfingstmontag, wieder auf Heimreise sein werden, komme ich in Deutschland gut voran. Kurz vor dem Kamener Kreuz halte ich wieder und nehme mein Abendessen ein. Käsebrot, Gurke und Tee ziehe ich aus den Packtaschen und ein älteres Paar gesellt sich für ein Schwätzchen zu mir. Wohin ich noch wollte, fragen sie. Nach Hamburg am Ende, aber ich werde wohl in Münster schlafen. Münster? Da käme ich doch gar nicht entlang, wendet der Mann ein. Wieso, wo bin ich denn? schießt es mir durch den Kopf. Bin ich in Trance auf der falschen Autobahn gelandet? Aber nein, der Herr hätte nun auf die A7 gewechselt. Ich bleibe jedoch auf der A1 und als ich bald danach Münster erreiche, weiß ich, dass es auch nach Bremen nicht mehr weit ist.
 
Das Wetter ist wechselhaft. Ein kurzer Hagelschauer zwiebelt richtig kräftig an den Beinen. Als ich auf der Weserbrücke von einem enormen Regenbogen empfangen werde, zwischen dessen zwei Enden ich hindurch zu fahren scheine, bin ich so in Form, dass ich auch die letzten 100 Kilometer noch in Angriff nehme. Mir tut weder der Rücken weh, noch bin ich sonderlich müde. Fröhlich fallen wir in einen ordentlichen Galopp. Niedersachsen wünscht Alles Gute und Hamburg heißt mich Willkommen. Doch für das rote Schild habe ich gar kein Auge! Um halb Neun taucht die untergehende Sonne dicke Wolken in alle Rottöne. Das Farbenspiel in der Skyline des Hafens raubt mir den Atem. Ich raste schier aus vor Begeisterung über den wunderschönen Empfang, den meine Stadt mir bietet. Vor lauter Glück schreie ich in meinen Helm und als ich dann den Fernsehturm im Abendrot entdecke, singe ich glatt noch eine Runde To Pingsten ach wie scheun.


Nach 13 Stunden: Ankunft an der Außenalster in Hamburg
 


Kommentare:

  1. Dat is jo'n Pingsttour west ... Meine Güte!
    Aber das hatte ich mir schon gedacht, dass Du die Strecke zurück wieder in einem Stück schnupfst.

    Bremsflüssigkeit darf sie eigentlich nicht verlieren. Aber wenigstens ist es hinten nicht ganz so schlimm.
    Ich erschrecke aber auch dauernd wegen irgendwelcher Gerüche, oder Geräusche. Dabei hat sich der Schall dann nur irgendwo an der Fahrbahnbegrenzung gespiegelt.

    Mit so einer Fliege hatte ich auch schon ein ähnliches Erlebnis. Die war auch auf einmal verschwunden, bis sie unerwartet wieder auftauchte...

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    1. Beim Nachdenken ist mir noch eine zweite eingefallen...
      Die erste war im Kaffee. Ich mache mir immer "altdeutschen", also nur das Pulver in einen großen Becher und heißes Wasser drauf. Dabei muss der dicke Brummer, der da vorher war, in den Dampf vom Wasserkocher gekommen sein. Auf jeden Fall fand sich das Vieh beim ersten Schluck wieder an. Buaaah...
      Und die zweite saß im Hahn von meinem Aronia - Kanister. Und wurde so mit ins Glas geschwemmt. Die habe ich auch beim ersten Schluck erwischt.

      Witzig übrigens, bei mir war auch immer die Weserbrücke in Bremen das Zeichen, daß ich bald da bin. Von da an war der Rest immer ein Klacks.

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  2. Ach, du Liebe, "vielleicht komme ich bis Münster und schlafe dann dort". Aber dass du direkt an meiner Haustür vorbei gefahren bist und wir Garage und Gästebett haben, daran hast du nicht gedacht ... Und Bremsflüssigkeit wäre auch da gewesen, aber letztendlich hast du es ja sogar bis nach Hause geschafft. Respekt und chapeau :-)

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    1. Das wusste ich ja gar nicht, dass du da wohnst. Und dann war ich ab Aachen so in Schwung, dass ich echt vergnügt zu Hause ankam. 😊

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    2. Neee, konntest du ja auch nicht wissen. Also, in Aachen auf die A44 und dann auf die A61 wechseln bis Abfahrt Nummero 5 :-)

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    3. Dann halte ich nächstes Mal zum Kaffee an!!

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  3. Für diesen Ritt hast du wieder vollen Respekt von mir! Hut ab.
    Wenn dein Bremsflüssigkeitsstand auf Minimun ist. Sind deine Bremsbeläge auch bald zu Ende (Kolben schon weit draußen). Bremst du meistens hinten? Wenn ja, ist es ganz normal, dass nach 10.000km die Beläge am Ende sind. Die paar Millimeter die da immer drauf sind halten nicht ewig.

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    1. Ich bremse nie! Ich fahre vorausschauend :-) Ich lasse das am Wochenende mal checken. Zudem bin ich ja eh bald mit der 12.000er Inspektion dran. Die ziehe ich sonst vor.

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  4. Gratulation nochmals zu der Tour...

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    1. Danke Marcus! Und diese Mal ging es sogar ohne Schmerzen und Erschöpfung. Es hat in Summe wirklich ganz gut geklappt. :-)

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  5. Falls du den ganzen Liedtext lernen möchtest *hihi*
    http://www.plattmaster.de/topingsten.htm

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  6. Chapeau für die lange Strecke. Ich kämpfe gedanklich immer noch mit den 430 km bis Frankfurt, die ich fahren will. Und du reitest eben mal so die 950 km ab.

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  7. Google sagt immer es seien knapp 990km. Ich kann machen was ich will, ich habe immer knapp über 1000km auf der Uhr.

    Ich war immer so. Ich bin auch 135km am Stück im Kajak gepaddelt etc. Es ist einfach eine Typfrage.

    Ganz ausdrücklich: Ich empfehle das keinem. Und rate auch keinem, das als Herausforderung zu sehen. Ich selbst plane immer einen zweiten Reisetag ein, um immer und jederzeit anhalten zu können. Niemals würde ich mich unter Druck setzen.

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  8. Respekt!. Mein persönlicher "Rekord" liegt bei etwa 600km (allerdings keine Autobahnstrecke). Aber ich mag die Kombination Ride & Sightsee lieber. Hey, vielleicht solltest Du mal beim Iron Butt mitmachen.

    Ich muss mir angewöhnen, während des Lesens Deiner Berichte keine Getränke zu mir zu nehmen. Bei Deiner Kaffee-Fliegen-Geschichte habe ich nämlich meinen Kaffee vor Lachen prustend auf meiner Tastatur verteilt.

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