Dienstag, 31. Mai 2016

Kilometer 11.845 - 12.014 - Unter Ladies

Was soll ich bloß anziehen? Lieber die knackige Jeans, oder die inzwischen viel zu große Lederhose? Auf jeden Fall mein Glücks-Shirt von der FBF (Féderation Bikers Francais). Das hat der Wikinger mir mal geschenkt und schließlich fiebert er auch ein wenig meinem heutigen Blind Date entgegen. Immer wieder checke ich die Wetter-App. Haare, Schminke, ... ein Lippenstift wäre zu viel des Guten. Noch schnell werfe ich meine Mütze, die Kameras und mein Portemonnaie in die Tasche und flitze zu meiner PJV. In 10 Minuten werde ich abgeholt. Gestern habe ich bei einem Umzug geholfen und es danach nicht mehr geschafft, mein Motorrad noch einmal überzuputzen, aber so schlimm sieht es nicht aus. Ich höre Motorengeräusche und blicke auf. Aufblicken werde ich noch häufig im Laufe des Tages. Minya und Gesa sind angekommen. Eine Reisende mit ihrer BMW GS 800. Jede für sich bereits von imposanter Erscheinung. Doch wenn die hochbeinige Lady auf ihrer grazilen Enduro sitzt, bekommt der Spitzname meiner Vulcan 900 ein neues Gewicht. Das „tapfere Pony“ wirkt wie ein dickes Shetty neben dem erhabenen Paar.

Es ist noch früh am Tag und bevor wir zu einer kleinen Tour aufbrechen, wollen wir erst einmal frühstücken. Bei Nieselregen fahren wir in die Hafencity und kehren in einem österreichischen Café ein. Wir genießen das Frühstück und unser erstes Treffen im wahren Leben. Unsere Gemeinsamkeiten sind klar: Wir sind Frauen, wir fahren Motorrad, wir schreiben unsere Erlebnisse in einen Blog und lassen andere Menschen an diesen Erfahrungen teilhaben. Wohl wissend, dass der Schwerpunkt unserer Schreiberei auf dem gemeinsamen Hobby liegt, ist es spannend zu erfahren, was die Andere darüber hinaus im Leben noch bewegt. Das persönliche Treffen gibt mehr preis, als die geschilderten Aktivitäten. Was ist, wenn ich auf eine Frau treffe, der ich nichts preisgeben möchte?

Aber so ist es nicht. Wir tauschen Daten und Fakten aus und ich traue mich mehr und mehr zu hinterfragen, was mich noch interessiert. Und Minya hat viel zu berichten, denn ihre Familie stammt aus vielen Ecken, die auch ich kenne und so schließen sich an unsere Themen immer wieder neue Erinnerungen an die Vergangenheit an. Inzwischen regnet es unablässig und wir verlängern das Frühstück mit einem weiteren Kaffee. Sollte sich dann keine Wetteränderung zeigen, würden wir einfach in die Kunsthalle gehen und den Tag in dem frisch renovierten Museum verbringen.

Aber so kommt es nicht. Gegen 15 Uhr lichtet sich die Wolkendecke und wir machen uns auf den Weg in Richtung Glückstadt. Wir passieren die Landungsbrücken und rollen über den Fischmarkt. Während Gesa leichtfüßig über das Kopfsteinpflaster trabt, werde ich auf der PJV kräftig durchgerüttelt. Noch mehrmals an diesem Tage werde ich mein Motorrad in 3 Zügen wenden, während Minya einfach einen Kringel über den unbefestigten Straßenrand fährt. Enduro meets Cruiser. In einer spitzen, leicht ansteigenden Kurve rutsche ich auf einem gusseisernen Kanaldeckel weg und erschrecke mich ordentlich. Der Sturz meines Freundes Mutti von letzter Woche hat mir gezeigt, wie schnell man liegen kann. Zunächst fahre ich ganz entspannt weiter, doch als wir in der Marsch über Landstraßen und Dörfer kurven, merke ich, dass ich nicht mehr so richtig im Flow bin. Die nassen Straßen, einige Verschmutzungen und die Erinnerung an eine Diskussion zur Qualität von Bridgestone-Reifen bei Regen nehmen mir jegliches Selbstvertrauen. Nebenbei suche ich noch nach dem richtigen Weg und bemühe mich um vorausschauende Zeichen, damit Minya mir gut folgen kann. Die fährt wahrscheinlich nie mehr mit mir, denke ich enttäuscht von mir selbst.

Wir erreichen den Strandfloh Bielenberg. Kaffee, Kuchen, lange Gespräche. Ich würde am liebsten die Zeit anhalten. Normalerweise brauche ich immer lange, um mich an jemanden zu gewöhnen und Emotionen zu entwickeln. Aber heute ist die Zeit knapp und ich will keinen Genuss verschwenden. Ich möchte viel mehr schweigen, aber ich rede, um zu hören und zu erkennen.

Nach dem Kaffeeklatsch geht es wieder nach Hamburg. Dieses Mal nehmen wir den direkten Weg. Minya schlägt ein Abendessen in einem Restaurant mit regionaler Küche vor. Ich nehme eingelegten Brathering, Minya Labskaus. Ich gebe zu, dass ich mich auf der Rückfahrt wieder viel wohler auf meiner PJV fühlte, als auf dem Weg nach Bielenberg. Minya nickt und bestätigt, dass ich seit dem Kanaldeckel recht unrund gefahren sei. Wir erörtern die Gründe und vertiefen uns wieder in zahlreiche Themen. Zwischen Frauen ist es anders. Früher wollte ich immer Männer um mich herum haben, weil die mir weniger kompliziert erscheinen. Aber seit ich Motorrad fahre, sehne ich mich danach, mehr mit Frauen zu machen, weil die weniger anstrengend sind. Männer schnacken, buhlen und posen und messen sich in Schönheit, Kraft und Wortwitz. Gewinnt der Lustigste, der Coolste oder der Mutigste die Aufmerksamkeit der Holden, oder wird es keiner von Ihnen sein? Wir wissen es doch sowieso: Am Ende des Tages sind sie eh alle ganz anders.
 
Als wir das Restaurant verlassen ist es dunkel. Es riecht nach Wald. Mein Pony trabt vergnügt hinter dem hochbeinigen Araber her. Wenn ich an der Ampel mit Minya reden will, muss ich aufstehen, um annähernd in ihre Höhe zu kommen. An meiner Garage trennen sich unsere Wege. Smalltalk dient der Verzögerung des Abschieds. Dann gehen wir auseinander.
 
Ich werde sie vermissen. Morgen oder übermorgen wird sie mir bestimmt schon fehlen.


Lecker Frühstück!

Die Perspektive macht's - das tapfere Pony sieht gar nicht so winzig aus.... nur dick!
 
Schäääääfchen!


Selfie Versuch Nr. 4 von vielen...

Brathering
Labskaus

Cruiser meets Enduro

Montag, 23. Mai 2016

ADAC Sicherheitstraining - Kurvenspaß für Cruiser


Seit ich cruise,  komme ich ständig zu spät. Vielleicht ist das die Entschleunigung, die ich mir wünsche, wenn ich auf mein Motorrad steige. Einfach mal ein bisschen zurück lehnen und den Stress vergessen. Heute liegt es aber am Stau in Hamburg, dass ich eine halbe Stunde nach der vereinbarten Zeit in Bardowick ankomme. Wir wollen den zweiten Versuch beim ADAC Sicherheitstraining starten. Der Erste war ja Ende April ins Wasser gefallen.
 
Auch Kuki und Der Mutti sind zu spät. Kuki hatte sich auf dem Weg beim Fahren hingestellt und dabei war seine linke Fußraste abgebrochen. Fragt mich nicht nach den Details, ich habe das auch nicht so ganz verstanden. Jedenfalls schraubt er bei meiner Ankunft eine Leihgabe von Jens an sein Motorrad und muss den Spott der Umstehenden ertragen. Wir leiten den Nachmittag mit Kaffee und Kuchen ein. Ein niedlicher Hund ist auch vor Ort, Odin heißt er, und so bin ich mit allem versorgt, was ich brauche, um mich wohlzufühlen
 
Och Odin...
Es ist ziemlich warm.  Für den Abend sind Unwetter angesagt. Momentan verspricht die Lage aber ein trockenes Training.  Und so wird es auch bleiben. Wir fahren zum Übungsplatz, checken ein und versammeln uns um unsere Motorräder. Der Trainer empfiehlt uns, einen Integralhelm zu tragen und da ich das schon ahnte, hatte ich meinen Klapphelm auf dem Rücksitz mitgenommen, während ich mit dem Jethelm gefahren war. Nach einer kurzen Wiederholung zu den wichtigsten technischen Funktionen unserer Motorräder, geht es auf die Piste. Der erste Parcours ist eine kleine abschüssige Serpentine. Der Trainer fährt zweimal vorweg, dann setzen wir die Runden weiter fort. Vor mir schleifen die Trittbretter meines Kollegens. Krrcchh, krrcchh. Krrrcchhhh da knirscht es auch bei mir. Vor Schreck ziehe ich den Fuß hoch - haha, so'n Quatsch!! Plötzlich sehe ich meinen Vordermann stürzen. In der Linkskurve legt es ihn um. Ich halte an, doch er rappelt sich schon auf. Der Sturzbügel ist zerschrammt, die Ledertasche auch. Der Schaden hält sich in Grenzen. Ihm sei nichts passiert, sagt er. Ich glaube, dass er den Sturz am nächsten Tag spüren wird. Ursache war ein zu geringer Abstand zum Vordermann,  welcher plötzlich bremste. Es folgt eine kurze Besprechung zum Hergang und was wir daraus lernen und weiter geht's. Insgesamt fahren wir vier verschiedene Rundkurse. Jeweils mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Ergänzt werden die Übungen durch umfangreiche theoretische Erläuterungen des Trainers. Kurvenlinie, Verzögern vor der Kurve, Bremsen in der Kurve,  Schalten, Gefahren, Anhalteweg und Abstand Abstand Abstand.
 
Mir macht das Training super viel Spaß. Die vielen Wiederholungen helfen mir, genauer einzuschätzen wie ich mit meinem Bike am besten arbeite. Die erste Runde ist immer zum Kennenlernen. Dann taste ich mich 2 oder 3 Mal an die beste Fahrweise heran. Wenn das gut klappt, werde ich sogar etwas übermütig, bis ich einen Dämpfer erhalte und mich wieder zurück nehme. So teste ich aus was geht und wo die Grenzen sind. Als wir die letzte Stunde auf dem ganz großen Parcours fahren, verhaue ich immer wieder eine Links-Rechts-Kurve und bin dadurch die Langsamste. Mir schwinden die Kräfte und meine Konzentration lässt deutlich nach. Ich bin genervt von mir selbst. Nach drei Stunden intensiven Übens verlassen wir den Platz und versammeln uns zu Wasser und Kaffee im Schulungsgebäude. Bis auf den Sturz meines Kumpels ist es für mich ein sehr gelungener Nachmittag und ich werde auf jeden Fall noch einmal wieder kommen und kräftig weiter trainieren. Mir geht es gar nicht darum, besonders schnell durch die Kurven zu heizen. Jeder, der meinen Blog liest weiß, dass das nicht meine Motivation zum Motorrad fahren ist. Ich möchte nur einfach noch mehr über mich, mein Bike und die Fahrphysik lernen.
 
Die Männer bieten mir an, sie über Bardowick und Lauenburg über die Landstraße zu begleiten. Doch ich bin zu müde, um noch einen Umweg zu fahren und mache mich in schwüler Gewitterluft direkt auf den Weg zur Autobahn. Hier merke ich deutlich, wie mir der Kurvenspaß in den Gliedern steckt. Ich könnte auf der Stelle einschlafen. Am Autobahnkreuz Maschen müsste ich auf die A1 wechseln. Da ich keine Lust mehr auf Kurven habe, bleibe ich einfach auf der A7. Noch nie bin ich mit meiner PJV durch den 3,3 Kilometer langen Elbtunnel gefahren. Dabei hat man kurz zuvor einen wunderschönen Blick auf den Hafen, die Containerterminals und die Köhlbrandbrücke. Trotz meiner Müdigkeit bin ich fröhlich und vergnügt. Das muss ich unbedingt dem Wikinger zeigen, wenn er einmal nach Hamburg kommt. Ich ordne mich rechts ein und folge den anderen Wochenendreisenden in die Röhre. Plötzlich wird wir schwindlig und ich kann kaum noch atmen. Ich schiebe den Helm hoch und spüre stickige Wärme und Abgase auf der Haut. Ist es die dicke Luft oder ein Anfall von Klaustrophobie? Es geht immer tiefer und ich konzentriere mich auf eine gleichmäßige Atmung. Was mache ich bloß, wenn ich hier ohnmächtig von meinem Bike falle? Ich bemühe mich, das Tempo auf 80 km/h zu halten und nicht noch langsamer zu werden. Endlich sehe ich den Hinweis, dass es bis zur Ausfahrt Othmarschen noch 500 Meter sind. Eigentlich könnte ich noch 4 Ausfahrten weiter fahren, aber ich will nur noch raus aus dem Tunnel und runter von der Autobahn. Bloß nicht in Panik geraten, gleich ist es vorbei. Noch 300 Meter. Ich blinke rechts. 200, 100.... die Ausfahrt liegt genau hinter dem Tunnelende. Regentropfen riechen nach warmem Frühling. Das Gewitter naht und ich genieße es. Ich atme tief ein und habe endlich wieder einen klaren Kopf. Gemütlich rolle ich durch die Stadt und bringe mein tapferes Pony in die Tiefgarage. Als ich mit dem Fahrrad die letzten 300 Meter nach Hause fahre, bricht das Gewitter los. Was für ein aufregender Tag voller neuer lehrreicher Erfahrungen. Erst mal was essen - das hilft immer!
 











 

Sonntag, 22. Mai 2016

Grand Tourer Erlebnistour

Der heutige Beitrag ist dem mysteriösen Inbus-Mann gewidmet, der ein Harley-Fan zu sein scheint. Und Moto Minya, die mich mit ihrem Blog ermutigt, auch einmal neue Dinge auszuprobieren. Und dem stolzen Wikinger, denn am Ende des Tages wird er ausrufen, dass ich beim nächsten Besuch seine Harley fahren soll, damit seine Kumpels große Augen machen. Das ist ein echter Ritterschlag.
 
Es ist Samstag, ich habe heute etwas Neues vor. Zunächst einmal gehe ich in die Garage und bringe meine Vulcan auf Hochglanz. Nach meiner Rückkehr aus Frankreich habe ich sie noch gar nicht geputzt. Dann fahre ich den Katzensprung von 2 Kilometern zu Harley Davidson Hamburg Nord. Ich möchte an einer "Grand Tourer Erlebnisfahrt" teilnehmen. Ein dreistündiger Ausflug mit Maschinen aus der Touringserie. Mich interessieren die großen Modelle mit Verkleidung.
 
Vor dem Eingang ist viel los und ich fühle mich immer etwas schüchtern bei so vielen Menschen, die ich nicht kenne. Ich gehe zur Rezeption. Der freundliche Herr spricht mich mit Namen an. Bin scheinbar die einzige Frau. Zwei Typen und ich legen Personalausweis und Führerschein vor und unterschreiben die Teilnahmebedingungen. Ich frage, ob wir die einzigen Teilnehmer sind. "Hast Du schon Angst?" fragt der Eine. "Wovor?" frage ich. Sofort bin ich genervt. Hoffentlich ist nicht die ganze Gruppe voller Großmäuler. Der HD-Kollege grinst. Es sind acht Teilnehmer da. Was ich denn sonst fahren würde, fragt er. Eine Vulcan 900, antworte ich. Er entscheidet, dass ich dann lieber ein kleineres Motorrad fahren soll. Das zweite lange Gesicht in 2 Minuten.
 
Draußen schaue ich mir die vorbereiteten Bikes an. Ein weiterer Mann kommt auf mich zu. "Na, schon was ausgesucht?" "Noch nicht wirklich. Mal sehen, was sich ergibt." Kleiner Smalltalk über Bikes. Er hatte schon bemerkt, dass ich mit der PJV angefahren kam. "Ich dachte, du sitzt auf einem E-Bike, so leise ist Dein Motorrad." Das finde ich nun tatsächlich sehr witzig. Während ich sonst immer mit einem Staubsauger verglichen werde, finde ich den E-Bike-Vergleich so überzogen, dass ich schallend darüber lachen kann.
 
Die Motorräder werden zugeteilt und der Tourguide betont noch einmal öffentlich, dass ich mal lieber eine kleinere Maschine fahren sollte. Die Männer grinsen. Was mich beruhigt, ist die Ansage, dass drei Stops eingeplant sind und wir dann immer mal die Bikes tauschen können. Das werde ich nutzen, wenn ich bewiesen habe, dass ich fahren kann.
 
Los geht's auf einer Heritage Softtail. Ich reihe mich als Drittletzte ein und wir rollen vom Hof. Als ich in den zweiten Gang schalten will, kriege ich die Schaltwippe nicht hochgezogen. Ich schaue nach unten um mich zu versichern, dass ich tatsächlich mit dem Schuh unter dem richtigen Pedal bin. Doch doch. Ich ziehe noch einmal kräftig nach oben und der Gang kracht ins Getriebe. Oh lala. Meine Vulcan schalte ich mit dem großen Zeh. Wir fahren durch die Stadt und dann auf die Autobahn. Ich gebe fröhlich Gas. Die Heritage macht Spaß. Sie ist in allem etwas zorniger und derber als mein tapferes Pony. Alles an ihr ist laut und jede kleinste Aktion ist ein riesen "Cinéma" - wie der Franzose sagen würde. Ich komme prima klar mit dem kleinen Flitzer und fahre vergnügt in der Gruppe mit. Nach 45 Minuten halten wir an. Die beiden Männer hinter mir loben mich in höchsten Tönen. Ich bin ganz verlegen. Aber später denke ich auch, dass es mich in meinem Weg als Motorradfahrerin noch bestätigt. Nach nur so kurzer Zeit (und ich sage mal, dass 9 Monate mit Führerschein und davon 3 Monate Winter, eine recht kurze Zeit sind), habe ich mir eine solide Fahrkompetenz angeeignet.




















Plötzlich darf ich mir aussuchen, was ich fahren will. Also steige ich auf die Road Glide, die der Wikinger so liebt. Jemand sagte, die sei sehr kopflastig. Dann passt sie ja zu mir, haha. Die gesamte Verkleidung ist am Rahmen befestigt, nicht am Lenker. Ich habe durch dieses Gewicht das Gefühl, dass das Bike nach vorne "bergab" gebaut ist. Direkt nach dem Start geht es in eine Reihe Kurven in einer 70er-Zone. Wir sind mit 90 km/h unterwegs und ich gehe die erste Kurve zu schnell an. Ich schaffe es nicht, die Road Glide entsprechend zu legen und gerate auf eine schlechte Linie. Bevor ich in den (nicht vorhandenen) Gegenverkehr komme, bremse ich scharf hinten. Oha oha, Lehrbuch Fahrphysik: Niemals in der Kurve bremsen. Wir Cruiser sind da aber etwas gnadenloser. Die Harley richtet sich auf und verzögert stark. Den zweiten Teil der Kurve nehme ich langsamer und ab sofort drücke ich die Maschine bewusster in die Kurve. Ich mag die Road Glide, wenn wir auf großen Straßen schnell reisen. Hier bestätigt sie ganz klar ihren Zweck als Reisemotorrad. Die Verkleidung lenkt den Fahrtwind so gut ab, dass ich keinerlei Druck auf dem Helm habe und dadurch sehr wenig Windgeräusche wahrnehme. Für wendige Manöver oder gar ein Handling in der Stadt müsste ich mich noch mehr an sie gewöhnen. Bei meiner Statur sitze ich sehr rechtwinklig wie auf einem Stuhl. Diese Haltung empfinde ich als wenig dynamisch. 




















Beim zweiten Stop essen wir ein Eis und klönen. Für mich geht es danach zunächst auf der Road Glide weiter, was ich gern nutze, um sie noch besser kennen zu lernen. Erst beim dritten Stop tausche ich noch einmal und nehme die Road King. Sie ist der Heritage Softtail sehr ähnlich, nur höher. Ich finde sie deutlich kompakter als die Road Glide. Der hohe Lenker ist nicht mein Ding, aber der Rest ist ok. Auch in den Kurven fühle ich mich sicherer. Nach guten 3 Stunden kommen wir wieder beim Harley Händler an.





Fazit: Ein toller Nachmittag mit ganz neuen Erfahrungen. Auch wenn ich hier nicht auf die technischen Details der Bikes eingegangen bin (die kann man ja im Internet nachlesen), so bin ich doch um viele Erfahrungen reicher. Einige bestehende Vorurteile haben sich gefestigt, andere sind gemildert worden. So war ich zum Beispiel wirklich beeindruckt von der Ausstattung der Harleys. Ich hatte sofort genügend Vertrauen, um unbedacht und ohne zu zögern loszufahren und auszuprobieren.
 
Was mich jedoch nach wie vor nervt, ist diese Unruhe des ganzen Bikes. Wenn man im zweiten Gang angekommen ist, beruhigt sich die Maschine. Doch im Stand ist und bleibt es der Schleudergang einer Waschmaschine. Was mir weiterhin nicht gefällt, ist die Derbheit aller drei Modelle, die ich gefahren bin. Alles ist mit einem großen Kraftaufwand zu bewegen. Kuppeln, Schalten, Starten.... Alles ist hart und laut. Da finde ich meine PJV wirklich eleganter.
 
War es doch immer mein Traum, eine Harley zu fahren. Nun habe ich es endlich getan. Und es war super. Ich werde mal wieder so einen Ausflug machen.
 
Dennoch: Ich kaufte meine Vulcan vor der Führerscheinprüfung ohne Probefahrt und für mich war es ein Volltreffer. Heute bin ich 3 Modelle gefahren und keines von Ihnen hat mich auf Anhieb überzeugt. Klar, meiner PJV fehlt es vielleicht ein wenig an technischer Modernität. Die scharfe Bremsung in der Kurve, die ich mit der Road Glide mal eben so durchführte, wäre bei meinem Bike schon kritisch geworden. Allerdings fahre ich allein auch gemütlicher und wäre niemals viel zu schnell gefahren.
 
Mehr und mehr spüre ich, dass das, was viele Fans als Lebensstil auf der Harley bezeichnen, nicht zu mir passt. Ich brauche kein Motorrad, das etwas repräsentiert. Im Gegenteil, ich liebe die Unaufgeregtheit meiner mausgrauen Maschine. Was mich viel viel fröhlicher macht (und auch verlegen), sind die Komplimente, die mir am heutigen Tage zahlreich zugerufen wurden. Eine Bestätigung, dass ich als junge Bikerin auf dem richtigen Wege bin und schon ganz vernünftig fahre, ist für mich das größte Glück und das wahre "Leben meines Traumes auf der Straße". Hier gilt es dran zu bleiben und weiter zu lernen. Was nützt mir das geilste Bike, wenn ich es nicht beherrsche?
 
Die heutigen Bilder habe ich nur rasch mit dem Smartphone geschossen. Reicht für ein paar Impressionen:
 






 
 

 

Donnerstag, 19. Mai 2016

Kilometer 11.254 - Jazz for the road


 
 
 
Das Ergebnis meiner kleinen Fotochallenge, die ich mir in der Reisevorbereitung ausgedacht habe, findet Ihr hier: Pollys Welten


10.238 - 11.254 - Le retour


Die ersten 288 Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Nachdem ich um 8.25 Uhr die Serpentine des Grauens passiert und Saint Romain de Colbosc hinter mir gelassen habe, fahre ich direkt auf die Autoroute und nehme erst einmal Fahrt auf. Mein Tank hat noch ausreichend Treibstoff für die ersten eineinhalb Stunden.


Abfahrt in Saint Vincent-Cramesnil
Die Serpentine..
 
...des Grauens.
Ich habe super schlecht geschlafen. Die Bratwürste und die Fritten, die ich gestern Abend aß, lagen mir so sehr im Magen, dass ich dachte, ich würde mich übergeben, wenn ich mich nur bewegte. Mit meinem Hörbuch versuchte ich, mich vom Grübeln abzulenken, aber auch das half nur bedingt. Nun sitze ich wie gerädert auf meinem Motorrad, kann mich vor lauter Klamotte kaum bewegen. Das kann ja heiter werden. Ich versuche es mit einem Lied und fange an zu singen: "To Pingsten ach wie scheun is die Natur so greun. Un all'ns nach Buten geiht, dat is een wahre Freid." Meine Oma kannte den ganzen Text. Ich nicht, also singe ich 3, 4 Mal die Schleife, dann habe ich mich genügend selbst genervt. Sollte ich mal ein Hörbuch veröffentlichen, werde ich Euch mit diesem Teil verschonen.
 
An der zweiten Péage-Station finde ich, dass mein Motorrad nach verbranntem Gummi riecht. Ist etwa irgendwas kaputt? Ich nehme die nächste Tankstelle, stelle mich neben die Säule und schnuppere an meiner PJV herum. Nichts Auffälliges. Gut, dann war es vielleicht ein anderes Auto. Mein Blick fällt auf den Flüssigkeitsbehälter für die Hinterradbremse. Der Pegel steht deutlich unter Lower. Zwar ist die Maschine nach links gekippt, doch was hatte mein Fahrlehrer mir geraten? Wenn die Flüssigkeit auf dem Seitenständer stehend "Minimum" nicht unterschreitet, bin ich immer im sicheren Bereich. Was mache ich denn nun? Ich bin nicht in der Lage, meine Vulcan nebst umfangreichem Gepäck in die aufrechte Position zu bringen und mich dann nach vorne rechts zum Bremspedal zu beugen, um den Zustand erneut zu checken. Ich schreibe eine Nachricht an Mutti in Lübeck. Diese empfängt er irgendwie nicht. Nach dem Bezahlen parke ich das Motorrad auf einem freien Platz und rufe ihn noch einmal an. Nur Mailbox. Hallo Mutti, hier ist Polly. Ich bin gerade auf der Rückreise und meine Bremsflüssigkeit ist niedrig. Melde Dich doch mal per Whats App, was ich da reinfüllen muss. Plötzlich sehe ich zwei Kawasaki Reisende heranrollen. Sie winken mir von der Luft-Station aus zu. Ich gehe hin und bitte um Hilfe. Natürlich geben sie mir die gern. Ich richte die Vulcan auf, der freundliche Franzose hockt sich zu meiner Rechten und schaut nach meinem Liquide de frein. Er sagt, der Pegel stände genau auf Low und erkundigt sich, ob ich es noch weit hätte. 950 Kilometer, antworte ich. Dummerweise sei ich gerade erst gestartet und hätte den Check vor der Abreise versäumt. Eine Woche vorher wäre noch alles gut gewesen, da hatte ich bei meinem neuen Bike irgendwie nicht mit großen Verlusten gerechnet. Der Motard rät mir, die Reise so fortzusetzen. An den Raststätten gäbe es meist nur Bremsflüssigkeiten für Autos und ich solle lieber bei einem Fachhändler das richtige Produkt kaufen. Minimum sei ja immer noch ok. Wir winken uns Au Revoir und jeder macht sich wieder auf den Weg. Mutti hat sich nicht gerührt. Ist wohl joggen. Oder kastriert gerade seinen stinkenden Kater.
 
Sonne und Wolken wechseln sich ab. Ich entscheide mich, die östliche Route durch Belgien zu nehmen, bei Aachen die Grenze zu passieren und dann auf der A1 in den Norden zu kommen. Die Autobahn ist ziemlich leer. Streckenweise bin ich allein auf weiter Flur. Ich erinnere mich daran, wie ich hier vor einigen Jahren stundenlang im Stau stand. Es war ein heißer Sommer und ich war damit beschäftigt, eine dicke Fliege zu beobachten, die sich in meinen Wagen verirrt hatte. Als ich endlich etwas Gas geben konnte, griff ich zu meiner offenen Cola-Dose und nahm einen kräftigen Schluck. Irgendetwas Hartes befand sich zusammen mit dem Getränk in meinem Mund. Wo war eigentlich die Fliege geblieben? Oh bitte nicht!! Ich überlegte angestrengt, wohin ich denn nun Cola nebst Insekt spucken sollte. Ich fuhr auf der sehr vollen Autobahn mit 130 km/h und konnte nicht einfach anhalten oder verzögern. Es wurde immer ekliger. Wohl wissend, dass das schief gehen würde, öffnete ich das Fenster und spuckte mit aller Kraft - mir selbst ins Gesicht. Ein Lachkrampf war die Folge.  Dieser wiederholte sich später in Recklinghausen als ich an der Tanke bezahlte und mir einfiel, dass ich mich gar nicht gesäubert hatte. Ob mir wohl die Fliege an der Stirn klebte?
 
Mittagessen!
 
Kurz vor Valenciennes habe ich Hunger. Als Motorradreisende muss ich deshalb wieder anhalten. Ich tanke gleich noch einmal und nehme pünktlich um 11.59 Uhr mein Mittagessen ein. Auf meinem Handy erscheint eine Nachricht von Mutti. Er bestätigt den Rat meines Helfers. Das hebt meine Stimmung sofort. Ich räume mein Picknick zusammen und fahre gen Belgien. Schon nach einer Stunde werde ich furchtbar müde. Manno, kommt ich denn gar nicht voran? Ich halte ein Nickerchen auf einer Parkplatzbank und als ich die Augen aufschlage, ist es viertel nach Zwei. Nach 6 Stunden Fahrt habe ich erst 400 Kilometer geschafft. Der Nachmittag ist angebrochen und ich habe noch nicht einmal die Hälfte der Strecke hinter mich gebracht. "Aachen 100 Kilometer" verrät mir ein Schild kurz nach Aufbruch. Die Piste ist überwiegend gut saniert. Gerade will ich für die Belgier eine Lanze brechen, da ändert sich das Bild. Auf einer Passage von 30 Kilometern fehlen ganze Stücke in der Asphaltdecke. Zwischen den Spuren sind Schlaglöcher und große Risse von 4 oder 5 Metern Länge. Ich bin hochkonzentriert, mich durch diese Hindernisse zu bewegen und froh, als ich endlich wieder auf renoviertem Asphalt ankomme. In Aachen stoppe ich erneut. Ich erkenne sogar den Tankwart wieder, den ich schon so oft beehrt hatte, aber nun war ich schon lange nicht mehr auf dieser Strecke unterwegs gewesen. Im deutschen Mobilfunknetz erhalte ich wieder Nachrichten von Mutti und Frank, die sich erkundigen, wo ich bin. Es ist kalt in Aachen - wie überall heute - und ich fahre nach einem Snickers wieder los. Vielleicht komme ich noch bis Münster und schlafe dann dort. Da keine LKWs unterwegs sind und auch Wohnwagen und Wohnmobile erst morgen, am Pfingstmontag, wieder auf Heimreise sein werden, komme ich in Deutschland gut voran. Kurz vor dem Kamener Kreuz halte ich wieder und nehme mein Abendessen ein. Käsebrot, Gurke und Tee ziehe ich aus den Packtaschen und ein älteres Paar gesellt sich für ein Schwätzchen zu mir. Wohin ich noch wollte, fragen sie. Nach Hamburg am Ende, aber ich werde wohl in Münster schlafen. Münster? Da käme ich doch gar nicht entlang, wendet der Mann ein. Wieso, wo bin ich denn? schießt es mir durch den Kopf. Bin ich in Trance auf der falschen Autobahn gelandet? Aber nein, der Herr hätte nun auf die A7 gewechselt. Ich bleibe jedoch auf der A1 und als ich bald danach Münster erreiche, weiß ich, dass es auch nach Bremen nicht mehr weit ist.
 
Das Wetter ist wechselhaft. Ein kurzer Hagelschauer zwiebelt richtig kräftig an den Beinen. Als ich auf der Weserbrücke von einem enormen Regenbogen empfangen werde, zwischen dessen zwei Enden ich hindurch zu fahren scheine, bin ich so in Form, dass ich auch die letzten 100 Kilometer noch in Angriff nehme. Mir tut weder der Rücken weh, noch bin ich sonderlich müde. Fröhlich fallen wir in einen ordentlichen Galopp. Niedersachsen wünscht Alles Gute und Hamburg heißt mich Willkommen. Doch für das rote Schild habe ich gar kein Auge! Um halb Neun taucht die untergehende Sonne dicke Wolken in alle Rottöne. Das Farbenspiel in der Skyline des Hafens raubt mir den Atem. Ich raste schier aus vor Begeisterung über den wunderschönen Empfang, den meine Stadt mir bietet. Vor lauter Glück schreie ich in meinen Helm und als ich dann den Fernsehturm im Abendrot entdecke, singe ich glatt noch eine Runde To Pingsten ach wie scheun.


Nach 13 Stunden: Ankunft an der Außenalster in Hamburg
 


Dienstag, 17. Mai 2016

Kilometer 10.054 - 10.127 - Ètretat grau in grau

Die Tage bleiben düster und ich mit meinem Buch im Bett. Irgendwann treibt es mich doch an die frische Luft. Ètretat ist nicht weit weg und sollte es schütten, drehe ich einfach um. Meine PJV trabt fröhlich los. Wir steigen die Serpentine des Grauens hinab, die ich so nenne, weil die gesamte Piste mittig geflickt wurde. Ich mag hier einfach nicht in Kurvenlage über die Teerstreifen fahren und bleibe daher entweder ganz innen - wo mir die Autos entgegen kommen, oder außen - wo die Schlackekrümel rum liegen. Das alles natürlich recht gemäßigt, während ich in engegengesetzter Richtung ganz flott um die Kurven flitze.
 
Auf der Landstraße hängt dicker Nebel über den Feldern. Kühe wirken wie geisterhafte Schatten. Gegen 15 Uhr erreiche ich die kleine Stadt mit den weltberühmten Felsen. Informationstafeln zeigen, aus welcher Perspektive die üblichen Verdächtigen ihre Gemälde geschaffen haben. Doch von dem Objekt der Begierde ist nichts zu sehen. Ich gehe an den Strand und beobachte Menschen, Möwen und das Meer. Langsam hebt sich der Nebel. Und gegen 17 Uhr mache ich mich bei Sonnenschein auf den Heimweg.