Samstag, 30. April 2016

7.850 - 8.549 - Eitel Sonnenschein: Holland lässt sich nicht lumpen!

"Wohin soll's denn gehen?" fragt mich ein älterer Herr, der seinen dunkelgrünen Polo betankt und mich derweil dabei beobachtet, wie ich den Reifendruck meiner PJV überprüfe. "Nach Frankreich, in die Normandie." Er strahlt über das ganze Gesicht und seine etwa 80jährigen Augen bekommen einen verträumten Glanz. "Ich war überall mit meinem Motorrad. In Europa und sogar auf dem Highway sixtysix. Ich habe mit meiner Honda Schädoo (er sagt das sehr hamburgisch) 150.000 km gemacht." Er holt sein altes Lederportemonnaie hervor und zieht das vergilbte Foto seiner Liebsten aus der Hülle. Verzückt blickt er auf die magere schwarze Japanerin. Ich bin gerührt. Wir tauschen noch ein paar Worte zum aufziehenden Regen und der Wettervorsage für Holland aus und inzwischen habe auch ich getankt. Er wünscht mir noch fröhlich Bon Voyage und fährt mit seinem Polo davon. Auf den Elbbrücken sehe ich ihn noch einmal, bevor er in Richtung Harburg abbiegt und ich mich für die A1 links einordne. Es ist 8.25 Uhr und ich bin wieder unterwegs.
 
Als ich im September zum ersten Mal mit meiner Vulcan nach Frankreich fuhr, machte ich mir am meisten Sorgen um die lange Strecke, die ich dann besser als erwartet gemeistert hatte. Allerdings hatte ich die Kälte und den Nebel unterschätzt und somit habe ich nun alles getan, um mich dieses Wochenende besser zu schützen. Ich trage über meiner Unterwäsche eine Thermoleggings, eine Jogginghose, einen wollenen Lendenwärmer und noch ein Elastikdings zum das Wolldings "Fiffie" an seinem Platz zu halten. Ich trage ein langärmliges Funktionsshirt, meinen Nierengurt, einen Funktionspulli, eine Wollweste, eine Fleecejacke und über all dem meine gefütterte Motorradkleidung. Um Platz im Gepäck zu sparen, habe den Rückenprotektor meiner Lederjacke noch mit in die Textiljacke geschoben, was kaum auffällt, mich allerdings noch voluminöser erscheinen lässt. Aber egal. Mein Aussehen ist mir heute echt nicht wichtig. Ich bin sogar ungeschminkt und trage keine Ohrringe.
 
Wie angekündigt regnet es und ich fahre gemächlich hinter einem LKW her. Tom sagte noch, dass er immer nur 80km/h fährt, wenn es kalt und nass ist, denn da merkt man eine deutliche Abnahme im Fahrtwind. Damit mich keine LKWs überholen müssen, bleibe ich bei 90km/h. Meine Laune ist nur deshalb noch nicht endgültig versaut, weil Wetter.de mir sagte, in den Niederlanden sei das Wetter am Samstag sonnig und vor allem regenfrei. Ich fahre also wie auch beim letzten Mal, hinter Wildeshausen von der Autobahn ab, um über Cloppenburg und Emmen in das Land der Wohnwagenreisenden zu gelangen. Die altbekannte Willkommensbrücke macht ihrem Namen alle Ehre und schickt mir tatsächlich ein paar Sonnenstrahlen. Mir ist echt kalt und ich nehme eine Ausfahrt um ein Päuschen einzulegen. Der mitgebrachte heiße Tee tut gut. Ich esse mein Pausenbrot (Hunger hatte ich schon seit Einfädelung in die A1, aber das ist ja auf jeder Klassenreise so) und wärme mich an dem warmen Körper meines Ponys. Die Sonne streichelt mein Gemüt und ich freue mich, dass ich nun doch noch einmal diese Strecke genommen habe, und nicht bis Aachen in Deutschland geblieben bin. Das ist zwar meine Auto-Route, doch diese Gewohnheit zählt auf dem Motorrad gar nichts.
 
Vor der Weiterfahrt klebe ich mir Heat Max für die Füße zwischen die Socken und hoffe, dass die kleinen Pads die versprochenen 38 Grad Wärme entwickeln, um meine Zehe wieder aufzutauen. In die Handschuhe schiebe ich mir kleine Heizpakete für die Hände. Ich tanke bei nächster Gelegenheit - die Tankleuchte stach mir schon unangenehm ins Auge - und bei teils bedecktem Himmel fällt meine PJV in einen gemäßigten Galopp.
 
In der Nacht zuvor hatte ich von Svenja geträumt. Eine bloggende Enduroreisende aus Kiel. Sie fährt gemütlich, hält oft an, fotografiert und schreibt. Kauft Entrecôte und brät dieses abends auf dem Zeltplatz. Vielleicht wollte sie mir im Traum noch mitgeben, dass ich mich wegen der langen Strecke nicht stressen soll. Irgendwann kommt man auf jeden Fall am Ziel an. Der Gedanke an Svenja, zügelt meine kurzzeitig aufgetretene Euphorie, vielleicht heute schon im Pays de Caux anzukommen. Sie hat recht. Ich habe Ferien. Da ich die Wegstrecke auswendig kenne, brauche ich kein Navi, keine Karte, keine Uhr, keinen Kilometerzähler. Ich lasse mich treiben.
 
Am frühen Nachmittag werde ich schrecklich müde. Seit ich denken kann, will mein Körper um 14.30 Uhr schlafen. Im Büro koche ich dann Kaffee und esse Obst. Heute ist Urlaub, ich darf also schlafen. So steuere ich einen Rastplatz an, lege mich auf eine Holzbank und dank Heat Max friere ich auch nicht. Keine Ahnung, wie lange ich da lag (ich hatte ja nicht auf die Uhr geschaut), aber eine halbe Stunde ist mindestens vergangen. Tee und Müsli-Riegel wecken mich und wir traben wieder los.
 
Alles klappt wie am Schnürchen. Der mysteriöse Antwerpen Ring, auf dem ich auch schon einmal verloren war, ist schnell gemeistert und ich rollte über Kortrijk auf die Landesgrenze zu. Frankreich 1,7 km steht auf dem Schild. Der Verkehr wird einspurig zusammen geführt und auf 30 km/h gedrosselt. Wir fahren von der Autobahn ab und kommen über einen großen Platz, der wohl früher der Verzollung von LKWs diente. Wir schleichen an Polizeiposten vorbei und werden dann wieder auf die 3 spurige Autoroute zurück geleitet. Ob die wohl nach Terroristen suchen?
 
Jedenfalls habe ich hierdurch die Einfahrt nach Frankreich verpasst und konnte gar nicht angemessen feiern. Dennoch bin ich fröhlich. Mein Körper fängt leise an zu mucken, so dass ich entscheide, die Autobahnkreuze bei Lille noch hinter mich zu bringen und dann ein Roadhouse zu finden. Ich verfahre mich, weil ich zu spät sehe, dass ich mich links halten müsste und den vierfachen Spurwechsel nicht mehr schaffe. So bleibe ich gleich ganz rechts und nehme die nächste Ausfahrt, um zu wenden. Moment Mal, die kenne ich doch! Ist das nicht das Centre Commercial, in dem ich letztes Mal nach langer Suche ein Hotel gefunden hatte? Jedoch sehen all diese Gewerbegebiete in Frankreich gleich aus, weil sich dort immer die gleichen Möbelhäuser, Elektronik-Händler, Supermärkte, Matratzenhöker und Klamottenläden befinden. Doch tatsächlich, ich folge meinen Erinnerungen und stehe vor dem mir vertrauten Formule 1. Impecable! Einwandfrei!!
 
Absatteln, einrichten, Nachrichten verschicken und das mitgebrachte Abendessen genießen. Was für eine reibungslose Fahrt. Obwohl ich noch etwas weiter hätte fahren können, bin ich rechtzeitig eingekehrt und mein Körper ist noch nicht am Ende. Das ist für mich tatsächlich ein Grund stolz zu sein. Früher bin ich viel zu oft über meine Grenzen hinaus gegangen. Ich kuschel mich wohlig ins Bett und schlafe gegen 21 Uhr glücklich ein. 

Abfahrt in Hamburg bei Regen


Wetter.de hilft bei der Streckenplanung


Wärmendes Picknick in Holland


Schläfchen
Und freudige Ankunft in Lille


























Keine Sorge, ich habe meinem tapferen Pony keine Leckerlies zugeworfen...


Kommentare:

  1. Dein Haps-Foto ist klasse. Man kann sich so sehr in die Situation versetzen, wie du die Kamera auf den Boden gelegt hast mit Selbstauslöser und dann blitzschnell zu deiner Stulle gehechtet bist.
    10 Sekunden, oder?! Beide Daumen hoch.

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    1. stimmt! Und dann einen auf entspannt machen ;-)

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    2. Wenn Iiihr wüsstet, hihihi!

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  2. Ich habe den Verdacht, daß es am Sonnabend bei Dir doch ein gutes Stück kühler war, als bei mir hier unten. Wir hatten mit dünnem Blüschen im Garten gestanden und auf das Grillfleisch gewartet...
    Aber, was ein toller Trip, den Du da hingelegt hast.

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  3. Hach, da möchte ich auch gleich wieder auf große Fahrt...

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