Sonntag, 28. Februar 2016

Hamburger Motorrad Tage 2016

 

Tjoa, was soll ich berichten, von den HMT 2016? Ich denke schon den ganzen Tag darüber nach, was es denn Erwähnenswertes gibt. Doch da zeigt sich mal wieder, dass Pollys Reisen eben eine Social Doku ist und kein Fachmagazin und dass ich nun beschreiben könnte, wie ich gemächlich durch die Hallen gestreift bin, das übliche Messe-Trara genossen und weniger die technischen Neuheiten analysiert habe.

Froh darüber, dass die lange Winterzeit von einem kleinen Event unterbrochen wird, breche ich morgens mit meiner Schwester zu den Messehallen auf, um Bikerfreunde zum Kaffee zu treffen. Wenn ich früher zur "HansePferd", die alle 2 Jahre in Hamburg stattfindet, fuhr, war ich immer ganz aufgeregt und trug eine lange Einkaufsliste in der Tasche. Schon Tage vorher wurde das Ausstellerverzeichnis nebst Programm studiert und wir Mädels haben beim Tee in der Sattelkammer Schlachtpläne entworfen, wie man die 8 Stunden in 9 Hallen so nutzen kann, dass man auch noch Vorträge und Vorführungen erleben wird. Meistens waren wir dann 2 oder sogar 3 Tage dort und trugen teure Schätze für unsere Schätze nach Hause. Damals kostete der Messeeintritt noch 9 Euro. Wir zahlten und tauchten in den Duft nach Pferd und Leder ein.

Heute geraten wir direkt am Eingang in eine große Gruppe biertrinkender Kuttenträger. Die Aufnäher verraten, dass deren Heimat ein kleiner Ort in Mitteldeutschland ist. Der Geruch verrät, dass die Touri-Nacht auf der Reeperbahn gerade erst zu Ende gegangen ist. Man prostet sich zu, grölende Rufe bestätigen die bereits optisch einwandfrei erkennbare Zusammengehörigkeit. Meine Schwester schaut mich unsicher an. Werden meine neuen Bekannten von dieser Art sein? Nein nein, gebe ich ihr wortlos zurück.

An dem für die HTM hergerichteten Nebeneingang des modernen Messegeländes bezahlen wir für 2 Tickets 32 Euro Eintritt in bar. EC-Terminals gibt es nicht - nirgends sagt die Dame, zu der ich mich an dem improvisierten Kassenschalter hinunterbeuge. Hiermit ist mein kleiner Bargeldbestand fast aufgebraucht. Aber ich will ja eh nichts kaufen. Habe ja gerade erst alles neu angeschafft, als ich vor einem halben Jahr meinen Führerschein machte.

Kawasaki empfängt uns direkt am Eingang. Ich verliebe mich erneut in meine Vulcan 900. Wie schön sie da steht in mausgrau metallic. Um 10 Uhr ist es zum Glück noch recht leer. Die 25 Kuttenträger sind schnell verschwunden. Bestimmt auf Klo, oder an einen der Stände mit dem Holzkohle Schwenkgrill. Mal was Herzhaftes auf das Bier legen. Wir streifen zwischen den engstehenden Modellen herum. Meine Schwester ist nicht groß und eher schmal und klettert auf das eine oder andere Bike um dann die Beine baumeln zu lassen. Nachdem Andrea von motoliebe sich in Berlin an einer Ducati erfreute, versucht meine Schwester auch diese Modelle. Es macht Spaß sie so zu sehen. Zunächst einmal möchte sie Tagestouren als Sozia fahren, aber vielleicht packt es sie ja noch komplett.

Zurückhaltender Andrang am Vormittag

Es füllt sich am Nachmittag






Wir treffen die Kollegen von der Cruiser Lounge an der Show-Bühne und trinken Kaffee. Zwei Damen waschen ein Motorrad und sich gegenseitig mit viel Schaum. Ich versuche mich in die herumstehenden Männer zu versetzen - bestimmt ist das nett anzusehen. Als der Moderator dann sagt, die beiden feuchten Girls hießen Wischi und Waschi, wende ich mich gelangweilt ab.



Wir ziehen mit dem Grüppchen durch die Hallen und schauen was es so gibt. Auf der großen Fläche mit Custom-Bikes bewundere ich die Arbeiten guter und kreativer Handwerker. Auch wenn es überhaupt nicht mein Ding ist, mit so einem aufgemotzen Bike rumzuposen, respektiere ich aus vollem Herzen, dass es Menschen gibt, die sich in Sachen Design und Bau so leidenschaftlich ausleben. Diese Bikes sind für mich große Kunst und sehr persönliche Stücke. Ich kann mich regelrecht in die Details vertiefen. Sie drücken Charakter und Kompetenz des Künstlers aus - wie ein Gemälde oder eine Musik. Mit Motorradfahren hat das für mich nicht wirklich etwas zu tun, aber das ist ok. Ich freue mich über die Vielseitigkeit unserer aller Leidenschaft und lege mich wenig auf eine Sache fest. Jedem das Seine und mir das Meine.





Mein ehrliches Interesse wecken die E-Bikes. Sie wirken schon seltsam in ihrer Nacktheit. Die Moto-Cross-Modelle haben die Statur einer verhungerten Antilope. Die Straßenmaschine hat 3 Modi zur Steuerung. "Normal" hat eine enorme Leistung und beschleunigt in 3 Sekunden auf 100 km/h. Mir wird schlecht. Der "Eco-Modus" hat ca 75% der Leistung und der "Custom-Modus" erlaubt eine manuelle Regelung aller Parameter über die Handy-App. Ich lache laut los. Skurril, aber auch reizvoll innovativ. Das was man instinktiv als "Tank" identifiziert, ist ein kleines Fach, welches Platz für allerlei Krimskrams inkl. Ladekabel bietet. Keine Ahnung, ob ich so etwas kaufen würde, aber ich bin mir sicher, dass sich Kundschaft dafür entwickeln wird. Es sind nicht die Kurvenheizer, die so etwas kaufen. Auch nicht die Chrome-Fetischisten, die auch mit einem satten Sound glänzen mögen. Es wird eine neue Generation von Motorradfahrern sein. Menschen, die es hip finden, geräusch- und emissionslos durch den Stadtverkehr zu gleiten. Die sich daran erfreuen, bei steigendem Verkehrsvolumen noch Parkplätze zu finden. Nach der Heimkehr wird das Ladekabel in die 220-Volt-Dose gesteckt und der Akku tankt sich über Nacht auf. Ich denke an Paris, einer Stadt, in der es (gefühlt) mehr Roller als Autos gibt. In der sogar Parkplätze für Zweiräder knapp sind. Wenn sich dort die E-Bikes durchsetzen würden, hätte Paris eine Menge Luft zum atmen. Hier könnte nun eine lange Abhandlung über den Pariser, den Franzosen und DIE Atomstrom-Nation schlechthin kommen, doch kehren wir zurück auf die HMT. Der kontaktfreudige Verkäufer drückt mir eine Visitenkarte in die Hand. Ich nehme sie. So ein Elektro-Teil will ich mal ausprobieren. Im Eco-Modus... erst 'mal.




Wir kommen in die "Aktions-Halle" in der Moto-Cross gezeigt wird. Während vor der Halle der Holzkohle-Schwenkgrill einen großen Andrang bewältigt und für gut gefüllte Besuchermägen sorgt, sind die Imbiss-Stände in der Halle nur wenig frequentiert. Kein Wunder, in dem Lärm und Gestank würde ich auch kein Fischbrötchen genießen. Durch den Sucher meiner Kamera fällt mir auch auf, wie lieblos die Kulisse gestaltet ist. Wer nicht wirklich Fan von Moto-Cross ist, wird nicht einmal durch eine attraktive Szenerie zum Bleiben verführt. Ich hätte mir zumindest eine kleine Tribüne gewünscht, so dass auch Zuschauer in der vierten Reihe noch etwas vom Geschehen mitbekämen.


Die ganze Zeit wirkt die Messe etwas... sparsam. Der hohe Eintrittspreis ist nach meinem Gefühl nicht gerechtfertigt - und ich bin echt kein geiziger Mensch. Kleine individuelle Aussteller geben sich zwar Mühe, ihren Stand attraktiv zu gestalten, doch ich finde nur wenige Momente, in denen ich innehalte und staune. Auch in Sachen Bekleidung drängt sich mir nichts auf, was ich in Hamburg nicht an jeder Ecke fände. Meine Schwester sucht nach einem Nierengurt - und findet keinen!! Ich bin nicht mal in der Laune viele Fotos zu machen, so wenig euphorisch bin ich. Das Event lebt in meinen Augen sehr davon, dass sich Biker in der Mitte des Winters zu einer Bratwurst treffen.

Nach einem weiteren Kaffee und Tonne's mitgebrachtem Marmorkuchen brechen wir alle langsam auf. Es ist früher Nachmittag. Die Hallen haben sich gefüllt und unser Grüppchen sich getrennt. Die Ausstellungsmodelle der Vertragshändler ertragen geduldig, dass Menschen aufsitzen und "Probefahren". Der Sportler will mal auf einem fetten Cruiser sitzen. Sohnemann klettert auf die Ninja und imitiert Rennfahrer in Kurvenlage.


Kurz vor dem Ausgang gehe ich noch einmal über die Kawasaki-Plattform. Mein Blick fällt auf die Vulcan 900 in mausgrau metallic. Ich verliebe mich schon wieder...