Mittwoch, 6. Januar 2016

Kilometer > 85.000 (HD) - Vom Winde verweht


Es ist Montag Morgen nach dem Jahreswechsel. Ich schiebe die beiden Kater von meinen Beinen und mich selbst unter der Bettdecke heraus. Dreimal hat der Wecker geklingelt und das Radio dudelt seit über einer Stunde vor sich hin. Ich höre die Nachrichten und mein Kopf übersetzt sie automatisch in die französische Sprache. Ach nee, ich bin ja zu Hause. Zumindest dort, wo juristisch gesehen mein Lebensmittelpunkt ist. Da, wo ich Steuerinländer bin. Und da, wo meine Heimat ist.

Das Musikprogramm hat sich kaum verändert. Es ist, als wäre ich vor 2 Wochen hier ins Bett gegangen und heute wieder aufgewacht. Dazwischen liegt eine Reise in meine andere Welt. Die Katzen sind immer besonders gesprächig, wenn ich endlich wieder in meiner Hamburger Wohnung schlafe und die beiden leeren Koffer warten im Flur darauf, auf dem Dachboden verstaut zu werden.

Ich war mit dem Flugzeug gereist und hatte mein Motorrad in der Garage gelassen. Als ich im Oktober den Flug buchte, war ich mir sicher, dass ich zu Weihnachten kein Zweiradwetter haben würde und so wählte ich schweren Herzens die Verbindung über Paris Orly. Tatsächlich hatte ich 2 Wochen lang Temperaturen von durchschnittlich 13°C und so manchen sonnigen Tag. So bereute ich wirklich sehr, in Frankreich kein Motorrad zur Verfügung zu haben und nur der Gedanke, dass ja für Dezember solches Wetter nicht zu ahnen war, tröstete mich. Bei meiner Ankunft gestern waren 6 °C unter null und auf NDR2 wurde berichtet, dass aufgrund der Wetterlage in Ostfriesland die Menschen über Nacht am Bahnhof festsaßen. OK, das hätte mich dann auf dem Heimweg voll getroffen. Also doch gut, dass ich geflogen bin.

Ich suche nach ein paar Klamotten für das Büro und halte die Nase an die Tshirts, die ich als „sauber“ von meiner Reise mit zurück genommen hatte. Sie haben den vertrauten Geruch nach Lessive Lavage (Waschmittel), Kaminfeuer und altem Haus mit Hund. Das, was in der Normandie Gemütlichkeit ausstrahlt, ist hier in meiner kleinen Wohnung ein Grund für den Abmarsch in den Wäschekorb. Genauso hänge ich meine Lederjacke an die Garderobe und ziehe meinen warmen Wollmantel über. Zur Arbeit sind es zu Fuß nur wenige Minuten durch meinen Stadtteil. Putain, ça caille ! Ich stapfe durch den kalten Wind und erinnere mich daran, wie ich an der Seine-Mündung die Nase in die salzige Luft hielt.  Hier hatte ich mal wieder das Vergnügen, die alte Harley als Sozia zu genießen.

Leute hatten mir prophezeit, dass ich mich als Passagier nicht mehr gut entspannen könnte, sobald ich aktive Bikerin sei. Doch als ich 3 Tage nach meiner Ankunft endlich auf das Motorrad steige, ist alles wie immer: Ich habe volles Vertrauen, wenn der Wikinger mit seiner Maschine gemütlich über die Landstraße schaukelt und genieße es in vollen Zügen. Seinem Fahrstil nach zu urteilen gewinnt Frank, der eben noch morgenmuffelig vor sich hin murmelte, spürbar an guter Laune. Wir probieren unsere neuen Action-Cams aus. Nachdem ich mit meiner Qumox SJ400 sehr zufrieden bin, hatte Frank zusätzlich noch eine T’n’B zum gleichen Preis gekauft. Wir kombinieren unseren weihnachtlichen Einkaufsbummel also mit einer Testfahrt. Frank befestigt seine Kamera mittels Saugnapf mitten auf dem Helm und sieht wie ein Marsmännchen aus. Ich halte meine Kamera zunächst in der Hand und stelle den Fotomodus ein, der automatisch alle 5 Sekunden ein Bild schießt. Als wir die Seine bei Le Havre überqueren, passieren wir zunächst die Kanalbrücke, bevor es auf die große „Pont Normandie“ geht. Es stürmt gewaltig und Frank gibt mir ein Zeichen, ich solle seine Kamera festhalten, damit der Saugnapf sich nicht löst. Na toll, denke ich. Vor der Abfahrt hatte ich ihm noch klugscheißermäßig mein Sicherungsbändchen angeboten, aber er wollte es nicht haben. Obwohl die Kanalbrücke weniger hoch ist, liefert sie ihre Passanten mangels Windschutz gnadenlos dem Sturm aus. Wir kämpfen uns voran, meine Hand liegt auf dem Helm meines Fahrers und sichert die Kamera. Auf der anderen Seite atmen wir erleichtert auf. Nun folgt nur noch die Hochbrücke, die aber besser geschützt ist. Ich kauere mich auf meinem Sitz zusammen und wir machen uns an den Aufstieg. Wie wundervoll ist der Ausblick in dieser wilden Stimmung! Das möchte ich in Bildern festhalten und halte unvermittelt meinen rechten Arm nebst Fotoapparat raus, um ein Action-Selfie zu schießen. Sofort werde ich vom Sturm erfasst und es reißt mich fast rückwärts vom Bike. Vor Schreck schließe ich instinktiv die linke Hand und finde Halt an Franks Kamera. Ein Glück hält der Saugnapf anstandslos und ich rette mich zurück auf mein windgeschütztes Plätzchen hinter dem großen Mann. Das ist ja noch mal gut gegangen. Als wir in Honfleur ankommen, schaut Frank mich nur fragend an. Seinen Blick erwidere ich mit einem entschuldigenden Lächeln und berichte von meinem kleinen Missgeschick. Als ich die Gefahrensituation mangels Vokabular noch einmal erlebnisnah nachstelle, lachen wir beide Tränen.  Franks Film ist an dieser Stelle leider so verwackelt, dass er beim Kaffeekränzchen missmutig die Aufnahmen betrachtet und sich dabei mehrfach mit schmerzverzerrtem Gesicht den Nacken reibt. Mein armer Wikinger. Ein wahrer Kämpfer.

Beim nächsten Ausflug wird Frank seine Kamera am Sturzbügel außerhalb meiner Reichweite befestigen. Und tatsächlich werden wir unseren ersten kleinen Film zustande bringen. Aber das ist eine andere Geschichte…


Mal schauen, wie das klappt...
Grand Canal du Havre
Le Pont Normandie über die Seine

 


Ankunft im wunderschönen Honfleur

Oh je....
Auf der Weiterfahrt wird die Kamera abgesichert!

Kommentare:

  1. Na, das klingt, bis auf den fast beinahe Stunt doch nach einem mehr als gelungenen Urlaub! Mit so einer Actionkamera muss ich auch mal bei Gelegenheit herumexperimentieren. Damit sind sicher spannende Dinge möglich!
    Wie ich das gelbe Visier sah, musste ich daran denken, daß ich mich früher, als Kind, immer über die gelben Windschutzscheiben bei den Hamburger Strassenbahnen gewundert habe. Komisch, mit was man so etwas in Verbindung bringt...

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    1. Eigentlich mag ich das gelbe Visier besonders in der Nacht, weil es die Autoscheinwerfer enorm abblendet. Frank trägt deshalb immer seine gelbe Brille.
      Ich kann auch nicht sooooo gut (räumlich) gucken und da hilf es mir, in der Nacht die Konturen besser zu erkennen. Für diesen Helm habe ich auch noch ein helles Visier, doch hier hatte ich gerade das Gelbe dran und dieses sorgt bei Tageslicht auch dafür, dass die Welt sonniger aussieht. Vielleicht war das alles der Grund für die Scheiben der Straßenbahnen? Die Fahrer konnten besser sehen und hatten immer gute Laune :-D

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    2. So etwas, das man damit besser sehen kann, also Konturen und dergleichen, das habe ich auch schon mal gehört. Bei der Straßenbahn nehme ich auch so etwas an. Ich habe mal danach gegoogelt, aber ich habe nichts gefunden.
      Bei einem Helm habe ich das gelbe Visier auch schon mal gesehen, allerdings nur im Internet und noch nicht live. Ich werde es mal ausprobieren müssen.
      :)

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    3. Diesen Jethelm, den ich da trage, finde ich ganz hübsch und er ist nett zum gemütlichen Cruisen.

      Das Visier wird mit Druckknöpfen befestigt und lässt sich daher nach belieben ganz einfach wechseln. Allerdings wackelt es auch leicht bei schnellerer Fahrt und bei Sturm ;-) Die Dinger nennen sich "Bubble" und sind von Biltwell und Bell u.a zu haben. ICasque in Nizza verkauft die Dinger online in zahlreichen Fahrben.

      Ich kann mir vorstellen, dass es für Integralhelme schwieriger sein wird, da die Nachfrage evtl nicht (mehr) so groß ist. Wahrscheinlich tragen die Biker dann bei Bedarf eher eine getönte Brille, als ständig den Helm auseinander zu nehmen. Wenn Du mal in Hamburg bist, darfst Du auch gern mal meinen Helm Probe tragen. :-)

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  2. Putain ça caille!?!?!? ... POLLYYYYYYY!!! ... :-D

    Oh ja, Kamera am Sturzbügel. Hat der Entenbiker auch mal gemacht und diese prompt verloren. Zum Glück hat er sie dann recht schnell wieder gefunden. Hochinteressant finde ich die Möglichkeit, dass du mit deiner Kamera 'Bilder' machen kannst und nicht nur Videos.

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    1. Wie erwähnt bin ich echt zufrieden mit der Qumox, weil die so vielseitig einsetzbar ist. Frank und ich sind beide nicht so technikverrückt, sondern erfreuen uns mehr an den Ergebnissen, welche denn jeder auf seine sehr unterschiedliche Art und Weise verarbeitet und verwendet.
      Ich werde hier bei Gelegenheit die beiden Kameras noch einmal detaillierter vorstellen.

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    2. P.S. "Putain ca caille!" heißt doch nur so viel wie: "Verdammt, es ist arschkalt!" Ich finde, manche Dinge hören sich in der Sprache der Liebe gleich viel lieblicher an :-D

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  3. Ich hab' einen Bell Helm mit verschiedenen Visieren, aber am liebsten fahre ich den mit Brille und ganz ohne Visier, weil es so klappert. Aber ich mag das Retro-Design, auch wenn es nicht der sicherste Helm ist, aber das sind Jet-Helme sowieso nicht.

    Wenigstens warst Du über die Feiertage an einem schönen Ort, das ist doch auch was wert. Bin mal gespannt, was aus Eurer Filmerei wird ;-)

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    1. Hehe!
      The movie will begin in five moments, the mindless voice announced. All those unseated will await the next show.....

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  4. Die Sache mit den gelben Gläsern ist schon lange bekannt. Sportschützen nutzen die schon ewig. Bei Zwielicht erscheinen die Konturen ausgeprägter und man kann besser sehen. Aber ein ganzes Visir in der Farbe wäre mir zuviel. Eine gelbe Brille beim biken tut´s auch.
    Schöne Bilder. Ich bin versucht meine Actioncam wieder ausm Keller zu holen, und mich nochmals richtig einzulesen für die neue Saison.

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