Sonntag, 13. Dezember 2015

Kilometer 7.083 - 7245 - Oh, Du Fröhliche

Ich werde häufig ironisch belächelt diese Tage. Immer dann, wenn ich fröhlich verkünde, dass ich schon richtig in Weihnachtsstimmung bin. Und tatsächlich erinnere ich mich auch an viele Jahre, in denen ich den ganzen Zirkus eher von außen betrachtet habe. Als ich gestern Abend im strömenden Regen auf der B234 gen Hamburg fuhr, überlegte ich sogar einige Minuten angestrengt, wie es vor einem Jahr für mich war und nur nach intensivem Nachdenken fiel mir ein, dass ich kurz vor den Feiertagen durch das völlig überfüllte Paris gehektelt war, weil ich dort gerade beruflich zu tun hatte.

In diesem Jahr genieße ich die Vorweihnachtszeit total. Und so breche ich am Samstag sehr vergnügt mit meiner Vulcan in Richtung Lübeck auf. Leute von der Cruiser Lounge treffen sich an diesem Wochenende zum Weihnachtsmarktbesuch. Am Vormittag überlege ich noch, ob ich aufgrund der Wettervorhersage das Motorrad ausführe oder lieber den Zug nehme. Doch als dann gegen Mittag die Sonne scheint, packe ich meine Klamotten zusammen und schwinge mich auf's Bike. Am Ende siegt immer der Spaß am Fahren und meine nordische Wetterfestigkeit. Mein ganzes Leben lang bin ich mit meinen Pferden bei Wind und Wetter unterwegs gewesen, irgendwie steckt das noch immer in mir.

Da ich aber auch gemütlich durch die Lübecker Altstadt bummeln möchte und nicht steif in meiner Protektorenjacke nebst dicken Stiefeln zwischen den Menschenmassen stecken bleiben mag, rüste ich mich ordentlich aus. Ich wähle ein warmes Wollkleid nebst dicker Strumpfhose und stecke meinen Wintermantel und lauffreudige Stiefelchen in die Packtaschen. Einen Windstopper-Pulli und meine Motorradklamotten ziehe ich über das Kleid und hebe das Röckchen hoch genug, dass es beim Fahren unter der Jacke trocken bleibt.

Und tatsächlich gerate ich auf der Landstraße immer wieder in kleinere und größere Regenschauer. Doch gut, wer sich Mitte Dezember auf unserem Breitengrad auf dem Zweirad bewegt, sollte mit allem rechnen. Es ist sogar recht viel Verkehr und immer wieder kommen mir Autos entgegen, auf deren Dächern kleinere bis sehr große Weihnachtsbäume festgebunden sind. Ich stelle mir die Geschichten dieser Familien vor. Sind es gestresste Ehemänner, die geschickt wurden, einen Baum zu besorgen und nun hoffen, dass sie die Dame des Hauses nicht enttäuschen? Oder sind es Paare, die zum ersten Mal gemeinsam Weihnachten feiern und den Baum der Liebe gewählt haben? Oder sind es alleinstehende Alte, die nach dem Tod ihres Partners die Rituale weiter führen und sich freuen, wenn die Kinder zu Besuch kommen und die Päckchen bestaunen? Ich denke, dass diese Rituale nach den schlechten Ereignisse der letzten Wochen und Monate besonders schön werden, wenn man in der Lage ist, ihren Wert zu erkennen und zu lieben. Manchmal habe ich den Eindruck, es gehöre zum guten Ton, Weihnachten stressig und nervig zu finden. Die Teilnahme an Weihnachtsfeiern wird vom Pflichtgefühl bestimmt und die Suche nach außergewöhnlichen Geschenken scheitert daran, dass man sich vielleicht zu wenig Zeit genommen hat, den zu Beschenkenden in den letzten Wochen zu sehen. Ich fühle mich zur Zeit regelrecht angezogen vom Weihnachtsgedanken.

In Lübeck angekommen, lasse ich Hose, Jacke und Pulli in den Packtaschen, wechsle noch die Schuhe und bin bereit für einen entspannten Spaziergang. Ich habe immer genügend Schlösser an Bord, die meine Taschen und meinen Helm vor Dieben schützen. Im Café trinke ich einen Tee und schlendere anschließend schon einmal allein durch die Altstadt. In den Einkaufsstraßen herrscht ein wildes Gewimmel. Hier ist tatsächlich eine wahnsinnige Hektik zu beobachten. Kinder und Männer werden eilig durch die Läden gezogen. Autos stehen vor den Parkhäusern Schlange und hupen nervös, wenn Fahrer mit auswärtigen Kennzeichen suchend die Fahrstreifen wechseln.

Auf den Weihnachtsmärkten ist sofort eine andere Energie spürbar. Es ist so unglaublich voll, dass ich mich wider meiner sonstigen Neigung einfach durch die Gassen schieben lasse. Ich tue so, als gehöre ich dazu und plötzlich fühlt es sich auch so an. Ich genieße den Duft nach Mutzen und Zimt, nach verdampfendem Rum und Bratwurst vom Grill. Touristen prosten sich mit Glühwein-Bechern zu und feiern ihr Beisammensein. Weihnachten feiern. Das Zwischenmenschliche feiern. Ich kenne einen Mann in Mali, der in Frankreich studiert hat. Natürlich ist er nach muslimischem Glauben erzogen und in seinem Hausbüro sah ich einen Gebetsteppich liegen, der nicht wirkte, als sei er eingestaubt. Letzten Winter berichtete er, dass auch er mit seinen Töchtern Weihnachten feiert, denn dieses Ritual sei auch Teil seines Lebens. Er möchte seine Kinder, die ebenso international aufwachsen, wie er selbst es tat, mit den Ritualen vertraut machen und diese Feste pflegen, da sie die Gemeinschaft stärken. Er sagt, dass wir ja alle an "irgendetwas" glauben, auch wenn wir es manchmal nicht definieren können. Es gibt Menschen, die mit der Kirche nichts am Hut haben, denen aber Weihnachten ein wichtiges Fest ist, da dann die Familie zusammen kommt. Warum sollte ihnen die Tradition verboten werden? Es gibt auch Gläubige, die Kinder vergewaltigen und Flüchtlingshäuser abbrennen. Warum haben die das Recht, die Nächstenliebe zu feiern? Und es gibt eben auch muslimische Westafrikaner, die für den Frieden kämpfen und deshalb Weihnachten feiern, weil Glaube, Liebe und Hoffnung genau die Werte sind, die sie leben und vermitteln wollen. Ich finde das so außergewöhnlich, dass ich immer wieder darüber nachdenke. Wie es wohl wäre, wenn jeder so denke. Ich ertappe mich dabei, die Nase zu rümpfen, wenn ich beim muslimischen Kurban Bayramı ein Opferschaf töten müsste. Aber das gehöre dann wohl auch dazu. Ich persönlich feiere die beiden keltischen Feste Samhain (31.10.) und Beltane (30.04.). Und Weihnachten.

Wie immer bin ich zu früh am vereinbarten Treffpunkt und warte 10 Minuten auf die Anderen. Mutti und seine Frau habe ich ja inzwischen mehrmals gesehen und wirklich gern. Den Piraten mag ich auch. In ihrem Schlepptau haben sie zahlreiche Menschen, die ich schon von Fotos kenne. Kennt ihr das angenehme Gefühl, wenn man inmitten Fremder ist, aber nicht reden muss, weil man über die Small-Talk-Phase längst hinaus ist, obwohl man noch nie ein Wort gewechselt hat? Ich mag das.

Wir bummeln herum und ich fühle mich in der sorglosen Stimmung geborgen. Auf dem Märchenwald Weihnachtsmarkt werden alle bekannten Märchen in keinen Schauwagen gezeigt. Die Puppen sind mindestens so alt wie die Märchen. Mein Lieblingsmärchen ist Der Fischer un sin Fru. Passt zu Weihnachten. Auch der Mittelaltermarkt ist schön gemacht. Es werden allerlei nützliche und nutzlose Dinge feilgeboten und es duftet nach Hefebrot und Ofenfeuer. Als wir alle Sehenswürdigkeiten genossen haben, fällt die Mehrheit auf den Vorschlag, bei Mutti den Abend ausklingen zu lassen. Ich weiß, dass ich dort nicht mehr wegkommen würde, wenn ich mich erst einmal mit einem Becher Tee niederließe. Dabei hatte ich mir für Sonntag Hausarrest erteilt, weil ich mich dringend um meinen Haushalt kümmern muss und auch noch zahlreiche Weihnachtsbasteleien erledigen möchte. Also winke ich dem Großraumtaxi hinterher, bummele alle Märkte noch einmal in umgekehrter Reihenfolge ab und entdecke begeistert, dass sowohl meine PJV, als auch meine ganzen Klamotten noch unangetastet an Ort und stelle sind. Ich plünne mich an, drehe eine Ehrenrunde in der Altstadt und weil um 21 Uhr alles so schön und friedlich erscheint, beschließe ich, die Landstraße nach Hause zu nehmen und nicht über die A1 zu fahren. Bestraft werden die, die sich von Lichterketten-Romantik blenden lassen. Kaum raus aus Lübeck regnet es junge Hunde und dieses Mal blenden mich die boshaften Scheinwerfer entgegenkommender Autos. Ich schleiche mit 80km/h durch die Provinz und hoffe, dass auch das Schwarzwild unter den schützenden Kiefern wartet anstatt sich auf der Piste blicken zu lassen. Eine Gefahrenbremsung möchte ich jetzt ungern üben. Zum Glück kenne ich die Strecke so gut, dass ich mich von Dorf zu Dorf hangele und bald in Norderstedt ankomme. Nun ist es nicht mehr weit.

Nach einer heißen Dusche öffne ich meinen Computer um meine Fotos zu überfliegen. Im Forum der Cruiser Lounge finde ich kleine Kommentare zum Weihnachtsmarktbesuch. Einer schreibt: @Polly...gute Heimfahrt. Schöne warme Badewanne ist dann wohl das Richtige!
Schön zu wissen, dass ich nicht allein im Unwetter war.



BuchWALDDruck
Die kleine Druckerei, die ich bei meinem letzten Besuch in Lübeck entdeckt hatte




































Ein Beweisfoto: Polly im Gedränge (das ist selten zu sehen)

Kommentare:

  1. Zu meiner endlosen Schande muss ich gestehen, dass ich noch nie in Lübeck gewesen bin! Immer wollte ich da schon mal hin, aber es ist immer wieder etwas dazwischen gekommen. Um so mehr freue ich mich über Deinen schönen Bericht und die warmen Bilder aus Lübeck.
    Mit der Weihnachtsstimmung ist das bei mir so eine Sache; das ist schwierig. Seit mein Vater nicht mehr lebt, ist das bei mir vollkommen verschwunden. Ich war noch nie die große Feierliesel, ich feiere ja nicht mal meinen Geburtstag, aber Weihnachten möchte ich früher immer sehr gerne. Vielleicht kommt es ja eines Tages wieder, wer weiß...
    Dir auf jeden Fall eine schöne Adventszeit!

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    1. Manchmal sind es tatsächlich einzelne Familienmitglieder, die die Traditionen (ganz unbewusst) erhalten und wenn sie nicht mehr da sind, bilden sich neue Strukturen. Aber auch das braucht seine Zeit.

      Bei uns war meine Oma der zentrale Punkt. Bei ihr sind ausgelassene Weihnachtsfeste gefeiert worden. Nach einem großen Essen wurden Gesellschaftsspiele gespielt und spät in der Nacht hat man sich noch einmal über die Reste im Kühlschrank hergemacht. Wir haben gar nur laut zu schiefen Blockflötentönen gesungen und das Holzlöffel-Schlagzeug gespielt. Einmal kam ein Freund auf Stippvisite, der seine Freundin am Hamburger Hauptbahnhof abholen wollte. Er war so von der Party mitgerissen, dass er seine Freundin kurzerhand vergaß und sie zu handylosen Zeiten 2 Stunden am Bahnhof warten lies. Das sind schöne Erinnerungen.

      Meine Oma lebt seit 23 Jahren nicht mehr und seit dem hat sich einiges verändert - aber sie ist immer unter uns.

      Ansonsten bin ich auch kein Party-Tier. Geburtstag und Silvester werden entspannt zu Hause verlebt und Karneval oder gar noch Schlimmeres - da stelle ich mich tot. :-)

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    2. Das stimmt allerdings, es braucht seine Zeit. Und man ist immer wieder erstaunt, wie präsent die Dinge doch wieder sind und lange es braucht, daß es nicht immer noch plötzlich im Alltag wieder hochploppt. An solchen besonderen Tagen, wie Weihnachten, ist es natürlich immer wieder sehr speziell. Da kommt man eigentlich nicht drumherum darüber nachzudenken.

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    3. Aber: kann es generell schlimmeres als Karneval geben? Da hast Du in Hamburg ja noch Glück...

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    4. Kchihihiiii! Allerdings. Ich meckere ja über nichts, was ich nicht kenne und spreche aus Erfahrung. Tatsächlich habe ich mir einmal (aus Solidarität) sowohl den 11.11. als auch EINE VOLLSTÄNDIGE KarnevalsWOCHE in Köln angetan. Das ist 10 Jahre her und ich bin noch immer völlig verstört wenn ich daran denke! ;-)

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