Sonntag, 15. November 2015

Kilometer 6.754 - 6.933 - Bonjour Tristesse

... Guten Tag Traurigkeit. Es wird ein schwarzweißer Tag. Ich werde keinen angemessenen Moment für mein übliches Augenzwinkern finden.

Am Samstag Morgen regnet es in Strömen. Ich blicke auf meine Wetter App und sehe, dass es in Hamburg ab 10 Uhr heiter bis wolkig sein soll. So bleibe ich zunächst im Bett und versuche noch eine Stunde zu schlafen. Ich liege rum und denke und denke und denke und denke. Schließlich schalte ich mein Hörbuch ein und hoffe, dass der leichte Stoff des Sylt-Krimis mich von den Ereignissen der letzten Nacht ablenken wird.

Es war gegen Mitternacht, als ich mit einer Freundin die Bar auf Sankt Pauli verließ. Wir waren im Theater gewesen und haben ein wundervoll inszeniertes französisches Stück gesehen. "Bonjour Tristesse". Zwei weitere Freunde waren mit uns dort. Beim anschließenden Gläschen Wein haben wir diesen beiden, welche Frankreich nicht kennen, vorgeschwärmt, wie gut es gelungen ist, dem Buch von Francoise Sagan auf einer Hamburger Bühne mit deutschen Schauspielern einen authentischem Mantel aus südfranzösischer Leichtigkeit umzuhängen.

Als ich auf dem Weg zur U-Bahn mein Handy einschaltete, hatte ich zahlreiche Nachrichten auf allen Kanälen. Die Erste, die ich las, war von meiner Pfefferminz-Freundin:"Meine Liebe, falls du es auch gerade mitbekommen hast: Ich bin sicher und warm in meiner AirBnB-Wohnung nachdem ich ganz k.o. vom sightseeing war. Gruselig! Ganz gruselig, was da gerade los ist :( "

Was ist denn los? Eine Demo? Vororte brennen? Weitere Nachrichten gaben mir Aufschluss. Mein Vater, ein Kollege, Freunde wandten sich an mich, weil sie wissen, dass ich mein zweites Leben in Frankreich führe. Mein zweites Leben ist angegriffen worden. Und zwar in einem Ausmaß, das ich am Freitag Abend noch nicht abzuschätzen wusste und das auch heute noch schwer erkennbar ist.

Der Regen lässt nach und ich ziehe mich an. Lange Unterhosen, Socken, Kniestrümpfe, gefütterte Motorradhose, Langarm-Shirt, Wollweste, Fleecejacke, Armstulpen, Motorradjacke. Langsam wird es ungemütlich. Die Kälte macht mir nicht viel aus, aber mich stört es, mit all der Kleidung immer weniger beweglich zu sein.

Um halb zwölf steige ich schließlich auf meine kleine Vulcan. Nach einem erneuten Platzregen kommen endlich ein paar Sonnenstrahlen raus. Eigentlich hatte ich für heute einen Besuch im Fledermauszentrum Bad Segeberg geplant. Doch nach der letzten Nacht ist mir nicht nach Menschen. Also fahre ich die Bundesstraße einfach weiter in Richtung Ostsee. Grömitz wäre doch schön, da dürfte jetzt im November nicht mehr allzu viel los sein. Nicht weit weg ist auch der Leuchtturm Dahme. Vielleicht kann ich dort am Strand spazieren gehen. 

Meine Gedanken kreisen um Paris. Ich bin unglaublich wütend und sehr traurig über die Anschläge, das Leben, den Missbrauch der Religionen und das was es mit den Menschen macht. Meine Vulcan führt mich. Bei starken Emotionen soll man nicht auf's Motorrad steigen. Das habe ich in der Fahrschule gelernt. Ich habe aber nun mal kein Pferd mehr, das mich in mein Gleichgewicht schaukelt. Mit Areté, so hieß mein hagerer Schimmel, bin ich bei Wind und Wetter durch den Wald getrabt. Egal ob Ehekrach oder Arbeitsstress, meine Stute hat mich immer angestrahlt. Die Magie zwischen uns war Heilung. Und selbst wenn sie ihren boshaften Schabernack getrieben hat und ich mich drüber ärgern musste, holte sie mich ganz zu sich, gab keine Chance, sich an den anderen Problemen festzuhalten. 

Meine Vulcan kann nicht selbst entscheiden, welche Art von Begleitung ich gerade brauche. Sie ist einfach da und unglaublich treu. Selbst heute, wo ich mich schwach, fast gelähmt fühle, rollt sie bodennah voran. In einem unachtsamen Moment fahre ich über eine herumliegende Plastik-Radkappe. Vorderrad klacklack, Hinterrad dadapp. Ich schaue in den  Rückspiegel, die graue Kappe liegt am selben Platz in der Mitte der Fahrbahn und das nachfolgende Auto fährt drüber hinweg. So was ist schon nicht witzig und ich mache mir Sorgen um meine Reifen, aber irgendwie war es auch so geräuschlos, dass ich mich gar nicht weiter erschrecke. Wie auf einer Schnur hat mein Bike dieses kleine Hindernis schweigend mitgenommen.

Nach meiner Rückkehr aus dem Theater habe ich stundenlang mit meinem französischen Frank geskyped, Trauer, Zorn, Verzweiflung. Der Normanne, der Wikinger zieht mit seinem großen Schwert los und köpft alles, was ihn in seinem Leben stört. 

Ich bin schlecht in solchen Gesprächen. Wenn er in seinen Gefühlen festhängt und den Blick für das Ganze gerade nicht haben will, dann werde ich viel zu sachlich, viel zu analytisch, viel zu weitsichtig. 

Muslime raus aus Europa. Frankreich den Franzosen. Ausländer bringen Terroristen mit. Frankreich ist ausgebucht. Alle Grenzen schließen. Es fällt mir schwer, diese Pauschalaussagen zu ertragen.

Ich bin Ausländerin. Ich bin Deutsche. Ich bin die Enkelin derer, die Frankreich besetzt hatten. Alle Grenzen schließen, alle Ausländer raus. So sei das ja nicht gemeint, sagte mein Wikinger. 

Der Wind des Nordens wird immer stärker. Ich mag es, wie er gegen meinen Helm rumst. Teilweise gebe ich dem Wind nach und lasse mich von ihm lenken. Die Straßen sind nicht sehr voll und ich vertraue meinem schweren Ross, dass es sich nicht davon tragen lässt.

Ich denke an meine Tätowiererin, die aus Syrien kommt. Schon lange war sie fortgegangen. Zum Studium nach Amerika und dann nach Hamburg. Dann gab es Krieg in Syrien und sie rief Aktionen in's Leben, um vor Ort zu helfen. Sie liebt ihre Wurzeln und liebt ihr heutiges Leben. Sie tätowiert Möwen und Hafenszenen und arabische Schriften.

Und ich denke an meinen Exmann. Er war 1988 als 30jähriger aus Polen geflohen. Hat Frau und Kinder zunächst zurück gelassen und ist über Norwegen nach Hamburg gekommen. Wollte eigentlich nach Amerika, doch als er seine Mutter erreichte, sagte die ihm erstmals, dass seine Familie aus Essen kam. Die Mutter Deutsche, der Vater Franzose. Im Krieg nach Sopot geraten, dann nach Danzig gezogen. Alle Papiere verbrannt, aus Angst vor den Kommunisten. In Polen eine neue Heimat gefunden, auch wenn es ein beschränktes Leben war, so war es doch ein Leben in Sicherheit. Das Familienbuch existierte noch und wurde von einem polnischen Marinesoldaten nach Hamburg gebracht. Als mein Exmann, nennen wir ihn Andrzej, schließlich zum Vertriebenenamt ging und seine Abstammung nachweisen konnte, erhielt er einen vorläufigen deutschen Personalausweis. Den endgültigen könne er in 3 Wochen abholen. Er erhielt auch 100 Deutsche Mark. Immer wieder erzählte er, dass das der peinlichste Moment in seinem Leben war. Er konnte die Sprache nicht, hat nichts für Deutschland getan, aber er erhielt einen Ausweis und 100 Mark. Er ging nachts Turnhallen putzen und tagsüber zu einer Schule in der er die Schlosserprüfung auf Deutsch ablegen konnte. Er ging seinem Sport als Bergsteiger und Kletterer nach. Er fand Arbeit bei Blohm + Voss und er holte seine Familie nach. Die Ehe hat diese Geschichte nicht überlebt. Andrzej hatte seine alte Identität verloren und es fiel ihm schwer, sie wiederzufinden. Auch unsere Ehe hielt nicht. Er wollte sich eine neue Identität kreieren, Deutscher Name, neuer Job als Abteilungsleiter in der Outdoorausrüstung. Der polnische Akzent blieb. Jahre nach unserer Scheidung hörte ich, er sei wieder mit seiner Frau und seinen Kindern zusammen. 20 Jahre hat es gedauert, sich zu finden. 

Integration ist nicht nur Anpassung in einem anderen Land. Integration bedeutet auch, in der Fremde zu leben und seinen Frieden zwischen den Wurzeln und dem neuen Dasein zu schließen. Ich selbst habe erfahren, dass selbst eine freiwillige Auswanderung sehr sehr schwierig ist. Ich war nach Frankreich gezogen. Die Normandie sieht aus wie Dänemark. Ich kann die Sprache ganz ordentlich und ich habe mir angewöhnt, den Aperitif um 19 Uhr zu nehmen, um 21 Uhr zu essen (in Wahrheit habe ich mir immer schon vor dem Losgehen eine Scheibe Brot in den Mund gesteckt), und meinen Petit Café ohne Milch zu trinken. Ich habe mich bemüht, meine nordisch raue Sprachmelodie dem französischen Singsang anzupassen und auch Bisous mit Leuten ausgetauscht, denen ich mich in Deutschland niemals mehr als eine Armlänge genähert hätte. Aber man ist und bleibt anders. In englisch strange. Strange bedeutet anders, seltsam, fremd, kurios, absonderlich. Ein Stranger ist ein Ausländer, ein Fremder, ein Unbekannter. Strange, dass all diese Eigenschaften und Zustände über einen Kamm geschert werden. 

Wer bin ich, was bin ich? Auf jeden Fall wir sind alle strange. Wir sind alle alles. Das haben wir alle gemeinsam. Manche Leute kokettieren damit, dass sie sich für anders halten. Aber anderen ihr Anderssein zuzugestehen scheint schwierig.

Je weiter ich zur Küste komme, desto heftiger wird der Sturm. An einer Kreuzung sehe ich, dass es geradeaus in Richtung Scharbeutz geht. Tiefschwarze Wolken hängen dort. Rechts geht es nach Lübeck. Hier sieht es deutlich freundlicher aus. Sogar etwas vom Himmel ist zu sehen. Ich ändere meinen Plan, biege nach Lübeck ab und fahre den ersten dicken Regentropfen davon. In Lübeck tauche in in das samstägliche Innenstadtleben ein. Ich trinke einen Spekulatius-Macchiato und esse einen Bratapfeldänen. Ich sitze allein an meinem Tisch und schaue mir im Handy die Neuigkeiten an. Die Facebookgemeinde solidarisiert sich mit Frankreich und färbt Profilbilder in bleu-blanc-rouge ein. Frau Merkel gibt ihre Anteilnahme bekannt und verspricht gemeinsam gegen den Terror zu kämpfen. Franzosen rufen zur Rebellion gegen die Regierung auf. Nicht das Weichei solle der Chef bleiben, sondern nun müsse das Volk eine neue Führung formen. 

Meine Pfefferminz-Freundin ist in Paris geblieben. Sie ist eine wahre Künstlerin, postet wortlos Fotografien von Soldaten am Sacre Coeur hoch über der Stadt und leeren Stühlen vor der Brasserie. Ich bin tief berührt von dieser stillen Trauer. Mir kommen die Tränen. 

Es tut mir plötzlich leid, dass ich gestern nicht einfühlsamer auf die Gefühle des Wikingers eingegangen bin und nicht in der Lage war, diese verzweifelten Ausrufe zunächst zu ignorieren. Ich war ein paar Stunden zu früh mit meinen Mahnungen, nicht den Kopf zu verlieren.

Unter den Blicken anderer Gäste plünne ich meine Montur wieder an und verlasse das Café. Ich finde die Hüxstraße. Kleine individuelle Geschäfte verstecken sich hier vor den großen Ketten, die auf der ganzen Welt die Innenstädte austauschbar machen. Das Schaufenster von "BUCHwald DRUCK" fasziniert mich. Ein Mann steht an einer altertümlichen Maschine und bedruckt Karten. Es liegen feinste Papiere im Fenster und auf einem Tischchen vor der Eingangstür liegen Briefumschläge und Karten mit wundervollen kleinen gedruckten oder geprägten Motiven. Eine Sommerblumenwiese für Liebhaber des geschriebenen Wortes und des gezeichneten Bildes. Wie gern würde ich all das fotografieren. Doch ich bin zu schwach, den Mann zu fragen, der mir freundlich durch das Fenster zulächelt. Ich gebe mir Mühe, sein Lächeln zu erwidern und gehe traurig weiter.

Er ist diffus dieser Krieg. Er betrifft uns unmittelbar.

Ich streife durch die Gassen und entschließe mich, meiner Einsamkeit ein Ende zu bereiten, indem ich mich zum Kaffee bei Biker-Freunden einfinde. Die nehmen keine Rücksicht auf meinen deprimierten Zustand und wir diskutieren außer über Frankreich auch über viele andere Dinge. Der Hund drängt sich auf und ich streichle ihn.

Kurz nach der Abfahrt kommt eine Katze von rechts. Ich sehe sie schon gegen mein Trittbrett knallen, da dreht sie um und bringt sich in Sicherheit. Ich schaue in den Rückspiegel, ob mein Hintermann sie getroffen hat, aber scheinbar hat sie es geschafft. Das hätte mir noch gefehlt heute!

Für den Rückweg nehme ich die Autobahn. Es ist dunkel geworden und regnet wie verrückt, da fühle ich mich wohler, wenn ich keinen Gegenverkehr habe und einem LKW folgen kann. Inzwischen muss ich laut lachen. Es ist Mitte November, 5 Grad Celsius, Sturm, Regen, Dunkelheit. Und sitze hier zwischen hunderten Fahrzeugen auf meiner tapferen Vulcan und zerstreue meinen Kummer im Wind.

Ankunft in Lübeck bei Regen
Das Holstentor empfängt mich.
Es ist ein Überrest der alten Lübecker Stadtbefestigung und begrenzt die Altstadt nach Westen.
Eintracht innen, draußen Friede
Dies ist die verkürzte Form der Inschrift, die auf dem nicht erhaltenen Vortor gestanden hatte:
Concordia domi et foris pax sane est omnium pulcherrima
(Eintracht innen und Friede draußen sind in der Tat für alle am besten.)
Kaffee und Kuchen sind ein Muss auf jeder Tour
und trösten das Gemüt
In der Hüxstraße


Peace for Paris

:-)


Love

Ich hatte meine Vulcan neben einem Kollegen geparkt, damit sie was zum Plaudern hat.
Aber sie schaut weg...
... der hat wohl auch länger nichts erlebt. :-)
Quelle: Google Maps

Kommentare:

  1. Schöne Bilder Polly ,Danke für den Besuch.

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  2. Danke für deinen Beitrag Polly, ach ja, merci pour tes photos !!!

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  3. Ich konnte meine Trauer, Wut, Sorge und Verwirrung nicht in Worte fassen, aber Du hast es für mich getan, Polly. Dafür ein großes Dankeschön. Dazu die schwarzweißen Bilder passend zur Stimmung. Ja, Tristesse, aber auf eine schöne Art dargestellt.

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    1. Ich fand mich recht ungeordnet in diesem Artikel... Aber genau das ist es wohl, was es mit uns macht. Liebe Grüße !!

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  4. Danke, dass du uns mitnimmst, ein Stück auf deiner Reise. Deine Worte und Bilder haben mich (wieder einmal) sehr berührt. Ich würde gerne an einem fröhlicheren, friedlicheren Tag in der Zukunft den Kartenladen mit dir zusammen anschauen. Beim Lesen deiner Beiträge kann ich jedenfalls absolut mit offenen Augen träumen!

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  5. Ich bin mir sicher, meine Liebe, dass wir beide uns in der Hüxstraße verlieren würden, wie Harry Potter in der Winkelgasse. Lübeck ist eine wirklich reizende kleine Stadt und hat einen berühmten Weihnachtsmarkt. Von Hamburg aus ist es nur ein Katzensprung und von Berlin nach Hamburg nur eine kurze Zugfahrt. Wer weiß.... ;-)

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