Montag, 30. November 2015

Pollys Adventskalender




Wie aufregend war die Adventszeit früher, wenn meine Mutter für uns Adventskalender gebastelt hat! Jeden Tag konnte ein Schätzchen enthüllt werden. Süßigkeiten verschwanden immer recht schnell in meinem hungrigen Mäulchen und kleine Geschenke wie ein Bleistift oder ein kleiner Notizblock entzückten mich auf's Äußerste.

Nun dürft Ihr jeden Tag ein Türchen öffnen und Pollys persönliche Reise-Highlights des Jahres entdecken. Manches wird Euch bekannt vorkommen, doch es sind auch viele Überraschungen dabei. Vielleicht kennt Ihr den einen oder anderen Ort und möchtet Eure Geschichte dazu teilen?

Seid gespannt - morgen geht es los!!


Donnerstag, 26. November 2015

Blogparade Nr. 1 - Warum blogge ich?


Ich habe mich einer Blogparade angeschlossen. Ich dachte, das würde ich niemals tun. Weil ich mit den stylischen, strahlendweißen Mode- und Beautyblogs bislang nicht viel anfangen konnte, habe ich mich in der Vergangenheit nicht so sehr für diese Szene interessiert.  Jetzt wo ich seit kurzem selbst meine kleine Internetseite pflege, erfahre ich nach und nach, dass die Bloggerwelt so vielseitig ist, wie die Menschheit selbst. Wir posten Sachliteratur, Psychologie, Abenteuer, Fantasy, Bildbände und vieles mehr und wir bekommen - anders als ein Buchautor, der monatelang über einem Werk brütet, es vermarktet und dann hoffentlich seinen Platz in den Bestsellerlisten einnimmt - ein unmittelbares Feedback. Es sind lebende Bücher im Hier und Jetzt. Und das ist der Moment, an dem ich auf den Zug aufspringe.

In der Blogparade schreiben die Teilnehmer jeden Monat über ein gemeinsames Thema und veröffentlichen ihre Beiträge zu festgelegten Terminen. Zunächst dachte ich, so etwas würde nicht zu meinem Blog passen, der ja seit dem ersten Tag kilometergenau meine Asphaltabenteuer beschreibt. Um ehrlich zu sein, war ich schon beim Titel dieses Beitrags überfordert, weil auch dieser nun nicht in meine Struktur passt. Aber dann mache ich eben ein neues Kapitel daraus. Warum nicht abseits der gewohnten Route einmal neues Land erkunden? Also los:

Blogparade Nr. 1 - Warum blogge ich?

Die Antwort lautet schlicht: Ich blogge, um Euch zu unterhalten.

Meine Stärke liegt nicht in der Weitergabe professioneller Schrauberkompetenz. Auch nicht in der Präsentation spektakulärer Reiseziele. Aber meine Stärke liegt bestimmt ein bisschen in meiner Entertainernatur. Darin, von meinem ganz normalen Alltag und meinen kleinen Erlebnissen so zu berichten, dass Leute Lust bekommen, mich noch ein Stück weiter des Weges zu begleiten. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Mutter in dem sie einmal sagte:"Mensch Kind, was Du immer so alles erlebst an einem Tag." Und ich, damals noch Klein-Polly, antwortete:"Nein Mama, ich glaube, ich erlebe gar nicht mehr als andere Menschen. Aber ich sehe die Kleinigkeiten und erzähle einfach von ihnen und so kommt irgendwie mehr zusammen."

Als ich mir in diesem Sommer 2015 meinen 2. Lebenstraum erfüllte und endlich meinen Motorradführerschein machte, wusste ich, es ist Zeit, dieses Abenteuer zu verewigen. Zunächst wollte ich nur über meinen ersten Frankreich-Trip berichten und meine besorgten Lieben daran teilhaben lassen. Doch nach der Rückkehr erlebte ich weitere schöne Momente und auch die habe ich zur Freude eines wachsenden Publikums geteilt. 

Ich selbst konsumiere Bücher und Hörbücher en masse. Mit Leidenschaft lese ich Biografien und Reiseberichte, möchte den Menschen nahe sein, sie erforschen und begreifen. Ich möchte  mit ihnen leben, von ihnen lernen, profitieren. Mich interessiert alles. Mali, Indonesien, Hamburg und Alaska, Bednarz, Bohlen, Morrison und Einstein. Ich träume mit den Aborigines in Australien und schwitze mit Gertrude Bell in der arabischen Wüste. Und so tun es auch inzwischen meine Leser. Sie genießen, lachen (mit mir und über mich), leiden und wundern sich. Im Bus, beim Zahnarzt, im Büro und auf dem Sofa. Und ganz im Sinne der Blogkultur kommentieren sie motivierend, kritisierend und hilfreich. Und oft auch einfach lustig und dann fühle ich mich gut unterhalten.

Und wenn sie es irgendwann einmal sein lassen, dann werde ich trotzdem nicht anhalten. So wie ich Motorrad fahre - einfach immer weiter -, so schreibe ich auch - einfach immer weiter.

Vielleicht ja auch irgendwann einmal mein Buch.

***

Lest auch von den anderen Teilnehmerinnen der November Blogparade:

Bereits präsentiert:

In den nächsten Tagen:

Sonntag, 22. November 2015

Kilometer 6.933 - Schneeflöckchen Weißröckchen



Der Winter ist da.

Am frühen Morgen herrscht strahlender Sonnenschein, doch mich erreichen bereits die ersten Schneebilder aus Lübeck. Ein verschlafener Blick auf die Wetter-App bestätigt es: Auch Hamburg soll heute noch in den weißen Mantel gehüllt werden. Die Romantikerin in mir findet es gemütlich, bei Kerzenschein auf dem Sofa zu sitzen und sich mit Bergen von Meersalz-Chips den Bauch voll zu schlagen. Die Bikerin in mir sieht nur Streusalzberge auf den Straßen liegen und weiß, dass nun wohl Schluss ist, mit dem fröhlichen Gecruise. Selbst ohne Schnee ist bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt Obacht geboten, denn Winterreifen habe ich nicht und die sind bekanntlich nicht nur für Schnee und Glätte erfunden worden, sondern behalten auch durch ihre Gummi-Qualität die notwendige Elastizität zur optimalen Verbindung mit dem Asphalt.

Lange Rede, kurzer Sinn, das Motorrad bleibt im Stall und nur wenn der Fön durch Norddeutschland kommen sollte, habe ich noch Hoffnung auf einen kurzen Trip. Ich kann es mir gar nicht mehr vorstellen, mein Schätzchen nicht zu bewegen. Sie ist mir an's Herz gewachsen meine kleine PJV (Petite Jolie Vulcan) und ich bereue keinen Moment, mich für dieses Motorrad entschieden zu haben.

Die kurze Saison von nur zweieinhalb Monaten, die wir zusammen genießen konnten, hat mein Leben enorm bereichert. Ich kann kaum glauben, dass nun auch der 2. Lebenstraum sich als genau richtig erwiesen hat. Es kann ja durchaus vorkommen, dass man sich lange lange etwas wünscht und dann, wenn es da ist, findet man es gar nicht so toll, wie man es sich all die Jahre ausgemalt hatte. Mir ging es beispielsweise mit dem Fallschirmspringen so. Das wollte ich "immer mal machen" und als es endlich zu dem langersehnten Tandemsprung kam, fand ich ihn am Ende so unspektakulär, dass ich mich frug, warum ich nun so viel Geld dafür bezahlen musste. Tja, so kann's gehen.

Heute kann ich sagen, dass ich wunschlos glücklich bin. Also bis darauf, dass ich mir wünsche, dass bald wieder Frühling ist. Aber selbst das ist eher nebensächlich, weil ich denke, dass ich auch den Winter genießen kann. Vor einer Weile sprach ich mit jemandem über unsere Träume. "Was würde man denn ohne Träume tun? Eingehen?" fragte er und als ich erwähnte, dass ich keine Träume mehr hätte, war er erstaunt und meinte:"Keine Träume mehr? Schade! Bist Du Dir da so sicher?". Ja bin ich. Momentan jedenfalls. Ist es nicht ein tolles, erleichterndes Gefühl, wenn man alles hat, was man braucht und eben nicht mehr - wie sonst häufig - nach Höherem strebt? Natürlich bin ich neugierig auf die Welt. Ich möchte reisen und Menschen treffen und Kulturen kennenlernen und noch viel mehr wissen. Aber wenn das nicht, nicht sofort oder nur in Teilen kommt, dann hänge ich dem nicht mehr nach. Ich vertraue darauf, das zu erhalten, was ich verdiene. Ich habe schon sehr viel bekommen, und alles was sich noch ergibt, ist en plus.

Wie werde ich also den Winter verbringen, so ganz ohne Träume? Ich werde noch eine Reise unternehmen, Bücher von Motorradreisenden und anderen Menschen lesen, die Blogs meiner Zweirad-Kollegen studieren, Landkarten betrachten und an meiner Ausrüstung feilen. Ich werde Biker-Freunde auf dem Weihnachtsmarkt treffen und im Februar wird die Motorradmesse in Hamburg stattfinden. Natürlich werde ich Euch von diesen kleinen Abenteuern berichten, denn wie Ihr inzwischen wisst, sind auch kleine Alltagsmomente ganz große Geschichten in Pollys Welt. Es gibt also viel zu tun. Der Winter wird nicht lang genug sein...




Freitag, 20. November 2015

Kilometer 6.933 - Sometimes I go out at night


"Sometimes I go out at night
Take a little ride in the city light
Anger, sadness, desperation
Darkness, blindness, obfuscation
Vanish into the harbour’s sight."
                                        11/2015PV


Mittwoch, 18. November 2015

Kilometer 6.933 - Frauen und Technik - Teil 2

Ha! Manchmal macht es schon Sinn, sich mitzuteilen. Nach meinem letzten Versuch, meine Packtaschen abzubauen, erhielt ich einen einfachen Tipp und schon geht es dieses Mal viel besser.

Es regnet und die Aussichten für diese Woche machen keine Hoffnung auf eine baldige Wetteränderung. Nach den traurigen letzten Tagen soll ein wenig Dynamik in mein Vulcan-Leben kommen. Also beschließe ich, nun endlich einmal wieder mein Bike zu putzen. Ich hatte mich schon ein bisschen darum gedrückt, es ordentlich zu machen, weil ich ja beim letzen Mal das kleine Unglück mit der Sissybar hatte. Aber es muss es doch irgendwie zu schaffen sein.

So greife ich motiviert zum Imbus und gehe an die Arbeit. Erste Schraube raus, zweite Schraube lösen, Tasche drehen, erste Schraube wieder rein, zweite Schraube raus, Tasche ab, zweite Schraube wieder rein. Top, das hat geklappt! 

Dann spüle ich den ganzen Erntedreck von meinen Landpartien hervor und putze fein mein Bike. Tatsächlich hat es etwas Meditatives. In der Ruhe dieser Tätigkeit kommt die Kraft zurück. Ich denke an Karate Kid. Musste der Junge hier nicht das Auto polieren um die richtige Schlagtechnik zu erlernen? Ich selbst habe den Eindruck, dass ich mit meinen kreisenden Händen die festsitzenden Gedanken in Bewegung bringe, sie freisetzte und gehen lasse. Zum Abschluss sprühe ich meine kleine Vulcan mit Kriechöl ein. Das Leder wird gesäubert und gefettet.

Ein mir bislang unbekannter Tiefgaragenmitbenutzer leistet mir für eine Weile Gesellschaft, hängt bei mir rum und stellt Fragen zu mir und meinem Bike. Wie schwer es ist (das wollen die meisten Männer wissen) und ob ich es leicht händeln kann. Warum ich mich für Kawasaki entschieden habe und vieles mehr.

Nach wie vor ist es etwas fummelig, die Taschen wieder zu befestigen und es bleibt mühsam, die Schrauben durch alle Teile in den Rahmen zu zirkeln, ohne dass Distanzstücke durch die Garage kullern. Der TGM fragt, ob ich jedes Mal so lange bräuchte, wenn ich mit meiner Clique vor der Kneipe parke und meine Taschen mit hinein nehmen möchte. Ich kläre ihn dahingehend auf, dass ich die Taschen natürlich niemals spontan abnehmen möchte, sondern für den Restaurantbesuch - und auch sonst immer - mein Handtäschchen dabei habe, welches alles beinhaltet, was Frau so braucht! Zudem lasse ich mein Biker-Equipment, welches ich zusätzlich stets an Bord habe, einfach in der Packtasche und bin mir absolut sicher, dass niemand meinen Zorn erleben möchte, wenn er sich daran vergeht.

Der TGM verabschiedet sich. Er ist begeistert von der Schönheit meiner kleinen Vulcan und ich strahle mit meinen Chromeaccessoires um die Wette. Dafür lohnt sich doch die Mühe und ich muss sagen, dass mir diese Arbeit an meinem Bike auch wirklich Spaß macht. Manchmal sind es so unaufregende Momente, die uns wieder in das hier und jetzt zurück holen. Die uns in ihrer Einfachheit zeigen, dass es nicht viel braucht, um Glück zu empfinden. 

Für die Kawasaki Vulcan S gibt es ein Schnellmontageset für Packtaschen. Ich werde mich einmal erkundigen, ob ich für meine Vulcan 900 Classic auch so etwas finde und ob sich der finanzielle Aufwand lohnt. Weiß jemand etwas dazu?


Taschen ab, Sissybar noch dran.
Ich freue mich ja auch über solche Kleinigkeiten.
Ich putze. 
Ich poliere.
Und ein bisschen Lederpflege ist auch nötig.
Die Vulcan strahlt, die Polly ist zerzaust, alles super!

Sonntag, 15. November 2015

Kilometer 6.754 - 6.933 - Bonjour Tristesse

... Guten Tag Traurigkeit. Es wird ein schwarzweißer Tag. Ich werde keinen angemessenen Moment für mein übliches Augenzwinkern finden.

Am Samstag Morgen regnet es in Strömen. Ich blicke auf meine Wetter App und sehe, dass es in Hamburg ab 10 Uhr heiter bis wolkig sein soll. So bleibe ich zunächst im Bett und versuche noch eine Stunde zu schlafen. Ich liege rum und denke und denke und denke und denke. Schließlich schalte ich mein Hörbuch ein und hoffe, dass der leichte Stoff des Sylt-Krimis mich von den Ereignissen der letzten Nacht ablenken wird.

Es war gegen Mitternacht, als ich mit einer Freundin die Bar auf Sankt Pauli verließ. Wir waren im Theater gewesen und haben ein wundervoll inszeniertes französisches Stück gesehen. "Bonjour Tristesse". Zwei weitere Freunde waren mit uns dort. Beim anschließenden Gläschen Wein haben wir diesen beiden, welche Frankreich nicht kennen, vorgeschwärmt, wie gut es gelungen ist, dem Buch von Francoise Sagan auf einer Hamburger Bühne mit deutschen Schauspielern einen authentischem Mantel aus südfranzösischer Leichtigkeit umzuhängen.

Als ich auf dem Weg zur U-Bahn mein Handy einschaltete, hatte ich zahlreiche Nachrichten auf allen Kanälen. Die Erste, die ich las, war von meiner Pfefferminz-Freundin:"Meine Liebe, falls du es auch gerade mitbekommen hast: Ich bin sicher und warm in meiner AirBnB-Wohnung nachdem ich ganz k.o. vom sightseeing war. Gruselig! Ganz gruselig, was da gerade los ist :( "

Was ist denn los? Eine Demo? Vororte brennen? Weitere Nachrichten gaben mir Aufschluss. Mein Vater, ein Kollege, Freunde wandten sich an mich, weil sie wissen, dass ich mein zweites Leben in Frankreich führe. Mein zweites Leben ist angegriffen worden. Und zwar in einem Ausmaß, das ich am Freitag Abend noch nicht abzuschätzen wusste und das auch heute noch schwer erkennbar ist.

Der Regen lässt nach und ich ziehe mich an. Lange Unterhosen, Socken, Kniestrümpfe, gefütterte Motorradhose, Langarm-Shirt, Wollweste, Fleecejacke, Armstulpen, Motorradjacke. Langsam wird es ungemütlich. Die Kälte macht mir nicht viel aus, aber mich stört es, mit all der Kleidung immer weniger beweglich zu sein.

Um halb zwölf steige ich schließlich auf meine kleine Vulcan. Nach einem erneuten Platzregen kommen endlich ein paar Sonnenstrahlen raus. Eigentlich hatte ich für heute einen Besuch im Fledermauszentrum Bad Segeberg geplant. Doch nach der letzten Nacht ist mir nicht nach Menschen. Also fahre ich die Bundesstraße einfach weiter in Richtung Ostsee. Grömitz wäre doch schön, da dürfte jetzt im November nicht mehr allzu viel los sein. Nicht weit weg ist auch der Leuchtturm Dahme. Vielleicht kann ich dort am Strand spazieren gehen. 

Meine Gedanken kreisen um Paris. Ich bin unglaublich wütend und sehr traurig über die Anschläge, das Leben, den Missbrauch der Religionen und das was es mit den Menschen macht. Meine Vulcan führt mich. Bei starken Emotionen soll man nicht auf's Motorrad steigen. Das habe ich in der Fahrschule gelernt. Ich habe aber nun mal kein Pferd mehr, das mich in mein Gleichgewicht schaukelt. Mit Areté, so hieß mein hagerer Schimmel, bin ich bei Wind und Wetter durch den Wald getrabt. Egal ob Ehekrach oder Arbeitsstress, meine Stute hat mich immer angestrahlt. Die Magie zwischen uns war Heilung. Und selbst wenn sie ihren boshaften Schabernack getrieben hat und ich mich drüber ärgern musste, holte sie mich ganz zu sich, gab keine Chance, sich an den anderen Problemen festzuhalten. 

Meine Vulcan kann nicht selbst entscheiden, welche Art von Begleitung ich gerade brauche. Sie ist einfach da und unglaublich treu. Selbst heute, wo ich mich schwach, fast gelähmt fühle, rollt sie bodennah voran. In einem unachtsamen Moment fahre ich über eine herumliegende Plastik-Radkappe. Vorderrad klacklack, Hinterrad dadapp. Ich schaue in den  Rückspiegel, die graue Kappe liegt am selben Platz in der Mitte der Fahrbahn und das nachfolgende Auto fährt drüber hinweg. So was ist schon nicht witzig und ich mache mir Sorgen um meine Reifen, aber irgendwie war es auch so geräuschlos, dass ich mich gar nicht weiter erschrecke. Wie auf einer Schnur hat mein Bike dieses kleine Hindernis schweigend mitgenommen.

Nach meiner Rückkehr aus dem Theater habe ich stundenlang mit meinem französischen Frank geskyped, Trauer, Zorn, Verzweiflung. Der Normanne, der Wikinger zieht mit seinem großen Schwert los und köpft alles, was ihn in seinem Leben stört. 

Ich bin schlecht in solchen Gesprächen. Wenn er in seinen Gefühlen festhängt und den Blick für das Ganze gerade nicht haben will, dann werde ich viel zu sachlich, viel zu analytisch, viel zu weitsichtig. 

Muslime raus aus Europa. Frankreich den Franzosen. Ausländer bringen Terroristen mit. Frankreich ist ausgebucht. Alle Grenzen schließen. Es fällt mir schwer, diese Pauschalaussagen zu ertragen.

Ich bin Ausländerin. Ich bin Deutsche. Ich bin die Enkelin derer, die Frankreich besetzt hatten. Alle Grenzen schließen, alle Ausländer raus. So sei das ja nicht gemeint, sagte mein Wikinger. 

Der Wind des Nordens wird immer stärker. Ich mag es, wie er gegen meinen Helm rumst. Teilweise gebe ich dem Wind nach und lasse mich von ihm lenken. Die Straßen sind nicht sehr voll und ich vertraue meinem schweren Ross, dass es sich nicht davon tragen lässt.

Ich denke an meine Tätowiererin, die aus Syrien kommt. Schon lange war sie fortgegangen. Zum Studium nach Amerika und dann nach Hamburg. Dann gab es Krieg in Syrien und sie rief Aktionen in's Leben, um vor Ort zu helfen. Sie liebt ihre Wurzeln und liebt ihr heutiges Leben. Sie tätowiert Möwen und Hafenszenen und arabische Schriften.

Und ich denke an meinen Exmann. Er war 1988 als 30jähriger aus Polen geflohen. Hat Frau und Kinder zunächst zurück gelassen und ist über Norwegen nach Hamburg gekommen. Wollte eigentlich nach Amerika, doch als er seine Mutter erreichte, sagte die ihm erstmals, dass seine Familie aus Essen kam. Die Mutter Deutsche, der Vater Franzose. Im Krieg nach Sopot geraten, dann nach Danzig gezogen. Alle Papiere verbrannt, aus Angst vor den Kommunisten. In Polen eine neue Heimat gefunden, auch wenn es ein beschränktes Leben war, so war es doch ein Leben in Sicherheit. Das Familienbuch existierte noch und wurde von einem polnischen Marinesoldaten nach Hamburg gebracht. Als mein Exmann, nennen wir ihn Andrzej, schließlich zum Vertriebenenamt ging und seine Abstammung nachweisen konnte, erhielt er einen vorläufigen deutschen Personalausweis. Den endgültigen könne er in 3 Wochen abholen. Er erhielt auch 100 Deutsche Mark. Immer wieder erzählte er, dass das der peinlichste Moment in seinem Leben war. Er konnte die Sprache nicht, hat nichts für Deutschland getan, aber er erhielt einen Ausweis und 100 Mark. Er ging nachts Turnhallen putzen und tagsüber zu einer Schule in der er die Schlosserprüfung auf Deutsch ablegen konnte. Er ging seinem Sport als Bergsteiger und Kletterer nach. Er fand Arbeit bei Blohm + Voss und er holte seine Familie nach. Die Ehe hat diese Geschichte nicht überlebt. Andrzej hatte seine alte Identität verloren und es fiel ihm schwer, sie wiederzufinden. Auch unsere Ehe hielt nicht. Er wollte sich eine neue Identität kreieren, Deutscher Name, neuer Job als Abteilungsleiter in der Outdoorausrüstung. Der polnische Akzent blieb. Jahre nach unserer Scheidung hörte ich, er sei wieder mit seiner Frau und seinen Kindern zusammen. 20 Jahre hat es gedauert, sich zu finden. 

Integration ist nicht nur Anpassung in einem anderen Land. Integration bedeutet auch, in der Fremde zu leben und seinen Frieden zwischen den Wurzeln und dem neuen Dasein zu schließen. Ich selbst habe erfahren, dass selbst eine freiwillige Auswanderung sehr sehr schwierig ist. Ich war nach Frankreich gezogen. Die Normandie sieht aus wie Dänemark. Ich kann die Sprache ganz ordentlich und ich habe mir angewöhnt, den Aperitif um 19 Uhr zu nehmen, um 21 Uhr zu essen (in Wahrheit habe ich mir immer schon vor dem Losgehen eine Scheibe Brot in den Mund gesteckt), und meinen Petit Café ohne Milch zu trinken. Ich habe mich bemüht, meine nordisch raue Sprachmelodie dem französischen Singsang anzupassen und auch Bisous mit Leuten ausgetauscht, denen ich mich in Deutschland niemals mehr als eine Armlänge genähert hätte. Aber man ist und bleibt anders. In englisch strange. Strange bedeutet anders, seltsam, fremd, kurios, absonderlich. Ein Stranger ist ein Ausländer, ein Fremder, ein Unbekannter. Strange, dass all diese Eigenschaften und Zustände über einen Kamm geschert werden. 

Wer bin ich, was bin ich? Auf jeden Fall wir sind alle strange. Wir sind alle alles. Das haben wir alle gemeinsam. Manche Leute kokettieren damit, dass sie sich für anders halten. Aber anderen ihr Anderssein zuzugestehen scheint schwierig.

Je weiter ich zur Küste komme, desto heftiger wird der Sturm. An einer Kreuzung sehe ich, dass es geradeaus in Richtung Scharbeutz geht. Tiefschwarze Wolken hängen dort. Rechts geht es nach Lübeck. Hier sieht es deutlich freundlicher aus. Sogar etwas vom Himmel ist zu sehen. Ich ändere meinen Plan, biege nach Lübeck ab und fahre den ersten dicken Regentropfen davon. In Lübeck tauche in in das samstägliche Innenstadtleben ein. Ich trinke einen Spekulatius-Macchiato und esse einen Bratapfeldänen. Ich sitze allein an meinem Tisch und schaue mir im Handy die Neuigkeiten an. Die Facebookgemeinde solidarisiert sich mit Frankreich und färbt Profilbilder in bleu-blanc-rouge ein. Frau Merkel gibt ihre Anteilnahme bekannt und verspricht gemeinsam gegen den Terror zu kämpfen. Franzosen rufen zur Rebellion gegen die Regierung auf. Nicht das Weichei solle der Chef bleiben, sondern nun müsse das Volk eine neue Führung formen. 

Meine Pfefferminz-Freundin ist in Paris geblieben. Sie ist eine wahre Künstlerin, postet wortlos Fotografien von Soldaten am Sacre Coeur hoch über der Stadt und leeren Stühlen vor der Brasserie. Ich bin tief berührt von dieser stillen Trauer. Mir kommen die Tränen. 

Es tut mir plötzlich leid, dass ich gestern nicht einfühlsamer auf die Gefühle des Wikingers eingegangen bin und nicht in der Lage war, diese verzweifelten Ausrufe zunächst zu ignorieren. Ich war ein paar Stunden zu früh mit meinen Mahnungen, nicht den Kopf zu verlieren.

Unter den Blicken anderer Gäste plünne ich meine Montur wieder an und verlasse das Café. Ich finde die Hüxstraße. Kleine individuelle Geschäfte verstecken sich hier vor den großen Ketten, die auf der ganzen Welt die Innenstädte austauschbar machen. Das Schaufenster von "BUCHwald DRUCK" fasziniert mich. Ein Mann steht an einer altertümlichen Maschine und bedruckt Karten. Es liegen feinste Papiere im Fenster und auf einem Tischchen vor der Eingangstür liegen Briefumschläge und Karten mit wundervollen kleinen gedruckten oder geprägten Motiven. Eine Sommerblumenwiese für Liebhaber des geschriebenen Wortes und des gezeichneten Bildes. Wie gern würde ich all das fotografieren. Doch ich bin zu schwach, den Mann zu fragen, der mir freundlich durch das Fenster zulächelt. Ich gebe mir Mühe, sein Lächeln zu erwidern und gehe traurig weiter.

Er ist diffus dieser Krieg. Er betrifft uns unmittelbar.

Ich streife durch die Gassen und entschließe mich, meiner Einsamkeit ein Ende zu bereiten, indem ich mich zum Kaffee bei Biker-Freunden einfinde. Die nehmen keine Rücksicht auf meinen deprimierten Zustand und wir diskutieren außer über Frankreich auch über viele andere Dinge. Der Hund drängt sich auf und ich streichle ihn.

Kurz nach der Abfahrt kommt eine Katze von rechts. Ich sehe sie schon gegen mein Trittbrett knallen, da dreht sie um und bringt sich in Sicherheit. Ich schaue in den Rückspiegel, ob mein Hintermann sie getroffen hat, aber scheinbar hat sie es geschafft. Das hätte mir noch gefehlt heute!

Für den Rückweg nehme ich die Autobahn. Es ist dunkel geworden und regnet wie verrückt, da fühle ich mich wohler, wenn ich keinen Gegenverkehr habe und einem LKW folgen kann. Inzwischen muss ich laut lachen. Es ist Mitte November, 5 Grad Celsius, Sturm, Regen, Dunkelheit. Und sitze hier zwischen hunderten Fahrzeugen auf meiner tapferen Vulcan und zerstreue meinen Kummer im Wind.

Ankunft in Lübeck bei Regen
Das Holstentor empfängt mich.
Es ist ein Überrest der alten Lübecker Stadtbefestigung und begrenzt die Altstadt nach Westen.
Eintracht innen, draußen Friede
Dies ist die verkürzte Form der Inschrift, die auf dem nicht erhaltenen Vortor gestanden hatte:
Concordia domi et foris pax sane est omnium pulcherrima
(Eintracht innen und Friede draußen sind in der Tat für alle am besten.)
Kaffee und Kuchen sind ein Muss auf jeder Tour
und trösten das Gemüt
In der Hüxstraße


Peace for Paris

:-)


Love

Ich hatte meine Vulcan neben einem Kollegen geparkt, damit sie was zum Plaudern hat.
Aber sie schaut weg...
... der hat wohl auch länger nichts erlebt. :-)
Quelle: Google Maps

Freitag, 13. November 2015

13 novembre 2015

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Mes pensées sont avec mes amis et mon amour en France.
Je suis avec vous dans ce temps pleine de tristesse, colère, haine et perplexité.
Ma vie francaise me compte beaucoup.
Vous êtes dans mon coeur.
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Kilometer 6.754 - Schutzengel und Aberglaube

Es ist Freitag der 13.

Gebt Acht vor schwarzen Katzen, geht nicht unter einer Leiter hindurch.

Ich glaube, ich bin schon recht abergläubisch. Meine Oma hat uns mit Sprüchen großgezogen, die sowohl mein Vater, als auch wir Kinder bei entsprechenden Gelegenheiten noch immer laut ausrufen:

"Händebegucken gibt Streit!"
"Einen Regenschirm im Haus aufspannen gibt Unglück!"
"Wer immer einen Pfennig im Portemonnaie lässt, wird nie arm sein!"
"Wer Scheren verschenkt, zerschneidet die Freundschaft!"
Und so weiter, und so weiter.

Außerdem ist meine Heimat der Hafen und die See. Auch hier ist der Aberglaube ständig präsent. Wer an Bord pfeift, ruft den Sturm herbei. Und ein Weib an Bord bringt ebenfalls nur Unglück.

Meine Oma hat auch Lotto gespielt. Nachdem mein Opa starb, hat sie noch 19 Jahre lang immer die gleichen Zahlen angekreuzt, die ihr geliebter Gatte schon gespielt hatte. Sie glaubte, wenn sie es einmal ändern würde, dann kämen "seine" Zahlen. 

Ich bin solchen Dingen ähnlich treu. Ich habe das Gefühl, dass ich nichts loslassen sollte, was sich einmal als "Glücksbringer" aufgedrängt hat. Manchmal nimmt das etwas Überhand. So schenkte mir mein französischer Frank im September einen Schal, den ich daraufhin immer trug. Ich dachte, ich könne niemals mehr ohne dieses Schal Motorrad fahren, aber er ist ehrlich gesagt nicht so sehr dafür geeignet, weil er recht dick ist und sich schlecht knoten lässt und immer aus der Jacke rutscht. Also habe ich es mal ohne versucht und mir ist nichts passiert.

Einige Kleinigkeiten, sind mir aber so als Glücksbringer an's Herz gewachsen, dass ich nun nicht mehr ohne sie fahren kann. 

Die Guardian Bell
Beim Bikertreffen in Evreux schenkte Frank mir ein Glöckcken, welches die Trolle verscheuchen soll, die mich von der Straße schubsen wollen. In der amerikanischen Version sind es böse Geister, die man durch das Klingeln in die Flucht schlägt. Als Frank mir das erklärte, war ich ganz verstört, dass ich schon 4 Wochen ohne Guardian Bell gefahren war. Ein Glück ist das gut gegangen!! Ich bekam eine Glocke mit keltischem Knoten. Die keltische Mythologie hat meinen Glauben geprägt und mit dem Symbol für Unendlichkeit denke ich an eine unendliche Zeit mir meiner Vulcan 900. Ich liebe meine Guardian Bell und schaue sie immer wieder an. Neulich lernte ich einen ganz lieben Biker kennen, der kein solches Glöckchen besitzt. Aber vielleicht ja bald.


Die kleine Fee
In einer recht schlechten Phase meines Lebens, schenkte meine Stiefmutter mir diese kleine Fee zum Neuanfang. Der Neuanfang war so erfolgreich, dass ich der Fee Glauben schenkte. Lange Zeit trug mein Pferd sie bei Ausritten am Kopfstück. Mein Pferd war nicht ganz einfach und ich musste fürchten, dass wir irgendwann einmal schwer stürzen und uns etwas antun würden. Aber so kam es nicht. Nun trägt meine Vulcan die kleine Fee und sie gibt mir auf der Straße Schutz und Freude.

Das Totenkopfnadelkissen
Als ich bei meiner Freundin Frl Swing war, um einen Rückenwärmer zu stricken, schaute ich so neidisch auf ihre selbstgemachten Nadelkissen, dass sie mir sofort eines schenkte. Ich steckte es in meine Jackentasche und vergaß es zunächst. Als ich ein paar Tage später nach Frankreich aufbrach fiel es mir wieder in die Hände und ich ließ es in der Tasche. In Mexiko sind die Sugar Skull die Symbole für den Tag der Toten, der dort ausgiebig und farbenfroh zu Ehren der Toten gefeiert wird. Dieses Fest ähnelt ein wenig dem ursprünglich keltischen Feiertag Samhain (heute als Helloween bekannt). Auch hier werden die Ahnen freundlich empfangen. Der wohlgesonnene und respektvolle Umgang mit dem Tod und die Besänftigung der Geister ist für mich ein gutes Omen auf meinen Motorrad-Reisen.

Und was sind Eure Glücksbringer, von denen Ihr Euch nicht trennen mögt?

Donnerstag, 12. November 2015

Besucher Nr. 3.000

Juhuu!
Pollys Reisen hatten jetzt genau 3.000 Seitenaufrufe.
Vielen Dank für Euer Interesse !
Eure Polly

Montag, 9. November 2015

Kilometer 6.428 - 6.709 Zeitreise

Am Sonntag Morgen treibt mich der Sonnenschein aus dem Bett. Ich bin überraschend wach nach unserem 20-jährigem Abi-Jubiläum.

Ich ziehe mich an, schwinge mich auf's Rad und bin nach einem Umweg über den Bäcker 4 Minuten später bei meiner kleinen Vulcan. Als ich die Rampe der Tiefgarage hochfahre, in die ersten Sonnenstrahlen blicke und in der modrigen Herbstluft tief einatme, weiß ich, ich bin wieder am richtigen Ort.

So wie gestern Abend. Über 40 Leute waren zur Party gekommen, die traditionell alle 5 Jahre in unserer alten Stammkneipe nahe unserer Schule stattfindet. Das sind ca zwei Drittel unseres Jahrgangs.

Ich mochte die Schule nicht besonders. Ich mochte immer gern lernen und viele Dinge wissen, doch die Schule war für mich unerträglich langweilig. Nach den Ferien freute ich mich immer, meine Freunde wieder zu sehen, aber den Unterricht habe ich nur passiv oder gar nicht verfolgt.

Ich hatte liebe Freunde an der Schule, mit denen ich tolle Wochenenden verbracht habe. In Friedrichskoog, in Sommerland und Glückstadt und in Brunsbüttel.

Genau diese Orte passiere ich heute, während ich gemütlich an der Küste entlang cruise. So karg und scheinbar ereignislos die Landschaft, so farbenfroh und emotional sind meine Gedanken. Ich glaube, ich liebe meine Heimat so sehr, weil es die Liebe ist, die ich hier empfangen habe. Menschen, mit denen ich meine Kindheit und meine Jugend verbracht habe. Menschen, die mich mehr liebten, als ich mich selbst. Der Halt und die bedingungslose Freundschaft, die ich hier bekommen habe, ist heute irgendwie ein Wunder für mich. Heute, wo ich, Polly Valente, erwachsen und glücklich bin - ein Zustand, den ich niemals zu erreichen dachte.

Es wird eine stille Runde. Eine kleine Reise, die den Kopf ordnet, das Herz erwärmt und den Körper erfrischt.

Quelle: Google Maps

Schafe soweit das Auge reicht
Weißwangengänse bei Ihrer Überwinterung in Dithmarschen
Die kleine Holzbrücke über die Pinnau ist leider so stark befahren,
dass meine Vulcan 900 am Straßenrand warten musste und nicht mit auf das Foto konnte.

Im Hafen von Glückstadt findet eine Segelregatta statt.
Faszination Wasser





In Friedrichskoog

Die Seehundstation Friedrichskoog.
Hier werden Seehunde gepflegt und später wieder ausgesetzt.
Ein Informationszentrum erklärt das Leben der Robben in der Nordsee und in aller Welt.
Ich gehe gern dorthin und fördere mit meinem Eintrittsgeld die Forschung und den Naturschutz.

Auf dem Rückweg nehmen wir die Fähre über den Nordostseekanal.
Mein tapferes Pony fährt das erste Mal mit dem Schiff!


Meine kleine Vulcan 900 verbirgt eine wahre Cross-Country Leidenschaft.
Schnell unter die Dusche!