Sonntag, 25. Oktober 2015

Kilometer 5.450 - 5.794 - Von Friesen und Feen

Wir sind im Schimmelreiterland.

Theodor Storm schrieb im Jahre 1888 die Novelle vom Deichgrafen Hauke Haien, die ihren Handlungsort in Nordfriesland hat. Die Geschichte handelt von der Beziehung des Menschen zur Natur. Verschiedene weiße Tiere, der Kater, das Pferd und die Möwe, werden als diabolisches Symbol gedeutet. Auch Hauke Haien, der auf seine Art mit der Natur umgeht und sowohl einen kranken Gaul zu einem wunderschönen Pferd aufpäppelt, als auch einen Hund rettet, der dem Deich als Opfer gegeben werden sollte, wird von der abergläubischen Bevölkerung argwöhnisch betrachtet, am Ende verachtet und gehasst, bis er schließlich auf tragische Weise zusammen mit Frau und Kind zu Tode kommt.

Aberglaube, Argwohn und Gespenstergeschichten sind präsent am heutigen Tage. Während in Hamburg bestes Wetter herrscht, ist es an der Nordsee auch um 13 Uhr noch diesig und wenig hell. Eigentlich hatte ich mir eine sonnige, herbstlich farbenfrohe Motorrad-Tour vorgestellt.

Patrick, mein Helfer vom letzten Wochenende, schließt sich mir morgens spontan an. Mit seiner Vmax ist er für gewöhnlich etwas flotter unterwegs. Außerdem ist er jung und hat Hummeln im Hintern. Ich bin ziemlich sicher, dass es eine zügige Runde werden wird, doch es wird anders kommen. Sind es die friesischen Geister oder die Feen, die uns entführen werden?

Über die Autobahn fahren wir direkt nach Husum und wollen von dort aus dem Wasser bis zur Elbmündung folgen um dann flussaufwärts bis nach Hamburg zu fahren. Doch zunächst einmal nehmen wir ein Frühstück ein und genießen die kleine Stadt am Meer, in der Theodor Storm schrieb und lebte. Bei einem Bummel durch die kleinen Gassen finden wir ein Buch-Antiquariat, das uns magisch anzieht. Wir stöbern durch den kleinen Laden, der übermäßig vollgestopft ist und so wundervoll nach altem Papier riecht. Die Inhaberin ist eine leidenschaftliche Bibliothekarin und ergänzt ihr Sortiment an alten Büchern mit Briefpapier, Feenoblaten, Kaleidoskopen, altem Blechspielzeug und vielem mehr.

Ich lese die Geschichte vom Einhorn, aufgeschrieben von Otfried Preußler mit wunderschönen Illustrationen von Gennadij Spirin. Drei Brüder ziehen los, das Einhorn zu finden und es zu töten, denn es wird sie reich machen. Am Ende findet der dritte Bruder das kostbare Tier, tötet es aber nicht, sondern bleibt zunächst bei ihm im Wald. Als er schließlich zu den Menschen zurück kehrt, ist er alt und weißhaarig und erzählt den Kindern vom Einhorn. Ich denke an die irische Mythologie. Hier ist es die Anderswelt, die Welt der Feen, in der die Menschen scheinbar kurz verweilen und dann als alte Weise in die eigene Welt zurück kehren. Eigentlich ist die Einhorngeschichte nach Preußler auch eine Feengeschichte. Patrick ist Ire, aber er glaubt nicht an Feen. Nicht wirklich jedenfalls. Aber ein bisschen schon, denke ich.

Nach gefühlten Stunden verlassen wir den kleinen Laden und sind beide ganz verzaubert. Hierhin wollen wir noch einmal zurück kommen. Nun wollen wir aber erst einmal ein bisschen Motorrad fahren. Das Wetter ist noch immer düster, aber trocken. Inzwischen ist es Nachmittag und die Dunkelheit lässt sich bereits erahnen. Wie geplant folgen wir der Küstenstraße bis zum Westerhever Leuchtturm. Wir stellen die Bikes am Parkplatz ab und gehen zu Fuß über den Deich durch das Naturschutzgebiet bis zum Leuchtturm. Etwa 20 Minuten dauert der Weg dorthin. Patrick schlendert in aller Ruhe vor sich hin. Seine Hummeln scheinen ausgeflogen zu sein. Zwischendurch fällt uns auf, dass wir schon wieder Zeit vertrödeln anstatt zu fahren. Aber wir sind in der Stille geborgen. Das Meer ist nicht zu sehen, Hochwasser ist für abends um 22 Uhr angekündigt. In der unendlichen Weite fallen unsere Blicke auf Kleinigkeiten. Einzelne rosa Blumen, ein Fußabdruck in einer Pfütze, die Formationen der rastenden Gänse. Zurück bei den Motorrädern, ist die Dämmerung schon weit fortgeschritten. Wir beschließen, ein bisschen Strecke zu machen und in St. Peter-Ording etwas zu essen.

Ich fahre hinter Patrick am Deich entlang. Er ist die Ruhe selbst. Seine Silhouette erinnert mich an die nordfriesischen Sagen. Ein moderner Schimmelreiter im diesigen Sonnenuntergang. Ich brauche unbedingt eine Kamera, mit der ich solche Momente auch während der Fahrt festhalten kann. Wir finden ein sehr schönes Restaurant, das Café Köm. Der Laden ist gut gefüllt, hat eine gemütliche, beheizte Terrasse und tolle Teller zu erschwinglichen Preisen. Erst spät abends brechen wir von dort endlich auf. Die Nordseeroute können wir uns nun sparen. Wir fahren wieder auf die Autobahn und nehmen den langweiligen, doch schnellen Weg nach Hamburg.

Ich komme ziemlich müde zu Hause an. Im Spiegel sehe ich, dass meine Haare etwas weißer geworden sind. Wie lange waren wir eigentlich fort? Wie viel Zeit ist vergangen? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass es ein wundervoller, mystischer Tag war. Bei den Friesen und bei den Feen.

Quelle: Google Maps
Vmax und PJV - erster gemeinsamer Ausflug


Buchhandlung Böhme - Wasserreihe 48 - Husum

















Im Café Köm - St. Peter-Ording


Kommentare:

  1. Ach, wie ist das schön! Da steckt eine ganze Portion Poesie in deinem Beitrag. Ich musste so lächeln, bei deinem Satz: "Seine Hummeln scheinen ausgeflogen zu sein". Da kam selbst der "junge Wilde" innerlich zur Ruhe. Ihr hattet wirklich eine ganz besondere Tour, du beschreibst so schön, dass da sofort sehr stimmungsvolle Bilder in meinem Kopf entstehen. Wer hätte bitte gedacht, dass ich mich jemals so für Motorradtour-Beschreibungen begeistern könnte? Mein Mann wird es nicht glauben :D Ganz liebe Grüße! Kea

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    1. Ja, biken ist nicht nur Lack, Leder und Chrome und auch nicht nur Highspeed auf der Autobahn.
      Wir Anderen sind nur die etwas Stilleren, die Denker, die Genießer, die innehaltenden Betrachter. Stopp!! Da kommt Inspiration für die Winterpause. Dann schreibe ich jetzt nicht weiter.
      Vielleicht freust Du Dich eines Tages, wenn Dein Mann mit Dir zum Picknick auf der Sommerwiese biken mag. Sind das nicht schöne Aussichten? Liebe Grüße, Polly

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  2. Das nebulöse Leuchtturm Bild und das Foto von den Prielen gefällt mir besonders gut.

    Rasen und Cruisen verträgt sich nicht, schön, dass Du in Patrick einen idealen Tourenbegleiter gefunden hast.

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  3. Meine Mutter ist in Eiderstedt geboren und für mich ist das immer noch irgendwie meine Kindheits-Heimat. Auch wenn mein Zuhause inzwischen ganz woanders ist - Eiderstedt und die Nordsee sind immer noch irgendwie in meinem Blut.

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  4. Oh ja, Westerhever... Da bin ich 1993 mal gewesen. Den Betonweg durch die Salzwiesen bin ich da auch gegangen. Meine Güte, ist das lange her.
    Ja, das muss wirklich toll sein, jemanden dabei zu haben, beim Motorrad fahren, der sich auch so in dieses schöne über Land streunen hineinfinden kann.

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