Sonntag, 18. Oktober 2015

Kilometer 5.425 - Frauen und Technik (mit Stargast, nennen wir ihn Patrick)

Mann Mann Mann Mann Mann.... Manchmal ist man echt nur erblindet.

Es ist ein Samstag im Oktober. Seit Tagen regnet es in Strömen. Die Woche war unerträglich für die Vulcan-Sucht. Wir haben kein Rad vor die Tür gesetzt. Manchmal bin ich in die Garage geschlichen und habe meinem tapferen Pony den Tank getätschelt. Mehr war nicht drin.

Heute will ich mein kleines Bike trotzdem betüdeln und beschließe, es nun endlich mal ordentlich zu putzen. Ich bewaffne mich mit meinem umfangreichen Equipment nebst Wassertank und einem Becher Kaffee und gehe voller Tatendrang an die Arbeit.

Mit fällt ein Buch ein, welches mir vor ca. 10 Jahren jemand geschenkt hat. "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten" von Robert M. Pirsing. Eigentlich ein philosophisches Buch, verpackt in eine Roadtrip-Story. Doch der Erzähler äußert auch immer wieder, wie unverständlich er es findet, dass seine Freunde ihre Motorradwartung nicht selbst vornehmen, sondern in der Werkstatt machen lassen. Dazu muss man betonen, dass das Buch im Jahre 1978 geschrieben würde, und die Protagonisten noch auf kleinen BMWs durch America düsten.

Ich würde meine kleine Vulcan niemals selbst warten. Ich kann die Flüssigkeiten nachschauen und den Luftdruck. Aber den Rest muss die Werkstatt machen. Ich habe viel zu große Angst, dass ich was kaputt bastel'. Die Bedrohung liegt näher als gedacht!

Wie schön ist es, nach einer Woche Abstinenz auf meine kleinen Vulcan zu steigen, nur um sie rückwärts zu schieben. Ich stelle sie unter eine Lampe und freue mich, dass ich in der Tiefgarage trocken sitze und in Ruhe putzen und polieren kann. Damit ich besser an die Pipes komme, beschließe ich, meine Seitentaschen abzunehmen.

Ooooh, ich höre sie schon aufstöhnen, die Auskenner.

Die Schraubköpfe sitzen in der Tasche und ich drehe sie emsig mit dem Imbus. Bei der ersten Schraube denke ich noch, dass diese ganz schön lang ist, für so ein kleines Ledertäschchen. Nun gut, andere gibt es aber nicht. Zweite Schraube, Tasche ab. Super, das ging ja leicht! Vielleicht fahre ich einfach mal eine Weile ohne. Spart ja Sprit. Mal sehen, wie es gleich aussieht.

Linke Seite, Schraube Nummer 3 und schließlich die Vierte. Ich höre sie noch kurz mahnen, meine kleine Vulcan, dass hier etwas nicht stimmt. Doch zu spät, es kracht und Teile scheppern zu Boden. Die Sissybar fange ich mit dem Ellenbogen, die linke Dekoleiste mit dem Knie. Schrauben und Distanzstücke kullern durch die Garage.

Vor meinem inneren Auge laufen die letzten 5 Minuten im Zeitraffer ab. Wenn man sich schon über die lange Schraube wundert, könnte man ja einmal kurz prüfen, was diese hält und nicht einfach weiter machen. Ich ärgere mich über mich selbst. Eigentlich bin ich echt überlegt beim Basteln. Wie kann es dazu kommen? Mein Fokus lag auf der Demontage der Taschen und auf der Reinigung des Motorrades. Und den Weg dahin habe ich nicht genügend betrachtet. Nicht innegehalten um zu schauen, was er für Risiken birgt.

Meine arme Vulcan! Was mache ich den jetzt? Das kann ich niemals allein wieder zusammen bauen und meine Clique ist in Frankreich. Ich bin den Tränen nahe.

Da war doch der junge Typ, der mich einmal über Facebook angeschrieben hatte, weil er etwas zum Haithabu-Museum wissen wollte. Mit dem hatte ich immerhin mal unregelmäßig Nachrichten ausgetauscht.

Handy, Facebook... vielleicht antwortet er ja.

Ich: Ich habe mein Motorrad kaputt gemacht :-/

Er: WHAAAS?
Er: Oh. Was muss repariert werden was braucht die gute und wo muss ich hin?

(Huch, ich kenne den Jungen doch gar nicht...)

Ich: Ich wollte nur die Taschen abnehmen und die eine Seite war ganz easy und bei der zweiten Seite auch. Aber jetzt ist die ganze Sissy Bar auseinander gefallen und überall kullern Schrauben rum :-(

Er: Soll ich vorbei kommen?

Ich: Weiß nicht, ich bin doch so schüchtern. :-(

Er: Entscheiden Sie sich jetzt. Dann setzen wir die Sissy Bar wieder zusammen und gut ist!

Ich: Eine Schraube ist weg, hoffentlich nicht im Gully :-(

Er: Wird schon. Eine Schraube ist immer weg, das ist ne goldene Schrauber-Regel!

(Ich bin aber kein SCHRAUBER!!)

Ich: Aber eine von vier ist doof. Ich mag nicht schlampig sein.

Er: Ohje. Ich würde ja sagen ich helfe Dir suchen. Aber ich weiß ja noch immer nicht ob ich vorbei kommen soll oder nicht.

Ich: Kommst Du?

Er: Ich muss nur wissen wo. Ich komme mit dem Auto

Ich: Ich kriege die auch allein zusammen gesetzt. Aber dann zerkratzt nachher was. Dann wäre ich echt unglücklich.

Er: Ich habe nie gesagt, dass ich Dir das nicht zutraue, aber zu 2t kann man so was vorsichtiger machen.

Ich: Ich habe die Schraube. Ein Glück!!

Er: Immerhin geht es um Dein Baby

Wie sich heraus stellt, wohnt er im übernächsten Stadtteil. Dann habe ich auch nicht ganz so ein schlechtes Gewissen. Er erscheint eine halbe Stunde später. So schließt man Bekanntschaften. 

Er steht sogar noch geduldig rum während ich die nun immerhin offen gelegten Flanken meiner Vulcan putze und erzählt Geschichten aus seinem Bikerleben.

Am Ende brauchen wir zweieinhalb Stunden, um das Hinterteil meiner zauberhaften kleinen Vulcan wieder zusammen zu setzen. Unabhängig davon, dass man sich einmal anschauen muss, in welcher Reihenfolge Unterlegscheiben, Taschen nebst Halterung, Sissybar, Distanzstücke, Dekoleiste und Gegenstücke auf die beiden tragenden Schrauben gefriemelt werden, ist es wirklich richtig aufwendig, dieses ganze Material dann in die 2 Gewindelöcher im Rahmen zu zirkulieren. Zumal man die Gewindelöcher in dem Moment aus den Augen verliert, wo man die Dekoleiste vor den Rahmen legt. Außerdem sind die Schrauben in der Sissybar so fest, dass selbst Patrick sie nicht aufziehen kann. Aus Sorge, dass wir die Köpfe vergriesgnaddeln (rund machen), lassen wir die Rückenlehne also dran, was den Zusammenbau nicht erleichtert.

Noch 5 Mal kullern Distanzstücke und deren Gegenspieler durch die Gegend, bis wir endlich die rechte Seite befestigt haben. Zum Glück sind wir uns in unserer Arbeitsweise recht einig. Wir überlegen geduldig und tauschen Ideen aus. 

Bei der linken Seite fummeln wir auch eine ganze Weile rum, bis wir endlich alle Teile miteinander verschraubt haben, aber am Ende können wir Erfolg vermelden.

Patrick ist mein Held des Tages und genießt eine emotionale Umarmung.

Mit fällt eine Szene beim Kawasaki-Händler ein. Der kleine Sohn des Verkäufers betrachtet mein frisch montiertes Bike und fragt ob man die Taschen abmachen kann. "Nein, die sind fest für immer!" sagte der Verkäufer in einem Tonfall, der keinen Widerspruch zuließ. Nun weiß ich, dass er weiß, wie viel Arbeit so eine spontane Demontage macht.

Abends berichte ich einem französischen Kollegen von der ganzen Aktion. Er findet auf der belgischen Kawasaki-Seite ein "Kit Montage rapide" für die Taschen der Vulcan S. Die dürften jedoch nicht auf meine kleine Vulcan 900 passen. Außerdem habe die Schnauze voll und bin gerade nicht offen für lösungsorientierte Ratschläge. Darüber werde ich ein anderes Mal nachdenken.

Wie hatte Patrick sich noch verabschiedet? "Gern geschehen, Biker-Ehrensache! Aber wenn Du das nächste Mal ohne Taschen fahren willst - dann kaufe Dir einfach eine zweite Vulcan!"


Hoch motiviert gehe ich an die Arbeit
Da steht sie nun mit nackter Flanke
Oh nein, es fehlt ein Distanzstück!!
Da ist es. Ein Glück!
So lang sind die Schrauben, von rechts aus gesehen durch das Leder,
den Taschenhalter, die Sissy Bar, das Distanzstück, die Deko und dahinter
das Gegenstück mit Gummi. Und das alles dann in den Rahmen fummeln.
Alles wieder dran. Dann kann ich ja jetzt polieren........... 

Kommentare:

  1. Moin Polly,.....jo......dat kann passieren....aber nur ein mal !!
    Bei mir und meiner Dicken war´s grad andersrum...ich dachte es wäre kompliziert die festmontierten Koffer abzubauen...und wat is?....ganz einfach isses... ;-)

    Grüßle Arne

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  2. Hehe, Jugend forscht! :-D Grüße in den Süüüden!

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  3. beim nächsten mal: eine schraube raus, die 2. nur lösen. dann die tasche etwas drehen und die 1. schraube wieder rein, dann die 2. schraube ganz raus, tasche ab und schraube wieder ran.
    danach!!! die andere seite ;-)
    gruß aus lübeck
    moppel

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  4. Ah.... jaaa..... Beim nächsten Mal komme ich einfach nach Lübeck! :-D

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  5. Die Welt braucht mehr Patricks ;-)

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  6. Das Gefummel kenne ich von meinem Gelbschen auch. Die KofferträgermontGe war auch nur mit 2 Personen möglich. Und trotzdem musste ich sie in der Werkstatt noch mal nachziehen lassen, weil ich sie nicht fest genug gezogen hatte. Ich bete, das ich sie nie nie niiieeeemals abmontieren muss.

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  7. Ach du ahnst es nicht... Eieieiei. Das hätte mir auch wunderbar so im Überschwang passieren können.

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