Dienstag, 13. Oktober 2015

Kilometer 5.201 - 5.425 - Auf Hasenjagd

Ein Chinesisches Sprichwort sagt:
"Schildkröten können Dir mehr über den Weg erzählen, als Hasen."

Es ist Sonntag, ein sonniger Sonntag im Oktober. Ich stehe früh auf und frühstücke sogar ungewohnterweise ordentlich bevor ich zu einer Motorrad-Tour aufbreche, auf die ich mich seit Wochen freue. Eine freie Gruppe Biker, die sich regelmäßig zu vielen Ausfahrten trifft. Der Kern der Gruppe ist scheinbar recht stabil und um diesen herum gruppieren sich weitere Fahrer aus Deutschlands Norden. Ich mag das Konzept, denn es gibt scheinbar Angebote für unterschiedliche Interessen in unterschiedlichen Regionen und jedem steht es frei, sich den Touren anzuschließen, oder eben nicht.

Heute nehme ich erstmals teil. Es ist eine beliebte, monatlich stattfindende Runde durch Dithmarschen mit vielen Teilnehmern. Nachdem ich am Wochenende zuvor allein unterwegs war und ein wenig neidvoll die Biker-Gruppen sah, die gemütlich an der Ostsee entlang flanierten, freue ich mich heute, wieder einmal in Gesellschaft zu fahren.

Noch weiß ich nicht, dass ich am Nachmittag frustriert, am Abend enttäuscht und am nächsten Morgen verärgert sein werde.

Der Tag beginnt sonnig und fröhlich und ich mache mich mit einem Freund zusammen auf den Weg nach Tornesch. Leider fällt sein Motorrad aus und nach einigem hin und her organisiert jemand ein Ersatz-Motorrad, welches unweit des Treffpunktes steht. So fahren wir zusammen auf meiner Vulcan dorthin. Das erste Mal, dass ich mit Sozius fahre! Eigentlich hatte ich vor, das mit meiner Schwester zu üben, die kaum schwerer ist, als mein Reisegepäck nach Frankreich. Aber nun nehme ich einen gestandenen Mann und erfahrenen Biker mit und das klappt so gut, dass ich meinem tapferen Pony lobend den Tank klopfe.

Über 30 Menschen warten am Treffpunkt auf uns. Nach einer Begrüßung teilt man sich in fünf Gruppen auf und ich schließe mich den Langsamen an. Hier wird verkündet, dass man maximal 10 - 20 km/h schneller als erlaubt fährt. Oha, denke ich. Wir starten und es geht gleich flott los. Zwei Kollegen überholen mich, weil sie sich "von mir ausgebremst fühlen". Hiernach fahre ich als Fünfte von neun. Inzwischen habe ich deutlich an Erfahrung gewonnen und in den letzten 7 Wochen mehr Kilometer gemacht als so mancher Biker in 2 Jahren. Doch hier bin ich schnell an meiner Grenze. Während die Sportler mit hohem Tempo um die Kurven flitzen, muss ich selbst bei maximaler Cruiser-Schräglage Gas wegnehmen, damit ich sicher in der Spur bleibe. Als Folge ist dann aber bis zur nächsten Kurve starke Beschleunigung angesagt, um die Vorausfahrenden wieder einzuholen. Und so geht es 170 km weit in drei Etappen durch das beschauliche Dithmarschen.

Das ist nicht mein Verständnis vom gemütlichen Sonntagsausflug. Ich fühle mich gehetzt, gestresst und verliere zunehmend an guter Laune. Mir kommen die Gespräche der schnellen Fahrer in den Sinn. Die Berichte von Fast-Unfällen und riskanten Situationen. Momente, die ich auf den letzten 5.000 km noch nie erleben musste. Mir kommt auch in den Sinn, wie wir in Frankreich mit 26 Bikes ganz gemütlich nach Evreux gefahren sind. Hier war die Ansage, dass wir immer mindestens 10 km/h langsamer als das Schild fahren, damit es nicht zu schnell wird und hintere Fahrer aufholen können, ohne rasen zu müssen. Offensichtlich besteht ein wirklich großer Unterschied zwischen den adrenalinsuchenden Sportlern und den meditativen Cruisern. Das wird mir heute noch einmal besonders deutlich gemacht.

In Kollmar angekommen rolle ich auf den Motorradparkplatz. Hier stehen zahlreiche Chopper verschiedener Fabrikate. Drei Männer in Harley-Jacken lächeln mir liebevoll zu. Vielleicht wollen die meine Freunde sein!? Ich sehne mich nach Gleichgesinnten.

Im kleinen Hafen essen wir ein Fischbrötchen und auf Nachfrage nach meinem Befinden schildere ich in meiner Gruppe freundlich, dass ich mich mit ihrer Fahrweise nicht wohlfühle. Dass eine Hetzjagd nicht mein Ding ist. Und dass ich auch nicht gezwungen sein mag, mit überhöhtem Tempo zu fahren, wenn ich es selbst gerade unangemessen finde. Die Kollegen sind freundlich und versuchen mir zu erklären, dass "jeder nur so schnell fährt wie er möchte". Und mit der Zeit würde ich mich auch daran gewöhnen und mich besser anpassen können.

Ich fahre frustriert nach Hause und denke wieder, dass ich mich dumm angestellt habe. Aber ganz sachlich gesehen, bin ich keinesfalls ängstlich oder langsam gefahren - außer auf der Strecke der Hackfruchternte, die eine starke Fahrbahnverschmutzung verursacht.

Ich heule mich bei meinem französischen Harley-Freund aus. Er nörgelt in seinen Bart und meint, ich solle nicht mehr mitfahren, das sei zu gefährlich. Wie immer gibt die Nacht Aufschluss. Nach dem Drüberschlafen weiß ich schließlich, dass ich mich nicht anpassen will. Ich will nicht sein, was ich nicht bin. Als ich Anfang Juli meinen Führerschein begann, lief ich mit meiner alten schwarzen Lederhose über unseren Firmenparkplatz und traf meinen alten Schulfreund, den ich seit 30 Jahren kenne. Er sagte mit einem Seitenblick auf mich: Du siehst aus wie früher! Das war das Schönste, was er mir sagen konnte. Ich war wieder ich, nach vielen Umwegen.

Meine kleine Vulcan führt mich zu mir, zu meinen Gedanken, zum Schreiben, zur Kreativität. Egal wo wir ankommen, es ist immer bei mir. Pollys Reisen sind viel fantastischer - im literarischen Sinne - als ich es veröffentliche. Es macht mich so fröhlich, meiner kleinen Vulcan die Schnauze zu tätscheln und mit Ihr so viele schöne Momente zu erleben.

Und gestern war ich einfach am falschen Ort. Vor lauter Hetzerei keine Zeit zu denken, zu kreieren, zu genießen.











Kommentare:

  1. Wird dir mit der Lounge nicht passieren, garantiert.

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  2. Ich bedaure es sehr, dass die Eindrücke hinter meinem Rücken veröffentlicht worden sind, nicht der Wahrheit entsprechen und immer wieder aufgewärmt werden. Um eine Gruppe mit verschiedenen Fahrstilen vereinen zu können haben wir sehr gute Erfahrungen mit dem Ziehharmonikaprinzip gemacht.

    Die Ansprache vor Abfahrt lautete richtigerweise

    Jeder fährt sein Tempo und nicht schneller

    Jeder achtet auf seinen Hintermann.

    Jeder achtet auf genügend Abstand zum Vordermann.

    Der Zusammenhalt der Gruppe wird immer wieder von den Vorausfahrenden erzeugt.

    Ich jage keine Hasen, ich suche nicht den Kick auf öffentlichen Straßen und ich fordere auch niemanden auf Verkehrsvorschriften zu missachten. Liebe Polly Valente, wenn Du meinen Anweisungen etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt hättest oder während der Fahrt zur Kenntnis genommen hättest, dass hinter Dir auch noch welche gemütlich gefahren sind, dann hättest Du Dich selber nicht mehr unter Druck gesetzt und wärest bestimmt auch sicherer gefahren. Ich wünsche Dir weiterhin viel Spaß mit deinem Motorrad und viele tolle Touren. Ich würde mich aber auch freuen, Du Deine Aussagen über mich, meine Fahrweise und meine Anweisungen an die Gruppe wieder zur Wahrheit führen würdest.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Frank Rehwinkel

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    1. Lieber Frank Rehwinkel,
      vielen Dank für Dein Feedback und Deine guten Wünsche für meine Zukunft nehme ich gern an.

      Ein Blog „Ist ein auf einer Website geführtes und damit meist öffentlich einsehbares Tagebuch oder Journal, in dem mindestens eine Person, der Blogger, international auch Weblogger genannt, Aufzeichnungen führt, Sachverhalte protokolliert („postet“) oder Gedanken niederschreibt.“ (Zitat aus „Blog“ auf Wikipedia.org)

      Mein Blog beinhaltet das Tagebuch einer Bikerin, die ihre Leidenschaft seit kurzer Zeit aktiv ausübt und ihre persönlichen Erfahrungen und Gefühle darin niederschreibt. In meinem Beitrag zur Hasenjagd habe ich geschildert, wie ich den Tag für mich mit allen Höhen und Tiefen erlebt habe. So wie ich es nach jedem Ausflug mache. In Bezug auf Dritte bewahre ich die Privatsphäre indem ich die auftretenden Personen anonymisiere. Es sei denn, die wünschen ausdrücklich eine Namensnennung oder stimmen dieser zu. Du selbst hast Dich nun mit Deiner Stellungnahme entschieden, Deine Anonymität aufzuheben.

      Ich werde an meinem Beitrag nichts ändern und sehe mich auch nicht veranlasst, etwas richtig zu stellen.
      Persönlichen Erfahrungen und Gefühlen kann kein Richtig und kein Falsch zugeordnet werden. Wenn ich friere und Dir ist warm, dann bringt es nichts, wenn Du sagst, es gäbe keinen Grund zu frieren. Mir ist dann trotzdem kalt. Wenn ich die Erfahrung gemacht habe, dass man nur durch großen Fleiß erfolgreich sein kann, Dir fliegt jedoch alles zu, dann bringt es nichts, wenn Du sagst, man müsste für Erfolg nichts tun. Ich persönlich habe es anders erfahren.

      Das Leben konfrontiert uns immer wieder mit solchen Momenten und wir stellen uns dann die Frage, warum die Wahrnehmung unserer Mitmenschen von dem eigenen Empfinden so abweicht. Das Wichtigste dabei ist, dass man sich selbst treu bleibt und sich seine Gefühle nicht ausreden lässt, denn dann sind wir in der Lage unseren Lebensweg nach unseren Fähigkeiten zu gestalten.

      Mein Lebensweg und der Deinige überschneiden sich in diesem Falle nicht. Das ist für mich ok. Denn die vielen Pfade, die die Menschen gehen, machen die Welt reicher und bunter und auch mal qualvoll und steinig. Doch das Internet und die sozialen Medien bieten heute die Chance, von seinem eigenen Weg zu berichten und von anderen Entwürfen zu profitieren. Wir sollten jedem Journalisten, jedem Autor und jedem Blogger sowie jedem Leser, Zuschauer und Hörer diese Freiheit offen halten.

      Und wie überall werden auch wir Blogger mit Zustimmung, Ignoranz und Kritik konfrontiert. Und wer sich davon in seiner Meinungsfreiheit einschüchtern lässt, der sollte das Bloggen einfach sein lassen.

      Ich mache weiter – genau so!

      Die Linke zum Gruße
      Polly

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  3. Lieber Frank Rehwinkel

    ich hab den Beitrag von Polly bewußt NOCH einmal gelesen, ich kann hier nirgendwo lesen, das sie dich persönlich verunglimpft hätte...daher verstehe ich nicht warum du so angepisst bist !

    Du, als langjähriger Motorradfahrer und erfahrener (davon gehe ich mal aus) Roadcaptain, solltest eigentlich wissen, das ein Cruiser ein anderes Fahrverhalten an den Tag legt als eine Sportler, Enduro oder Crosser.

    Desweiteren, gehört der Fahrer mit dem "langsamsten" Motorrad UND auch die Fahrer mit der wenigsten Erfahrung, gleich hinter
    den Anführenden.

    Und einen Punkt hast du vergessen : INNERHALB EINER GRUPPE IST ÜBERHOLEN VERBOTEN !!!

    (Ich führe regelmässig, seit ca. 25 Jahren, Gruppen von 10 bis 50 Mitfahrern, meist mit dem Marshallsystem)

    Die Polly hat einen sehr schönen Bericht geschrieben und ihre Eindrücke, wie immer, sehr lebhaft wieder gegeben, ich kann nirgenwo etwas verwerfliches entdecken. Also lass einfach gut sein.

    Ich wünsch dir IMMER ne Handbreit Asphalt unterm Gummi, viel Spass bei unserem schönen Hobby und nimm das Leben nicht so ernst, es will dir niemand Böses. ;-)

    Grüße aus dem schönen Allgäu

    Arne Haufe

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  4. Poly n'a donné que son opinion. Je ne pense pas que son écrit soit diffamatoire ou mensonger. C'est seulement ce qu'elle a ressentie ce jour là et elle l'exprime avec ses mots.
    Par contre, lorsque l'on roule en groupe, il est souhaitable de se mettre au niveau des plus faible, de les accompagner et non de les inciter a dépasser leurs compétences de pilotage avec les risques que cela peut comporter.
    Poly a roulée avec nous en France sans aucun problème. La tête de groupe roulait à 80 km/h pour une vitesse limité à 90 km/h, sachant que le phénomène d'accordéon amène les derniers du convoie à rouler à près de 90 km/h. C'est notre base de fonctionnement pour tous nos déplacements en groupe. Les faibles devant, les forts derrière.
    Un avis négatif sur une sortie se doit d'être positiver et permettre de progresser pour la prochaine.
    Bref, et pour clôturer mon avis, chacun apprécie la conduite moto de son propre point de vue. C'est aussi cela la liberté.
    Amitiés à toutes et tous depuis la France.

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  5. Sehr schöner Artikel, in dem ich mich total wiederfinde. Nicht nur, dass wir uns im gleichen Alter eine Kawasaki zugelegt haben - unsere Motorräder haben uns auch viel über uns erzählt und uns erfahren lassen wer wir sind, nachdem wir uns einige Jahre selbst aus den Augen gelassen hatten.

    Zu meinen Erfahrungen gehört es auch, dass ich nicht mit anderen Motorradfahrern unterwegs sein möchte. Dann fühle ich mich abwechselnd gehetzt oder unterfordert, und den "Benzintalk" im Nachgang kann ich nicht ausstehen. Ich bin anscheinend nicht für Gruppenfahrten gemacht - und das ist OK so.

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    1. Lieber Silencer,
      ich war im Winterschlaf und habe Deine Nachrichten erst jetzt gefunden. Ja, dann mal herzlich willkommen in meiner Welt.
      In den letzten Wochen stockte die Berichterstattung aus verschiedenen Gründen ziemlich. Aber es wird weiter gehen - mich macht es auch Spaß, meine Polly-Welt mit Euch zu teilen und habe auch für 2017 einige Ziele.
      Lieben Gruß und bis bald!!

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