Freitag, 2. Oktober 2015

Kilometer 4.701 - 4.772 - Fazit Roadtrip Number 1

Es ist Mittwoch Abend. Bereits während meines Nachmittags im Büro zieht es mich zu ihr. Meine kleine Vulcan steht unten in der Garage und wurde nun schon 2 Tage nicht betüdelt. Um 17.45 Uhr verlasse ich fluchtartig meinen Schreibtisch, um noch ein paar Sonnenstrahlen zu genießen, bevor es in zwei Stunden dunkel ist.

Ich fahre aus der Stadt gen Norden und cruise in Richtung Jersbek, wo meine Freundin ihre Pferde hat. Ich werde sie spontan überraschen und ihr mein kleines Souvenir aus dem Monet-Museum vorbei bringen. Claude Monet, die Stille, das Bei-Sich-Sein. 

3.372 Kilometer bin ich während meines 2-wöchigen Urlaubs gefahren. Davon 2.074 Kilometer ganz bei mir zur An- und Abreise auf der Autobahn. Mein erster Roadtrip mit dem Motorrad. Ein lang gehegter Traum.

Am Ende war es vielleicht kein richtiger Roadtrip, so wie ich es schon mit dem Auto in und um Kalifornien, zu Fuß in Schottland oder mit dem Bus in Brasilien erlebt habe. Denn während meines Aufenthalts in der Normandie bin ich stets abends in mein Domizil zurück gekehrt und habe die Gesellschaft meines französischen Freundes genossen. Nach Hause kommen und wissen, dass man es trotz des schlechten Wetters am nächsten Tag gemütlich und unterhaltsam hat, war für mich schöner, als allein an fremden Orten Eindrücke und Erlebnisse zu sammeln, die ich nicht direkt teilen konnte.

Das ist mir schon oft beim Alleinreisen aufgefallen. Schon damals in Amerika. Auch wenn ich noch so viele Postkarten, Tagebücher und Blogs schreibe, ich habe nie eine direkte Reflexion meiner eigenen Gefühle. Ich kann sie mir bewusst machen, sie notieren, aber so richtig realisieren kann ich sie oft auch erst dann, wenn ich mich in einer nahe stehenden Person spiegele.

Genossen habe ich den Abend, als ich aus dem Claude Monet Museum kam und sehr beeindruckt vom Bike stieg. Frank war mir am Tor entgegen gekommen und lächelte gleich auf seine gutmütige Art, als er mir in meine strahlende Augen blickte. Beim Essen sprachen wir über meine Eindrücke und diskutierten über das "Warum ich so angetan bin, 20 Jahre nach meinem Abitur endlich zu Monet zu reisen." Und diese Auseinandersetzung mit einem Fan und Kritiker vollendet für mich am Ende das Gesamterlebnis.

Viele schöne Abende vergingen auf diese Weise. Das Teilen hatte ein inneres Vorankommen zur Folge und das physische Vorankommen verlor an Wert. Aber ist nicht genau das auch Roadtrip? Sind nicht die meisten von uns On The Road, um in ihrer Persönlichkeit voranzukommen?

Auf meinem Weg nach Jersbek erinnere ich mich an meine letzte Fahrt in diese Richtung. Fünf Wochen ist es her und ich hatte gerade am Vortag meinen Führerschein der Klasse A bestanden. Ich weiß noch, wie aufgeregt und unsicher ich war und wie mein Jethelm mich quälte, weil ich Angst hatte, er würde mir vom Kopf wehen. 

Heute fahre ich ganz entspannt und gelenkig durch alle Kurven und Abzweigungen. Selbst eine recht enge Kurve, die mit 30 km/h ausgeschildert ist und die ich in der Vergangenheit im 2. Gang mit 25 km/h genommen hatte, nehme ich nun recht zügig mit überhöhter Geschwindigkeit. Ich bin erstaunt, dass man in meinem Alter doch noch so erfolgreich Kompetenzen erwirbt. Insbesondere Körperliche. Es gibt ja durchaus Sportarten, die ich früher begeistert ausgeübt habe, von denen ich jetzt lieber die Finger lasse, weil ich fürchten muss, dass ich mir bei einem Sturz alle Knochen breche, oder auch meine maroden Bandscheiben schmerzhaft bewege.

Ich genieße die Abendluft, die nach Erde und frischem Heu riecht. Die Bauern haben in diesen sonnigen Tagen noch einmal gemäht bevor der Altweibersommer endgültig zum Herbst wird. In der Normandie riecht es nach Meer und Wiese und Industrie und Mittelalter. Le Havre und die unweit ebenfalls an der Seine liegende Stadt Notre-Dame-de-Gravenchon beherbergen jede Menge Mineralöl-Konzerne und deren Nebenindustrien. In Rouen, die Stadt, die ihre heutige Bekanntheit unter anderem deshalb erlang, weil hier Jeanne d'Arc verbrannt wurde, schlendert man durch kleine mittelalterliche Gassen und hört förmlich die Säbel der Musketiere scheppern.

Und auch wenn ich mit der Mentalität seiner Bewohner nicht immer ganz konform gehe, so liebe ich dieses Fleckchen Erde. Für Motorradfahrer bietet die Normandie zwar keine Berge mit Serpentinen, aber dafür jede Menge wunderschöne Natur, urige Dörfer, Orte von spektakulärer geschichtlicher Bedeutung und einmaliges Essen. In der Normandie zu sein bedeutet, mit allen Sinnen zu 100% diese Region zu erleben. Ein kleiner Reiseführer und eine gute Landkarte reichen aus, um die schönsten Touren zu den bekanntesten Orten zu finden. Und die kleinen romantischen Ecken und familiäre Restaurants, die findet man bei genauem Hinsehen und mit entsprechender Neugier am Wegesrand oder in der Seitenstraße.

Leider ist meine Freundin nicht wie erwartet im Stall und ich hinterlasse mein kleines Präsent an der Box ihres Pferdes. Gemütlich cruise ich weiter und komme kurz nach 19 Uhr wieder zu Hause an. Meine Vulcan wird in der Garage fast so emsig umsorgt, wie es früher mein Pferd genossen hat. Bevor ich durch die Tür nach draußen gehe, schaue ich mich noch zwei Mal um. 

Wir sind ein echtes Team geworden.




Kommentare:

  1. Moin, Polly. Danke schön für diese wunderschöne Reise. In die Normandie und Bretagne muss ich auch mal wieder, das liegt mir mehr als das Mediterrane... Deine Vulcan hat sich offensichtlich als Tourenmotorrad bewährt. Du hast ein gutes Auge für Motive und Dein Schreibstil macht richtig Spaß. Mach bitte weiter so, ich freue mich schon auf Deinen nächsten Trip.

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    1. PS: ich hab' Deinen Blog jedenfalls ab jetzt gebookmarked.

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    2. Klasse, vielen Dank und Liebe Grüße! :-)

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  2. Da muss ich mich ja echt zügeln, daß ich nicht loskreische "Ein Schaaaf!!"

    Das ist ein schönes Fazit für diese tolle Reise!
    Dieses Wunder, daß man auch jetzt noch Fertigkeiten erlangen kann, auch recht einfach wenn es sein soll, das erlebe ich auch immer wieder mit meiner Gesa. So oft denke ich, das kann doch eigentlich alles gar nicht wahr sein. Ist es aber. :)

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    1. Ich mag die drei Wikinger-Schaaaaafe so gern und kann sie stundenlang beobachten, wie sie ihr Grünzeug muffeln und nach Gras riechen. Ein ruhiges Fleckchen Erde mein zweites Zuhause....

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