Samstag, 31. Oktober 2015

Kilometer 6.009 - 6.327 - Auf Nandu-Safari

Also ich bin mir schon sicher, dass ich eins gesehen habe. Jedenfalls nahm ich einen Schatten wahr, der von links kommend zwischen mir und dem Piraten über die Straße huschte. Hook sagt zwar, er hätte nichts gesehen, doch vielleicht war er auch gerade von entgegenkommenden Fahrzeugen geblendet.

Ich bin mir der Erscheinung ziemlich sicher. Oder war es ein Nandu-Geist in der Halloween-Nacht?

Der ganze Tag ist von bestialischen Begegnungen geprägt. Ich breche morgens um 8.30 Uhr zur "Drei-Seen-Tour" auf. Auf der Landkarte hatte ich mir eine Strecke von ca. 260 km ausgesucht. Über Mölln sollte es zum Schaalsee in Mecklenburg-Vorpommerrn gehen. Von dort weiter nach Schwerin und schließlich auf dem Heimweg am Ratzeburger See vorbei.

Der Tag beginnt wunderschön im nebligen Sonnenaufgang. Ich bin so fröhlich, wieder einmal mit meiner kleinen Vulcan auf der Straße zu sein und genieße den Herbst und den Duft des Waldes.

Wald zieht mich ebenso magisch an, wie das Meer. Dem Geruch von Moos und Blättern kann ich genauso wenig entfliehen, wie dem Geschmack des salzigen Windes.

Ich denke an ein Gedicht, das ich kurz vor dem Abitur im Deutsch Leistungskurs geschrieben habe. Ich weiß sogar noch, dass es am 17. Februar 1995 war. Einen Tag zuvor habe ich meinen Führerschein für die Klasse 3 (heute B) absolviert. Wir haben dann eine Projektreise gemacht, auf der wir kreativ geschrieben haben. Auf den Fotos trage ich eine schwarze Lederhose und derbe Stiefel. Neben mit sitzt ein schwarzer Hund. Ich habe das Gefühl, heute bin ich wieder genau dort.

An einem Waldparkplatz stoppe ich und gehe ein paar Schritte. Ich lege mich auf das laubbedeckte Moos und genieße die Baumgeister um mich herum.

Wenig später komme ich in Zarrentin an, das in meinen Kindheitserinnerungen "Der Osten" ist. Meine Oma hat immer vom schönen Schaalsee berichtet, und dass man da jetzt nicht mehr hinreisen kann. Ich freue mich, dass es heute einfacher ist, diese Plätze gemeinsam zu genießen.

Nach einem Stop am Naturschwimmbad gluckert meine Vulcan durch das Biosphärenreservat. Leider verfransen wir uns und kommen nach einer halben Stunde Fahrt wieder an der "Pension am See" an, die mir vorher schon einmal aufgefallen war. Die Straßen sind sehr schlecht zu fahren. In den Dörfern liegt hartes Kopfsteinpflaster und die Landstraßen sind geflickte Asphaltpisten auf denen man maximal 50, zeitweise nur 30 km/h fahren kann. Ich mache mir ernsthaft Sorgen um meine Stoßdämpfer.

Die wunderschöne Landschaft lässt sich nicht verleugnen. Die kleinen Alleen, für die die Region bekannt ist, leuchten in allen Herbsttönen. Gerade beschließe ich, noch einmal abzusteigen und diese schöne Stimmung abzulichten, da trabt ein großes Wildschwein über die Straße. Am späten Vormittag ist das schon ungewöhnlich. Ich traue mich nicht mehr, vom Motorrad zu steigen, denn ich habe echt Angst vor den Viechern. Wenn ein zweites folgt, oder das erste zurück kommt, werden meine kleine Vulcan und ich vermutlich beide Schaden nehmen. Ich verfluche das Schwein, denn es nimmt mir die Möglichkeit, schöne Momente in Bildern festzuhalten.

Später fahre ich an einem Warnschild vorbei, das auf Jagdaktivitäten hinweist. Nun tut mir der Eber leid und ich verfluche die Jäger, denn auch hier möchte ich jetzt nicht im Wald hocken und Steinpilze fotografieren.

Es geht auf Mittag zu und ich bin etwas ungeduldig. Da habe ich keine schöne Route ausgesucht. Bald finde ich die richtige Straße nach Schwerin. Die Qualität wird dadurch leider nicht besser. In der Landeshauptstadt angekommen, besuche ich das Schloss und gehe im Schlosspark spazieren. Ich bewundere die Figuren, die überall eingearbeitet sind. Diese künstlerischen Elemente mit denen man früher seine Gebäude geschmückt und seinen Reichtum zur Schau gestellt hat.

Leider fehlt mir die Zeit für einen Museumsbesuch. Es ist 13 Uhr, in zwei Stunden bin ich mit zwei Herren am Ratzeburger See verabredet und vorher würde ich gern noch etwas zu Mittag essen. Abgesehen von den Touristen ist Schwerin am Samstag wie ausgestorben. Ich nehme also die Landstraße in Richtung Ratzeburg und quäle mich noch einmal über die Buckelpisten Mecklenburgs. Ziemlich deutlich wird der Unterschied als ich die Landesgrenze passiere. Genau mit dem Schild für Schleswig-Holstein ändert sich auch die Qualität der Asphaltdecke. Meine Vulcan und ich atmen auf, als wir endlich frei vorandüsen können.

Ich bin eine Stunde zu früh in Ratzeburg und esse eine leckere Forelle. Dann treffe ich die beiden Kollegen aus der Cruiser Lounge und gönne mir zum Nachtisch ein Stückchen Torte.

Der Mutti berichtet von seinem letzten Wildunfall. Er kam samt Motorrad von der Straße ab und stürzte schwer, weil er von einem Nandu angegriffen worden war. Ich frage mich, was er denn in Südamerika für abenteuerliche Touren gefahren ist, aber er schwört, dieses Ereignis sei nicht weit von unserem gemütlichen Café gewesen. Hier wohnt eine... sagt man Herde, auch wenn Vögel normalerweise im Schwarm unterwegs sind? Hier wohnt also eine Gruppe, eine Vielzahl von Nandus, die die Nachkommen von domestizierten und dann entflohenen Tieren sind.

Ich bin so erstaunt und interessiert, dass Mutti beschließt, mit uns die Nandu-Strecke nach Lübeck zu fahren und mich dort auf die Bundesstraße nach Hamburg zu schicken.

Im Sonnenuntergang cruisen wir durch das wunderschöne Naturschutzgebiet. Und als ich einmal in den Rückspiegel blicke, sehe ich den Schatten des Nandus.

Schade dass Hook gerade träumt. Er hätte es bezeugen können.






Am Schaalsee





Das Schweriner Schloss









Die Fischstube in Ratzeburg
Eis Pavillion Pelz in Ratzeburg


Die Nandu-Ghost-Busters

Hier sollen sie leben die Nandus


Auf Safari

Dienstag, 27. Oktober 2015

Kilometer 5.794 - 6.009 - Herbstblues? Nein danke!

Leuchtender Herbst
Nach meiner Friesland-Tour mit Patrick habe ich noch knapp 200 Kilometer bis zur vorgeschriebenen 6.000km-Inspektion bei Kawasaki.

Am Sonntag ist das Wetter super und ich breche früh morgens zu meiner Freundin in Hamburgs Osten auf. Bei einem gemütlichen Frühstück beginnen wir den Tag und tratschen über Frauenthemen.

Ich bin ein bisschen aufgeregt, denn ich habe mich ab mittags mit Bikern aus meinem neuen deutschlandweiten Forum verabredet. Hier versammeln sich Cruiser-Fahrer aller Marken und auch in Norddeutschland sind einige Damen und Herren ansässig. Ich bin zum Kaffeekränzchen bei "Mutti" in Lübeck eingeladen und werde auf dem Weg dorthin noch ein Ehepaar mit einer Indian und einer Kawasaki EN (ich glaube) 500 treffen.

Wenn ich mich heute wieder so unwohl fühle, wie auf der "Hasenjagd", dann werde ich das Gruppencruisen aufgeben und als Lonesome Rider Lucky Luke Konkurrenz machen.

Ich eile über die Autobahn und komme leicht verspätet am Treffpunkt an, wo ich schon erwartet werde. Die beiden sind mir sofort sympathisch. Zum Glück hat Mr. Indian ein Navi dabei, so dass ich mich nicht mit meinem Routenplaner im Handy durch Lübeck schlagen muss. Wir finden "Muttis" Heim direkt und lassen uns zum Kaffee im Garten nieder. Es ist eine entspannte Stimmung. Wir reden über Dit un' Dat, spielen mit dem Hund und tauschen Biker-Geschichten aus. Nach guten 2 Stunden nehmen wir Abschied. Da ich jetzt nach Hause möchte, kann ich fast den ganzen Heimweg mit meinen neuen Bekannten fahren.

Alles ist perfekt. Mr. Indian fährt voraus, die Dame folgt hinter mir und die untergehende Sonne inszeniert eine kitschige Szenerie im leuchtendem Herbstlaub. Trotzdem kann ich mich zunächst nicht richtig entspannen. Ich warte immer darauf, dass irgendetwas Stressiges passiert. Aber so kommt es nicht. Die beiden fahren genau so, wie ich es allein auch tue. Als ich das nach einer Weile begreife, genieße ich Fahrt in vollen Zügen. Am Hamburger Flughafen trennen wir uns. Es dämmert schon und die Abendkälte ist spürbar nah. Nur deshalb biege ich nach Hause ab und begleite die beiden nicht mehr weiter bis in ihre kleine Stadt im Hamburger Speckgürtel.

Hier sind die Gleichgesinnten, nach denen ich mich vor zwei Wochen so sehnte.

Zu Hause angekommen zeigt mein Kilometerzähler 5.998 km an. In zwei Tagen habe ich meinen Termin bei Kawasaki - das passt ja super.

Das Jubiläum feiere ich dann auf dem Weg dorthin im Hamburger Stadtpark. Ich schieße ein Erinnerungsfoto und streichele meiner kleinen wundervollen Vulcan 900 liebevoll über den Tank. 

Die Inspektion verläuft ohne Auffälligkeiten. Ich bin sehr glücklich und vergnügt. Nun weiß ich, dass ich mein tapferes Pony in den neun Wochen unseres Zusammenseins nicht unnötig gequält habe. 

Nachdem am Wochenende die Uhren umgestellt wurden, ist es nun so früh dunkel, dass man wohl abends nicht mehr so viel fahren wird. Die Wintersaison hat also begonnen. Nach den letzten Tagen sehe ich dieser gelassen entgehen. Ich denke, meine kleine Vulcan und ich werden auch in der Kälte so machen schönen Moment erleben. 

Alles andere, als ein Top-Foto, aber die Wiedergabe des Besuchs
bei "Mutti". Holztisch im Garten, Kaffee aus dem Blümchen-
Becher und ein kontaktfreudiger Hund.
Für mich Gemütlichkeit pur.
Kleines Jubiläum - meine brave Vulcan 900


Sonntag, 25. Oktober 2015

Kilometer 5.450 - 5.794 - Von Friesen und Feen

Wir sind im Schimmelreiterland.

Theodor Storm schrieb im Jahre 1888 die Novelle vom Deichgrafen Hauke Haien, die ihren Handlungsort in Nordfriesland hat. Die Geschichte handelt von der Beziehung des Menschen zur Natur. Verschiedene weiße Tiere, der Kater, das Pferd und die Möwe, werden als diabolisches Symbol gedeutet. Auch Hauke Haien, der auf seine Art mit der Natur umgeht und sowohl einen kranken Gaul zu einem wunderschönen Pferd aufpäppelt, als auch einen Hund rettet, der dem Deich als Opfer gegeben werden sollte, wird von der abergläubischen Bevölkerung argwöhnisch betrachtet, am Ende verachtet und gehasst, bis er schließlich auf tragische Weise zusammen mit Frau und Kind zu Tode kommt.

Aberglaube, Argwohn und Gespenstergeschichten sind präsent am heutigen Tage. Während in Hamburg bestes Wetter herrscht, ist es an der Nordsee auch um 13 Uhr noch diesig und wenig hell. Eigentlich hatte ich mir eine sonnige, herbstlich farbenfrohe Motorrad-Tour vorgestellt.

Patrick, mein Helfer vom letzten Wochenende, schließt sich mir morgens spontan an. Mit seiner Vmax ist er für gewöhnlich etwas flotter unterwegs. Außerdem ist er jung und hat Hummeln im Hintern. Ich bin ziemlich sicher, dass es eine zügige Runde werden wird, doch es wird anders kommen. Sind es die friesischen Geister oder die Feen, die uns entführen werden?

Über die Autobahn fahren wir direkt nach Husum und wollen von dort aus dem Wasser bis zur Elbmündung folgen um dann flussaufwärts bis nach Hamburg zu fahren. Doch zunächst einmal nehmen wir ein Frühstück ein und genießen die kleine Stadt am Meer, in der Theodor Storm schrieb und lebte. Bei einem Bummel durch die kleinen Gassen finden wir ein Buch-Antiquariat, das uns magisch anzieht. Wir stöbern durch den kleinen Laden, der übermäßig vollgestopft ist und so wundervoll nach altem Papier riecht. Die Inhaberin ist eine leidenschaftliche Bibliothekarin und ergänzt ihr Sortiment an alten Büchern mit Briefpapier, Feenoblaten, Kaleidoskopen, altem Blechspielzeug und vielem mehr.

Ich lese die Geschichte vom Einhorn, aufgeschrieben von Otfried Preußler mit wunderschönen Illustrationen von Gennadij Spirin. Drei Brüder ziehen los, das Einhorn zu finden und es zu töten, denn es wird sie reich machen. Am Ende findet der dritte Bruder das kostbare Tier, tötet es aber nicht, sondern bleibt zunächst bei ihm im Wald. Als er schließlich zu den Menschen zurück kehrt, ist er alt und weißhaarig und erzählt den Kindern vom Einhorn. Ich denke an die irische Mythologie. Hier ist es die Anderswelt, die Welt der Feen, in der die Menschen scheinbar kurz verweilen und dann als alte Weise in die eigene Welt zurück kehren. Eigentlich ist die Einhorngeschichte nach Preußler auch eine Feengeschichte. Patrick ist Ire, aber er glaubt nicht an Feen. Nicht wirklich jedenfalls. Aber ein bisschen schon, denke ich.

Nach gefühlten Stunden verlassen wir den kleinen Laden und sind beide ganz verzaubert. Hierhin wollen wir noch einmal zurück kommen. Nun wollen wir aber erst einmal ein bisschen Motorrad fahren. Das Wetter ist noch immer düster, aber trocken. Inzwischen ist es Nachmittag und die Dunkelheit lässt sich bereits erahnen. Wie geplant folgen wir der Küstenstraße bis zum Westerhever Leuchtturm. Wir stellen die Bikes am Parkplatz ab und gehen zu Fuß über den Deich durch das Naturschutzgebiet bis zum Leuchtturm. Etwa 20 Minuten dauert der Weg dorthin. Patrick schlendert in aller Ruhe vor sich hin. Seine Hummeln scheinen ausgeflogen zu sein. Zwischendurch fällt uns auf, dass wir schon wieder Zeit vertrödeln anstatt zu fahren. Aber wir sind in der Stille geborgen. Das Meer ist nicht zu sehen, Hochwasser ist für abends um 22 Uhr angekündigt. In der unendlichen Weite fallen unsere Blicke auf Kleinigkeiten. Einzelne rosa Blumen, ein Fußabdruck in einer Pfütze, die Formationen der rastenden Gänse. Zurück bei den Motorrädern, ist die Dämmerung schon weit fortgeschritten. Wir beschließen, ein bisschen Strecke zu machen und in St. Peter-Ording etwas zu essen.

Ich fahre hinter Patrick am Deich entlang. Er ist die Ruhe selbst. Seine Silhouette erinnert mich an die nordfriesischen Sagen. Ein moderner Schimmelreiter im diesigen Sonnenuntergang. Ich brauche unbedingt eine Kamera, mit der ich solche Momente auch während der Fahrt festhalten kann. Wir finden ein sehr schönes Restaurant, das Café Köm. Der Laden ist gut gefüllt, hat eine gemütliche, beheizte Terrasse und tolle Teller zu erschwinglichen Preisen. Erst spät abends brechen wir von dort endlich auf. Die Nordseeroute können wir uns nun sparen. Wir fahren wieder auf die Autobahn und nehmen den langweiligen, doch schnellen Weg nach Hamburg.

Ich komme ziemlich müde zu Hause an. Im Spiegel sehe ich, dass meine Haare etwas weißer geworden sind. Wie lange waren wir eigentlich fort? Wie viel Zeit ist vergangen? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass es ein wundervoller, mystischer Tag war. Bei den Friesen und bei den Feen.

Quelle: Google Maps
Vmax und PJV - erster gemeinsamer Ausflug


Buchhandlung Böhme - Wasserreihe 48 - Husum

















Im Café Köm - St. Peter-Ording