Montag, 14. September 2015

Kilometer 2.047 - 2.365 - Champagnerdusche, Blumen und ein angemessenes Preisgeld

Endlich angekommen! / Enfin arrivée! (Quelle: Google Maps) 

Ich bin angekommen. Sonntag Mittag erreiche ich um 12.17 Uhr mein Ziel und bin dankbar, meine kleine tapfere Vulcan zur dicken Harley in die Garage stellen zu können und mich bei einer halbstündigen Dusche wieder aufzuwärmen.

90 km vor Le Havre stellt mich das Wetter noch einmal ordentlich auf die Probe und schickt heftigen Regen. Ich sitze klappernd auf meinem Motorrad und lasse es einfach laufen. So wie ich auch mein Pferd immer einfach nach Hause traben ließ, wenn wir in ein Unwetter geraten waren.

Nur 10 Minuten vor dem Ziel (was ich gar nicht genau wusste), halte ich noch einmal an, um mich mit einem Tee aufzuwärmen. Doch das hilft kaum. Nach wie vor halten meine Klamotten gut trocken, nur dieser Nebel kriecht in alle Poren und kühlt einen von innen heraus aus. Dagegen kann man kaum etwas machen. 

Es nützt nichts, das Wetter würde sich heute nicht mehr ändern, also springe ich wieder auf's Bike und nehme tatsächlich bereits die übernächste Ausfahrt, um die letzten 11 Kilometer zu fahren. 

Ich wäre eigentlich ganz vergnügt, doch die Kälte lähmt mich so sehr, dass ich kaum Kurven fahren kann. Ich eiere die Autobahnausfahrt herunter, nehme ungelenk so manchen Kreisverkehr und als ich ein Wäldchen mit Serpentinen passieren muss, das mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 50 km/h ausgeschildert ist, schaffe ich gerade mal 30 km/h und schäme mich vor dem Autofahrer hinter mir. Beim Abbiegen auf die Zielgerade, schaffe ich es gerade noch, mein Bike auf in die Einmündung zu drücken und bin froh, als ich endlich das Haus meines französischen Freundes vor mir sehe.

Diese unmittelbare Verbundenheit mit dem Motorrad und der Einfluss der persönlichen Form auf das Fahren beschäftigt mich die ganze Reise lang. Ein kleiner Schwindel in Ermangelung ausreichender Nahrungsaufnahme, oder eine nur bereits aufkommende Müdigkeit lassen mich unverzüglich anhalten und das Problem beheben. Sobald ich nicht mehr 100% fit bin, steigert sich die Unsicherheit beim Fahren und die Angst vor Fahrfehlern. Irgendwo in Holland rolle ich am Samstag Mittag hinter einem LKW her. In eine Spurrille geratend schrecke ich so übertrieben auf, dass ich sofort anhalte um wieder zu Kräften zu kommen. Ich trinke etwas, lutsche Bonbons und lenke mich mit meinem Hörbuch auf dem Handy vom den Autobahngeräuschen ab. Im Gras liegend schlafe ich so fest ein, dass ich beim Aufwachen nicht mehr weiß, wie viel Zeit vergangen sein mag. Am Ende waren es gerade 10 Minuten, doch hiernach springe ich absolut ausgeruht und voller Elan auf meine Vulcan und fahre völlig konzentriert weiter. Das hat sich gelohnt!!
Kleines Schläfchen in Holland / Petit dodo dans la prairie en Hollande

An der belgischen Grenze esse ich Fritten und Salat und trinke einen halben Liter Cola. Ich schaue auf meinen Kilometer-Zähler und sehe, dass ich mein Tagessoll erfüllt habe: 515 Kilometer bin ich nun gefahren. Es ist 15.30 Uhr und ich beschließe, noch ein Stündchen auf der Autobahn zu bleiben und dann ein Hotel zu finden. Wie gut sich das anfühlt - ab jetzt fahre ich freiwillig!

Wie gewohnt ist die Autobahn in Belgien eine Katastrophe. Ich hatte gehofft, dass es hier anders ist, als im östlichen Teil des Landes, den ich schon X-mal mit den Auto befahren musste.
Aber nein, die Asphaltdecke ist schlimm. Am Wegesrand liegen - wie auch im Osten - zahlreiche Überreste geplatzter Reifen und ich frage mich, warum dies hier scheinbar häufiger auftritt, als in Deutschland, Holland und Frankreich. Lieber nicht allzu lange nachdenken! Dass eine Reifenpanne bei einem zweirädrigen Mobil noch eine andere Nummer ist, als bei einem Auto, kann man sich ausreichend ausmalen.

In Antwerpen verfranse ich mich auf dem Antwerpen-Ring. Zuerst muss ich noch lachen, weil mein Vater mich bereits aufgrund eigener Erfahrungen vorwarnte. Also passiere ich 3 kurze Horror-Tunnel, die aufgrund ihres starken Gefälles und der engen Kurve eigentlich Spaß machen könnten, wäre die Asphaltdecke nur nicht voller Spurrillen und Schlaglöcher. 

Am Ende muss ich für diese Qual an einer Mautstation 6 Euro Tunnel-Gebühr bezahlen und beschließe, mir das Gesicht der Blondgelockten zu merken. Sollte ich in einer halben Stunde noch einmal bei ihr bezahlen müssen, weiß ich, dass mit dem Antwerpen-Ring tatsächlich etwas nicht stimmt.

Aber irgendwann fahre ich tatsächlich in Richtung Gent und als ich in dort bin, denke ich, ich schaffe es auch noch nach Frankreich. Und tatsächlich, als ich noch einmal 40 Minuten später über die französische Grenze rolle, kann ich mich nicht beherrschen und jubele lautstark los.

JUHUUUUUU! Yahoooooo ! Woooouuuuuuuuuw! Jaaaahaaaaaaa! Hahahaaaaaaa!

Houlà. ist das befreiend und tut gut. Fast 2 Minuten schreie ich in meinen Helm und würde ich mich trauen, den Lenker loszulassen, würde ich noch die Arme in die Luft werfen, wie die Gewinner der Paris - Dakar! 

Champagnerdusche, Blumen und ein angemessenes Preisgeld sollten nun drin sein!!

YIIIEEEEHAAAAWWW!

Wenn ich schon mal in der Gegend bin, kann ich mir ja mal Lille ansehen. Ich werde mir das beste Hotel am Platz suchen, eine Massage bestellen und Austern essen.

Zunächst einmal bin ich aber in der Rush-Hour gefangen und stehe ernüchtert im Stau. Beim Hotel IBIS Style parke ich - angemessen an meinen neuen Status als Etappensiegerin - direkt vor der Tür und während ich meinen Helm abnehme, fällt mein Blick auf die Preistafel. 

*Seifenblasen platzen über Pollys zerzaustem Kopf*

Also fast 200 Euro pro Nacht. Ich weiß nicht.... Vielleicht finde ich ja noch etwas anderes.... Eigentlich wollte ich ja eh nur gerade mal checken, ob meine Gepäck noch fest verzurrt ist. Helm auf, Motor an, souveräner Abgang.

Gewerbegebiet mit Einkaufzentrum, Hotel F1, Zimmer für 33 Euro - ohne Bad. Duschen und Toiletten sind im Flur. Ist ja eigentlich auch viel Roadtrip-mäßiger.

Roadtrip-Hotel

Sonntag Morgen Aufbruch um 7.00 Uhr. Frühstück nach 60 km im absoluten Nebel an einer Raststätte. Nach weiteren 20 km finde ich in der milchigen Suppe eine Tankstelle. Ich gönne meinem tapferen Pony eine ganze Füllung 98 Octan.

Nebel im Norden / Fait chier le brouillard.....

Erst mal Frühstück zum Aufwärmen / Petit dejeuner pour réchauffer

Meine kleine, treue, immer auf mich wartende Vulcan / Ma petite, fidèle Vulcan m'attend toujours
Die Picardie empfängt mich mit strahlendem Sonnenschein, langen geraden Straßen von super Qualität und frühherbstlicher Natur. Indian Summer in Nordfrankreich.

Meine kleine Vulcan sticht der Hafer und sie läuft vergnügt mit 120 km/h durch die Landschaft. Ich bereue, dass ich keine Fotos schießen kann. So ist das halt auf der Autobahn.

Im Westen sehe ich bereits tiefdunkle Wolken aufziehen. da kommt der Regen, vor dem Frank mich gestern Abend noch via Skype gewarnt hatte.

Lauf Vulcan lauf! So schnell wie du noch nie gelaufen bist! Wir fliegen voran und schießen direkt in eine graue Wand aus tieftrübem Nebel. Bis zum Ziel sollte es auch nicht mehr schön werden.

Zuhause bei Freunden / À la maison chez les copains
Wir lassen die Bikes in der Garage und verbringen den Rest des Tages im warmen Haus. Nach französischer Manier bei einem langen Abendessen mit langen Diskussionen über Bikes und Reisen, die politische Lage Europas, die Jugend von heute und 1000x meiner kleinen, wunderschönen, tapferen und treuen Vulcan 900.
Spricht für sich...  / Sans mots....

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