Sonntag, 27. September 2015

Kilometer 3.661 - 4701 - Homerun

Quelle: Google Maps

Es ist Samstag Morgen, 8.07 Uhr als ich durch das Tor meines Zuhauses in Frankreich rolle. Es geht wieder nach Hamburg. In mein anderes Leben.

Die Sonne ist gerade erst aufgegangen. Ich rolle gen Osten und das Licht reflektiert in meinem Visier meiner Brille und meinen Tränen.

Wie oft habe ich schon Abschied genommen aus der Normandie und wie oft bin ich wieder gekommen. Aber jedes Mal ist es ein Abschied auf unbestimmte Zeit und das ist das Schmerzhafte. Ein Abschied auf unbestimmte Zeit aus dem eigenen so geliebten Leben.

Heute weiß ich noch nicht einmal wie der Tag zu Ende gehen wird. Ich weiß nicht, wo ich heute Abend schlafen werde und was morgen passiert. Eigentlich ist das genau das Roadtrip-Feeling, das ich suchte, als ich aufbrach. Aber nun, auf dem Weg nach Hause, macht es mich wütend und stresst und betrübt. 

Ich gebe meiner kleinen Vulcan die Zügel frei und sie rollt mit 125 - 130 km/h voran. Eigentlich darf ich nur 120 km/h fahren mit meinem Windschutz und den Taschen, aber mir ist das scheißegal. Ich lasse sie laufen und mich gehen.

Es sind viele LKWs unterwegs. Ich überhole einen nach dem anderen. Noch immer ist es ein riesen Kraftaufwand, die Vulcan festzuhalten, wenn sie beim Austritt aus dem Windschatten nach links gedrückt wird. Am Schlimmsten sind Überholvorgänge in Rechtskurven, hier stöhne ich fast vor Anstrengung. Innerhalb der nächsten 12 Stunden werde ich meinen Überholvorgang so optimiert haben, dass ich es leichter habe. Aber noch liegen diese physikalischen Überlegungen und Proben vor mir.

Die Landschaft zieht an mir vorbei. In der hügeligen Picardie liegt Nebel unter den Talbrücken und ich habe das Gefühl, auf Wolken zu schweben, als ich die Somme überquere.

Hinter Lille komme ich nach Belgien. In einer Baustelle verfahre ich mich und halte an einem Rastplatz an, um zu schauen wo ich nun bin. Bei einem Kaffee und einem Sandwich nebst Schokoriegel schaue ich in die Karte und finde den Ort mit Hilfe dreier Franzosen, die mich cool finden, weil ich die konventionelle Navigation bevorzuge anstatt ein GPS-Gerät zu benutzen. Letztendlich bin ich auf dem Weg nach Brüssel und nehme so einen geringfügigen Umweg über die Hauptstadt, anstatt über Gent nach Antwerpen zu fahren. Wie gewohnt ist die Autobahn schlecht und die Autofahrer fahren riskant und ich bin froh als ich endlich das Schild entdecke, auf dem "Niederlande" im Sternenkreis Europas zu lesen ist.

Ich bin nun 7 Stunden unterwegs und habe 536 km geschafft. Ich muss häufiger tanken, weil meine kleine Vulcan bei dem Durchschnittstempo von 120 km/h viel mehr Sprit verbraucht, als auf dem Hinweg, den ich etwas langsamer angegangen war. 6 oder 7 Liter Benzin auf 100 km rechne ich ungefähr aus. Das ist eine Menge - soll doch die Vulcan "nackt", das heißt ohne Touring-Equipment, 4,5 Liter verbrauchen.

Um 15 Uhr halte ich vor Utrecht an um mein tapferes Pony zu füttern. Auch ich nehme einen Joghurt zu mir und trinke einen halben Liter Eistee. Dann lasse ich mich in's Gras fallen und schlafe eine viertel Stunde. Um 16 Uhr springe ich auf mein Motorrad und fahre noch etwas benommen weiter. Zum ersten Mal stecke ich mir Musik in die Ohren. Die Stöpsel verrutschen sofort, als ich meinen Helm aufsetze und so höre ich Imelda May nur festzenweise in aller Ferne von ihrem Big Bad Handsome Man singen.

Ich schaue noch einmal auf meinen Tageszähler. 534 km sind gefahren. Bis nach Hause sind es noch genau 500 km. Wenn ich schnell bin, schaffe ich dies in 7 Stunden. Dann wäre ich um 23 Uhr zu Hause. Ich entwickele eine große Motivation und den unglaublichen Ehrgeiz, heute Abend in Hamburg anzukommen und bei meinen Katzen zu schlafen. Ich werde regelrecht trotzig: Wenn ich schon nicht in Frankreich sein kann, dann will ich wenigstens in meinem eigenen Bett sein. In dem Moment, in dem ich die Entscheidung treffe, weicht der Trotz einer großen Vorfreude. Ich beschließe, niemandem von diesem Plan zu unterrichten, um mich selbst nicht unter Druck zu setzen. Ich selbst übe nun schon genügend Druck auf mich aus.

Selbstbewusst und voller Fitness fahre ich durch Holland. Utrecht, Zwolle, Emmen... Beim nächsten Stop, an dem ich mal dringend Pipi muss, tanke ich wieder. Ich stelle mein Bike vor dem Shop ab und werde von einem lederbejackten Typen eingehend gemustert. Ich gehe hinein und während ich an der Kasse in der Schlange stehe, kommt ein Reisebus aus Deutschland an. Mist, die werden gleich alle auf Klo rennen und ich war noch nicht dort. Die älteren Damen stellen sich im Kreis auf und machen Gymnastik. Die Herren stellen sich im Kreis um meine Vulcan und betrachten diese. Ich zahle, flitze in die Toiletten und als ich wieder hinaus komme und mir von dem 50 Cent-Bon aus dem WC-Automaten einen Schokoriegel kaufe, strömt die Reisegruppe hinein. Ein Glück, gerade noch geschafft.

Ich esse meinen Snickers, ordne meine Klamotten, Helm, Handschuhe und steige auf die Vulcan. Der Lederbejackte diskutiert mit einer Blondine und die älteren Herren stubsen sich an und verfolgen meine Abfahrt mit ihren Blicken. Ich stelle mir vor, wie sie damals, als Jungen, an ihren Motorrädern und Autos gebastelt haben und sich nun daran erinnern, wie sie ihre Bienen aufgerissen haben.

Was hat man eigentlich damals in den 50ern und 60ern zu Mädchen gesagt? Flotte Biene ist, glaube ich, mehr 70er Jahre.

Nun denn, ich bin wieder auf der Straße. Um 18.24 Uhr überquere ich die Landesgrenze nach Deutschland und schieße unter der Wilkommensbrücke hindurch. Ich jubele wieder laut und lange und wundere mich, dass es heute wieder so erleichternd ist. 

Kurz nach der Grenze führt mich die Route wieder auf die Bundesstraßen 402 und 213. In Cloppenburg halte ich an der Tankstelle um mich etwas zu bewegen und über mein Handy zu checken, wie weit es tatsächlich noch ist. 230 km. Es ist 18.52 Uhr. Wenn ich schnell bin, brauche ich noch 3 Stunden. Ich kaufe eine Bifi und einen Schokoriegel. Die Vulcan hat noch Reserven und so will ich keine Zeit verschwenden, sondern fahre weiter.

In Wildeshausen komme ich auf die A1. Hier halte ich dann noch einmal. Inzwischen ist es stockdunkel. Die Dame an der Kasse fragt mich, wohin ich noch möchte und ich sage, dass ich es noch nach Hamburg schaffen muss. Das sei ja nicht mehr weit, antwortet sie fröhlich, doch ich erwähne müde, dass ich schon 900 km auf der Uhr habe.

Hamburg 149 km. Ich hänge mich mit 110 km/h hinter einen Reisebus und lasse die schnellen Autos an mir vorbei preschen. 

In meinem Rückspiegel sehe ich den Schatten meines Normandie-Fähnchens flattern. Die kleine emsige Flagge, die Frank mir bei meiner Abreise an die Packtasche geklemmt hatte. Normalerweise mag ich es gar nicht, mich zu beflaggen. Ich mag auch keine Aufkleber am Auto, die der Welt sagen, wo ich überall war. Doch heute fühle ich mich beschützt von den zwei Leoparden, die hinter mir auf rotem Grund die Stellung halten. Sie waren 600 Jahre lang das Wappen der Normandie und gehen auf Richard Löwenherz zurück, der einer der schillernden Persönlichkeiten des Mittelalters ist. 

Richard Löwenherz war sowohl König von England (1189 - 1199) als auch Herzog der Normandie. Er war bemüht, die immerwährenden Konflikte zwischen den einstigen normannischen Eroberern und den gebürtigen Angelsachsen aufzulösen. Gegen den Widerspruch des normannischen Adels erließ er, dass es keine Unterscheidung mehr zwischen Normannen und Angelsachsen geben solle und es nur noch ein Volk gäbe  - die Engländer.

Ist das so einfach? Wie wäre das heute? Ich bin Europäerin. Ich kann mich überall in Europa frei aufhalten und arbeiten und wohnen wo ich will. Das Gesetz gibt es so vor. Und auch in Krisen ist Europa als Einheit gefragt und alle Oberhäupter treffen sich in Brüssel um gemeinsam zu entscheiden. Das ist sehr schwierig, aber man bemüht sich - schließlich hat man sich irgendwann einmal entschieden, dass alle Europäer sind. So wie da drüben alle Amerikaner sind und damals alle Engländer waren.

Doch wie schwierig es ist, eine Deutsche in Frankreich zu sein, das erlebe ich immer wieder. Vielleicht genauso, wie es schwierig ist, Pole in Deutschland zu sein, oder Kroate in Serbien.

Meine Gedanken laufen immer träger. Die Schmerzen in meinen Beinen werden unerträglich. Hamburg 133 km. Komme ich denn gar nicht mehr voran? Ich zappele auf meinem Sitz, ändere immer wieder die Position, stelle mich manchmal regelrecht auf meine Trittbretter und drücke mich gegen meine Packtasche um den Rücken zu entlasten. Erstaunlich, wie geschickt ich in den letzen Wochen auf meinem Bike geworden bin. Vor zwei Wochen konnte ich nicht einmal den Kollegen zuwinken, nun fahre ich fast stehend und bin enttäuscht, wenn man meinen fröhlichen Gruß nicht erwidert.

Ich sehne ein Schild herbei, dass mir mitteilt, dass es weniger als 99 km bis nach Hause sind. Dann wäre es keine Stunde mehr. Dazu nehme ich mir vor, bei ca 75 km vor Hamburg eine weitere Pause zu machen.

Warum tue ich mir das an? Warum gehe ich immer wieder so schmerzhafte Herausforderungen an? 

Ich überquere die Weser. Früher, vor 13 Jahren, bin ich mit meinem sportlichen Seekajak, einem Kirton Inuk, drei Mal den Wesermarathon gepaddelt. Es gibt einen Start für alle Teilnehmer und drei Distanzen. 53 km, 80km und 135 km. Man kann sich dann aussuchen, an welchem Ziel man aussteigen will und bekommt eine entsprechende Medaille. Je nach Fließgeschwindigkeit der Weser braucht man für 135 km zwischen 10 und 12 Stunden. Immer wenn ich auf das 80 km-Ziel zugepaddelt bin, wusste ich: Wenn ich jetzt nicht aussteige, habe ich noch 5 Stunden vor mir. Niemals habe ich zur Pause angehalten. Wenn ich Essen oder trinken wollte, habe ich Wasser, Bananen und Schokoriegel im Boot zu mir genommen und mich für diese 2 Minuten treiben lassen. Dann habe ich meinen Schlag wieder aufgenommen. Pitsch, patsch, pitsch, patsch..... Das gleichmäßige Schwingen erinnerte mich an die Oper Carmen, die ich dann laut gesungen habe. Meist war ich recht allein auf der Strecke, denn erstens haben fast nie andere Frauen die lange Distanz gemacht und zweitens hatten andere Teilnehmer ein anderes Tempo, so dass sich das verbleibende Feld sehr streckte.

Manchmal hatte ich Wegbegleiter, die für eine Weile meinen Rhythmus hatten. Man trennte sich dann, wenn man essen oder trinken musste, oder wenn die anderen anhielten.

Am Ziel haben mir dann freundliche Männer aus dem Boot geholfen. Mit tauben Beinen und krummem Rücken humpelte ich zur Damen-Umkleide.

Heute bin ich ganz allein auf meinem Motorrad und hatte keinen Begleiter vor oder hinter mir. Ich werde allein zu Hause ankommen. 

Hamburg 88 km. Mein Reisebus ist inzwischen abgebogen und ich folge einem Smart. Ich weiß, dass ungefähr 50 km vor der Stadt die Autobahnkreuze kommen. Und 30 km vorher wirkt der Horizont hell, man sieht mein Hamburg leuchten. Irgendwann ist es soweit. Ich halte auch nicht mehr an. Ich will nur noch ankommen.

Niedersachsen wünscht eine schöne Weiterfahrt und Hamburg heißt die Autobahnreisenden willkommen. Ich kann nicht jubeln. Nur einen flüchtigen Kuss in Richtung des roten Schildes werfen.

Endlich die Elbbrücken! Das Tempo wird auf 60 km/h limitiert, die Auskenner bremsen stark auf 55 km/h herab um sicher zu gehen, dass die Blitzer nicht auslösen.

An der ersten roten Ampel stelle ich mich über mein Motorrad und strecke alle Glieder. 

Noch 10 km durch die Stadt und ich bin zu Hause. Es ist 22 Uhr. Meine kleine Vulcan nimmt in ihrer Garage platz. Ich falle ins Bett.

Erst drei Stunden später schlafe ich wirklich ein. Mein Körper ist erschöpft, aber der Kopf voller Gedanken.

Fazit folgt....

Abreise unter dem Schutz des Löwenherzes
Départ sous la protection de Richard Coeur de Lion
Picknick zu zweit / Pique-nique à deux
Müde... / Fatiguée...
Da habe ich ein Rieseninsekt getroffen...
J'ai cassée un insecte enorme je crois....

Endlich angekommen / Enfin arrivée....


Donnerstag, 24. September 2015

Kilometer 3.330 - 3.615 - Wilhelm der Eroberer

Quelle: Google Maps
Die Nomandie hat zahlreiche Schlachten erlebt. Aber die Normannen haben auch Schlachten außerhalb ihres Landes geführt. Eine davon wird in der Tapisserie von Bayeux erzählt. Ein 70 Meter langer Teppich, der eigentlich kein Teppich ist, sondern die Stickerei von Nonnen im 11. Jahrhundert.

Es geht um die Geschichte Wilhelms, Herzog der Normandie, der den Schurken Harold besiegt und England erobert hat.

Die Ausstellung ist ganz liebevoll gemacht. Der Teppich, der eigentlich mehr ein sehr langes Tuch ist, hängt sanft beleuchtet hinter einem Glas. Der Raum ist ganz dunkel gehalten. Ein Audio-Guide, der in drei Sprachen zur Verfügung steht, erzählt mit passender Musik-Untermalung die Geschichte Wilhelm des Eroberers in 58 Szenen. Es ist ein wenig wie ein altertümlicher Comic und den möchte ich mir selbstverständlich ansehen.

Am Mittwoch Morgen nehme ich mir viel Zeit um nach Bayeux zu fahren. Ich nehme die Küstenstraße und passiere die kleinen Städte der Côte Fleurie. Ich kenne die Gegend recht gut und freue mich, die vertrauten Orte zu besuchen.

Trouville/Deauville ist für Paris ungefähr das, was für die Hamburger Sylt ist. Es ist recht schnell zu erreichen und die wohlhabenden Städter genießen ihre Wochenenden am Meer, bummeln durch die teuren Boutiquen und essen Meeresfrüchte auf dem Marché aux Poissons. Eine Reihe kleiner Fischhändler bietet ihre Waren an. Bei einem Glas Weißwein können Muscheln, Schnecken, Seeigel und zahlreiche Fische frisch zubereitet direkt genossen werden. 

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich ein Hörbuch gehört. "Kein Tag für Jacobsmuscheln", ein Trouville-Krimi von Catherine Simon. Er beschreibt sehr anschaulich das Leben der Einheimischen in der kleinen Stadt. Aber er beschreibt auch, dass Fischgroßhändler die industrielle Fischzucht u.a. in Chile betreiben und die Ware dann in großen Mengen nach Frankreich bringen. Der Marché aux Poissons ist hiernach von einem einzigen Großhändler dominiert und die einzelnen Stände gehören alle dem selben Fischkönig. Kleine Fischer haben kaum Platz am Markt. Obwohl mir das Wasser im Munde zusammen läuft, verzichte ich auf ein Mittagessen. Bei den Gedanken an mein Hörbuch vergeht mir die Lust, mich von dem idyllischen Arrangement blenden zu lassen.

Das mondäne Deauville lasse ich links liegen und folge der Küste in romantischen kurvigen Straßen bis Villers-sur-Mer und dann weiter nach Cabourg. Inzwischen ist es früher Nachmittag und ich beeile mich nun, Bayeux noch rechtzeitig zu erreichen.

Nach dem Museumsbesuch nehme ich die Route National zurück und komme mit einem Koffer voller schöner Eindrücke wieder zu Hause an.

Für die nächsten Tage ist wieder einmal schlechtes Wetter angesagt.

Honfleur
Honfleur
Honfleur
Honfleur
Villerville
Muschelsammlerinnen in Villerville
Villerville, im Hintergrund Le Havre
Das Rathaus von Trouville / Hôtel de Ville à Trouville
Trouville
Fischmarkt in Trouville / Marché aux Poissons Trouville
Trouville
Trouville
Trouville
Selfie Fujifilm Instax
Trouville Fujifilm Instax
Pour toi.... (Fujifilm Instax)
Bayeux
Markierung in Bayeux
Die Kathedrale von Bayeux / La Cathedrale de Bayeux
Die Kathedrale von Bayeux / La Cathedrale de Bayeux
Die Kathedrale von Bayeux / La Cathedrale de Bayeux
Die Tapisserie von Bayeux / La Tapisserie de Bayeux
Die Tapisserie von Bayeux / La Tapisserie de Bayeux
Im Museum / Dans le musée (Bayeux)
Im Museum / Dans le musée (Bayeux)
Im Museum / Dans le musée (Bayeux)
Im Museum / Dans le musée (Bayeux)
Im Museum / Dans le musée (Bayeux)
Zu Hause angekommen / Arrivée à la maison

Dienstag, 22. September 2015

Kilometer 3.132 - 3.330 - Eine von ihnen

Quelle: Google Maps

Am Sonntag Morgen quäle ich mich regelrecht aus dem Bett. Es ist 7.20 Uhr und die Nacht nach einer Geburtstagsfeier war kurz. Anstelle eines Frühstücks ziehe ich mich an, so hübsch es eben geht in Lederhose und T-shirt. Makeup und Frisur müssen sitzen und alle Glücksbringer sind an Bord zu nehmen. 

Um 8.30 Uhr treffen wir uns an der Pont Tancarville mit anderen Bikern um nach Evreux zu fahren. Dort findet heute ein Bikertreffen statt, welches im Wesentlichen von Harley Davidson supported ist.


Ich bin aufgeregt. Was werden die anderen Leute zu einer Anfängerin wie mir sagen? Wie gut kann ich in dieser Gruppe mithalten? 

Meine Erfahrungen mit Sportlern habe ich ja bereits zuvor geschildert. Als ich am Vortag erstmals mit Frank fuhr, zeigte sich, dass ich eigentlich gar nicht so unfit bin, wie ich im Vergleich zu den Schnellen dachte. Ich fuhr genauso wie immer und machte dabei gar nicht viel anders oder schlechter, als er mit seiner großen Harley. Ich fahre ganz normal, eigentlich. So wie man halt fährt als Anfänger mit einem Cruiser. Ich habe nur einen anderen Stil, als die Leute, die einen sportlichen Reifen fahren. Sofort stieg mein Selbstvertrauen und ich fühlte mich viel wohler.

Aber heute geht es in einer Gruppe von 20, 30 Fahrern los. Ich bin recht aufgeregt.

Der erste Treffpunkt ist direkt an der Seine-Brücke. Der Nebel liegt so dick im Tal, dass man kaum 20 Meter weit sehen kann. Wir starten mit etwa 12 Bikes. Ich fahre an zweiter Stelle schräg hinter Frank. Im Rückspiegel sehe ich den Rest der Gruppe im Nebel verschwinden. Leichte Sonnenstrahlen tauchten die Landschaft in ein diffuses wunderschönes Licht.

Am zweiten Treffpunkt nehmen wir noch einmal ca. 13 Bikes auf. Wenn ich nun in den Spiegel schaue, sehe ich eine unendliche Schlange von Motorrädern hinter mir. Schade, dass ich das nicht fotografieren kann. Es ist so wundervoll. Wir rollen über die Landstraße und durch kleine Städte und Dörfer und ich bin endlich Teil dessen, was ich früher immer mit offenem Mund und strahlenden Augen betrachtet hatte. 

In Evreux angekommen stellen wir die Bikes auf einer großen Wiese des Sportgeländes ab. Auf einer Tafel können Pins gesteckt werden, die markieren, woher die Biker kommen. Frank steckt eine rote Nadel in das Holz weit über der Landkarte. Später schreibe ich noch auf ein Zettelchen, dass dort oben Hamburg ist. Nur falls es einen Franzosen interessiert, dass es durchaus Menschen gibt, die in fremde Länder reisen.


Foto von Frank Toutain
Foto von Frank Toutain


Was bin ich vergnügt! Die Sonne strahlt inzwischen mit mir um die Wette. Nur die blanken Bikes funkeln noch stärker. 

Wir bummeln über das Gelände und begrüßen Freunde und Bekannte. Wie üblich gibt es Stände von Händlern und Clubs. Eine Bühne mit Rockmusik, Kaffee, Bier, Fritten und Würstchen.
Ich streife auch durch so manche Reihe der ca 4.000 Motorräder und entdecke noch 3 große Schwestern meiner kleinen Vulcan. Altere Modelle mit 1.600, 1.700 und 2.000 ccm. 

Kleine Vulcan und ihr Kumpel / Petite Vulcan et son copain

Foto von Frank Toutain


Frank schenkt mir eine Glocke, die ich möglichst dicht über dem Asphalt am Motorrad befestigen muss. Ihr Läuten verscheucht die Trolle, die mich auf der Fahrbahn ärgern wollen. Ich suche mir eine Glocke mit einem keltischen Muster aus. Der keltische Knoten symbolisiert auch Unendlichkeit. Unendliche Reisen auf meiner kleinen Vulcan 900 werden nun noch folgen. Wir montieren die Glocke sofort und ich freue mich so sehr. Später falle ich auf dem Heimweg zweimal fast vom Bike, weil ich mich immer wieder vergewissere, dass das Glöckchen noch unter meinem Bremspedal klingelt. Kopfschüttelnd greift Frank in seiner Garage zur Tüte Kabelbinder und sichert das Schmuckstück noch einmal zusätzlich ab.

Die kleine Glocke am Bremspedal soll die Trolle vertreiben /
La petite cloche fait déguerpir les trolls
Der Tag geht fröhlich zu Ende. Für mich war er ruhig, weil ich wenige Leute kenne und beim Fachsimpeln eher passiv teilnehme. 

Auf dem Heimweg sind wir zu zweit. Ich vergesse die Welt um mich herum und würde am liebsten einfach immer weiter fahren. Der Küste folgen, nach Spanien und Portugal reisen und irgendwann wieder zu Hause ankommen. Mit vielen Fotos und noch mehr Eindrücken und Geschichten, die zu erzählen wären.

Aber zunächst einmal geht es doch nach Hause und sehr müde in mein Bett. 

Foto von Frank Toutain

Foto von Frank Toutain

Foto von Frank Toutain

Foto von Frank Toutain

Foto von Frank Toutain
Und hier noch ein Bike, das mich besonders beeindruckt. Jemand hat sich die Mühe gemacht, das gesamte Motorrad mit Bildern und Symbolen meiner Lieblingsband The Doors zu verzieren. Meine erste Tätowierung, die ich mit vor ca 18 Jahren habe stechen lassen, ist eine kleine Eidechse, die ich unter anderem als Hommage an Jim Morrison ausgewählt hatte.