Montag, 31. August 2015

Kilometer 615 - 805 - Ein Fetzen Ritterrüstung

Im Gespräch mit meinem Freund, einem Harley-Biker aus Frankreich, muss ich Hohn und Spott über mich ergehen lassen, weil ich berichte, dass ich es anderen Bikern gleich tat und auf meiner ersten Autobahnfahrt mit meiner Vulcan eine gelbe Neonweste mit Reflektoren angezogen habe. 

"Chez nous, personne ne prend pas une veste jaune, hohohohooooo!" ("Bei uns fährt niemand mit einer gelben Weste, hohohohoooo!")

Ja, chez vous (bei Euch) in der Normandie sind die Verkehrsverhältnisse auch etwas anders als auf der "Deutschen Autobahn". Bei Euch ist nämlich bei 130 km/h Schluss und somit fahren alle ungefähr gleich schnell. Außerdem fahrt Ihr Wikinger fast immer in Gruppen auf den Landstraßen und seid schon dadurch sehr auffällig.

Ich bin verärgert über diese alberne Diskussion!

Aber von vorn:

Es ist Sonntag Mittag. Der Regen ist endlich vorbei und für den Nachmittag ist trockenes Wetter angesagt. Nachdem ich am Vortag 5,5 Stunden Land- und Dorfstraßen-Training absolviert habe, will ich heute auf der Autobahn üben.

Ich nehme die viel genutzte Landstraße und fahre gen Norden. Mein Ziel ist die Stadt Kiel, das ist eine Strecke von ziemlich genau 100 km.

Wie schon am Vortag genieße ich es, das Leben um mich herum wahrzunehmen. In den Gärten wird Rasen gemäht, Männer fächeln Luft in den Grill und ältere Menschen stehen auf den Straßen und unterhalten sich. Kein Radio, kein Fernsehen, keine schlimmen Nachrichten. Ich betrachte wieder einmal nur einen kleinen Moment friedlichen Lebens. 

In Bad Segeberg biege ich falsch ab und lande aus Versehen auf der Autobahn. Gut, da muss ich nun durch. Meine Fahrschulerfahrung diesbezüglich beschränkt sich auf 3 Einheiten Pflichtprogramm. Ich habe auf der flatterigen Fahrschulmaschine 2 LKWs überholt und dabei das Gefühl ertragen, schon bei 115 km/h von den Fahrtwinden nach links und rechts gepeitscht zu werden.

Auf meiner Vulcan sitze ich etwas bequemer und habe aufgrund der Gesamtmasse ein viel solideres Gefühl. Also gebe ich Gas auf ca 110 km/h und fange an zu denken. Großer Fehler!! Was ist, wenn nun alle in der Fahrschule als Risiko genannten Ereignisse auf einmal eintreten? Spurrillen, Schlaglöcher, Bitumen-Flicken, Motorrad schaukelt sich auf, BMW sieht dich nicht und rast in Dich rein, Reifen platzt.....

Eigentlich ist Polly ein sehr sachlicher, sehr analytischer Mensch, der leider kaum Adrenalin ausschüttet, weil vor dem Angstzustand erst einmal gründlich ermittelt wird, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass etwas Schlimmes passiert. Doch hier konnte ich mich den geschulten Horrorszenarien nicht mehr entziehen und nahm genervt die nächste Ausfahrt. 

Außerdem hatte ich Hunger, es war 14.30 Uhr und ich hatte noch nicht einmal Frühstück. Vielleicht liegt es auch daran.

Ich bleibe auf der Bundesstraße und erhole mich wieder. Beschließe, in Kiel etwas zu essen und dann über die A7 zurück zu fahren.
Beim Schifffahrtsmuseum stelle ich mein Motorrad ab. Ein freundlicher Herr schenkt meinem Bike ein paar anerkennende Worte und ich bin stolz wie verrückt. Ich setze mich in ein schönes Café, "Der Alte Mann", genieße die Aussicht auf den Hafen und einen Brathering mit Gemüse. Zum Nachtisch ein Stück Pflaumenkuchen und 2 Becher heiße Schokolade.



Ich denke an meine anstehende Reise nach Frankreich und an das nötige Equipment. Ich plane mein weiteres Training bis Mitte September und stelle fest, dass der Ausdruck "Training" wahrhaftig der Passende ist, für mein sportliches Programm. 

Ich beobachte einen Biker, der seine Intruder neben mir geparkt hatte. Er holt aus seinen Seitenkoffern eine schwarze Motorradjacke mit leuchtend gelben Schultern und Seiten, zieht seine ganze Klamotte an und fährt davon.

Nach der genüsslichen Pause ziehe auch ich meine schwarzen Klamotten wieder an und mache mich motiviert auf den Weg zur Autobahn.

Im Kieler Hafen beim Alten Mann / Dans le port de Kiel 
An einer Ampel kreuzen 3 große Touring-Bikes. Der letzte Fahrer trägt eine leuchtend gelbe Jacke. Ich denke an eine Mitfahrerin von Freitag, die sagte, sie wolle nicht allein den kürzesten Weg über die Autobahn nehmen, weil sie fürchtet, man würde sie im Dunkeln bei Regen übersehen.

Ich halte an der Tankstelle, tanke meine Vulcan voll. Zwei andere Biker starten gerade und tragen gelbe Westen. 

Ich hole meine gelbe Weste raus, die ich eigentlich für nächtliche Überlandfahrten besorgt hatte. Über meine schwarze Jacke gezogen, fühle ich mich sofort viel größer und sichtbarer. Ab auf die Autobahn und losgefahren. Mit 115 km/h hänge ich mich hinter einen Reisebus und verlasse Kiel. "Hamburg 98 km" steht auf dem mir aus meiner Jugend so gut bekannten Schild. Schon damals wollte ich diese Strecke am liebsten mit dem Motorrad zu fahren.

In meiner gelben Ritterrüstung fühle ich mich blendend. Anstatt über Unfallrisiken nachzudenken, überlege ich mir, woran das liegt und versetze mich in die Lage anderer Verkehrsteilnehmer. Immerhin bin ich selbst seit 20 Jahren als Autofahrer unterwegs und muss sagen, dass ich mich über jedes gut beleuchtete Fahrzeug freue. Ich bevorzuge auch Fahrradfahrer, die Reflektoren tragen und Hunde mit Leuchthalsbändern. Denn alles was leuchtet, springt uns in's Auge und wir haben die Chance zu reagieren.

Wir haben sehr viele Unfälle auf den Autobahnen. Das betrifft alle Fahrzeuge. Motorradunfälle gehen leider meistens sehr schlecht aus. Ich vertraue allen Verkehrsteilnehmern, dass sie mir nichts Schlimmes antun wollen. Aber ich muss ihnen auch die Chance geben, mich wahrzunehmen. Das ist in einer Gruppe von Motorrädern einfach, die fallen nun einmal auf, weil sie viele Scheinwerfer, viele Rücklichter und viel Lärm präsentieren. Aber als Einzelfahrer ist das nicht der Fall. Ich trage Verantwortung für meine eigene Fahrweise und mein eigenes Leben und erst wenn ich alles tue, um mich selbst zu schützen, kann ich auf die Leute zeigen, die mich trotzdem nicht respektieren.

Die Zeit auf der Autobahn verfliegt und ich komme nach 98 km und 3 langen Baustellen sehr zufrieden und um Erfahrungen reicher in Hamburg an. Vor lauter Freude fahre ich noch in ein Gewerbegebiet und übe Kreisfahrt, Slalom und Gefahrenbremsungen bevor ich vergnügt nach Hause rolle.

Heute finde ich auf Facebook ein Bild welches von vielen Bikern "geliked" wurde:

"Le respect se donne aux personnes qui le méritent; et non à celles qui le demandent."
"Respekt geht an die Personen, die ihn verdienen; und nicht an die, die ihn verlangen."

"Respekt", denke ich, wenn ich einen Biker in auffälligen Farben sehe, "dem ist es wichtig, ein beachtetes Mitglied im Straßenverkehr zu sein. Und wenn er absteigt seine Jacke auszieht, dann freue mich mich über einen coolen und gesunden Bruder in meiner Bikerfamilie."

Kilometer 189 - 332 - Ein Farbenrausch im wahren Leben

Ich bin zu einer Gruppenfahrt eingeladen. Genauer gesagt wurde die Gruppe eingeladen mit mir zu fahren.

Ein Freund, langjähriger Biker, ist sehr aktiv in der Gruppe MotoBike-Treff für Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Eine offene Gruppe, die sich über die Plattform "Groops" organisiert und regelmäßige Ausfahrten unternimmt. 

Er lud mich zu einer Feierabendrunde am Freitag Abend ein und bot über Groops eine "offizielle" Ausfahrt an.

Am Ende sind wir zu viert. Drei Sportmaschinen und ich mit meiner Vulcan. Frank gibt mir noch den beruhigenden Hinweis, dass es normal sei, wenn sich die Gruppe etwas auseinander zieht, da ich mit meinem Cruiser einfach nicht so schnell um die Kurven komme, wie die anderen Fahrer. Man würde aber in den Ortseinfahrten auf mich warten.

So geht es dann los und ich profitiere sehr von diesen 140 km gemeinsamer Fahrt. 

Ich beobachte die Fahrerin vor mir und aufgrund des etwas größeren Abstandes kann ich an ihrem Bremsverhalten und ihrer Schräglage den Kurvenradius erahnen, und mich darauf einstellen.

Ich könnte jetzt lange erklären, dass die Vulcan durch ihren Radstand, ihre Bodennähe, der tiefliegenden Trittbretter etc nicht in der Lage ist, die Schräglage einzunehmen, die für eine flotte Kurvenfahrt nötig wäre. Stimmt ja auch. Aber ich gebe gern zu, dass ich mangels Erfahrung (5. Tag mit Führerschein!!) einfach noch nicht das Gefühl dafür habe, was eigentlich möglich ist.

So fahre ich zügig in meiner Komfortzone hinter den anderen her und spüre, wie ich mehr und mehr Vertrauen zu mir und zum Bike gewinne.

Ein starker Regenguss treibt uns in das Restaurant einer Tankstelle und wir essen Currywurst mit Pommes. Die anderen sind etwas unglücklich über den Regen, aber ich genieße mein erstes Bikererlebnis in vollen Zügen.

In einer kurzen Regenpause springen wir auf unsere Motorräder und fahren gen Heimat. Der Sonnenuntergang hüllt uns in warme Rottöne und der neu einsetzende Regen schenkt uns einen wundervollen riesengroßen Regenbogen. Fast habe ich das Gefühl, wir fahren genau hindurch. Ich fühle mich durchnässt, aber geborgen in der Natur und ihren erdigen Duft.

Ich denke an mein Pferd und unsere Ausritte durch die Landschaften und freue mich, ganz bei mir zu sein. Meine Vulcan ist definitiv etwas weniger emotional als meine überdrehte Araber-Stute, Aber auch sie ist mit mir verbunden. Ich lebe nur für uns, vergesse den Alltag und die Welt. Kein Telefon, kein Internet. Einfach da sein - im wahren Leben.


Mittwoch, 26. August 2015

Kilometer 79 - Alles nach Anleitung

Meine erste längere Tour sollte immerhin 61 Kilometer lang sein. Ich tuckerte gemütlich durch das Hamburger Umland und hielt Zwiegespräch mit der Vulcan zum Thema Kurventechnik und Chopperphysik.

Zu Hause angekommen leuchtet die Tankanzeige. Gut dann gehe ich morgen mal tanken.

Müde und zufrieden falle ich in's Bett und greife nach der Betriebsanleitung von Kawasaki um etwas darin zu stöbern. So stoße ich auch auf das Kapitel "Kraftstoff" und anlässlich meines Plans für den Folgetag vertiefe ich mich darin.

Aha. Zum Öffnen des Tankdeckels soll man das Sitzbankschloss nach rechts drehen und die Kappe abnehmen. Eigenartige Technik. Gut dass ich das jetzt schon lese, da wäre ich ja an der Esso nie drauf gekommen. Peinlich, da hätte ich mich voll blamiert, wenn ich den Tank nicht aufbekommen hätte.

Das Verschließen ist dagegen einfach. Schlüssel in die Verschlusskappe des Tanks stecken, drehen und verriegeln.

Das probiere ich lieber mal vorher aus.

Gesagt getan. Nach der Arbeit flitze in gleich in die Tiefgarage und nach der großen Wiedersehensfreude mit meiner Vulcan soll die Trockenübung "Tanken" vollzogen werden.

Schlüssel in das Sitzbankschloss, nach rechts drehen und - nichts geht auf. Außer die Sitzbank. Ich begucke also das Bordwerkzeug und verschließe den Sitz. Irgendwie ....... ist das ja auch Quatsch.

Polly ist ja Polly Valente, weil sie mehr Denker als Macher ist und so erschließt sich schon gar nicht das Verständnis dafür, dass sich ein Japaner ausdenken könnte, ein Seil vom Sitzbankschloss durch den Sitz, durch den TANK hin zum Tankdeckel zu ziehen, um diesen dann zu öffnen. Das kann doch nicht logisch sein!!!

Jugend forscht und Polly steckt den Schlüssel auf den Tankdeckel, welcher sich mit einer leichten Drehung nach rechts öffnen lässt.

Gut dass ich mich damit nicht an der Tankstelle blamiert habe!

Und für alle, sie jetzt zweifeln: Das steht da wirklich!!

Montag, 24. August 2015

Kilometer 0 - 11 - Die Aura der Pasithea

Welch' Vergnügen! Direkt nach bestandener Prüfung geht es zum Kawasaki-Händler um die Vulcan abzuholen. Mein lieber Papa begleitet mich und ist schwer beeindruckt vom Umfang des kleinen Cruisers mit Light Tourer Ausstattung. Bei einer 48PS-Maschine hatte er sich irgendwie etwas Kleineres vorgestellt.

Nach kurzer Einweisung zum wirklich simplen Motorrad bin ich nun allein gelassen. Helm auf, Handschuhe an, starten. Schaltung suchen, vorsichtig aus der Einfahrt rollen und los geht's. Auf den ersten Metern grübele ich noch, welche Straßen ich denn nehmen könnte, um mich erst einmal einzugewöhnen. Aber wenn die Vulcan rollt, dann rollt sie bodennah voran und verzeiht auch anfängliche Unsicherheiten beim Kuppeln und Schalten.

Ich fahre nicht, ich gleite durch den Hamburger Stadtverkehr und fühle mich wie die Queen of the Road. Gut, später will sich einmal ein Scooter beim Rechtsabbiegen links an mir vorbei drängeln. Bin ihm wohl nicht schnell genug. Dann überholt er mich eine Ampel später beim zweispurigen Rechtsabbiegen tatsächlich. Aber ganz ehrlich - ich lächle selig in mich hinein und die Vulcan schiebt sich gemächlich durch die nächste Linkskurve.

Ich fühle mich genau so, wie sich die zahlreichen Testberichte lesen. Entspanntes Fahren auf einem amtlichen Bike. Ich falle nicht auf, weil ich das coolste Design habe, oder das most sexiest Outfit. Viel besser:

Neidvolle Blicke verfolgen die Aura der Pasithea, Göttin der Ruhe und Entspannung und Gemahlin des Gottes Hypno.