Dienstag, 29. Dezember 2015

Kawasaki Vulcan 900 - Testergebnisse, die wirklich stimmen

Ich habe meine Kawasaki Vulcan 900 Classic LT gekauft, bevor ich meinen Führerschein gemacht habe. Es war des Tipp meines französischen Franks, der der Meinung war, dass ich mit diesem Bike glücklich werden würde.

Also las ich im Internet alles, was ich über dieses Motorrad finden konnte. "Scheiß auf Testberichte, die stimmen eh alle nicht. Entweder Du kaufst Dir das Bike, mit dem Risiko, dass Ihr doch nicht zusammen passt, oder Du wartest Deinen Führerschein ab und machst Deine Testfahrt selbst." So oder so ähnlich äußerten sich die Auskenner. Ich fing an zu zweifeln. Die Berichte lasen sich doch so gut. Sollte das alles nicht stimmen?

Nun, nachdem ich die letzten paar Wochen der Saison noch ordentlich mitgefahren war, kann ich so manches Fazit bestätigen. Hier sind meine persönlichen Top 8 der treffendsten Aussagen:

"... bei günstigen Motorrädern wie der Honda Shadow 750 oder Kawasaki 900 Classic denkt der unbedarfte Nachbar neidvoll an sechs Richtige mit Zusatzzahl. Weit gefehlt. Für unter 9000 Euro gibt es hier die ganz große Show" (motorrad online 08/2010)

Genau!
Ich habe für meine Light Tourer-Ausstattung noch etwas oben drauf gelegt, aber die große Show ist sicher. Neulich halte ich an der Tankstelle, um mir nach dem sonntäglichen Ausritt eine Nudelsoße zu kaufen. Schaut die junge Kassiererin aus dem Fenster und sagt über den Kopf eines zahlenden Mannes hinweg:"Ist das Ihr Motorrad?" Ich:"Ähm, jaaa!? Damit bin ich doch gerade gekommen. Dann ist das wohl meins!" Leute kommen dazu, stellen sich in die Schlange, glotzen aus dem Fenster. Die Kassiererin wieder:"Ja, ich dachte nur, dass es ja vielleicht auch Ihrem Mann gehören könnte." Ich bezahle meine Nudelsoße und verschwinde. Während ich meinen Helm aufsetze und die Handschuhe anziehe, kommen andere Männer aus dem Shop. Bleiben stehen, begucken meine Vulcan und lachen mit mir über die Junge. Danke für die Show!

"Der kurzhubig ausgelegte Motor läuft weich. Vibrationen sind zwar spürbar, doch tun sie weiter nichts, als den Fahrer daran zu erinnern, einen Verbrennungsmotor zu bewegen. Das passiert wohlwollend und alles andere als nervig." (motorrad online 08/2010)

Genau!
Wenn eine Amerikanerin neben mir gestartet wird, betätige ich noch einmal den Gaszug um sicher zu stellen, dass mein Motor wirklich läuft. Wenn die Amerikanerin an der Ampel neben mir anhält, rüttelt ihr Motor wie eine altertümliche Waschmaschine im Schleudergang bei 800 Umdrehungen. Und ihr Fahrer sieht aus, als säße er auf genau dieser Waschmaschine. Ich dagegen ruhe gemütlich in meinem Sessel. Und nicht nur das: In der Beschreibung meines Lärmpegels zeigen Harley-Davidson, Vmax- und Ninja-Fahrer allesamt die Geste des Staubsaugens. Meine Vulcan 900 gibt keine besonders imposanten Geräusche von sich, eher ein dunkles Schnurren und Gluckern. Klingt vielleicht uncool, nervt aber auch auf längeren Touren nicht.

"Da kann gar keine Hektik aufkommen, denn in den meisten Fällen swingt man bei 3000 und 3500 Umdrehungen über die Landstraße, das sind 80 bis 100 km/h im letzten Gang. Falls bei zügig durchgeführten Überholmanövern doch einmal Eile geboten ist, wirkt der Antrieb nie überfordert. Wenn nötig, dreht der Vau auch 7000 Touren und fühlt sich dabei keinesfalls an, als wolle er explodieren." (motorrad online 08/2010)

Genau!
Wenn ich ganz allein auf der Landstraße rumgroove, dann pendelt sich mein Komfort-Tempo bei 85 km/h ein. Im laufenden Verkehr fahre ich entspannt die erlaubten 100 km/h mit. Auf der Autobahn sollen es gern mal 120 km/h sein. Darüber hinaus habe ich schon immer das Gefühl, ich müsste in den 6. Gang schalten. Das niedrigtourige Dahincruisen macht das Vulcan-Feeling rund.

"Auch absolut Unerfahrene können den 283-Kilo-Brocken sicher lenken." (motorrad online 15/2006) 

Genau!
Ich bin eine Stunde nach Bestehen der Führerscheinprüfung auf meine niegelnagelneue Maschine gestiegen und losgefahren. Das war zwar ungewohnt, weil die Vulcan 900 ein etwas größeres Geschoss ist, als die Fahrschulmaschine, jedoch kam ich in der Stadt sofort klar. Der Vorteil für Anfänger: Die Maschine verleitet ganz und gar nicht zu sportlichem Fahren und bremst etwaige Selbstüberschätzung.

"Die Kawa zirkelt erstaunlich leicht um enge Kurven, einmal in Fahrt ist vom gewaltigen Gewicht kaum noch etwas zu spüren. Dennoch sollte man es nicht übertreiben, weil der Cruiser vorne nur eine einzelne Bremsscheibe hat und nicht über ABS verfügt." (motorrad online 11/2010)

Genau!
Das mit den engen Kurven muss man üben und selbstbewusst angehen. Aber die tiefe Sitzposition und das hohe Gewicht halten die Vulcan 900 auch bei starkem Wind in der Spur und wirken sich somit eher positiv aus. Das Bremssystem ist tatsächlich auf gemütliches und vorausschauendes Fahren ausgelegt und Gefahrenbremsungen sollten nicht extra provoziert werden.

"Leichte Kritik erntet das straffe Fahrwerk. Es bietet zwar Reserven für den Soziusbetrieb, mindert jedoch etwas den Fahrkomfort. Nicht nur optisch macht die VN auf Starrrahmen - das Federbein reagiert unsensibel und gibt Stöße an Fahrer und Sozius weiter." (motorrad online 11/2010)

Genau!
Kopfsteinpflaster und schlechter Asphalt sind eine kleine Qual. Aber ansonsten geht's.

“Floorboards (rather than foot pegs) and a heel-toe shifter are standard. For some riders, a heel-toe shifter may take a little getting used to. Kicking down on the heel shifter increases the gears. Coming from a motorcycle with foot pegs and a toe shifter, I got a little confused at times if I should use my heel or toe. The heel shifter is really just a convenience for those who cannot get their boots under the toe shifter to go up in gears.”(www.womenridersnow.com)

Genau!

Zu Beginn dachte ich noch, es sei bequemer, die Schaltwippe zu nutzen und die Gänge mit der Ferse hoch und den Zehen hinunter zu schalten. Doch diese ständige Vor-und Rückbewegung des Fußes hatte zur Folge, dass ich manchmal ausversehen auf die Schaltwippe geraten bin, was mein Bike mir immer freundlich verzieh. Inzwischen finde ich es bequemer, die Gänge nur noch mit den Zehen zu wechseln und somit meinen Fuß entspannt vorn liegen zu lassen. 

"Kawasaki VN 900: stetig kompromissbereit, problemlos im Zusammenleben, genügsam und relaxend – die optimale Lebensgefährtin für Tagträumer und Menschen, die von der Hektik des Lebens regelrecht »fertig gemacht werden«." (motorrad online 08/2010)

Genau!


Erste Schritte auf der Kawasaki Vulcan 900. Das kann auch ein absoluter Anfänger.
Die Schaltwippe, nice to have aber für mich kein Muss.
Die großen Trittbretter sind jedoch Pflicht in der Cruiser-Ausstattung.
Auch die Sozia hat Freunde am mitfahren.
Auf der Sitzbank ist genügend Platz für zwei Personen und
die Rückenlehne bietet zusätzlichen Halt für einen Tagesausflug.
Nur auf Kopfsteinpflaster und Straßenschäden kann es etwas ungemütlich werden.
Gelassenes cruisen auf einsamen Landstraßen. Wenn man nicht aufpasst,
verliert man das Gefühl für die Geschwindigkeit und findet sich träumend bei 85 km/h wieder.
Doch die Vulcan 900 bietet locker Reserven für einen erfrischenden Spurt
oder einen Überholvorgang auf der Autobahn.
Das elegante Damenfahrzeug wirkt durch seine schöne Linie eher zart.
Der Schein trügt, die Light Tourer-Version bringt fahrfertig amtliche 300 kg auf die Waage...
... und muss sich vor der amerikanischen Kultmarke keineswegs verstecken.
(Hier eine Harley Davidson Electra Glide Standard mit 1500 ccm)

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Adventskalender - 24. Türchen



Le Havre.




*** *** *** 
Ich wünsche Euch ein ganz tolles Weihnachtsfest!
Mögen viele Eurer kleinen Träume in Erfüllung gehen...
Eure Polly
 
*** *** ***
 

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Adventskalender - 23. Türchen


Hamburg. Irgendwo.


Yeah, meine Schwester und ich! Meine große Schwester hat immer auf mich aufgepasst und mich aus so mancher Notlage gerettet. Hier sitzt sie nur Deko. Ich hoffe, dass wir in der nächsten Saison auch gemeinsame Ausflüge machen werden!


Dienstag, 22. Dezember 2015

Adventskalender - 22. Türchen




Mitten im Impressionismus. 20 Jahre nach meiner Abiturprüfung zum Künstler Claude Monet begreife ich endlich, was mein Vortrag eigentlich zu bedeuten hatte. Besser spät als nie!

Und überhaupt lässt mich das Biken an viele Plätze gelangen, die ich "schon immer mal" sehen wollte. Aufsteigen, losfahren und anhalten, wo es schön ist.

Was sind Eure "Da muss ich mal hin"-Plätze?

Montag, 21. Dezember 2015

Adventskalender - 21. Türchen


Paris. Montmartre.


Die Treppen hinauf zum Sacre Coeur. Ich gehe immer ganz rechts und erklimme den Berg Stüfchen für Stüfchen im Schneckentempo. An keinem anderen meiner geliebten Reiseziele wird mir meine Unsportlichkeit so bewusst wie hier. Kaum zu glauben, dass ich einmal mit einem Bergsteiger verheiratet war und mit diesem zusammen ganze Felswände bezwungen habe. Doch oben angekommen genieße ich die berühmte Aussicht auf die Dächer von Paris. Und häufig hat man das Glück, Straßenmusikanten anzutreffen. Dann sitzen Einheimische und Touristen auf den Treppen vor der Basilika und wünschen sich vom irischen Gitarristen Gassenhauer wie "Wonder Wall" und "No woman no cry". Bei meinem letzten Besuch habe ich meinen heißgeliebten, drei Meter langen, von meiner Stiefmutter gestrickten Schal eingebüßt. Irgendein Idiot muss mir sein fettes ekelhaftes Kaugummi in den Nacken gespuckt haben. Das fand ich ziemlich unhöflich an diesem zauberhaften Ort.


Sonntag, 20. Dezember 2015

Adventskalender - 20. Türchen


Hamburg. Flughafen.


In der Fahrschule lernt der strebsame Schüler, dass "Herumfahren ohne besonderen Grund" zwecks Vermeidung der Lärmbelästigung und der Umweltverschmutzung zu unterlassen ist.

Hm.

Schon der Besitz eines entzückenden Cruisers ist doch ein besonderer Grund, oder was sonst?


Samstag, 19. Dezember 2015

Adventskalender - 19. Türchen


Mecklenburg Vorpommern. Schaalsee.


Ich stehe mit ihm in diesem düsteren Wald
Das duftende Moos umhüllt unseren Schmerz
Das Lied das durch die Vögel erschallt 
Erfüllt unser fürchtendes Herz.

Leise streichle ich seine Haut
Die trocken ist, brüchig und hart
Der Blick, der weit in die Tiefe schaut
Erwartet die Todesfahrt

Die Geister umschlingen uns rasselnd und schön
Sie wiegen und tanzen das Lied
Für den den sie hier leiden sehen
Der erschöpft vor dem Leben flieht

Der Sterbende gibt sich dem Geistertanz hin
Das krümmende Leiden verweht
Im Sturme des Taktes und endlos bin
Ich gefesselt bevor der Zauber vergeht.
(PV im Feb. 1995)


Freitag, 18. Dezember 2015

Adventskalender - 18. Türchen



Villerville. Blick auf Le bout du monde.


Ach was ist ist sie schön die Normandie. Ich kann verstehen, warum sich die Impressionisten hier versammelten und in diesem wundervollen Licht ganze Orgien feierten. 

Vom 16. April bis 26. September 2016 findet das Festival Normandie Impressionniste  mit dem Schwerpunkt  "Portraits Impressionnistes" statt. Ich werde sicherlich einige Veranstaltungen besuchen. Wer kommt mit?


Mittwoch, 16. Dezember 2015

Adventskalender - 16. Türchen


Paris. Bastille.



Regarde le ciel - Schaue in den Himmel

Als ich im Juni dieses Foto schoss, habe sehr geschmunzelt. Die Pariser haben den Ruf, aufgrund ihres Hundekotproblems in der Lage zu sein, trotz vornehm erhobenen Hauptes, stets den Trottoir im Auge zu behalten, damit das Glück ihnen nicht haufenweise vor die Füße fällt.

Heute vermittelt mir das Bild eine andere Stimmung. Wenn man genau hier den Kopf hebt und etwas nach rechts schaut, sieht man das Bataclan. Jenen Veranstaltungsort, an dem am 13. November dieses Jahres so viele Menschen gestorben sind.

Regarde le ciel.


Dienstag, 15. Dezember 2015

Adventskalender - 15. Türchen





Ich kann nicht ohne. Auf jeder Tour halte ich irgendwo an und esse Kuchen. Aber sieht es nicht verlockend aus? Ich war schon immer ein sehr aktives, hungriges Kind. Mein Belohnungssysthem funktioniert so einwandfrei, dass man mich super mit Leckerlies konditionieren kann. So war es mir als Fünfjährige einen Negerkuss (damals hießen die noch so) mit Kokosraspeln wert, einen Sprung vom Einer zu wagen. Und für ein dänisches Hotdog habe ich mich glatt danach noch vom Dreier getraut. Nur zum Zahnarzt mochte ich nie. Da konnte mich auch kein Mandelhörnchen locken. Einmal waren wir bei entfernten Verwandten zum Kaffeekränzchen auf dem Lande eingeladen. Es gab wunderbare Torten - so himmlisch! Der vornehme Garten hatte ein Labyrinth aus Hecken und ich vertrieb mir die Zeit damit, zwischen Ihnen Räder zu schlagen. Immer wenn ich am Kaffeetisch vorbei kam, nahm ich ein Stück der Köstlichkeiten zu mir und setze meine Turnübungen fort. Der Nachmittag endete damit, dass ich den ganzen Garten vollkotzte, was meine Mutter sehr peinlich fand. Ich fand es nur schade um den Kuchen.


Montag, 14. Dezember 2015

Sonntag, 13. Dezember 2015

Kilometer 7.083 - 7245 - Oh, Du Fröhliche

Ich werde häufig ironisch belächelt diese Tage. Immer dann, wenn ich fröhlich verkünde, dass ich schon richtig in Weihnachtsstimmung bin. Und tatsächlich erinnere ich mich auch an viele Jahre, in denen ich den ganzen Zirkus eher von außen betrachtet habe. Als ich gestern Abend im strömenden Regen auf der B234 gen Hamburg fuhr, überlegte ich sogar einige Minuten angestrengt, wie es vor einem Jahr für mich war und nur nach intensivem Nachdenken fiel mir ein, dass ich kurz vor den Feiertagen durch das völlig überfüllte Paris gehektelt war, weil ich dort gerade beruflich zu tun hatte.

In diesem Jahr genieße ich die Vorweihnachtszeit total. Und so breche ich am Samstag sehr vergnügt mit meiner Vulcan in Richtung Lübeck auf. Leute von der Cruiser Lounge treffen sich an diesem Wochenende zum Weihnachtsmarktbesuch. Am Vormittag überlege ich noch, ob ich aufgrund der Wettervorhersage das Motorrad ausführe oder lieber den Zug nehme. Doch als dann gegen Mittag die Sonne scheint, packe ich meine Klamotten zusammen und schwinge mich auf's Bike. Am Ende siegt immer der Spaß am Fahren und meine nordische Wetterfestigkeit. Mein ganzes Leben lang bin ich mit meinen Pferden bei Wind und Wetter unterwegs gewesen, irgendwie steckt das noch immer in mir.

Da ich aber auch gemütlich durch die Lübecker Altstadt bummeln möchte und nicht steif in meiner Protektorenjacke nebst dicken Stiefeln zwischen den Menschenmassen stecken bleiben mag, rüste ich mich ordentlich aus. Ich wähle ein warmes Wollkleid nebst dicker Strumpfhose und stecke meinen Wintermantel und lauffreudige Stiefelchen in die Packtaschen. Einen Windstopper-Pulli und meine Motorradklamotten ziehe ich über das Kleid und hebe das Röckchen hoch genug, dass es beim Fahren unter der Jacke trocken bleibt.

Und tatsächlich gerate ich auf der Landstraße immer wieder in kleinere und größere Regenschauer. Doch gut, wer sich Mitte Dezember auf unserem Breitengrad auf dem Zweirad bewegt, sollte mit allem rechnen. Es ist sogar recht viel Verkehr und immer wieder kommen mir Autos entgegen, auf deren Dächern kleinere bis sehr große Weihnachtsbäume festgebunden sind. Ich stelle mir die Geschichten dieser Familien vor. Sind es gestresste Ehemänner, die geschickt wurden, einen Baum zu besorgen und nun hoffen, dass sie die Dame des Hauses nicht enttäuschen? Oder sind es Paare, die zum ersten Mal gemeinsam Weihnachten feiern und den Baum der Liebe gewählt haben? Oder sind es alleinstehende Alte, die nach dem Tod ihres Partners die Rituale weiter führen und sich freuen, wenn die Kinder zu Besuch kommen und die Päckchen bestaunen? Ich denke, dass diese Rituale nach den schlechten Ereignisse der letzten Wochen und Monate besonders schön werden, wenn man in der Lage ist, ihren Wert zu erkennen und zu lieben. Manchmal habe ich den Eindruck, es gehöre zum guten Ton, Weihnachten stressig und nervig zu finden. Die Teilnahme an Weihnachtsfeiern wird vom Pflichtgefühl bestimmt und die Suche nach außergewöhnlichen Geschenken scheitert daran, dass man sich vielleicht zu wenig Zeit genommen hat, den zu Beschenkenden in den letzten Wochen zu sehen. Ich fühle mich zur Zeit regelrecht angezogen vom Weihnachtsgedanken.

In Lübeck angekommen, lasse ich Hose, Jacke und Pulli in den Packtaschen, wechsle noch die Schuhe und bin bereit für einen entspannten Spaziergang. Ich habe immer genügend Schlösser an Bord, die meine Taschen und meinen Helm vor Dieben schützen. Im Café trinke ich einen Tee und schlendere anschließend schon einmal allein durch die Altstadt. In den Einkaufsstraßen herrscht ein wildes Gewimmel. Hier ist tatsächlich eine wahnsinnige Hektik zu beobachten. Kinder und Männer werden eilig durch die Läden gezogen. Autos stehen vor den Parkhäusern Schlange und hupen nervös, wenn Fahrer mit auswärtigen Kennzeichen suchend die Fahrstreifen wechseln.

Auf den Weihnachtsmärkten ist sofort eine andere Energie spürbar. Es ist so unglaublich voll, dass ich mich wider meiner sonstigen Neigung einfach durch die Gassen schieben lasse. Ich tue so, als gehöre ich dazu und plötzlich fühlt es sich auch so an. Ich genieße den Duft nach Mutzen und Zimt, nach verdampfendem Rum und Bratwurst vom Grill. Touristen prosten sich mit Glühwein-Bechern zu und feiern ihr Beisammensein. Weihnachten feiern. Das Zwischenmenschliche feiern. Ich kenne einen Mann in Mali, der in Frankreich studiert hat. Natürlich ist er nach muslimischem Glauben erzogen und in seinem Hausbüro sah ich einen Gebetsteppich liegen, der nicht wirkte, als sei er eingestaubt. Letzten Winter berichtete er, dass auch er mit seinen Töchtern Weihnachten feiert, denn dieses Ritual sei auch Teil seines Lebens. Er möchte seine Kinder, die ebenso international aufwachsen, wie er selbst es tat, mit den Ritualen vertraut machen und diese Feste pflegen, da sie die Gemeinschaft stärken. Er sagt, dass wir ja alle an "irgendetwas" glauben, auch wenn wir es manchmal nicht definieren können. Es gibt Menschen, die mit der Kirche nichts am Hut haben, denen aber Weihnachten ein wichtiges Fest ist, da dann die Familie zusammen kommt. Warum sollte ihnen die Tradition verboten werden? Es gibt auch Gläubige, die Kinder vergewaltigen und Flüchtlingshäuser abbrennen. Warum haben die das Recht, die Nächstenliebe zu feiern? Und es gibt eben auch muslimische Westafrikaner, die für den Frieden kämpfen und deshalb Weihnachten feiern, weil Glaube, Liebe und Hoffnung genau die Werte sind, die sie leben und vermitteln wollen. Ich finde das so außergewöhnlich, dass ich immer wieder darüber nachdenke. Wie es wohl wäre, wenn jeder so denke. Ich ertappe mich dabei, die Nase zu rümpfen, wenn ich beim muslimischen Kurban Bayramı ein Opferschaf töten müsste. Aber das gehöre dann wohl auch dazu. Ich persönlich feiere die beiden keltischen Feste Samhain (31.10.) und Beltane (30.04.). Und Weihnachten.

Wie immer bin ich zu früh am vereinbarten Treffpunkt und warte 10 Minuten auf die Anderen. Mutti und seine Frau habe ich ja inzwischen mehrmals gesehen und wirklich gern. Den Piraten mag ich auch. In ihrem Schlepptau haben sie zahlreiche Menschen, die ich schon von Fotos kenne. Kennt ihr das angenehme Gefühl, wenn man inmitten Fremder ist, aber nicht reden muss, weil man über die Small-Talk-Phase längst hinaus ist, obwohl man noch nie ein Wort gewechselt hat? Ich mag das.

Wir bummeln herum und ich fühle mich in der sorglosen Stimmung geborgen. Auf dem Märchenwald Weihnachtsmarkt werden alle bekannten Märchen in keinen Schauwagen gezeigt. Die Puppen sind mindestens so alt wie die Märchen. Mein Lieblingsmärchen ist Der Fischer un sin Fru. Passt zu Weihnachten. Auch der Mittelaltermarkt ist schön gemacht. Es werden allerlei nützliche und nutzlose Dinge feilgeboten und es duftet nach Hefebrot und Ofenfeuer. Als wir alle Sehenswürdigkeiten genossen haben, fällt die Mehrheit auf den Vorschlag, bei Mutti den Abend ausklingen zu lassen. Ich weiß, dass ich dort nicht mehr wegkommen würde, wenn ich mich erst einmal mit einem Becher Tee niederließe. Dabei hatte ich mir für Sonntag Hausarrest erteilt, weil ich mich dringend um meinen Haushalt kümmern muss und auch noch zahlreiche Weihnachtsbasteleien erledigen möchte. Also winke ich dem Großraumtaxi hinterher, bummele alle Märkte noch einmal in umgekehrter Reihenfolge ab und entdecke begeistert, dass sowohl meine PJV, als auch meine ganzen Klamotten noch unangetastet an Ort und stelle sind. Ich plünne mich an, drehe eine Ehrenrunde in der Altstadt und weil um 21 Uhr alles so schön und friedlich erscheint, beschließe ich, die Landstraße nach Hause zu nehmen und nicht über die A1 zu fahren. Bestraft werden die, die sich von Lichterketten-Romantik blenden lassen. Kaum raus aus Lübeck regnet es junge Hunde und dieses Mal blenden mich die boshaften Scheinwerfer entgegenkommender Autos. Ich schleiche mit 80km/h durch die Provinz und hoffe, dass auch das Schwarzwild unter den schützenden Kiefern wartet anstatt sich auf der Piste blicken zu lassen. Eine Gefahrenbremsung möchte ich jetzt ungern üben. Zum Glück kenne ich die Strecke so gut, dass ich mich von Dorf zu Dorf hangele und bald in Norderstedt ankomme. Nun ist es nicht mehr weit.

Nach einer heißen Dusche öffne ich meinen Computer um meine Fotos zu überfliegen. Im Forum der Cruiser Lounge finde ich kleine Kommentare zum Weihnachtsmarktbesuch. Einer schreibt: @Polly...gute Heimfahrt. Schöne warme Badewanne ist dann wohl das Richtige!
Schön zu wissen, dass ich nicht allein im Unwetter war.



BuchWALDDruck
Die kleine Druckerei, die ich bei meinem letzten Besuch in Lübeck entdeckt hatte




































Ein Beweisfoto: Polly im Gedränge (das ist selten zu sehen)