Mittwoch, 31. Januar 2018

Biking & Hiking - Epilog: Polly macht Pause

Wieder zu zweit
Dauergefährte O. und ich verbringen noch 3 schöne Tage im Harz. Ich, die seit vorletzter Woche 3,5 Tausend Kilometer auf dem Buckel hat, bin gar nicht so motorradgeil wie er, der gerade von Zuhause kommt. So unternehmen wir auch andere spaßige Dinge, wie die Besichtigung eines Bergwerkes und des NABU-Hauses, sowie einige fröhliche Abfahrten auf der Sommerrodelbahn. O., der mir bei meinen Berichten gern zuhört, selbst aber ausgesprochen sparsam in die spirituelle Gedankenwelt eintaucht, holt mich in das Leben zurück, das mich auch nach dem Urlaub wieder erwartet. Sach- und Tagesthemen nehmen viel Raum ein. Dazu Menschen, die erwarten, dass man so ist, wie sie einen brauchen. Pausen nehme ich mir immer wieder. Und weil sich Spätsommer und Herbst von ihrer regnerischen Seite zeigen, habe ich nicht mehr viele Möglichkeiten, Reisen mit meinem tapferen Pony zu unternehmen. Dafür gehe ich zu Fuß. Ich wandere einige Etappen auf dem Heidschnuckenweg und quäle mich über eine Teilstrecke des Jakobswegs Via Baltica, der von Usedom bis Bremen auch über Lübeck und Hamburg verläuft. Leider spielt mein maroder Rücken nicht so richtig mit und als ich mir zur Wintersaison ein Fahrrad kaufe, steht für mich fest: Nächsten Sommer werde ich noch einmal Pilgern. Dieses Mal richtig und mit allem Drum und Dran. Mit dem Fahrrad. In Spanien. Auf dem Jakobsweg Camino Francés. Von Biarritz bis nach Santiago de Compostela. Der Gedanke, lässt mich ein bisschen wehmütig werden, denn mein Motorrad muss einmal zu Hause bleiben. Doch der Weg ruft mich und ich werde ihm folgen.




Ein Abschied ist immer ein Neuanfang.
Und anstatt nostalgisch zurück zu blicken, schaue ich neugierig auf das, was kommt.
Spätherbst in der Lüneburger Heide


Uff....

Aus meinem witzigen Bikerinnen-Tagebuch ist ein philosophischer Reisebericht meines Lebens geworden. Das Motorradfahren hat mich in vielerlei Hinsicht zu mir zurückgeführt und ich liebe jeden Tag, den ich mit meinem tapferen Pony verbringe. Dabei hat sich das Schreiben zu sehr viel Nachdenklichkeit und Pollysophie verändert, weil ich heute außer witzig auch noch sehr glücklich bin. Und vor diesem Glück zeige ich eine tiefe Demut, denn bis vor gut 5 Jahren dachte ich noch, dass dieser Zustand in meinem Leben nicht vorgesehen ist.

Neulich sagte mein Freund PS, der mich seit 30 Jahren begleitet, zu mir:"Wenn ich anderen Menschen von Dir erzähle, dann sage ich denen, dass Du der fröhlichste Mensch bist, den ich kenne.“ Das Irre dabei ist auch, dass ich nicht aufgesetzt fröhlich bin, sondern die Freude aus meinem tiefsten Inneren empfinde.

Das Schreiben ist definitiv ein Teil dieses Glücks. „Warum dann Pause?“ fragt sich nun der Leser. Nun ja, was ich lernte ist, dass ich nur noch machen möchte, was mir Spaß macht. Und das setze ich konsequent um. Dazu gehört auch der Ansporn, die eigene Latte immer wieder etwas höher zu legen. Also werde ich mich auch in der Schreiberei noch einmal neu sortieren. Technisch gesehen gefällt mich die Arbeit auf Blogger nicht mehr so gut. Es ist einfach ziemlich mühsam, Texte und Bilder einigermaßen ordentlich anzuordnen. Es bleibt immer ein wenig dem Zufall überlassen, wie sich das Layout am Ende darstellt und das nervt mich kolossal! Hier möchte ich mal schauen, was es noch so gibt. Und dann möchte ich mich auch stilistisch noch einmal weiter entwickeln. Keine Sorge – ich werde keine psychedelischen Gedichte veröffentlichen. Viel mehr arbeite ich in Richtung Buch oder Ähnliches.

Wie Ihr wisst, habe ich in diesem Jahr noch eine tolle Reise vor und von dieser werde ich Euch natürlich erzählen. Bis dahin widme ich mich einigen beruflichen Themen, dem Musizieren, dem Radtraining und im sonnigen Frühjahr auch wieder dem Motorradwandern. 

Wir sehen uns im Sommer!

Sonntag, 28. Januar 2018

Biking & Hiking - 9. Kapitel: Der Ausklang

Zeit, Abschied zu nehmen
Ich lasse die Reise beim Wikinger gemütlich ausklingen. Natürlich kann ich nicht in der Normandie gewesen sein, ohne meinen Lieblingsfelsen in Étretat zu besuchen und so fahre ich noch einmal die schnellen 30 km ans Meer. Von allem Gepäck befreit trabt das tapfere Pony munter voran und ich nähre mich an der warmen Sonne. Früher konnte ich Hitze eher nicht so gut vertragen, aber inzwischen gehe ich im Sonnenbad auf wie ein Reptil nach der Winterstarre. Vielleicht liegt es am Alter und mit knapp über 40 fängt das arthritische Skelett an zu mosern, wenn im diesigen Hamburger Schmuddelwetter die Temperaturen fallen. Heute fühle ich mich jedoch pudelwohl und nach Ausübung meines üblichen Parkplatzrituals erklimme ich in leichter Klamotte den Wanderweg um auf dem Plateau mein Picknick einzunehmen. Eine freche Möwe bettelt aggressiv, doch als alte Hamburgerin weiß ich, wie ich mein Fischbrötchen zu verteidigen habe und halte mir das Vieh vom Leib. Nicht ohne dem Poser noch ein paar Fotos abzujagen.


Eine lange Wanderung soll die letzte für diese Reise sein und ich genieße sie oberhalb des Meeres in vollen Zügen. Zurück im Dorf kaufe ich mir noch einige Leckereien beim Bäcker und als ich an der Promenade genüsslich in mein Beignet beiße, flattert es um meinen Kopf herum und schon bin ich das Schmalzgebäck los. Nun haben die Biester mich doch noch überlistet! Ich beobachte einen der großen Vögel, wie er auf der Mauer eines Restaurants auf und ab geht und nach Pommes Frites giert, die die Gäste ihm durch die Glaswand zustecken. Irgendwie beschämend. Fett- und zuckersüchtige Opfer menschlicher Dummheit. Wie die Kojoten in Kalifornien, die an der Straße abhängen und warten, dass die Nationalparkbesucher ihnen Reste ihres Big Mac Menüs zuwerfen. Dabei ist ein schöner Hering doch so lecker!
Fisch des Tages

Langsam kehre ich nach Hause zurück und verbringe einen letzten Abend mit meinen Freunden. Um 7 Uhr morgens winke ich Au Revoir und mache mich auf die lange Fahrt über Belgien nach Hannoversch Münden im Weserbergland. Die Fahrt ist unspektakulär, meist sonnig und vor allem lang. Nach 830 Kilometern auf der Autobahn falle ich am Abend in ein wundervolles Hotelbett und schlafe wie ein Stein. Als ich zum Frühstück in das benachbarte Café gehe, sehe ich, dass hier eine alte Kirche umgebaut wurde. In dem Gotteshaus herrscht eine liebevolle Gemütlichkeit und ein lebhaftes Treiben. Ich trinke einen Kaffee nach dem anderen bis ich mich um 12 Uhr auf mein tapferes Pony schwinge und zum Kloster Bursfelde fahre. Hier ist vor einem Jahr die Pilgeridee geboren worden und hier werde ich heute nach meiner kleinen Schnupperpilgerfahrt ankommen. Während ich in der Kirche auf meinen Pilgergefährten warte, ziehe ich Fazit. 

Da ich mich nicht zum christlichen Glauben hingezogen fühle, waren mir die strengen Pilger mit ihrem Auftrag Buße zu tun immer suspekt. Ich sehe nicht ein, dass wir leiden sollen, damit wir belohnt werden. In meiner Welt sollte der belohnt werden, der auf sich und sein Glück Acht gibt und auch anderen Menschen Fürsorge und Glück schenkt. Schmerz kann uns eine Lehre sein, darf aber nicht zur Bedingung werden. Leid kann uns widerfahren, hat aber den gleichen Wert wie Freude – nämlich als etwas, das uns antreibt, unser Dasein zu gestalten. 

Auf dieser kleinen Reise, auf der ich dann und wann den Jakobsweg kreuzte, an magischen Plätzen verweilte und mit Gleichgesinnten Momente und Stunden verbrachte, verstand ich, dass auch ich ein Pilger bin. Vielleicht nicht im katholischen Sinne, doch im Geiste. Denn ich bin offen für Menschen, für Religionen und Spiritualität, für das Alleinsein und für Geselligkeit. Ich bin offen für mich selbst, dafür, mich mir selbst zu stellen und mich selbst auszuhalten, mir selbst genug zu sein. 

Als ich das metallische Klicken eines Wanderstockes auf dem Kirchenboten vernehme, schließt sich der Kreis. Auch Dauergefährte O. mit dem ich vor einem Jahr hier im Geiste losmarschiert bin, findet sich an unserem Ort ein. Er ist mit dem Motorrad von zu Hause gekommen, um mich abzuholen. Das tut er tatsächlich – vor allem emotional. Wir sind halt Gefährten. Auch wenn einer fehlt. Am Ende trifft man sich auf dem gemeinsamen Weg.


Sonntag, 21. Januar 2018

Biking & Hiking - 8. Kapitel: Merlin-Tourismus

In meiner frühen Jugend entdeckte ich Jim Morrison als meinen allzu vergötterten Held. Am Ende des Tages hat er mich tatsächlich sehr auf meinem Lebensweg geprägt, denn er veranlasste mich zu einer Beschäftigung mit Schamanismus und Keltentum, die ich so vertiefte, dass mein Glaube sich daraus formte. Eines Tages sollte der Schamanismus mir einmal sehr hilfreich sein. Sehr. Als ich jedenfalls mit 17 Jahren das erste Mal mit meiner Freundin nach Paris flog, stand neben dem üblichen Sightseeing auch ein Besuch an Morrisons Grab auf dem Programm. Ernüchtert stellte ich fest, dass die von angeblichen Fans verwüstete Ruhestätte mir so gar nichts gab. Die Nähe, die ich zu dem hochgewachsenen Lederhosenträger in der Auseinandersetzung mit Büchern, Songs und Religion spürte, war an diesem Ort gleich Null. 

Abreise aus L'Orient
Als ich am Morgen meine Taschen packe und das Hotel f1 in L’Orient verlasse, liegt diese Erfahrung noch tief in den hinteren Sphären meines Gedächtnisses. Später wird mir wahrlich ein Licht aufgehen. Voller Neugier und Tatendrang rolle nun erst einmal ich in Richtung La Foret de Brocéliande. Ein sagenumwobener Wald in der Bretagne, in dem sich allerlei Orte befinden, die etwas mit Merlin, Morgane und Viviane zu tun haben. Merlins Grab, der Feenspiegel und das Tal ohne Wiederkehr sind nur einige der keltischen Plätze, die ich besuchen möchte.

Der Wikinger hatte mir den Tipp gegeben, in das Dorf Paimpont zu fahren, das der Ausgangspunkt für meine Tageswanderung sein soll. Dorthin fahre ich über lange schnurgerade Straßen durch dichte Wälder. Es duftet nach Laub und Nadeln und ich freue mich auf eine Wanderung auf Moos und unter Bäumen. Ich erreiche das Dorf gegen 10 Uhr und vollziehe das immer gleiche Ritual. Motorrad-Klamotten aus, kurze Hose an. Alles Überflüssige in die Packtaschen, Taschen wieder festschnallen und am Motorrad anschließen. Es dauert immer eine Weile bis ich startklar bin. Endlich öffne ich die Tür zur Tourist-Information und lasse mir einen Übersichtsplan geben. Dabei erklärt mir ein Guide, dass all die sehenswerten Orte ca 15 Kilometer auseinander liegen und es sich empfiehlt, mit dem Auto die jeweiligen Parkplätze anzufahren und von dort aus kürzere Strecken zu wandern. Ich bin entsetzt. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Er meint, ich könnte mit dem Wanderweg um den See herum beginnen. Der würde ungefähr 2 Stunden dauern und man hätte eine tolle Aussicht auf Wasser und Kloster. Ich beschließe, damit zu beginnen und mir während des Spaziergangs einen Plan zu überlegen. Kurz bin ich versucht, das An- und Ausgeplünne sein zu lassen und einfach in kurzer Jeans zur nächsten Sehenswürdigkeit zu fahren. Doch ich habe zu viel Angst, dass ich ausgerechnet dann einem Hasen ausweichen muss, mit der ABS-losen PJV ins Schleudern gerade und mir die Haut auf dem Asphalt aufreiße. Ich könnte auch in Lederhose wandern. Doch das macht mit Protektoren in den Knien nur für kurze Wege Spaß, nicht aber mehrere Kilometer. In Gedanken laufe ich einen Parkweg entlang und komme dann im Wald auf einen Holzsteg, der den Besucher trockenen Fußes über sumpfige Stellen bringen soll. Ab und zu sehe ich Metallskulpturen am Wegesrand oder Holztafeln mit Psychosprüchen auf Französisch. Mehr und mehr empfinde ich die Szenerie als Inszenierung. Bereits nach einer guten Stunde erreiche ich wieder die Dorfstraße und trete in einen der Souvenirläden ein, der haufenweise Elfenfiguren, Keltenschmuck, Räucherstäbchen und Tarotkarten feilbietet. Voller Vorsicht stelle ich meinen Rucksack neben der Kasse ab und trotzdem passiert es mir, dass ich mit meinem Wanderstock eine Kiste Edelsteine aus dem Regal schubste. Als ich mich umdrehe, um das Malheur zu beheben, bleibt mein Gefährte erneut im Regal hängen und reißt eine Art Elbenwams mit langer Kapuze zu Boden. Je suis désolé murmele ich und ergreife die Flucht aus dem Souvenirladen, der in dieser Art überall auf der Welt zu finden ist. Ich finde mein Motorrad unbeschadet inmitten einer tobenden Schulklasse. Mein Gefühl zu diesem Ort ist Nichts. Nun bin ich so weit gepilgert und in dem Wald, der einige heilige Stätten beherbergt, empfinde ich nichts. Nicht einmal mehr die Lust, 15 Kilometer zu fahren, um Merlins Grab zu sehen. Ich erinnere mich an Herrn Morrison. Liebe und Glaube hat nichts mit körperlicher Nähe zu tun. Sondern damit, dass man sich entscheidet zu lieben, zu ehren zu respektieren. Egal wo der Geliebte ist und was er tut. Egal ob er die Liebe erwidert oder nicht. Liebe ist bedingungslos. So empfinde ich es auch mit dem Glauben. Es braucht keine Kultstätten, keine touristisch aufgemotzten Schauplätze, keinen Trampelpfad, kein Leid und keine Feier. Er kann durch all das symbolisiert werden, doch dies entspringt der Neigung des Menschen, dass er sich an etwas visuellem besser festhalten kann, als an einer Idee, die keine Aufzeichnung fand. Doch mein eigener Glaube, der sich im Laufe meines Lebens gebildet und gefestigt hat, braucht all das nicht. Nicht einmal eine Definition oder Niederschrift. Nichts als das Vertrauen zu mir selbst. Das Vertrauen, dass ich alles schaffen kann. Dass es für alles Lösungen gibt und diese Lösungen allein in mir stecken. Dass das Glück allein in mir steckt und von niemandem abhängt als von mir selbst und von dem, was ich daraus mache.

In Paimpont


Merlin-Tourismus
Komfortable Wanderwege






























Auf dieser Reise habe ich viele Menschen getroffen. Nur einige habe ich in den letzten Kapiteln porträtiert. Inspirierende Gespräche und stille Beobachtungen zeigten eine Gemeinsamkeit: Die Menschen empfanden immer dann das größte Glück, wenn sie so lebten, wie sie es sich wünschten. Ohne ein "Das muss man doch so oder so machen!". Ohne die Frage:"Was sollen die Leute denken?" Ohne ein:"Das kann ich mir nicht erlauben!, Das geht nicht so einfach! 

Der Künstler und die Bretonin haben in ihrem Leben einfach einen Neuanfang gewagt. „Geht nicht gibt’s nicht!“ auch das ist Glaube und Vertrauen und führt zum Glück. Eve und der junge Mann im Info-Center bei der Dune du Pilat sind noch am Anfang ihres Weges. Sie hatten schon jetzt die Chance, Dinge zu tun, die sie lieben. Sie haben Träume, die erfüllbar sind. Damit sind sie ihrem Glück ganz nahe.

Jérôme hatte sein Glück eigentlich längst gefunden. Aber er zweifelte und machte sich allein auf den Weg und die Suche. Auch ich ließ ihn allein zurück. Am Ende führte ihn dies wieder zurück nach Hause, wo er mit neuer Kraft und neuem Glück durchstartete. Kirsten und Jimmy ziehen durch die Welt und folgen ihrem Glück mit der Sonne. Wo auch immer die scheint, ist auch der alte Pferdetransporter nicht weit - und die warmen leuchtenden Augen der beiden Vagabunden. 

Während ich in einer schönen Crêperie eine fantastische Galette mit Lachs esse, schreibe ich an meinen Wikinger, der oben in der Normandie auf mich wartet. Ob ich 3 Tage früher kommen könnte. Es sei Zeit, meine Freunde aufzusuchen. Aber natürlich. Ich sei immer Willkommen.

Galette au saumon











Die verfressene Fee
Die rund 330 Kilometer lege ich in gut 5 Stunden zurück und komme um halb neun Uhr am Abend in Saint Vincent-Cramesnil in meinem französischen Zuhause an. Der Wikinger hat schon Salat vorbereitet und die Kohle im Grill aufgeschichtet. Kurz nach mir erscheint unsere Freundin Marine. Nach den nachdenklichen Tagen auf meiner kleinen Pilgerfahrt genieße ich die lebhaften Gespräche bis tief in die Nacht. Es geht um Motorräder, Trump, Merkel und Europa. Um Tiere und Kinder und gemeinsame Erlebnisse. Am nächsten Tag putze ich mein tapferes Pony und schreibe Tagebuch im Garten. Bei meinen Freunden sammle ich Kraft für die nächsten Abenteuer.
Wellness für alle....


Reisebericht unter neugierigen Blicken


Beim Wikinger.....


Donnerstag, 17. August 2017

Biking & Hiking - 7. Kapitel: Bretonische Ermittlungen

Pep hini en deus e benn, Pa rank en dougen.
Jeder nach seinem Kopf, denn er muss ihn tragen.

Bretonisches Sprichwort


Die Nacht war wundervoll. Nachdem ich die leckeren Meerestiere verspeist hatte, ließ ich mich gemütlich in die Kissen fallen und schaltete den Fernseher ein. Zu Hause habe ich kein Fernsehen mehr. Als DVBT zu DVBT II wurde, hatte ich keine Lust mich darum zu kümmern und nun ist es mir auch irgendwie egal. Aber gestern Abend habe ich mit Begeisterung eine Tierdoku auf ARTE geschaut. Zwar verstand ich nahezu alles, was dort berichtet wurde, jedoch musste ich mich mehr konzentrieren, als bei der deutschen Ausgabe. In Anbetracht meines nachdenklichen, pollysophischen Tages, kam mir das ganz gelegen. Geerdet schlief ich ein und wachte am frühen Morgen durch den Lärm einer Familie im Hotelflur auf. Nach einer Stunde gemütlichen Wachwerdens sitze ich recht spät beim Frühstück, toaste Brioche und schwenke meinen Lipton-Beutel in der Tee-Tasse. Heute will ich auf den Spuren einer berühmten Kommissarin reisen und auch wenn ich nicht immer ganz genau weiß, wo sie sich herumtreibt, so bin ich mir sicher, dass ich ihr an meinem Tagesziel ganz nahe sein werde.

Gegen 10 Uhr mache ich mich mit dem tapferen Pony auf den Weg. Wir genießen die Sonne und die Freiheit ohne meinen Reisekrempel und flitzen ordentlich über die kleinen Landstraßen. Nach rund 25 Kilometern passiere das Örtchen Quimperlé, in dem ich meinen Schüleraustausch vor 27 Jahren verbrachte. Ich erkenne gar nichts wieder. Habe nicht einmal das Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein. Seltsam. War es wirklich so unbedeutend? Die Steinreihen von Carnac hatten mich doch wirklich nachhaltig beeindruckt. Genauso wie der kleine Fischerort Concarneau, den ich heute besuchen will. Da denke ich an Felsen und Seehunde. Und sehr alte Häuser. Mehr weiß ich nicht, aber das Gefühl zu diesem Ort ist noch immer da. Und das möchte ich heute gern einmal auffrischen.

Neben meinen Erinnerungen aus der Jugend ziehen mich aber noch andere Beweggründe nach Concarneau. Seit mehreren Jahren verfolge ich die Ermittlungen des Commissaire Georges Dupin. Die ersten 5 Romane des Autors Jean-Luc Bannalec wurden als leichte Unterhaltung für das deutsche Fernsehen verfilmt und das habe ich mir sogar ab und zu angesehen, obwohl ich die Bücher schon kannte. Nun warte ich voller Spannung auf den 6. Fall, der in wenigen Tagen als Hörbuch erscheinen soll. Kommissarin Svenja scheint sich in dieser Saison ebenfalls an Herrn Bannalec heranzupirschen und ihre eigenen Ermittlungen zu den speziellen bretonischen Charakteren anzustellen. Obwohl ich mich der Kieler Kommissarin in einigen Themen sehr nah fühle, vermute ich, dass wir auf unserer Spurensuche ganz unterschiedliche Eindrücke zusammen tragen werden. 

Ein Blick auf meine Tanknadel lässt mich aber erst einmal kombinieren, dass ich Sprit brauche. Und zwar dringend. Zum Glück ist der nächste L‘Eclerc nicht weit und an den riesigen Supermärkten befinden sich immer auch Selbstbedienungs-Tanksäulen. Ich stecke meine Mastercard in den Automaten, gebe meinen Code ein und erhalte die Nachricht: „Carte invalide“ (ungültige Karte). Ich versuche die VISA-Card. Auch nicht. Das Problem habe ich oft in diesem Land. Wäre nicht Sonntag, könnte ich an den Schalter gehen, aber der hat heute geschlossen. Verflucht, warum habe ich nicht gestern getankt? Ich habe einfach geträumt. Während ich im Temperament gemäßigt weiter rolle, glaube ich, endlich die Erklärung für mein Problem zu haben: Oftmals sind Verkäufer an unterschiedlichsten französischen Orten überrascht, dass ich am Kartenterminal keine PIN eingeben muss, sondern mit Unterschrift bezahlen kann. Das ist in diesem Land nicht so üblich. Vermutlich bekommt auch die Tankstelle das Signal, dass hier die Unterschrift gilt, kann das aber nicht abwickeln und spuckt die Karte als „invalide“ wieder aus. Nur wenn das Gerät sich sozusagen entscheiden kann, werde ich mit der PIN zugelassen und darf Benzin zapfen. Erfahrungsgemäß klappt das an älteren Stationen. Es braucht noch weitere zwei Anläufe auf langen 35 Kilometern, bis ich endlich auf dem Display die erlösende Aufforderung erhalte, die Pompe numéro deux zu nehmen und „voll zu machen“. Ich schmunzele immer über diese Begrifflichkeit, denn „tanken“ heißt auf Französisch wirklich „faire plein“. Über mich selbst schmunzele ich weniger, denn so einen Nervenkitzel kann man sich eigentlich sparen.

Um halb zwölf erreiche ich schließlich das Office de Tourisme am heutigen Tatort. Ich stelle das tapfere Pony auf dem großen Parkplatz zwischen den Fahrradständern ab, ziehe mich um und verstaue meine Klamotten in den Packtaschen. Zudem schließe ich das Motorrad mit meiner dicken Kette an die Metallvorrichtung. Nicht weil ich Angst vor Diebstahl hätte, sondern davor, dass der Abschleppwagen kommt. Der würde wohl weder das Schloss noch den Fahrradständer durchflexen, oder?

Als ich die Tür zur Touristeninformation aufstoße, fällt mir ein Aufkleber ins Auge: „Offizieller Handlungsort in den Filmen des Commissaire Dupin.“ Aha. Soso. Der Text ist in Französisch geschrieben, vermutlich aber an Deutsche gerichtet. Allerdings hat der Krimi-Autor auch in der Bretagne Anerkennung gefunden, weil er der mit seinen Büchern die regionale Lebensart näherbringt. Tatsächlich nehmen die Beschreibungen von Geschichte, Kultur und Gesellschaft neben dem Kriminalfall einen gleichwertigen Platz ein, was den Conseil régional de Bretagne veranlasst hat, Monsieur Bannalec die Auszeichnung „Mäzen der Bretagne“ zu verleihen.

Wie immer besorge ich mir einen Plan von Stadt und Umland und da man sich in Frankreich pünktlich um 12 Uhr zum Apéro trifft, werde ich vor meiner Entdeckungstour erst einmal Mittag essen. Im L’Amiral, wo Commissaire Dupin an seinem Stammplatz stets Entrecôte isst, lasse ich mich auf der Terrasse nieder. Da auch die Kieler Kommissarin gern Fleisch isst, nehme ich die Rolle der sonderbaren Zeugin ein und bestelle die Meerestiere mit einem Glas Weißwein. Champagner muss es ja nicht sein. Ich schaue mich um. Hinter mir sitzen zwei Damen besten und noch besseren Alters. Mutter und Tochter aus Deutschland, wie ich dem Dialog entnehmen kann. Eine schimpft über das Essen, der Besuch im L’Amiral hätte sich wohl nicht gelohnt, da hätten sie besseres erwartet. Verstohlen schiele ich auf den Nachbartisch. Die Croques sehen eigentlich ganz gut aus und auch die Dessertvariationen merke ich mir schon mal für den zweiten Gang. Endlich kommt mein Teller und ich betrachte die Auswahl. Drei Austern, einige Seeschnecken, Langusten und ein halber Krebs werden von Mayonnaise, Vinaigrette und einem Brotkörbchen begleitet. Die Tiere sind schnell verspeist und ich genieße sie sehr. Es schmeckt nach Meerwasser mit Mayo in verschiedenen Konsistenzen. Als ich die Krebsbeine ausgekratzt habe, hebe ich noch etwas Fleisch aus dem Panzer. In dem Moment, als ich die Gabel unter den respektvollen Blicken meiner Tischnachbarn in den Mund schiebe, fällt mir die Bemerkung meines Freundes David ein:“Hmnja, wenn du das Innere des Taschenkrebses essen willst, dann musst Du schon echt abgebrüht sein.“ David ist Sternekoch. Kalbsbries, eine Immundrüse des Rinderbabys in Gehirnoptik, gehört zu seiner Lieblingsspeise. Wenn selbst er meint, man müsse stark sein, dann…. Ich versuche zu schlucken. Ich kann nicht. Es schmeckt gar nicht sooo grausam, aber die Textur ist wahrlich furchtbar. Meine Lefzen ziehen sich schon zusammen. Dieses Gesicht, das man zieht, wenn einem der Ekel überkommt. Was mache ich denn jetzt? Gebe ich mir die Blöße, den Brei auf den Teller zu spucken? Niemals! Ich nehme einen beherzten Schluck Weißwein und spüle die Krebsinnereien hinunter. Prost! Ich hätte mich früher an den Rat meines Freundes erinnern sollen. Dann lieber Kalbsbries. Ich stoße diskret auf und kippe den Rest des Weins hinterher.



Als der Kellner meinen Tisch leer räumt, setzt sich eine einzelne Dame direkt neben mich und bestellt einen Petit Café. Ich tue ihr gleich und nehme die Dessertvariationen dazu. Sie fragt mich, ob ich aus England käme, weil ich einen accent hätte. Aus Deutschland, kläre ich sie auf. Ach aha, sehr interessant, es wären viele Deutsche in der Bretagne. Sie sprechen aber gut Französisch. Ja ich kann mich verständigen. Nein, Ihr Vokabular ist nicht touristisch, sondern umfangreich. Ja ich habe mal in der Normandie gelebt. Ach, nun verstünde sie auch, woher ich meine Aussprache hätte. Wir lachen und ich überziehe mit Vergnügen den Jargon aus dem Norden. Während ich meinen Nachtisch löffele, erzählt sie mir aus ihrem Leben. Die Dame, Anfang sechzig, trägt Jeans, Bluse und Sneaker, dazu einen leichten schwarzen Trenchcoat in Lederoptik. Die Haare sind dunkel gefärbt, die Haut sonnengebräunt und lebenserfahren. Die Augen wirken ruhig und freundlich. Ihr Blick reist mit ihren Gedanken weit in die Vergangenheit. Sie berichtet, dass sie hier in der Ville Close geboren wurde und dann als junges Mädchen mit ihrer Familie nach Paris gezogen ist, wo sie ihr ganzes Leben verbrachte. Ihr Exmann sei Pariser, ihre Töchter hätten dort studiert. Immer sei die Sehnsucht nach der Bretagne ein dauernder Schmerz in ihr gewesen. Als die Kinder groß und selbstständig waren und sie selbst Pensionärin wurde, entschied sie, dass sie zurück in die Bretagne müsse. Ihr Mann wollte auf keinen Fall einen Umzug, doch ihr Antrieb war so stark, dass sie schließlich allein ging. Nun lernt sie die bretonische Sprache, engagiert sich in Kulturvereinen und fängt an, die fehlenden Teile ihrer Persönlichkeit zusammen zu fügen. Endlich fühlt sie sich wieder ganz. Ruht in sich. Findet Frieden. Ich denke an wieder Svenja.

Ich erwähne, wie lustig ich es finde, dass hier alle Straßenschilder in zwei Sprachen verfasst werden. Sie nickt mit ernster Miene. Früher sei es sogar verboten gewesen, die alten Sprachen zu sprechen oder gar an Schulen zu lehren. Daher sei viel von dem Erbe verloren gegangen. Nun, wo sie selbst in ihre kulturelle Geschichte einsteigt, merkt sie erst, wie schwierig die Grammatik in Bretonisch sei. Ich berichte von einem Politiker in Mali. Seine Mutter hätte eine sehr Seltene der 35 Sprachen des Landes gesprochen und die sei so komplex und kompliziert, wie auch seine Mutter es war. Teilweise beständen Singular und Plural aus komplett unterschiedlichen Wörtern (z.B. Ein Vogel, zwei Gläser) und das sei noch der einfachere Teil. Meine Gesprächspartnerin hört mir aufmerksam zu und nickt langsam. Auch die Bretonen seien einigermaßen schwierig, meint sie. Wir sind uns einig, dass der Charakter eines Volkes in seiner Kommunikation und Kulinarik definiert ist. 

Mit dem letzten Schluck aus ihrer Tasse steht sie auf, bedankt sich für das Gespräch und wünscht mir eine schöne Reise. Ich blicke ihr nach. Die interessantesten Momente sind genau diese unverbindlichen Zufallsbegegnungen. Auch ich zahle und suche noch einmal die Waschräume auf, wo ich nach Spuren von Pieps suche. Die Örtlichkeiten sind aber so penibel geputzt, dass ein paar Fellfussel sicherlich schon beseitigt wurden. Schade.

Wenig später überquere ich die kleine Brücke, die mich auf die Altstadt-Insel Ville Close führt. Hinter den Mauern höre ich irisch-keltische Musik, die mich sofort in die frühen Jahrhunderte abholt, die auch diese Stadtmauern schon erlebt haben. Als ich durch das erste Tor gehe, stehe ich auf einem blumengeschmückten Marktplatz. Besucher sitzen auf bunten Holzstühlen und niedrigen Mauern. Drei große rote Sonnenschirme schützen drei Musiker mit ihren unzähligen Saiten-, Schlag- und Flöteninstrumenten. Mit dem Schlussakkord ertönt ein euphorischer Applaus. Als der graubärtige Sänger seine Stimme erhebt, wird es still. Ein bretonisches Volkslied, in einer solchen Sehnsucht vorgetragen, dass ich einen Kloß im Hals und Tränen in den Augen habe. Welch‘ ergreifende Musik. Ich kann nicht fotografieren, nicht filmen, vergesse die Menschen um mich herum, es gibt nur diesen einfachen Mann in seinem grauen Pullover. Ein Typ, der im Film die Rolle des Eigenbrötlers so gut spielen könnte, weil er sich auch in der Realität innehat. Ich kann kein Wort verstehen, doch ich spüre die Felsen, das Meer, das satte Grün und Rot der Bretagne. Die Liebe zu diesem sonderbaren Land, das dem Sänger ein Zuhause ist. Eine Geliebte und Gefährtin. Als das Lied zu Ende ist, und die Zuschauer erneut begeistert klatschen, stehe ich reglos da. Unsere Blicke treffen sich. Seine Miene ist ebenso still wie meine. Von links ertönt die Flöte des Kollegen. Der Graue greift zur Gitarre und stimmt fröhlich einen schnellen irischen Tanz an. Ich setze mich auf eine Mauer und genieße fußwippend. Die Gefühle wechseln wie das Wetter der rauen Küste. In Gedanken modifiziere ich das Fazit von heute Mittag: Der Charakter eines Volkes ist in seiner Kommunikation, seiner Kulinarik und seiner Musik definiert.



Hinter dem zweiten Stadttor tut sich eine Szenerie auf, die ich schon von Mont Saint Michel kenne. Touristen bummeln durch enge Gassen und sitzen in kleinen Brasserien. Souvenirläden bieten Standardware und Ausgefallenes feil. Wie schon am Mont stören mich die Reisenden hier nicht so sehr, wie woanders. Es wird schon immer so gewesen sein, dass die Menschen aus dem Umland zum Markt, zum Spektakel und in die Kirche geströmt kamen. Ich lasse mich treiben und habe das erste Mal auf dieser Reise Lust auf ein paar Einkäufe für die Lieben zu Hause. Die Zeit vergeht wie im Fluge und als ich die Ville Close verlasse, ist der Nachmittag weit fortgeschritten. In das von Commissaire Dupin geliebte Aquarium drängt mich nun nichts mehr. Lieber setze ich mich noch ein Weilchen auf die Felsen und beobachte die Menschen aus der Ferne.










Wieder geht ein fantastischer Reisetag zu Ende. Das, was Jean-Luc Bannalec in seinen Büchern beschreibt, habe ich hier erfahren, ohne letztendlich bestimmte Schauplätze besucht zu haben. Es ist die Magie der Bretagne, die offenbar nicht nur mich hier einhüllt. Ob wohl Kommissarin Svenja einen ebenso schönen Tag in Concarneau hatte?