Montag, 31. Oktober 2016

Polly's Neuer

In den letzten Wochen ist der Herbst eingezogen und mit der Dunkelheit kommen auch die besinnlichen Abendstunden mit gutem Essen und unterhaltsamer Literatur in mein Haus. Die Euphorie für zweirädrige Aktivitäten zeigt Zurückhaltung. Die PJV wartet in der Garage geduldig auf trockene Tage, die eine Ausfahrt durch das leuchtende Herbstlaub erlauben. Der Weg zur Arbeit machte in den letzten Tagen immer weniger Spaß und wird mit zunehmend schlechter Sicht stets gefährlicher.

So wurde es in den vergangenen Wochen buchstäblich still um Pollys Reisen. Der eine oder andere Leser wird vergeblich nach Neuigkeiten geschaut haben, doch die wahrhaft geräuschlosen Abenteuer müssen erst einmal in Worte gefasst und auf Bilder gebracht werden.

Mein neuer Begleiter ist ein stiller Hellhäuptiger, der sich, von der alternden Oberfläche einmal abgesehen, als wahrer Schatz und große Bereicherung meines Lebens entpuppt. Er muckt und bockt von Zeit zu Zeit, doch wenn man sich auf ihn einlässt und sein Inneres versteht, will man nichts anderes mehr. "Bringt der es denn? Wie lange kann so ein Oldie denn?" fragen die Kritiker unserer frischen Beziehung. Und ja, zugegebenermaßen schwächelt er ab und zu in seiner fragilen Potenz. Doch das Herz schlägt treu und mein Pioniergeist und meine Abenteuerlust laufen hochtourig. Binnen kürzester Zeit habe ich eine wahre Zuneigung für diesen treuen Zeitgenossen entwickelt und möchte ihn nicht mehr hergeben. Er macht regelrecht süchtig. 

Meinen Neuen lernte ich auf Umwegen kennen. Zunächst einmal hatte ich Kontakt zu seinem jüngeren Bruder, einem "emovum E-500"-Cabrio in Elfenbeinfarben mit beigem Dach. Von außen betrachtet wirkt dieses rundliche Fahrzeug winzig. Doch der Innenraum bietet für Fahrer und Beifahrer genügend Platz. Meine Kollegin wies mich in die Besonderheiten des umgebauten Fiat 500 ein und schließlich startete ich den Motor, indem ich den Zündschlüssel einfach auf "an" drehte. Das Zünden entfiel. Ich wollte auch nichts verbrennen. Ich fuhr elektrisch. Schaltung auf "D", Handbremse lösen und schon rollte der kleine Flitzer voran. Anstatt, wie erwartet, irgendwie "brruummm" zu machen, machte er.... nichts sozusagen. Er machte "wwwwww" beim Beschleunigen. Er machte knatschende Reifengeräusche beim Lenken auf Asphalt. Und vor allem machte er ein Lächeln auf mein Gesicht. 

Nach der Schulungsfahrt durch unser Gewerbegebiet stieg meine Beifahrerin aus dem Auto und ich begab mich auf meinen Heimweg. Wir glitten durch den Hamburger Stadtverkehr. Auf Empfehlung hielt ich den "City-Modus" eingeschaltet. Der beschränkt die Leistung des Elektromotors auf maximal 30 kW und drosselt damit einerseits die Beschleunigung und andererseits die Höchstgeschwindigkeit auf 80 km/h. Hierdurch soll die Reichweite des Akkus verbessert werden. An der Ampel betrachtete ich die Digitalanzeige in der Armatur. Nach nur wenigen Hundert Metern hatte sich die Akku-Kapazität von 100% auf 98,3% verringert. Die Prozentpunkte fielen bedrohlich schnell. Ich hoffte, dass ich es nach Hause schaffen würde. Das Gaspedal betätigte ich so sensibel, als würde ich ein befruchtetes Ei unter meinem großen Zeh beschützen. Gemächlich, aber stetig erhöhte sich die Geschwindigkeit. Das Gefühl, man würde nicht voran kommen, trog. Es fand einfach keine auditive Orientierung statt, da im Gegensatz zum Verbrennermotor keine Drehzahl hör- und spürbar ist. Ebenso entfällt der manuelle oder automatische Schaltvorgang am Getriebe. Nach 15 Kilometern kam ich zu Hause an. Mein Akku zeigte eine Kapazität von 76,9% an. Das macht ein Verbrauch von 23,1% im freitäglichen Stadtverkehr. Ob ich damit wohl über das Wochenende kommen sollte? Vorsichtshalber hatte ich die RFID-Ladekarte von The New Motion meiner Kollegin eingesteckt. Hierüber erfolgt die Identifizierung und die Abrechnung an den verschiedenen Ladestationen in der Stadt und das sollte mir ermöglichen, energiegeladen durch die nächsten Tage zu kommen.

Jede Fahrt war ein wenig aufregend. Am Samstag fuhr ich mit meinem neuen Freund in die Hafencity und fand über die App "Chargemap" eine Ladesäule von Stromnetz Hamburg. Der Vorteil: Die Parkplätze für Elektrofahrzeuge sind mit Glück nicht belegt. So steuerte ich direkt die entsprechenden Koordinaten an und fand in dem von Touristen überfüllten Überseequartier eine angemessene Parklücke für den platzsparenden E-500. Mit einem wichtigen Gesicht und gespielter Routine machte ich mich unter den Blicken neugieriger Passanten an der Ladesäule zu schaffen. Nachdem ich mich per Ladekarte erfolgreich eingeloggt hatte, gab die Säule die Steckdosen frei. Ich steckte den Schuko-Stecker in die entsprechende Klappe und den sogenannten Typ2-Anschluss in die Nase meines Autos. Diediediediep-diediediediep machte es. Hurra, es funktionierte! Ohne mir den Triumph anmerken zu lassen, schnappte ich  mir lässig meine Handtasche und flanierte durch Hamburgs neuesten Stadtteil. Wenn hier noch keine Modernität angekommen wäre, wo denn dann?

So bin ich also Fahrerin eines Elektromobils geworden. Welche Höhen und Tiefen ich mit meinem Testfahrzeug durchlebe und warum ich mich schließlich für den alternden aber treuen Kandidaten entschieden habe, das erfahrt Ihr in den nächsten Wochen hier in meiner Serie "Polly reist elektrisch".


Donnerstag, 15. September 2016

Kilometer 19.476 – 20.354 - Harz Ballade 4. Kapitel

Fun ohne Ende

„Du hast vor gar nichts Angst!“ lästert O. als wir am Fuße des Wurmbergs den Rest des Frühstück-Kuchens verputzen. „Wenn Du so die Piste runter jagst, wirst Du auch Dein Kurventhema bald abgehakt haben!“ Ich grinse. „Du hättest Dir sonst was aufgerissen, wenn Du gestürzt wärst!“ setzt er in väterlich tadelndem Tonfall nach. Ich grinse noch mehr. „Das hat voll Spaß gemacht.“ „Ja. Das war unverkennbar!“ O. hat diese Art des Klugscheißens, der ich nicht böse sein kann, weil sie keine Besserwisserei ist, sondern seine Art zu zeigen, dass er sich Gedanken um einen macht. Heute Morgen war ich aber kurz davor, aus dieser Fürsorge auszubrechen. Mister Kurvenjunkie hatte um 6h zum Morgenappell gerufen. Kaffee, Frühstück, anziehen. Mein Windshield sollte noch gesenkt werden, dann 8:13 Uhr Abfahrt zum Training mit neuer Lenkereinstellung. 13 Minuten hinter dem Zeitplan. Oh je! Bis 9:30 Uhr fuhren wir bergauf, bergab und links und rechts. Ich fühlte mich wie im Boot-Camp. Alle 15 Minuten Manöverkritik und neue Trainingstipps vom Drill-Instructor. Ich hielt mich wacker. Zwar blieb ich wieder ab und zu zurück, aber insgesamt fühlte ich mich viel sicherer als am Vortag. Irgendwann beschloss ich, dass es jetzt reiche und fuhr demonstrativ wieder in meiner Komfortzone. Das Wochenende war bis jetzt sehr intensiv und musste erst einmal verarbeitet werden.

Punkt viertel vor zehn standen wir an der Talstation der Wurmbergbahn und hielten jeder einen Monsterroller in der Hand. Mit diesen spezialbereiften Zweirädern kann man auf vorgegebenen Pisten den Berg hinunter fahren und als ich bei unserem ersten Harzbesuch davon hörte, war mir klar, dass ich das ausprobieren möchte. Nun erholen wir uns von der rund 30-minütigen Abfahrt und lachen über das Erlebnis und den mit Sicherheit eintretenden Muskelkater. Irgendwie muss man das öfter machen. Ich hatte ganz vergessen, wie albern man wird, wenn man ein wenig Fun-Sport betreibt. Das befreit den Kopf und erleichtert das Herz.



 













Vergnügt fahren wir zurück zur Ferienwohnung und beladen schweren Herzens unsere Motorräder. Wir werden noch einige kurvenreiche Strecken nehmen, an einem See einen Mittagsschlaf halten und da O. kein Ende finden wird und schließlich doch auf seinen eigenen Zeitplan pfeift, werden wir auch noch einmal die Torfhaus-Route fahren, um uns vom Brocken zu verabschieden. Wir werden die Autobahn nach Braunschweig nehmen, wie auf dem Hinweg in Meine einen Kaffee trinken, bei Uelzen in den Sonnenuntergang blicken und schließlich in Melbek voneinander Abschied nehmen. Die Heimreise fühlt sich an, als wenn unsere Harz-Geschichte zurück gespult würde. Am Montagmorgen werde ich körperlich müde, aber mental komplett erholt aus dem Bett kriechen, meine schmutzige Motorradjeans aus dem Wäschehaufen vor meinem Bett ziehen und auf mein tapferes Pony klettern. Mein Chef wird mich fragen, wie mein Wochenende war. Ich werde berichten und an seinen leuchtenden Augen sehen: Es war fantastisch!

 

Kilometer 19.476 – 20.354 - Harz Ballade 3. Kapitel

Barbarossa

Es ist Abend geworden am Brocken. Mit uns kommen unzählige erschöpfte Motorradfahrer in Braunlage zu ihren Unterkünften. Im Supermarkt kaufen wir Frühstück für Sonntag und während ich die Einkäufe verstaue, holt O. sein Werkzeug hervor. Den ganzen Nachmittag war er in Gedanken bei meiner Kurventechnik. Er verstand nicht, warum ich die Kehren so souverän nehme, während mich auf den langen Kurven immer der Mut verlässt. Das Thema beschäftigte ihn so sehr, dass er es in jeder Pause wieder aufnahm. Ich tat dann die These auf, dass ich mit einer Straßenmaschine vielleicht gelenkiger wäre. Er schüttelt den Kopf. So ein Quatsch, das könne nicht sein. „Doch!“ sagte ich, „Ich habe auch immer wieder den Impuls, die Hände tiefer halten zu wollen. Dynamischer zu sitzen.“ Ohne lange zu reden wird jetzt vor Edeka also mein Lenker tiefer gedreht und anstatt direkt nach Hause zu fahren wird noch eine Proberunde um die Stadt gefahren. Spontan fühle ich, dass mein tapferes Pony schneller kippt, was die engen Kurven noch leichter macht. Wie es sich sonst auswirkt, werde ich morgen erfahren. Im Moment bin ich nur müde von dem langen Tag. Ich sehne mich nach einer Dusche und einem Teller Nudeln. Außerdem tut mein Bein weh und ich konnte noch nicht untersuchen, was passiert war, als ich auf dem Schotterparkplatz meine PJV zu Boden legte. Beim Ausparken rutschte sie mir nach rechts weg, so dass ich sie nur noch vorsichtig auf dem Sturzbügel abstellen konnte. Dennoch krallte sich das tapfere Pony oberhalb meines linken Stiefels fest. Dank eines freundlichen und starken Mannes, der direkt neben mir stand, zog ich auch das Bike sofort wieder in die aufrechte Position und konnte ohne Stress starten. Eigentlich hätte ich ihm noch romantisch ein parfümiertes Taschentuch zuwerfen müssen. Den beißenden Schmerz spürte ich erst nach einigen Minuten.
 
Nach einer langen Dusche nebst erholsamer Pause in der Ferienwohnung sitzen wir auf der Terrasse eines Restaurants und plaudern über den Tag. Für die Besichtigung des Kyffhäuser Denkmals hatten wir uns Zeit genommen. Als mir einfiel, dass Kaiser Friedrich Barbarossa jener Mann war, der für die Entwicklung Hamburgs eine wichtige Rolle spielte, war ich natürlich erfreut, diese imposante Skulptur am Felsen zu sehen. Die Geschichte schreibt, dass Adolf III. aus dem Geschlecht der Schaumburger im Jahre 1188 die Hamburger Neustadt gründete. Hamburg hatte einen direkten Handelsweg zur Nordsee, verfügte aber zudem über den kürzesten Landweg nach Lübeck, der wichtigsten Handelsstadt im Ostseeraum. Marktrecht, Grundeigentum, Zollfreiheit und das Nutzungsrecht für das umliegende Marschland waren attraktive Privilegien, die Adolf III. der Hamburger Neustadt einräumte. Das war ihm aber nicht genug, und deshalb nutzte er den guten Kontakt zu Kaiser Friedrich Barbarossa, mit dem er zusammen gegen Heinrich den Löwen gekämpft hatte. Die Verbindung brachte ihm unter anderem diverse Handelsrechte, die Befreiung von Zöllen und das Recht auf Fischfang, Weidenutzung und Holzschlag in Hamburgs Umgebung ein. Damit hatte die neue Stadt die besten Bedingungen für den wirtschaftlichen Aufschwung und die Entwicklung zur Handelsmacht. Da Kaiser Friedrich Barbarossa direkt in den Krieg ziehen musste, wurden die Privilegien nicht notiert und beurkundet. So ergab es sich im Jahre 1265, dass Erzbischof Hildebold zum Schutze seiner bedeutenden Handelsstadt Stade bestimmen wollte, dass Ware auf dem Weg nach Hamburg verzollt werden müsse. Aus ihrer Not heraus fälschten die Hamburger Ratsherren die Urkunde des Barbarossa und setzten damit ihre Rechte durch. Einige Quellen beschreiben sogar die These, dass es das vorausgegangene Gespräch zwischen Adolf III. und dem Kaiser nie gegeben hätte. Sei es Großzügigkeit des Barbarossa oder die Kreativität der Ratsherren, als stolze Hamburgerin dankte dem Bartträger auf seinem Felsen.





 
















Um die Mittagszeit waren wir den Berg wieder hinab gestiegen und sind kreuz und quer durch den Harz gefahren. Kurz gefasst: Es hat einen Heidenspaß gemacht. Obwohl die Cafés und Restaurants mit Motorradfahrern überfüllt waren, fanden wir immer wieder ganz einsame Etappen. Der Harz hat sein Image als Erholungsgebiet für rüstige Rentner definitiv abgelegt. Das Sportangebot ist breit gefächert und ich selbst habe große Lust, noch einige Aktivitäten auszuprobieren. Gleich morgen soll es soweit sein. Der Abend klingt auch heute auf der kleinen Terrasse am Haus „Antje" aus. O. hat sogar irgendwo eine Kerze aufgetrieben und so trinken wir Wein und schauen in das Feuer. Die fehlenden Freunde in der Heimat senden Nachrichten und fragen nach unserem Wohlergehen. Uns geht es gut.

 

Kilometer 19.476 – 20.354 - Harz Ballade 2. Kapitel

Kyffhäuser

 
Es ist 6 Uhr, als ich O.‘s Stimme im Garten höre. Es riecht nach Kaffee und Dusche und ich frage mich, wie lange er wohl schon wach ist. Gestern saßen wir noch bis nach Mitternacht, plauderten und planten die heutige Tour. Um 8 Uhr wollen wir im Dorf frühstücken und dann zum Kyffhäusergebirge fahren, welches sich südöstlich des Harzes befindet. Der Berg wurde mir als kleine Herausforderung beschrieben, die schon so manches Nordlicht ins Schwitzen gebracht hat. Viele Kehren und Serpentinen und als Lohn das Kyffhäuserdenkmal mit seinen 247 Stufen.
 
Ich bin gespannt und motiviert. O. hat eine Tour von insgesamt 250 Kilometern ausgesucht und ich denke, dass dies in der kurvenreichen Gegend eine tagesfüllende Distanz ist. So stehen wir in gewohnter Pünktlichkeit um fünf Minuten vor 8 Uhr im Frühstückscafé und während wir unser „Süßes Feen-Frühstück“ einnehmen, beobachten wir Wanderer und Mountain-Biker, die sich für ihre Ausflüge bereit machen.


Vor der Bäckerei erscheint ein junger Mann, Typ Biologe. Er befestigt die Leine eines Windhund-Mischlings an seinem Rucksack und stellt diesen vor dem Schaufenster ab. Das hagere Tier wartet still und geduldig vor dem Laden. Es strahlt Ruhe aus und wirkt gleichzeitig sensibel und aufmerksam. Als der Mann mit seinen Einkäufen nach draußen kommt, hockt er sich hin, zeigt jedes Stück seinem Hund und legt es erst dann in den Rucksack, welchen er sorgfältig verschließt und auf seinen Rücken hebt. Anschließend streicht er dem Freund über die Schnauze, wischt ihm etwas Schmutz aus dem Auge und geht schweigend seines Weges. Das Tier läuft neben ihm, die Leine hängt locker zwischen den beiden Gefährten und macht den Eindruck, als sei sie nur pro forma angelegt. Die Verbindung der beiden ist unsichtbar aber eindeutig spürbar. Ich bekomme eine Gänsehaut und denke an mein Pferd.

Von der Terrasse aus sehen wir mehrere Grüppchen Motorräder über die Hauptstraße rollen. Wir ändern den Plan und beschließen, auf direktem Wege nach Kelbra zu fahren und möglichst früh am Kyffhäuser zu sein. Wir zahlen, steigen auf die Cruiser und während ich hinter O. her trabe, mache ich mir Sorgen, dass ich den ganzen Tag von Motor-Sportlern bedrängt werden würde. Da ich auf der Straße wenig offensiv und eher immer viel zu rücksichtsvoll bin, lasse ich mich von schnelleren Fahrern einschüchtern. Kleben die hinter mir und ich habe das Gefühl, sie zu behindern, kann ich mich nicht entspannen.
 
Meine Gedanken verfliegen bald im Nichts der endlosen Weite. Dunkelgrüne Berghänge rahmen die Spätsommerfelder der Harzer Bauern ein. Es duftet nach trockener Erde und staubigem Heu. Kein Haus, kein Mensch sind zu sehen. Warum von der Route 66 träumen, wenn wir die Schönheit Montanas in Sachsen Anhalt genießen können. Auch das Niveau an politischer Bildung ist dem der amerikanischen Landbevölkerung nicht unähnlich. Anyway, it’s a beautiful day. Auf der schnurgeraden Landstraße lasse ich mich zurückfallen und schmunzle über den Anblick meines Freundes, der in seiner typischen Haltung bald 200 Meter vor mir fährt. Der breite, tief angesetzte Lenker lässt O. in seiner Militär-Jacke breitschultrig erscheinen. Die dünnen Beine stecken in einer dunklen Jeans und umschließen den beachtlichen Motor des Großen Schwarzen. Die Fersen ruhen weit vorn auf den Trittbrettern, wobei die Spitzen der Biker-Boots immer leicht nach außen gedreht sind. Im Nacken schauen graue Haarsträhnen unter dem Helm hervor. Ein Relikt aus den Jahren, in denen Littbarski und Brehme als stylish durchgingen. Alles an O. ist irgendwie 80er. Während ich in dieser Epoche 10-jährig auf Nena abfuhr, hatte er schon tausende Motorrad-Kilometer auf dem Tacho und dachte an Familienplanung. Ich frage mich, ob ich vielleicht in den 90er Jahren hängen geblieben sei. Wenn ich mich heute so anschaue ja. Denn schon in der Schule gehörten Lederhose, schwarzes T-shirt und DocMartens zu meiner Standard-Klamotte. Allerdings war ich damit zwar cool aber nicht hip. Nach der ereignisreichen Saison habe ich heute langsam Lust, mich „normal“ und modisch zu kleiden. Seit Monaten trage ich meine Büro-Outfits während der Arbeitszeit und meine unförmigen Motorrad-Klamotten zu allen anderen Anlässen. Seit Januar habe ich 9 Kilogramm Gewicht verloren und entsprechend hängen meine Hosen mir wie Säcke am Gürtel.

Plötzlich sehe ich das Kyffhäuser-Denkmal auf seiner Bergkuppe thronen. Es ist 10 Uhr und die Sonne hängt blass in der diesigen Luft. Wieder finde ich keinen Ort zum Halten. Für die Fotografie nehme ich mir deutlich mehr Zeit, wenn ich allein bin. Da drehe ich auch manchmal um oder gehe einige hundert Meter zu Fuß, um ein gutes Bild einzufangen. Jetzt schließe ich nur dichter auf und folge O. durch Kelbra. Der Berg erwartet uns und ich habe richtig Lust auf den Aufstieg. Wir lassen einen Parkplatz mit Imbiss rechts liegen und fahren in die ersten kleinen Kurven. Hier komme ich überraschend gut klar. Enge Schleifen in moderatem Tempo liegen mir deutlich besser, als die langgezogenen schnellen Kurven auf der Landstraße. Zwei Baustellen mit Ampelschaltung bremsen den Verkehr auf der Serpentine. Noch immer ist es ziemlich leer auf der Straße. Ich halte gut mit und nach nur wenigen Minuten erreichen wir den Parkplatz zum Denkmal. Schade, ich hätte noch länger durch die Straßen schaukeln können. Ich frage mich, was an dieser Strecke aufregend sein soll. Ich fand sie schlicht schön.
 



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Kilometer 19.476 – 20.354 - Harz Ballade 1. Kapitel

Sinn und Sein

 Blau und Orange leuchtet der Himmel in Komplementärfarben. Wir stehen am Sonntagabend an einer Tankstelle irgendwo auf der Bundesstraße 4 bei Uelzen. Hinter uns liegt ein Wochenende, das sich wie ein ausgeprägter Urlaub anfühlt. Gestern Abend scheint Tage her zu sein. „Teilst Du es mit mir?“ höre ich O.‘s Stimme. Er sieht mir an, dass ich mich in der Schönheit des Augenblicks verloren habe. „Wieso suchen wir Menschen ständig nach bizarrer Unterhaltung, wenn uns die Natur diese tollen Bilder schenkt?“ O. lächelt. Die körperliche Erschöpfung lässt mich pollysophisch werden. „Zieh Deinen Pulli an, Dir wird kalt.“ Die letzten Sonnenstrahlen begleiten uns durch Niedersachen.
 
Nur 49 Stunden zuvor waren wir in Braunlage angekommen. Nach meiner ersten kurzen Tour durch den Harz wollte ich unbedingt noch einmal hierher und hatte für das erste Septemberwochenende das Dream-Team zusammengetrommelt. Eigentlich sollten wir zu viert sein, dann kamen Krankheit und andere Hindernisse, so dass ich mich am Ende mit O. allein in Melbek traf und wir uns Richtung Mittelgebirge schoben. Die vorausgegangenen Ereignisse waren ermüdend gewesen und ich war froh, dass wir nun endlich ins Rollen gekommen waren. O., im Sternzeichen Jungfrau geboren, ist ein Pedant bei der Einhaltung seiner eigenen Zeitpläne. Das sollte ich in den folgenden Tagen noch öfter zu spüren bekommen. Gleich legte er ein ehrgeiziges Tempo vor und lenkte die VN 2000 ambitioniert durch den dichten Feierabendverkehr der Landbevölkerung. Doch mit dem Großen Schwarzen, dessen Maschine mehr als doppelt so groß ist, wie die der PJV, kann mein tapferes Pony nicht mithalten. Das gemeinsame Cruisen fand dort sein Ende, wo ich im Überholvorgang einfach verhungerte. Während O. im kurzen Sprint 2, 3 manchmal 4 Autos auf einen Schlag überholte, schaffte ich 1, maximal 2 Vehikel bevor ich mich wieder einreihen musste. Der Antritt meiner VN 900 ist bei 48 PS einfach zu gemächlich und so ließ ich den 100 PS starken Schwarzen ziehen um mich auf einen mir angemessenen Rhythmus zu konzentrieren.
 
Wir erreichten Braunschweig und Bad Harzburg und stiegen schließlich die gut ausgebaute Straße in Richtung Torfhaus hinauf. Rechts von mir senkte sich die Sonne zwischen den hageren Birken. Ich wollte anhalten und die Szenerie fotografieren, doch ich fand keinen geeigneten Platz für einen schnellen Stop. Am Besucherzentrum des Nationalparks hielten wir kurz und schauten auf den Brocken. Ich atmete aus. Nun konnte unser neues Harz-Adventure beginnen.
 



 




Auf der B4 senkt sich die Nacht herab. O. leuchtet uns den Weg, ich folge ihm. Wie immer denke ich darüber nach, was ich aus diesem Wochenende zu berichten habe und wieder kommen mir die Zweifel, ob der Blog noch das richtige Instrument für mein Motorrad-Tagebuch ist. Was als Reisebericht begann, wurde zu einem Hobby, das mich auf vielen Ebenen sehr bereichert. Auf einer Seite stehen die vielen reizenden Bekanntschaften, die ich geschlossen habe. Auf der anderen Seite steht das Schreiben, das schon immer meine Leidenschaft war. Und wie sagte ich einmal: Ich blogge, um zu unterhalten. Doch momentan stehe ich an einem Punkt, an dem ich meine Texte hinterfrage. Schreibe ich wirklich noch frei? Schreibe ich interessant? Mit Sicherheit haben sich meine Berichte weiter entwickelt und zu den Reisen gesellen sich immer mal wieder private Gedanken. Doch wie fühlt es sich für den Leser an, wenn ich unterhaltsame Themen aus meinem Leben weglasse, weil ich mich nicht bereit fühle, einen weiteren Blick in mein Inneres zuzulassen? Sind meine Erlebnisse auf der PJV auch ohne diese intimen Momente eine Bereicherung für die Leser? Oder ist es nichts Halbes und nichts Ganzes?
 
Vermutlich sind viele Unterhaltungs-Blogger, die sich nicht an Produkte oder Haushaltsthemen binden, irgendwann an diesem Punkt. Unser Ziel ist ja nicht, die Welt mit wissenschaftlichen Abhandlungen zu Wimperntusche, Kameralinsen und Schmerztherapie zu bereichern. Meine Berichte sind auch keine Reiseführer, die man aufblättert, um die Hotspots der Motorrad-Welt zu finden. Meine Texte sind ein Begleiter in der U-Bahn, eine Verkürzung der Wartezeit beim Arzt oder ein Lächeln vor dem Einschlafen. Gehört dazu nicht auch eine gewisse Rockstar-Mentalität? Besitze ich die? Seit ich meine Augen benutzen konnte, habe ich Bücher verschlungen. Während meine ältere Schwester in der ersten Klasse fleißig die ersten Geschichten zu „Fu und Fula“ lernte, habe ich mir anhand ihrer Schreibhefte das Lesen gleich selbst beigebracht und es genossen, die vielen Bücher zu verstehen, die sich in unserem Haushalt befanden. Das Lesen hat mich so glücklich gemacht, dass schon in der Kindheit der Wunsch entstand, einmal ein eigenes Buch zu schreiben, um diese Freude weiter zu geben. Damals gab es aber noch kein Internet, kein Social Media und keine Flut von Blogs über alles Erdenkliche. Macht das, was ich tue so eigentlich Sinn? Die Sinnfrage begleitet uns Menschen seit unserer Entstehung. Deswegen haben wir uns Stories von Adam und Eva, Allah und dem Großen Geist ausgedacht und der Dalai Lama glaubt zu wissen, der Sinn des Lebens sei, glücklich zu sein. Im ZEN-Buddhismus geht es darum, zu sein um zu sein. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Denn die Besonderheit steckt wohl darin, dass man nicht ist, um irgendwelche Erwartungen zu erfüllen, um Leistung zu bringen, um andere glücklich zu machen. Man ist auch nicht, weil man gebraucht wird, jemand an einem festhält oder man gefallen will. Man ist, des Seins wegen. Da hinterfrage ich mich gleich doppelt.
 
Als wir am Freitagabend nach Bezug der Ferienwohnung und einem schnellen Essen in der „Zauberwelt“ auf der Terrasse unseres Hauses „Antje“ saßen, lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück und blickte in den Nachthimmel. Das Licht am Haus blieb erloschen solange sich niemand bewegte. Eine Kerze gab es nicht. Ich verlor meine sorgenvollen Gedanken des Nachmittags in der Dunkelheit und mich selbst in den Sternen und in dem heilsamen Schweigen zweier Komplizen. Die Stille hüllte uns ein, wie ein übergroßer Mantel der Geborgenheit. Das bedingungslose Sein war plötzlich spürbar. Es sollte ein wundervolles Wochenende folgen.
 

Donnerstag, 1. September 2016

Kilometer 18.235 - 18.744 - Ein ganz normales Wochenende

 
Ich sitze in der Siegerehrung für den Fotomarathon, als mein Smartphone piept: “Kurven Kurven trockene Kurven schnelle Kurven“ Fünf lachende Emoticons folgen. O. hat Spaß. Während ich mich in meiner zweiten Leidenschaft, der Fotografie, fortbilde und mir die Gewinner-Werke von Profis und professionellen Amateuren ansehe, flitzen meine Lieben an der Weser entlang und genießen die Sonne. Ich zerteile mich an diesem Wochenende und breche schließlich um 19 Uhr in Richtung Bremen auf. Doch in Hamburg’s Süden ist der Verkehr zusammengebrochen und staut sich kilometerweit bis in den Osten. Die A1 ist komplett gesperrt, was Reisende, die sich noch umentscheiden können, veranlasst, den Elbtunnel zu nehmen. Der hat aber auch nur begrenzte Kapazitäten und nachdem ich neulich einmal fast kollabiert bin, möchte ich erst recht nicht riskieren, in meiner zweite Tunnel-Übung im Stau stecken zu bleiben. Irgendwo muss man aber die Elbe überqueren. Das ginge in Glückstadt (Westen) oder am Zollenspieker (Osten) mit der Fähre, oder in Geesthacht an der Schleuse. Ich entscheide mich für Geesthacht, passiere Lüneburg und halte auf Soltau zu. Bei einem kurzen Stop checke ich noch einmal, ob ich nun die richtige Piste verfolge. Das ist der Fall, jedoch hat sich meine Ankunftszeit von 20.43 Uhr auf 21.57 Uhr verschoben. Naja. Zum Essen wäre ich auch um neun Uhr zu spät gewesen, denke ich, und da ich an der Situation nichts mehr ändern kann, tausche ich mein dunkles Visier gegen das gelbe Nacht-Visier und genieße den Sonnenuntergang und den Duft nach spätem Heu.
 
Ich freue mich auf die Gang, die mich erwartet. Mit ihnen war ich in den letzten Wochen häufiger unterwegs und jede Tour war so wundervoll bezaubernd, dass ich für entsprechende Berichte keine angemessenen Worte gefunden habe. So habe ich die „Heide-Poesie“ auf die kilometerarmen Wintermonate verschoben. Endlich erreiche ich den richtigen Ort und nach einem Blick auf die Landkarte finde ich auch die Straße, in der Familie Langwedel wohnt. In der Dunkelheit kann ich die Hausnummern kaum erkennen und so fahre ich einmal die gesamte Straße hinauf, muss am Ende doch drehen und sehe schließlich einen Mann mit seiner Taschenlampe winken. Damit hatte ich gerechnet. Die Leute lassen einen nicht lange durch das Wohngebiet irren. Herr Langwedel holt mich in’s Haus, nimmt mir meine Jacke ab und lotst mich auf die Terrasse. Schon seltsam, dass ich Eigenbrödler mich über die Anwesenheit vieler Leute freue. Das Geheimnis liegt wohl darin, dass man sich hier gegenseitig so schätzt, wie man ist. Ecken und Kanten werden nicht zurecht geschliffen, wer sich stößt, macht nächstes Mal einen größeren Bogen oder trägt den blauen Fleck als schmückendes Mal. Sofort werde ich mit Fassbrause, Hähnchenbrust und Salaten versorgt und höre den Geschichten des Tages zu. Herr und Frau Rochie, der Mutti, Herr Langwedel und O. sind durch die Lande flaniert. Frau O. ist nebst Hunden mit dem Auto angereist, hat sich mit Frau Langwedel einen Damen-Nachmittag gemacht und schließlich das Abendessen für die Heimkehrer vorbereitet. Ich bereue nicht einen Moment, dass ich noch am Abend angereist bin und der lange Umweg ist schon vergessen, als ich mich nach dem Dessert satt und zufrieden zurück lehne.
 
Der Sonntag startet so, wie der Samstag zu Ende gegangen ist. Frau Langwedel hat ein enormes Frühstück bereitet. Ich liebe Sonntagsfrühstück in großer Runde. So war es auch in meiner Familie Pflicht, am Sonntag um 9 Uhr am Esstisch zu scheinen. Als Pubertierende nervte mich das zwar, aber ich hatte eine Freundin, die am Wochenende gern bei mir schlief, weil dieses Ritual in ihrer Familie nicht üblich war. Gemeinsame Mahlzeiten waren immer der Anlass für Diskussionen, Pläne, Spaß und Streit. Heute, wo ich allein lebe, fehlt es mir sehr. In Frankreich ist das Frühstück die unwichtigste Mahlzeit des Tages. Wenn ich meine Ferien beim Wikinger verbringe, blutet mir jeden Morgen das Herz, wenn ich seine Morgenroutine teilen muss: Er steht auf, wärmt den am Vortag gebrühten Kaffee in der Mikrowelle auf und taucht ein Croissant hinein. Das ganze wiederholt er ein zweites Mal und schaut dabei in der kleinen Flimmerkiste auf der Kommode das Frühstücksfernsehen während zeitgleich das Radio läuft. Wenn ich nur 10 Minuten nach ihm in der Küche erscheine und meine kleinen Frühstücksutensilien zusammen suche, geht er schon anderen Tätigkeiten nach und ich bleibe allein am Tisch. Was soll ich sagen? Franzosen sind so und auch das muss man respektieren. Dennoch kann ich mich nicht daran gewöhnen. Dafür ist es heute eine familiäre Stimmung und als der für 10 Uhr vorgesehene Aufbruch naht, verabschiede ich mich fröhlich von der Gastgeberin und von Frau O., die mit den Hunden die Heimreise im Auto antritt.
 
Wir anderen machen uns zu sechst mit fünf Bikes auf den Weg in Richtung Wesermündung. Ich weiß gar nicht genau, wohin es geht. Früher hätte mich das verrückt gemacht, die Kontrolle so abzugeben. Aber heute ist es mir egal. Ich habe zwischen Mutti und O. den 4. Platz in der Reihe und lasse mich treiben. Meine neuen Reifen fühlen sich auf trockener Fahrbahn schon mal super an. Der Unterschied zu den abgefahrenen Dunlop ist deutlich spürbar. Zwei oder drei enge Kurven verhaue ich nur, weil ich so unkonzentriert vor mich hin singe, mir die Details der Landschaft anschaue und nicht weit genug runter schalte. Plötzlich bleibt mir die Luft weg. Mutti schmeißt sich mal wieder so eng in die Kurve, dass seine Drifter aufsetzt und ich sehe, wie sich die Reifen kurz vom Asphalt lösen. Mit geübtem Hüftschwung, schickt unser Sturz-König das Bike wieder in die richtige Position und schließt hinter den anderen auf. Ich denke, ich schaue nicht richtig. Aber O. kommt neben mich und bedeutet mir mit Daumen und Zeigefinger, dass das soooo knapp war. Also hatte ich keine Halluzination. Ich klopfe mir mit flacher Hand auf mein Herz. O. nickt verzweifelt lächelnd und lässt sich wieder zurück fallen. Als dunkle Wolken aufziehen, wird die Routenplanung modifiziert, was mir egal ist, ich wusste ja eh nicht, wohin wir reisen. Als ich jedoch das Stichwort „Wesertunnel“ aufschnappe, werde ich unruhig. Meine Tunnelangst macht sich bemerkbar. Ich sage den anderen nichts davon. Nützt ja nichts. Irgendwie müssen wir ja auf die andere Seite. Ich versuche mich damit zu beruhigen, dass der Wesertunnel kürzer sein muss, als der Elbtunnel, in dem ich meine Panik über mehr als 3km aushalten musste. Damals war ich auch sehr überrascht von diesem Zustand, da ich bei meinen unzähligen Fahrten mit dem Auto nie Probleme hatte. Heute kann ich mich zumindest mental vorbereiten und versuche es mit einer verhaltenstherapeutischen Maßnahme gegen Angst. Viel Zeit habe ich nicht dafür. Schon nach wenigen Minuten sehe ich die Einfahrt in den Tunnel. Ich hole tief Luft und konzentriere mich, das Tempo zu halten. Im Rückspiegel sehe ich O. dicht aufholen. Ich fahre weit rechts und er klemmt sich mit seinem Vorderrad an mein Knie. Zu erkennen, dass er um meine Tunnelphobie weiß und mich nun voran treibt, gibt mir etwas Sicherheit. Ich spüre regelrecht seine Hand auf meinem Rücken, die mich zu schieben scheint. Ich schnappe nach Luft und spüre, dass unter der Weser deutlich besseres Klima herrscht als unter der Elbe. Ich kann frei atmen und werde nicht ersticken! Nach kurzer Zeit, die sich wie viele lange Minuten anfühlten, tauchen wir auf der anderen Seite in das Tageslicht. Was bin ich froh und glücklich! Diese Erfahrung kann ich als positiv verbuchen. Dem Elbtunnel muss ich mich wohl doch noch einmal stellen. Irgendwann einmal. Vielleicht nicht noch einmal allein.
 
In Bremerhaven halten wir zur Mittagspause an. Ich freue mich, über den Deich zu schauen und das Meer zumindest wolkenverhangen zu sehen. Während die anderen Suppe, Salat und Currywurst essen, halte ich mich an Kaffee und Saftschorle fest. Ich kenne mich: Wenn ich mittags etwas esse, bin ich anschließend 2 Stunden müde. Im Büro helfe ich mir mit Kaffee. Allein reisend lege ich mich einfach irgendwo ins Gras oder auf eine Bank und schlafe eine halbe Stunde. Doch in der Gruppe ist das schlecht möglich. Mangel an Essen kann ich besser aushalten als Mangel an Schlaf. Deshalb verzichte ich beim Ausritt gern auf Füllstoffe. Umso glücklicher bin ich über die Idee, nach dem Essen einen Spaziergang zur Aussichtsplattform zu machen. Leider ist die dann aber wegen eines heraufziehenden Unwetters gesperrt. „Wieso das denn?“ rufe ich entrüstet. Enttäuscht spazieren wir am Klimahaus vorbei und als wir gerade zum Restaurant zurück wollen, regnet es aus Eimern. Wir stellen uns klönend unter ein Dach. Während wir die Wassermassen beobachten, denke ich an meine PJV, wie sie da nun nass im Regen….. Oh putain de merde! Mein Helm hängt falsch herum am Lenker!!
 
Das Wetter wird nicht mehr wirklich besser. Immer mal wieder schauert es, so dass wir langsam die Autobahn in Sittensen ansteuern, von wo aus wir alle auseinander gehen. Wir verabschieden uns von Familie Rochie und Herrn Langwedel. Kurz vor Maschen halten Mutti, O. und ich wieder an und verabschieden uns noch einmal. Mutti bleibt auf der A1 nach Lübeck, ich folge O. bis Maschen und drehe dann in Richtung Elbe bei. Auf diesem Umweg lasse den Tag in Ruhe nur für mich ausklingen. So gern ich die Biker-Familie um mich habe, so sehr genieße ich die einsame Rückkehr in meine kleine ruhige Welt.







 

Samstag, 27. August 2016

Ein sportlicher Seitensprung


„Wenn Du geblitzt wirst, sag mir Bescheid!“, sagt Dirk, als er mir den Schlüssel für die ER6n in die Hand drückt. „Wahrscheinlich werde ich eher wegen Verkehrsbehinderung einen Strafzettel bekommen.“ antworte ich verlegen. Er schüttelt grinsend den Kopf.
 
Mein tapferes Pony braucht neue Reifen und Bremsklötze. Da ich mich von Dunlop trennen will und über Metzeler schon viel Kritik zum Marathon bei Nässe gehört und gelesen habe, entscheide ich mich für Bridgestone Exedra Max. Ein Kumpel fährt den auch und ist zufrieden damit. Continental wäre noch eine Option, aber da kenne ich niemanden. Gern hätte ich auch Avon Cobra probiert, aber die haben für mein Modell noch kein Hinterrad. Wie wir alle wissen, bin ich kein Motorrad-Experte und so muss ich auch die richtige Reifenwahl erst einmal für mich erlernen. Was ich aber schon sehr genau weiß, ist, dass alle persönlichen Umfragen und alle Recherchen erst dann einen Wert bekommen, wenn ich die Reifen auf meinem Motorrad mit meiner Fahrweise ausprobiert habe. Dennoch hoffe ich, dass ich mit dem Bridgestone so zufrieden bin, dass ich nicht gleich wieder wechseln will.
 
Nach der Inspektion am Montag lasse ich meine Vulcan das zweite Mal in dieser Woche bei Dirk zurück und starte die ER 6n. Bislang hatte ich ja immer die Vulcan S als Leih-Bike, die zwar der Cruiser-Linie zugeordnet wird, aber mit den schweren verchromten Schiffen schon nicht mehr viel zu tun hat. Nun steige ich auf eine sportliche Straßenmaschine, die der ER 5, die ich in der Fahrschule gefahren bin, nicht unähnlich ist. Kurz die Beine sortiert, Kupplung angefühlt und los geht’s. Zum Glück bin ich eine so defensive Fahrerin, dass mir auch eine etwas flottere Maschine nicht aus Versehen unter’m Hintern wegrennt. Ich spüre mein Körpergewicht auf den Handgelenken, doch bei 50km/h nimmt mir der Fahrtwind langsam das Gewicht von den Armen. Die hohe Sitzposition lässt ein deutlich aktives Fahren zu, wie ich es aus den Grundfahraufgaben der Fahrschule erinnere. Der Slalom um die weißen Markierungsstreifen fällt etwas leichtfüßiger aus, als mit meiner schwereren Maschine. Es gibt Leute, die sagen, dass es egal sei, welches Bike man fährt. Grundsätzlich funktionieren sie alle gleich. Aber ich empfinde das überhaupt nicht so. Die solide, bodennahe Unerschütterlichkeit, die ich an meiner Vulcan 900 schätze, wenn ich auf Reisen durch die Lande cruise, muss in der Stadt erst einmal dynamisch bewegt werden. Und immer wieder höre ich mir an, dass ja zwischen den 300kg meiner 900er und den 400kg der 1700er kaum ein Unterschied bestände. In Bewegung sicher nicht, aber im allgemeinen Handling und beim Ein- und Ausparken etc mit Sicherheit. Da verzichte ich lieber auf 25 PS und bin in der Lage, mein Bike selbst zu schieben.
 
Die ER6n wiegt rund 100kg weniger, als mein tapferes Pony. Und auch das ist deutlich spürbar. Beim Rangieren bewege ich sie locker mit nur einer Hand am Lenker und als ich leicht bergab an der Ampel stehe, muss ich nicht einmal die Bremse betätigen. Ich halte das Bike einfach fest, indem ich mich leicht zurück lehne. Allerdings braucht es einen Moment, bis ich mich Rückengeschädigte aus der vorgebeugten Haltung in eine aufrechte Körperhaltung gebracht habe. Der hoch angesetzte Tank wirkt enorm, dabei fasst er "nur" 16 Liter. Der zackige Antritt verleitet zu sportlichem Fahren und langsam finde ich auch heraus, wie ich flüssig bis in den sechsten Gang schalten kann. Der Blick auf den Drehzahlmesser hilft. Die ER6n ist erst bei 11.000 Umdrehungen im roten Bereich und so verliere ich auch die Hemmungen, die Gänge deutlich weiter auszufahren, als bei meiner Vulcan. Ab geht die Post und Dirk’s Warnung vor den Blitzern gewinnt an Berechtigung. Bei 100km/h wird es wieder anstrengender. Nackt bin ich dem Wind ausgeliefert und der drückt mir ganz gut gegen die Brust. Aber lange kann ich eh nicht rumspielen und so gebe ich das Bike am nächsten Nachmittag zurück.

Als ich auf mein dickes Pony steige, lache ich laut los. Ich drehe am Gas, lasse die Kupplung kommen und die Vulcan setzt sich gemächlich in Bewegung. Ich schnalze mit der Zunge, doch sie lässt sich nicht scheuchen. Auf der Landstraße fällt sie in einen gemütlichen Trab und schließlich in einen leichten Galopp. Mein tapferes Pony. Verliebt klopfe ich ihm zärtlich den Tank.
 
 
 

Mittwoch, 24. August 2016

Kilometer 0 - 18.010 - Hoch wollen wir leben!

 

Ein Jahr vereint!


Am 24.August 2015 saß ich um 9.00 Uhr auf der Kawasaki ER 5 der Fahrschule A-Team in Hamburg und absolvierte die letzten Übungen zu den Grundfahraufgaben bevor es um 10.00 Uhr zur Prüfung gehen sollte. Vier Stunden später startete ich den Motor meiner nagelneuen 2015 Kawasaki Vulcan 900 in mausgrau metallic und rollte ungelenk vom Parkplatz des Kawasaki-Händlers.

Ein Jahr ist dies nun her. Ein Jahr voller Abenteuer und Erlebnisse, kurzer und längerer Reisen, neuen Bekanntschaften und viel Zeit zu zweit. Meine PJV (Petite Jolie Vulcan) und ich, Polly die Bikerin. Zeitgleich feiert mein Blog Jubiläum. Was als Reisebericht für meinen Vater begann, ist ein fester Bestandteil in meinem Leben geworden.

Zeit Bilanz zu ziehen:

- 18.010 Kilometer bin ich in den 12 Monaten gereist.

Davon ca.:

- 13.585 Kilometer in Deutschland
-   3.975 Kilometer in Frankreich
-      696 Kilometer in Belgien
-      744 Kilometer in den Niederlanden
-   1.276 Kilometer waren Arbeitsweg

-   2.911 Kilometer in Begleitung
-        73 Kilometer mit Sozius
- 15.089 Kilometer allein

Die Winterpause erfolgte vom 13.12.2015 – 13.03.2016
Den Lagerkoller bekam ich am 10.01.2016

Absolvierte Inspektionen: 4

Veränderungen am Motorrad: Motorschutzbügel angebaut, Guardian Bell und Glücksfee befestigt.

Reparaturen: Neuer Tank, da meine Sitzbank ein Loch in den Lack gerubbelt hatte.
Pflege: Morgen bekomme ich neue Reifen und neue Bremsbeläge.


Das ist doch eine ordentliche Bilanz: Wenn die Aktiva (Freude) größer ist, als die Passiva (Leid), dann ist das Kapitalkonto (Lebensqualität) für das nächste Jahr prall gefüllt.

Ich danke allen, die mich bis hierhin begleitet und unterstützt haben.
Insbesondere meinem wundervollen Papi!


1 Jahr Polly und die Petite Jolie Vulcan, das "Tapfere Pony"
 

Donnerstag, 11. August 2016

Kilometer 16.436 - 16.899 - Rügen und Mecklenburg Tag 2

Langsames Erwachen
Die Nacht war kühl, doch ich hatte genügend wärmende Kleidung dabei. Um kurz nach sechs schlage ich die Augen auf und werfe einen Blick aus dem Zelt. Sofort bin ich hellwach: Da steht mein tapferes Pony und glänzt in der Sonne! Wie wunderschön es ist. Ich bleibe noch eine Weile liegen und genieße die Stille. Nebenbei überlege ich mir einen Plan für den heutigen Tag. Annika hatte mir noch viele Geheimtipps für die Insel geschickt, die ich gern erforschen würde. Andererseits möchte ich mir auch auf der Rückfahrt Zeit lassen und nicht über die Autobahn zurück müssen. Ach wir werden sehen, was der Tag so bringt.
Pause am Bodden
Ich schäle mich aus meinem Schlafsack und schlurfe zum Waschhaus. Die Duschen sind erst ab 7 Uhr geöffnet. Die Rezeption auch. Egal. Ich wasche mich am Waschbecken und gut. Den Rest Tee von gestern Morgen konnte auch die Thermosflasche nicht mehr retten und so trinke ich ihn kalt während ich die Nase in die zarten Sonnenstrahlen halte. Dann zieht es mich zurück auf die Straße. Rasch packe ich meinen Krimskrams zusammen und belade die PJV. Das Piepen meines Telefons kündigt die Nachricht eines An-Mich-Denkers an: Am Mittag soll eine Regenwolke über die Insel ziehen. Gut, dass ich jetzt schon abfahrbereit bin. Ich muss schmunzeln. Das ist typisch Motorradfahrer. Man kümmert sich umeinander, denkt aneinander. Von meiner Familie bin ich das gewohnt. Doch nach nunmehr fast einem Jahr mit einer Vulcan 900 zeigt sich, welche neue Bekanntschaft zu einer wirklichen Freundschaft werden könnte. Ich möchte gar nicht mit allen Menschen befreundet sein. Das hieße ja, dass es über das Cruisen hinaus noch weitere Gemeinsamkeiten geben müsste, um sich auch abseits er Straße noch bereichern zu können. Doch sind wir ein gemischter Haufen Persönlichkeiten aus allen Bereichen der Gesellschaft. Manche Menschen wären mir abseits der Straße niemals begegnet. Oder vielleicht wäre man desinteressiert aneinander vorbei gegangen. Mehr Wert als eine erzwungene Freundschaft sind mir fähige Gefährten, auf die ich mich auf der Straße zu 100% verlassen kann. Um 8 Uhr holpert mein tapferes Pony über den Trampelpfad und nachdem wir die Schranke passiert haben traben wir zunächst noch kurzbeinig über die Waldstraße. Ich denke an den An-Mich-Denker. Wenn er hier wäre, würden wir gar nicht zum cruisen kommen, sondern stundenlang auf dem Stapel Baumstämme sitzen und reden, schweigen und auf das Wasser blicken. Der An-Mich-Denker ist weit vorn in Sachen Freundschaft.
  
In Putbus halte ich beim Bäcker und atme regelrecht ein ordentliches Frühstück ein. Frisch gestärkt fahre ich nach Norden und nehme die wunderschönen aber leider auch unfallreichen Alleen. Die alten dickstämmigen Bäume bilden einen richtigen Tunnel über der Straße. So muss es aussehen, wenn die Ents Spalier stehen. Ich fühle mich geborgen und behütet unter dem dunkelgrünen Blätterdach. Trotzdem ist Vorsicht geboten. Insbesondere Motorradfahrer werden in den flackernden Lichtern aus Sonne und Schatten häufig übersehen. Auch ich habe so manchen Blindflug, wenn ich von der Sonne geblendet auf den nächsten Schatten zufahre. Ich schalte meine Nebellampen an, so dass ich zumindest nach vorne stärker leuchte. Ja ich weiß, das ist verboten. Sollte ein Ordnungshüter zu meiner treuen Lesergemeinde gehören, so bitte ich darum, von einer Anzeige abzusehen. Die beiden Latüchten retten mir das Leben, wenn ich dadurch von entgegenkommenden Überholern besser wahrgenommen werde.


  
In Binz angekommen flaniere ich die Promenade entlang. Vor über zehn Jahren war ich zuletzt hier. Rein äußerlich hat sich gar nichts verändert, die charakteristische Bäderarchitektur ist an vielen Orten in Europa zu finden. Allerdings haben die Mieter sich geändert. Wie auch in Westerland hat der Fischkönig „Gosch Sylt“ den ersten Laden am Platz. Das Restaurant liegt direkt vor der Seebrücke rechtsseitig an der Fußgängerzone. Gibt es vielleicht eine Studie, die belegt, dass hungrige Menschen, wenn sie vom Meer kommen, immer nach rechts schauen? Außerdem finde ich auch in Binz nun die teuren Designer, deren Boutiquen ebenso auf Sylt, in Deauville oder Saint Tropez anzutreffen sind. Bien welcome Globalisierung.

 Der Ostseetourismus boomt, die Strände sind voll und ich gehe meiner Lieblingsbeschäftigung nach und betrachte Menschen. Ganz unsichtbar bin ich leider nicht. Während Touristen in leichten Kleidern oder Badehosen durch die Stadt streifen, stapfe ich in Lederhose und Stiefeln umher, trage meine Lederjacke über der Schulter und eine Mütze auf dem Kopf. Eigentlich wollte ich mir noch die neue Gestaltung von Prora ansehen. Doch ich finde keinen geeigneten Platz für mein Motorrad, habe keine Lust auf Parkgebühren und sehe die Zeit davon rennen. Also fahre ich weiter, verlasse die Insel und halte in Stralsund, wo ich Fischbrötchen und Eis zum Mittag esse.


Bester Matjes vom Kutter - Ein Genuss!!
Die Nikolaikirche


Stralsund

Auf dem Festland herrscht bestes Motorradwetter. Ich entscheide mich, noch eine Region zu inspizieren, die ich sehr gern einmal für ein Wochenende bereisen möchte. Die Mecklenburgische Seenplatte. Gemäß Google sind das 200km Umweg. Egal, der Tag ist noch jung und so wage ich den Abstecher in Richtung Waren an der Müritz. Ob das die beste Idee war? Schließlich habe ich schon mehrere weniger glückliche Erfahrungen auf Mecklenburgs Landstraßen gemacht (bei meiner 3-See-Fahrt z.B. und in Richtung Boltenhagen). Allerdings werde ich die rund 500km nicht auf den kleinsten Pfaden fahren, irgendwann will ich ja auch zu Hause sein. Ich schicke eine grobe Wegplanung an den An-Mich-Denker, damit jemand weiß, dass ich nicht gemütlich auf der A20 im Stau stehe, und lasse das tapfere Pony laufen. Der Weg ist kurzweilig und wir kommen prima voran. Was soll ich sagen: Danke Europa! Das Volk meckert über den vermeintlichen Misserfolg der European Union, doch hier und da finden sich die Vorteile im Verborgenen. Ich rolle auf top sanierten Pisten durch einsame Landstriche. Auf kleinen Schildern wird vermerkt, dass der Ausbau der Straße Sounso von der EU kofinanziert wurde. Es ist ein Traum. Je dichter ich der Müritz komme, desto mehr Motorradfahrer begegnen mir. Immer wieder biegen die kleinen Grüppchen in Richtung Nationalpark ab, während ich der Bundesstraße folge. Hier scheint auf jeden Fall so manche Sonntagsrunde stattzufinden. Auffällig ist die hohe Anzahl der Kuttenträger, die mich interessiert beäugen. Fremdes Wild im Revier? Als Frau ohne Couleur hocke ich gelassen auf der PJV und erwidere die Grüße der Einheimischen. Auf jeden Fall werde ich noch einmal hierher kommen und mir die kleinen Strecken an den Seen anschauen. Der Umweg hat sich gelohnt.
Irgendwo in Mecklenburg
Als ich mich verfahre und von der Bundesstraße auf eine kleine Landstraße komme, bin ich fast allein auf weiter Flur. Ich fliege voran und säße ich nicht auf dem Motorrad sondern auf meiner schnellen Araberstute, würde ich die Augen schließen, die Arme ausbreiten und mich einfach durch den Wind tragen lassen. Nun ja. Die PJV kann erstens nicht so gut gucken, und würde zweitens immer langsamer werden, wenn ich beide Hände in die Luft hielte. Am Ende gar umkippen. Also behalte ich die Verantwortung und die Hand am Gasgriff.
Unmerklich verfliegt die Zeit. Ich könnte immer wieder anhalten und Fotos von der schönen Landschaft machen. Doch dann käme ich heute nicht mehr zu Hause an. Also passiere ich Parchim, Boizenburg und Lauenburg und anstatt der Elbe zu folgen, nehme ich den kurzen Weg über Geesthacht und die Autobahn. Um halb neun kommen wir müde aber glücklich zu Hause an. Ich lasse mein tapferes Pony in der Garage zurück, schiebe meine Reisetasche auf dem Fahrrad nach Hause und noch bevor ich in meiner kleinen Dachwohnung meine Jacke ausgezogen habe, steht ein Topf mit Nudelwasser auf dem Herd. Die Nudeln esse ich während ich meine Stiefel und Lederklamotten ausziehe. Den letzten Bissen kauend stehe ich schon unter der Dusche von wo aus ich noch schnell die Nachricht verschicke, dass ich gut zu Hause angekommen bin. Dann falle ich ins Bett. Morgen früh werde ich mich nicht einmal mehr an die ersten Worte meines Hörbuch-Kapitels erinnern können.